Articles Written By: Katrin Rüger

Katrin Rüger

About Katrin Rüger

Spezialistin des Kinder- & Jugendbuches

Magischer Familienausflug durch die Nacht

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Marie Dorléans: Auf leisen Sohlen durch die Nacht, Gerstenberg Verlag 2019 € 16,00

Für einen besonderen Familienausflug verlassen die Kinder schlaftrunken ihre Betten. Es ist noch mitten in der Nacht, die Welt ist in magisches Blau getaucht. Hier wirft ein Fenster seinen Lichtschatten auf die Straße. Die Fenster des großen Hotels bilden besonders schöne Muster. Es knistert, raschelt zirpt und quakt. Auch die Gerüche sind in der Nacht viel intensiver. Welch Abenteuer! Zwischen den Baumkronen funkeln die Sterne, wie ein glitzerndes Meer. Nun noch ein Stück hinauf, im Schein des Taschenlampenkegels und am Gipfel eng aneinandergekuschelt warten, denn hier sind sie verabredet und werden zu Zuschauern eines überwältigenden Schauspiels. Grandios kunstfertig setzt Dorléans Licht und Schatten, die Nacht, die Dunkelheit in Szene. Ein großartiges Entdeckerbuch zum Nachspüren und Träumen.

IT Welt superspannend, kurzweilig, witzig und visionär

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Tobias Schrödel: It's a Nerds World, Arena Verlag 2019 €13,00

Wie und durch wen formte sich IT eigentlich zu dem, was wir heute alle wie selbstverständlich benutzen: Computer, Spiele, Smartphone. Mail, Google, Facebook. Verschlüsselungen und Bitcoins. Superspannend, kurzweilig und witzig präsentiert Tobias Schrödel die Menschen, die Stück für Stück zum Wachstum digitaler Welten beitrugen. Ganz nebenbei erfahren die Leser über die Funktionsweisen digitaler Techniken, von Zufällen und Visionen der Erfinder, Gründer und Pioniere. Ein rundum gelungenes Buch zum immer Wiederlesen oder Vorlesen.

Mit Sonnenschirm und Taschenlampe

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Titel

Die Geschichte ist der Klassiker: Zwei gegensätzliche Seiten, zwei unterschiedliche Wesen, die all ihren Mut zusammen nehmen, einander zu begegnen, um Freunde zu werden. Das hochaufgeschossene Struppige lebt in der dunklen Düsternis, das eiförmige Zarte im hellen Licht. Traumhaft schön inszeniert Julie Völk in spezieller Fototechnik, der Cyanotypie, zwischen Pflanzen- und Blütenstengeln mit sattem blau, gelb und Rot diese verwunschene Welt. Ein Buch voll zarter Gefühle, dass optisch magisch anzieht.

Enthemmendes Miteinander

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Horst Klein, Monika Osberghaus: Alle behindert, Klett-Kinderbuch 2019 € 14,00

Geht das wieder weg? Mutige Normalität im Besonderen: 15 dauerhafte Einschränkungen werden hier neben 10 Wesenmerkmalen präsentiert, die im Miteinander einfach hinderlich sind. Die Übergänge dabei sind fließend. Mitmachlevel und Lieblingssätze verorten Sachinformationen spielerisch wie ernsthaft. Spannend, witzig, nahbar, nachvollziehbar und einfach enthemmend!

Verschlossene Welten

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Katya Balen: Mein Bruder und ich und das ganze Universum, Carlsen Verlag 2019 € 13,00

Die Geschichte beginnt mit einem Ereignis, dem Kinder mit freudiger Erwartung entgegen sehen. Frank und sein kleiner Bruder Max bekommen neue Schuhe zum Schulanfang. Doch bei Max führt alles Ungewohnte und Neue zu irrsinnigen Wutausbrüchen, bei denen er sich selbst verletzt. Frank nennt das die Kernschmelze. Seine Familie und er versuchen das Schmelzen von Max zu verhindern, den Sechsjährigen vor sich selbst zu schützen, ihn auf Neues behutsam vorzubereiten oder die Dinge beim Alten zu belassen wo es geht. Mit Max redet man in Zeichensprache, oder mit Bildern, und Worten, die er oft nicht an sich heranlässt, denn die Welt von Max ist eine ferne, verschlossene Welt. Das Zusammenleben mit ihm fordert von allen Besonderes und besonders viel. Max scheint alles aufzusaugen, die Aufmerksamkeit von Frank, das Leben der Mutter, die Bereitschaft des Vaters.  Und wäre der Autismus von Max nicht schon Geschichte genug, lässt Katya Balen das Ganze ein weitere dramatische Wendung nehmen, die schwer zu ertragen und kaum zu fassen ist und die Max eine zeitlang aus dem Zentrum rückt. Das Leben von Frank beginnt einem schwarzen Loch entgegenzudriften, doch das Universum, welches sich wie ein roter Faden mit blinkenden Spiralen, leuchtenden Kreiseln und funkelnden Glitzerstäben, den Lieblingsspielzeugen von Max, durch das Buch zieht, hat unendlich viel mehr zu bieten. Frank, Max und ihr Vater werden im Chaos des Kosmos auf ihre eigene Art wieder aufeinander zu steuern. Dabei strahlen sie so stark, dass auch der Leser ihre Wärme, ihre Liebe zueinander zu spüren bekommt. Katya Balen erzählt in jeder Rolle vom Leben mit stark spürbarer Intensität. Ruhig und besonnen findet sie Worte und gelungene Bilder, ganz ohne Effekthascherei. Ihr gelingt es dem Leser geheime, wie auch tabuisierte Welten zu öffnen, die noch lange nachklingen werden.

24. September 2019, 18:30 Uhr: Premierenveranstaltung mit Lutz van Dijk: Bis bald, Opa.

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Lutz van Dijk: Bis bald, Opa. Peter Hammer Verlag 2019 € 14.-

Wie gewöhnlich fährt Daniel in den Winterferien zu seinem Opa Anton. Dieser lebt bei Kapstadt in Südafrika. Das war schon immer so, solange Daniel denken kann. Doch in diesem Jahr bekommt Daniels Mama kurz vor seiner Abreise einen alarmierenden Anruf. Opa Anton liegt im Krankenhaus.  So schließen sich Mamas neuer Freund und seine Tochter der Reise mit an. Kaum gelandet, umfängt die kleine Patchwork-Familie die Farbigkeit eines südafrikanischen Sommers, die Sprachenvielfalt des Landes, das pralle Leben, in deren Mitte die besondere Familiengeschichte Daniels steht. Gekonnt jongliert der Autor in seiner Geschichte mit der Vorbereitung eines Abschiedes. Eine Liebeserklärung mit dem festen Glauben an die Kraft des Miteinanders im Leben.

1. Oktober 2019, 19:30 Uhr: Nathalie Weidenfeld – Erziehungstipps aus aller Welt

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Nathalie Weidenfeld: Warum schwedische Eltern gute Laune haben und äthiopische Kinder hilfsbereit sind, Piper Verlag 2019 €

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Sie waren im Büro, haben eingekauft, die Tochter zum Gitarrenunterricht gefahren, Vokabeln abgefragt und gekocht, aber Ihre Kinder starren aufs Handy, behaupten, dass sie Hühnchen hassen, und weigern sich, mit dem Hund Gassi zu gehen? Sie fragen sich, was Sie falsch machen, wo doch französische Kinder sich sogar im Restaurant benehmen und chinesische Kinder freiwillig Klavier üben? Nathalie Weidenfeld wollte wissen, was deutsche Eltern von anderen lernen können, und hat 99 Erziehungstipps aus 33 Ländern gesammelt, vom japanischen Geheimnis ausgeschlafener Kinder bis zum buddhistischen Umgang mit muffigen Teenagern. Alle für gut befunden von erfahrenen Müttern – und aufgeschrieben, um Ihr Leben besser und ein wenig entspannter zu machen.

21. Oktober 2019: Tonspur – vor 30 Jahren . Olaf Hintze und Susanne Krones im Gespräch über ein Lebensbuch, Alltag und Flucht aus der DDR

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Olaf Hintze, Susanne Krones: Tonspur: Wie ich die Welt von gestern verließ, dtv TB € 9,95

1989, vor 30 Jahren, überwindet der 25-jährige Olaf Hintze mit Stefan Zweig im Gepäck, die Grenzanlagen von Ungarn nach Österreich. Dreistimmig lockt das Buch Tonspur ins Reich der Erinnerungen, in die Musik, zu verbotenen Büchern & Sehnsuchtslisten des jungen DDR Bürgers. Das sensible, autobiografische Lebensbild, in dem die Flucht zur unausweichlichen Konsequenz wird, hat die vielfach ausgezeichnete Literaturwissenschafterin Susanne Krones zusammen mit Olaf Hintze in Worte gefasst. Beide leben heute München und werden im Gespräch über ihre gemeinsame Arbeit und das Erlebte berichten.

2. November 2019, 11:00 Uhr, 12:00 Uhr, 13:00 Uhr: Kamishibai-Theater

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Ob japanisches Kamishibai oder arabischer Wunderkasten – überall auf der Welt lieben es Kinder und Erwachsene seit jeher, wenn der Geschichtenerzähler um die Straßenecke biegt und seinen Stand aufbaut. Die Vorfreude auf die bekannten und immer wieder neuen Geschichten lockt das Publikum magisch an. Kleine Münzen in der Faust der Zuseher werden hervorgezaubert, um einen guten Platz vor der Bühne zu ergattern. So war es, wenn der japanische Kamishibai-Mann mit seinem Fahrrad erschien, auf dem die aufklappbare Bühne die altvertrauten Bildkarten in Szene setzte, und so war es beim arabischen Wunderkasten-Mann, der seine Rollbild-Bühne mit Gucklöchern ebenso herbeitrug wie das Bänkchen für die Kinder.
Mit den preisgekrönten, edel in Leinen gebundenen Bilderbüchern wie „Der Wunderkasten“ von Rafik  Schami und „Der Kamishibai-Mann“ von Allen Say stellt die Edition Bracklo zwei der wundervollsten internationalen Erzähltraditionen vor, die den universellen Wunsch aller Kinder nach Fantasie und Unbeschwertheit auf den Straßen einer komplizierten und doch oft einfachen Erwachsenenwelt dokumentieren.
Zum Start der Woche der unabhängigen Buchhandlungen, an diesem Samstagvormittag wird uns die Verlegerin Gabriela Bracklo im Buchpalast in die japanische Erzähltradition entführen, uns ihre Bücher vorstellen und zu jeder vollen Stunde eine Kostprobe des Kamishibai Theaters geben.

Für Kinder und Erwachsene, Kamishibai Theater Eintritt € 3.-

5. November 2019, 19:30 Uhr: Woche der unabhängigen Buchhandlungen – 12.000 Jahre Weihnachten mit Gerald Huber

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Gerald Huber: 12 000 Jahre Weihnachten. Ursprünge eines Festes. Volk Verlag 2018 € 28.-

Weihnachten kann immer noch überraschen – vorausgesetzt, man will sich verzaubern lassen von Mythen, Legenden und den uralten historischen Wurzeln, aus denen unsere winterliche Fest- und Feierzeit zwischen Allerheiligen und Fastnacht erwachsen ist.
Was sahen die Menschen des Neolithikums beim feierlichen Blick in den Himmel? Was verbindet Christus mit dem griechischen Dionysos und dem ägyptischen Horus? Wie wurde der Paradiesbaum zu unserem leuchtenden Christbaum? Was haben römische Sarturnalien mit den Perchten gemein und wann entstanden aus Bienenfleiß die ersten Lebkuchen zur Adventszeit? Gerald Huber führt uns wortgewandt und mit viel Wissen zurück in die Entstehungszeit unserer heutigen Traditionen und gleichzeitig tief hinein in den lichtdunklen Zauber der Weihnacht.

Leinenloses Leseabenteuer

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Lorenz Pauli, Kathrin Schärer: Ein Passwort für die Pippilothek, atlantis Verlag 2019 € 14,95

Seit der Fuchs lesen kann und die Bibliothek besucht, führt sein Weg am Hofhund vorbei, den er gern ärgert und jagd. So lockt er den Hund  in die Bibliothek. Doch als dieser gerade die Bücher entdeckt, wird er vom Bauer mit einer dicken Kette angeleint. Nun sitzt er mit einem Glasbrett in seiner Hütte und spielt Onlinespiele. Spielerisch entdecken Fuchs und Hund die Unterschiede zwischen digitalem Lesen und Hören und den Büchern, die einfach wunderbar riechen und dem Fuchs zurufen können: Schau mich an! Auch als Hut umschließen sie den Kopf einfach besser.  Eigene Geschichten schreiben und zeichnen sie lieber auf Papier. Wie schon im ersten Band, zelebrieren die Tiere die Bücher und das Lesen, werden schlau und schlauer, sodass sie bald den Trick herausbekommen, die Ketten zu lösen, um auch wieder "offline" gehen zu können.

Der stärkste Mann der Welt

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Andreas Lechner: Heimatgold. Volkverlag 2019 €22.-

Die Geschichte von Andreas Lechners Großvater beginnt zwischen Mehlsäcken. Unermütlich stemmt Josef sie in die Höhe. Allerlei alte Eisengeräte dienen als zusätzliche Hantlen. In der Dachkammer des elterlichen Bauernhofes in Kolbermoor hat der 16-jährige Bursche sich seine Muckibude geschaffen.  Sein Ziel ist es, das Mehlsacklaufen des Ortes zu gewinnen. Eine goldene Taschenuhr winkt als Preis und natürlich die Aufmerksamkeit des hübschesten Mädchen vor Ort. Diese mit bayerischem Schmackes erzählte Szene spielt 1910. Auch hier, wo man auf Tradition setzt, hält die Moderisierung, vom Staunen der Kinder begleitet, Einzug  auf den Feldern. Große Saat- und Erntemaschinen, dampfende Ungetüme ersetzen zunehmend die Knechte und Mägde. Josef träumt davon Sportler zu werden, ein starker Mann. Den ersten Weltkrieg erlebt er in seiner ganzen, schwer in Worte fassbaren Brutalität. Er überlebt. Körperlich, aber auch seelisch offenbar wenig beschädigt. Lechner treibt es schnell weiter, in die Zeit zwischen die Weltkriege. Josef Strassberger eilt von Sieg zu Sieg und steigt in München zu einem bekannten Gastronom auf. Die Geschäfte übernimmt seine Frau, derweil er, der Lebemann,  in großbürgerlichen und adligen Kreisen hausiert und seinen Körper durch unermüdliches Training stählt. Lechner zeichnet das Bild eines unpolitischen Mannes, den es, "aus der dörflichen Gemeinschaft kommend durch seinen Erfolg in die Münchner Gesellschaft hinauf katapultierte".  So, wie er aufsteigt, fällt er mit ausbleibenen Siegen wieder herab. Ein erneuter Krieg vollbringt das Übrige. Fast pathetisch lässt Lechner Strassberger am Ende seine Olympiagold von 1928 im Trümmerschutt verlieren. Bildmächtig, süffisant bayrisch, und mit einer ganzen Reihe lebendiger Romandetails gespickt wird es dem Leser inmitten dieses satten Münchner Lebensbildes nicht langweilig.

Packendes Romansachbuch

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Peer Martin: Hope. Es gibt kein zurück. Du kommst an. Oder du stirbst, Dressler Verlag 2019 € 20,00

Die Leser begleiten den junger kanadischer Backpacker Mathis und ein somalisches Kind auf der Fluchtroute von Johannesburg nach Quebeck. Dabei begegnet ihnen die raumgreifende Zerstörung der Welt, die Gier der Menschen, die daraus resultierende Gewalt und die damit zusammenhängenden Fakten des Klimawandels. Peer Martin lässt Mathis Geschichten sammeln und vernetzt dabei unser Wissen über Ursachen und Wirkungen, über die Zusammenhänge auf unserer Welt zu einem  starken „Romansachbuch“. Für Fridays for Future Fans und solche, die es werden wollen.

Bilder können alles sagen

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John Hare: Ausflug zum Mond, Moritz Verlag 2019 € 14,00

Der kleine Trödler hält Farbstifte und Block in öder Mondlandschaft trotzig in seinen Armen. Wortlos, in Raumanzug und blickdichtem Helm, schaut man ihm dirket in die Seele. Man spürt die erste Ratlosigkeit des Vergessenwordenseins und die Konzentration des Zeichners. Man hört die ungerechtfertigte Rüge des zurückgekehrten Lehrers und schmunzelt beim Abschied des Mehrwissenden. Ein Bilderbuch zum Versinken, zum Träumen und Weiterdichten, mit erstaulicher Gefühlsdichte, die allein aus Haltungen und Gesten entstehen kann.

Ein Album verschwundener Dinge

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Till Penzek, Julia Neuhaus: Als die Großen klein waren. Ein Album verschwundener Dinge, Nilpferd Verlag 2019 € 16,95

Wisst ihr noch, liebe Eltern, wie unser erstes Spiel an einem Bildschirm aussah? Es nannte sich "Pong" und war so eine Art Tennis mit eckigem Ball, der sich von Seite zu Seite bewegte, wobei man wie gebannt auf den Fernseher starrte und versuchte den weißen Strich am Rande auf und ab zu bewegen. Das war der Tennisschläger, der den Ball zurückleitete. Es war so langweilig, dass man freiwillig nach einer gewissen Zeit lieber wieder "richtiges Fernsehen" schaute. Das Fernsehprogramm hatte schon Farbe und man konnte zwischen drei Sendern wählen. Wollte man eine Sendung schauen, musste man pünklich auf dem Sofa sitzen. Der 24 bändige Brockhaus füllte im ersten Stock des Hauses ein ganzes Regal. Er war die Quelle allen Wissens. Musik bannte man vom Radio auf Kassetten, Filme etwas später auf Videokassetten. Den Bandsalat wickelten wir mit einem Bleistift wieder hinein, in die Kassette. Bei den langen Diaabenden unserer Eltern interessierten uns weniger für die Bilder und mehr für das Knabberzeug, dass es sonst nie gab. Das Buch erzählt sparsam und  auf den Punkt gebracht, mit viel Raum für eigene Bilder, von Mediennutzung, Informationstransfer und Gesprächsaustausch. Nostalgie kommt da sicher nicht auf, doch ein gemächlichen Familienalltag, der doch noch gar nicht so lange her ist, rückt in den Fokus. "Wisst ihr noch, warum das Metall nebem dem Geldeinwurf in einer Telefonzelle immer so stark abgerieben war?" Natürlich!

„Wir müssen Kindern erlauben, sich ihre eigene Meinung zu bilden.“

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Alan Gratz: Amy und die geheime Bibliothek, Hanser 2019 € 15.-

Als Amy ihr Lieblingsbuch in der Schulbibliothek ausleihnen möchte, ist es nicht zu finden. Nein, kein Kind hat es ausgeborgt, der Schulauschuss hat verfügt, dass dieses Buch, welches Amy schon hundert Mal gelesen hat, ihr Herzensbuch, für Kinder ungeeignet sei, pädagoisch nicht erbaulich, ja schädlich gar. Amys erster Plan ist es, ermutigt von der Bibliothekarin, vor dem Ausschuss vorzusprechen. Aber Amy ist ein schüchternes Mädchen. Im entscheidenen Moment traut sie sich nicht. Als Amys Vater ihr das Buch kauft beginnt sie mit diesem und anderen, ebenso verbannten Büchern, eine geheime Bibliothek in ihrem Schließfach zu eröffnen. Zu ersten Mal findet Amy Mitstreiter, schafft Allianzen, handelt und kämpft eine wichtige Sache: Die Meinungsfreiheit. Immer wieder staunt man über ihre Gewitzheit, ja Klugheit und wird sich vor allen Dingen bewusst: Die kindliche Freiheit, sich aussuchen zu dürfen, was man lesen möchte, gute und schlechte Bücher, kluge und witzige, welche, die mal Lachen mal Weinen machen, ist wichtig und Charakter bildend. In der Wahl der Lektüre haben höchstens die eigenen Eltern ein Vetorecht. "Wir müssen Kindern erlauben, sich ihre eigene Meinung zu bilden, auch wenn uns das mitunter Angst macht.", lässt Allan Gratz die weise Bibliothekarin Opal Jones in seinem Buch sagen. Er schreibt aus eigener Erfahrung und mit vielen ganz konkreten Beispielen alter und neuer Bücher. Eine Geschichte, die von Klein wie Groß unbedingt gelesen werden sollte. Eine Geschichte, die Mut macht und ihre Leser, neugierig geworden, zum Lesen vieler weiter, lesenswerter Bücher animiert.

Mut zum Ungewohnten. Max Dorner präsentiert: Steht auf, wenn ihr nicht könnt.

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Maximilian Dorner: Steht auf, wenn ihr nicht könnt. Behinderung ist Rebellion, btb 2019 € 20.-

Vieles im Leben des Menschen ist an seinen aufrechten Gang angepasst. Literarisch und inhaltlich beeindruckend bietet Dorner an, an einem Leben jenseits dieser Normen teilzunehmen. Mit seinem Rollstuhl mit Handbike bereist er die Städte der Welt, hadert mit Kopfsteinplaster und defekten Fahrstühlen, die ein erstzunehmendes Problem bei täglichen U-Bahnfahrten in München bilden. Behinderung kann wütend machen, verschlingt Zeit, benötigt Kreativität und mehr oder weniger Hilfe. Hier scheint es schwierig, für Helfer zwischen Wegschauen und Bevormundung die Mitte zu treffen. Ein Schuss Selbstironie und Kunst im Umgang mit den Rollen würzt das Buch ebenso wie klare Fakten. Seine Empfehlung im Umgang mit Behinderung lautet: Hinschauen und nicht verkrampfen. Meine Empfehlung lautet: Neugierig bleiben, aufeinander zugehen, einander besser Kennenlernen, der eigenen Angst vor einem Tabuthema ins Auge schauen. In diesem Sinne freuen wir uns bei dieser Veranstaltung auf alle, die ihren Blick bereichern wollen.

Auf des Messers Schneide

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Hans Hermann Hertle, Kathrin Elsner (Hg.): Der Tag, an dem die Mauer fiel, Nicolai Verlag € 14,95

Internationale Pressekonferenzen schienen die Pressebeauftragten der DDR gern zu verstolpern. Beim Mauerbau ebenso wie beim Mauerfall 28 Jahre später. Doch während die Worte Ulbrichts "Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten" im Juni 1961 kaum einen Berliner erreichten hörten die Mitteilung Günter Schabowskis alle und setzten sich in Bewegung in Richtung Mauer. Was sich in den darauffolgenden Stunden an den Berliner Grenzübergängen ereignete, haben Hans Herrmann Hertle und Kathrin Elsner in diesem Buch in Zeitzeugenberichten dokumentiert. War dies der verrückteste Irrtum in der deutschen Geschichte? Glücklicherweise war es der Besonnenste und Friedlichste. Noch heute läuft es beim Lesen kalt den Rücken hinab, wenn einem bewusst wird, wie die DDR höchste millitärische Einsatzbereitschaft anordnete und ein Stein oder ein Schuss ein ganz anderes Ende hätte entstehen lassen können. Kaum vorstellbar ist dreißig Jahre später auch die unzureichende Vernetzung zwischen den Kontrollpunkten, in der die fehlenden Anweisungen einen handlungsfreien Raum für Befehlsempfänger erschufen, den irgendjemand beherzt füllen musste. Derweil die West-Berliner im Freudentaumel steckten, stand die politische Situation in ihrer Stadt auf des Messers Schneide. Hertle und Elsner arbeiten sorgsam heraus, wie die Bürger der DDR auf allen Seiten friedlich und beherzt mit der Lösung des Problems Tatsachen schufen. Noch heute darf man vor ihnen dafür tief seinen Hut ziehen.

Der Zoo der Anderen

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Jan Mohnhaupt: Der Zoo der Anderen. Als die Stasi ihr Herz für Brillenbären entdeckte und Helmut Schmidt mit Pandas nachrüstete, Hanser Verlag 2017 € 20.-

Für Außenstehende konnte die tierische Lage im geteilten Berlin sprachlich leicht in Verwechslung geraten. Der Zoologische Garten lag im Westteil, der Tierpark im Ostteil der Stadt. Der Tiergarten war gar kein Zoo und lag wiederum im Westen. Nach dem Mauerbau war er unerreichbar für Ostberliner, auch wenn ein Bericht im "Neuen Deutschland" zum Besuch des neuen Tiergartens riet und dabei den Tierpark meinte. Trotz Teilung behielten die Berliner Gemeinsamkeiten. Sie liebten ihre Zoos. Sie vergötterten ihre Zootiere, wie es in keiner anderen Stadt der Fall war und sie verloren nie ihren Humor. Mehrfach im Jahr ging man, vorallem im Westteil der Stadt, in seinen Zoo, und sicher dachte man dabei nicht an die große Politik. Jan Monhaupt nimmt seine Leser nun kurzweilig, anekdotenreich und unumwunden mit, auf die politischen Spuren, die sich schon in der Lage der Zoos spiegeln. Der Zoologische Garten lag mitten in der neuen City-West. Dicht gedrängt stand hier Gehege an Gehege. Seine Besucher jagte der beengte Parcour von einer Attraktion zur nächsten. Manche Tiere hatten sogar die Bombennächte des Zweiten Weltkrieges in der Stadt erlebt und waren durch die Blockade gefüttert worden. Der Tierpark wurde erst 1958 gegründet und  fand sein Gelände in der großen Weitläufigkeit um das Schloss Ludwigsfelde. Sein Direktor folgte der Idee einen Naturpark erschaffen zu wollen. Hier fand man Ruhe und endlose Spaziergänge von Tier zu Tier. Lag der Ku-Damm, der Kurfürstendamm im Westen gleich um die Ecke, bot der Tierpark  mit seinen Huftiergehängen den Kuh-Damm Ost. Schöner als mit dieser Führung durch zwei Zoos auf den zwei Seiten einer Stadt, lässt sich ins Berlinerische vereint getrennte Mauerleben nicht einsteigen.

30 Jahre Mauerfall – Veranstaltungreihe mit Zeitzeugen

Vor 30 Jahren, am 9. November 1989, fiel die Mauer, die zur Teilung Deutschland führte, Familien trennte und vielen die Freiheit nahm. Was können wir erzählen, vom Leben mit der Mauer? Wir wollen anregen, Geschichte zu teilen und wieder in Erinnerung zu bringen. Dazu präsentiert der Buchpalast von Mitte April bis Ende Mai eine Ausstellung mit Rätselralley und vier Veranstaltungen. Wir zeigen Originalillustrationen von Horst Klein aus dem Buch Hübendrüben, präsentieren Bilder, Zeugnisse und Kurioses, das wir bei unseren Familien und unseren Kunden gesammelt haben. Zum Entdecken, Anfassen, Staunen & Fragen, Bücher lesen und zur Gesprächs- und Leseanregung für Groß und Klein.

Der erste Deutsche im All: Sigmund Jähn zu Gast im Buchpalast

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Maja Nielsen: Kosmonauten. Mit 20.000 PS ins All. Gerstenberg Verlag € 12,90

Der menschliche Versuch, nach den Sternen zu greifen, wurde vom Wettlauf zweier Großmächte, dem kalten Krieg in dem sie sich befanden, angekurbelt. Und abhängig davon, ob man als Kind in West oder Ost groß wurde, heißen die Helden des Weltraums Neil Armstrong oder Jury Gagarin, Ulf Merbold oder Sigmund Jähn. Die sowjetische Raumfahrt hatte in einigen Punkten die Nase vorn. Sie schickte den ersten Menschen überhaupt in die Erdumlaufbahn und auch der erste Deutsche im All, Sigmund Jähn, war Bürger der DDR, ein Kosmonaut. Maja Nielsen spürt  in ihrem Buch  diesen ersten Weltraumabenteurern, den Kosmomauten, nach und erzählt packend für Kinder und Erwachsene über eine noch heute faszinierende, historische Zeit.

Abenteuer vor der Haustür

Tereza Vostradovská: Komm mit raus, Entdeckermaus, cbj 2019 €15.-

Die kleine Maus inspiziert die Natur rund um ihr Mauseloch, die Wiese, den Wald, Garten und Teich. Sie möchte ein Buch über die Natur schreiben. Woher kommen die Wurzeln? Und wem gehören sie? Wer lebt da eingerollt unter der Erde, wie sie? Und wer frisst wen? Ẁas eine Fahrradkette ist, weiß die Maus, aber was ist eine Nahrungskette? Dabei richtet die Maus ihr Augenmerk gerade auf das Kleine. Die Eier, Larven und Federn. Den Gallapfel und die Ameisen. In einer Mischung aus erzählender Geschichte und Sachbuch ist sie durch das unterwegs. Mit Käscher, Lupe und Flossen ist sie unterwegs durch das detailreich und animieriernd gezeichnete Buch und zeigt: die schönsten Abenteuer können direkt vor der eigenen Haustür beginnen. Das ein bisschen andere, gut vorlesbare Sachbuch über die heimische Natur und ihre Bewohner.

Auf den Spuren der Erinnerung

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Clare Furniss: Morgen ist heute schon vorbei, Rowohlt Rotfuchs 2019 € 14,99

Sicherheitshalber macht Hattie drei Schwangerschaftstest. Das Ergebnis aus der Hingabe einer Nacht ist eindeutig, der Vater dieses zukünftigen Kindes weit weg, die Selbstverständlichkeit das Kind abzutreiben steht fest in ihrem Kopf. Ihr Mut, zur Tat zu schreiten, ist noch nicht gefasst. Er wird verdrängt, von einer vergessenen Verwandten, einer Schwester iher Großmutter. Keiner der beiden giert nach Kontakt und doch hofft Hattie von dieser alten Frau etwas über ihren eigenen Vater in Erfahrung bringen zu können. Wenn dann jetzt, denn Gloria wird dement und beginnt zu vergessen. Gloria erzählt Hattie Unerwartetes. Die beiden verbindet die ungewollte Schwangerschaft.  Unverheiratet schwanger war damals vollkommen undenkbar, noch dazu, wenn das Kind eine andere Hautfarbe haben sollte. Stück für Stück eröffnet Gloria eine Geschichte, die Dramatik gewinnt und mehr und mehr den Atem nimmt. Erst gegen Ende entdeckt man die Liebe, das Leid und die Erstarrung in Sprachlosigkeit,  den Mut, der Entscheidungen stützt und  sich an ganz unerwarteten Stellen auftun wird. Funiss komponiert ein Frauenschicksal aus den 50ern und eins in heutigen Zeiten zu einem packenden, vielschichtigen Roman. Viel hat sich seit dem geändert und einiges gar nicht, denn die Entscheidung einer jungen Frau, ihr Kind zu behalten hat mehr mit dem Herzen zu tun, als mit dem Verstand. Wie weitreichend diese Entscheidung ist und über Generationen hinweg Wege eröffnet, können LeserInnen hier gewahr werden. Beeindruckend!

Papas kinderleichte Erziehung zu Spiel & Spaß dank Langeweile.

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Claude Dubois: Pff..., Moritz Verlag 2019 €10,95

"Schluß jetzt!" Papa Erpel spricht ein Machtwort und schickt seine am Handy herumklickenden Küken an die frische Luft. Nun hängen sie wie nasse Waschlappen über einem Ast und geben sich der Langeweile hin. Die folgende kleine Bildsequenz weckt bei Erwachsenen Sehnsuchtsgefühle. LANGEWEILE. Gibt es sie eigentlich noch? Bald kommt Papa mit einem Wäschekorb unter dem Arm wieder vorbeigeschlendert und wirft Optionen in die Kinderrunde. Man könnte ja Fussball  spielen, Fangen, Blinde Kuh oder gar beim Wäsche aufhängen mithelfen?  Am Ende pumpt er das Planschbecken auf. Die Kinder sind nicht überzeugt und überlassen das Wasser zunächst einem dahergelaufenen Spatz. Natürlich weiß am Ende keiner wie es kam, aber die Kinder schließen Freundschaft und spielen so toll wie lange nicht mehr. Beim Anblick der tobenden Kinder staunt die Mama nicht schlecht. Die Geschichte formt sich aus der Luft und wird von Seite zu Seite von einer Leichtigkeit getragen, die dem Nichts zu entspringen scheint. Der Langeweile eben. Schön, dass es sie noch gibt. Dubois fängt sie ein, mit den ihr typischen, prägnant knappen Strichen, die gerade im Weglassen ihre erzählerische Kraft enwickeln. Ganz nebenbei und mit großer Selbstverständlichkeit schmeißt in diesem Buch auch der Vater den Haushalt. Schön, dass die große, weite Welt so genussvoll zelebriert werden kann, Enteneltern sei Dank!

Die unsichtbaren Beine der Liebe

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Linde Hagerup: Ein Bruder zu viel, Gerstenberg Verlag 2019 € 14,95

Die Welt der 9-jährigen Sara könnte schöner nicht sein, bis eine Freundin ihrer Mutter plötzlich stirbt. Alleinerziehend hinterlässt sie einen 5-jährigen Sohn. Saras Eltern beschießen, ihn in die Familie aufzunehmen. Sara konnte dem quengelingen Steinar nie etwas abgewinnen. Nun besetzt er ihr halbes Zimmer. Die Mutter. Den Vater. Von Trauer umfangen, bekommt er immer alles. Steiner lebt in einem Schonraum und in Sara nagt ein kleines, wütendes Tier. Da alle Aufmerksamkeit auf Steinar liegt verschwindet Sara mehr und mehr, bis sie auf eine Idee kommt: Sara wird zu Alfred, einem großen Bruder für Steinar, der nett zu ihm sein kann und der vieles schafft, das Sara nicht gelingen will. Doch das Doppelleben birgt andere Schwierigkeiten. Schlicht, klar und für Kinder zum Greifen nah und bildlich erzählt liegt unter dieser Geschichte große psychologische Brisanz. Alle Figuren müssen sich mit starken Gefühlen arrangieren und ihre Handlungen werden in emotionalen Notsituationen mit zweierlei Maß gemessen. Es geht nicht immer gerecht zu. Saras Flucht in eine andere Person macht sie handlungfähig, ist aber auch kein Dauerzustand. Wie wird sie den Weg wieder zu sich selbst zurück finden? Der packende Kinderroman ist eine Geschichte der kleinen Schritte, kurzen Sätze, wechselnden (Jahres)Zeiten. Dem Vergehen von Zeit überhaupt. Der Veränderung. Dem Wachsen. Und vor allem der Liebe, und einer bewundernswerten Vater-Tochter Beziehung. "Die Liebe sind ein paar Beine, die du nicht sehen kannst. Diese Beine können viel weiter laufen als deine normalen Beine. Diese Beine nämlich tragen dich durch das Leben", sagt Saras Papa in der Overtüre zu ihr. Diese vier ungewöhnlichen Beine, die sichtbaren wie unsichtbaren lassen Sara zunächst straucheln und stolpern. Sara nimmt uns mit in ihre Geschichte, die man am Ende, die Beine sehend, ins Herz schließt und keinesfalls missen möchte.

Grandios!

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Jason Lutes: Berlin. Gesamtausgabe, Carlsen 2019 € 46.-

Heute steht die Weimarer Republik im Fokus und hält für so manchen Vergleich zur heutigen Zeit her. Lutes begann dieses, zwanzig Schaffensjahre umfassende, Werk 1994. In symphonischer, atemraubender Manier hat das Leben in der Großstadt Berlin zwischen 1928-1933 auf 550 opulente Seiten gebannt. Da ist Marthe. Sie flüchtet vor einer arrangierten Heirat in ein Kunststudium nach Berlin. Im Zug lernt sie den Journalisten Kurt Severing kennen, der ihr in der fremden Stadt die ersten Schritte erleichtert. Er arbeitet für Ossietzkys Weltbühne, mit Ringelnatz als Freund an seiner Seite. Marthes Liebe zu Severing wird zum beständigen Auf und Ab und bald durch eine neue Tonart erweitert. In der Kunstschule lernt sie Anna kennen. Ein junge Frau, die sich als Mann kleidet und fühlt. Die ganze Stadt ist in Bewegung. Eine Zeit am Abgrund. Eine Zeit in der sich Hass und Gewalt formieren. Eine Zeit, die atemlos macht. Und sprachlos. Eine Zeit, in der Severking an der Macht seiner Worte zu zweifeln beginnt und doch sind es Worte, die hetzen, verbünden, trennen und aufzuwiegeln verstehen.  Weitere Geschichten kreuzen den Weg.  Da ist Sylvia. Ihre Eltern sind Arbeiter. Mit dem Arbeitsplatzverlust der Mutter trennen sie sich und teilen die Kinder auf.  Gudrun stirbt bei einer Demonstation der KPD auf der Straße. Sylvia wird sich auf der Straße durchschlagen und selbst zur Kommunistin. Eine zeitlang gewährt ihr eine jüdische Familie Unterschlupf. Ihr Vater und ihr Bruder werden Anhänger der Nationalsozialisten. Da ist Margarethe, einst Severkings Geliebte. Sie kommt aus großbürgerlicher, industrieller Welt, die sich am Ende ebenso mit Hitler verbünden wird.  Vor großartig eingefangener Stadtkulisse in scharfem schwarzweiß, zwischen gleißendem Licht und erbarmungslosen Schatten zeichnet Lutes laute und stille Lebensdramen, politische Umbrüche, Untergang und Hoffnungsschimmer und eine sich mit Angst füllende, widersprüchliche, bald berstende Welt. Diese graphic novel bietet viele Ebenen. Man kann sie wieder und wieder lesen und Neues entdecken. Die Gesamtausgabe umfasst die drei Einzelausgaben in größerem Format und wurde um Erklärungen zu Bauwerken und Plätzen der Stadt, sowie Skizzen und einem Interview mit Jason Lutes ergänzt. Sie ist ein Schmöker, ein Gedicht. Sie ist absolut lesenswert.

Alex Wheatle im Gespräch mit Jugendlichen über Gewalt in der Jugendliteratur

Die Jugendlichen leben zwischen Traum und Trauma, in sozialer Armut und Gewalt. Familie zerfällt. Freundschaften sind das Leben. Beziehungen sind die Welt. Wheatles erzählt in seiner Trilogie vom Spiegel ihrer Seele. Leidenschaftlich und aus eigener Erfahrung schildert er das Gangsterleben, mal aus Sicht der Jungen, mal aus der der Mädchen. Er gibt allen eine eindrucksvolle, unverwechselbare Stimme.

Mit Stefan Zweig im Gepäck

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Oliver Hintze, Susanne Krones: Tonspur. Wie ich die Welt von gestern verließ, dtv TB € 14,95

Dreistimmig lockt Olaf Hintzes Tonspur in das Reich seiner Erinnerungen. Mit seiner eigenen, im Buch in wörtlicher Rede gehaltenen Stimme, einer vorsichtig und sorgsam zu nennenden Annäherung seiner Chronistin Susanne Krones und jenen, immer wieder aufs Neue ergreifenden Zitaten aus Stefan Zweigs Welt von Gestern taucht vor unseren Augen ein Land wieder auf, dass 30 Jahre nach seiner Auflösung beginnt in Vergessenheit zu geraten. Hintze, aufgewachsen im Erfurtder 70er und 80er Jahre, entdeckte die Kraft und Sogwirkung von Büchern und Musik.

Mit Daniela Crescenzio auf italienischen Spuren in München.

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München ist die nördlichste Stadt Italiens, sagen die Münchner mit Stolz, und sicher haben Sie sich schon immer gefragt, warum. Daniela Crescenzio verführt an diesem Abend im Buchpalast zu Italienischen Spaziergängen in München und zeigt bekannte wie auch überraschende italienische Aspekte der Isar-Metropole – von den architektonischen Werken mit den Vorbildern in Florenz und Rom bis zu den florentinisch inspirierten Bronzearbeiten. Besonders am Herzen liegen ihr die Biografien von Italienern, die in München gelebt haben, vor allem die Geschichten von italienischen Frauen, wie beispielsweise Felicitas Blangini, Ehefrau von Leo von Klenze, oder der stolzen Giovanna San Germano d'Agliè, die sich das Porcia-Palais in der heutigen Kardinal-Faulhaber-Straße vom Hofbaumeister Enrico Zuccalli erbauen ließ.

Die Herausfordung des eigenen Lebensweges

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Gabriele Clima: Der Sonne nach, Hanser Verlag 2019 € 14.-

Sozialstunden sollen den unüberlegt agierenden Dario lehren auf den richtigen Weg zu gelangen und zu tun, was man von ihm verlangt. So lernt er den vollkommen von Pflege abhängigen Andy kennen. Dieser kann sich weder bewegen noch sprechen und sitzt im Rollstuhl. Damit gehört er für Dario zur Gruppe der Behinderten.  Aber nein, er ist ein Mensch mit besonderen Fähigkeiten. Doch diese sprachliche Gleichstellung wird von seiner Betreuerin nicht gelebt. Sie behandelt Andy wie ein Baby und bemerkt dabei: er sei doch "kein normaler Mensch". Sie hält ihn für einen Idioten, das spürt Dario sofort, denn auch ihn hält man für eine Niete. Unkompliziert, dirket und immer ein wenig rebellisch, wie Dario so ist, nimmt er den Rollstuhl samt Andy unter den Arm und schiebt damit, mal wieder ohne einen Gedanken an die Konsequenzen zu verschwenden, einem Abenteuer entgegen.