Articles Written By: Katrin Rüger

Katrin Rüger

About Katrin Rüger

Spezialistin des Kinder- & Jugendbuches

Gedanken im Fahrtwind

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Christina Laube, Mehrdad Zaeri: Marthas Reise, Knesebeck 2018 € 25.-

Opas Haus und Garten scheinen aus der Zeit gefallen. Sie bilden eine Insel des Innehaltens, beherrscht vom grün der Natur und der Freude am Lebens. Auf ihrer Bahnfahrt zu ihm gehen Martha viele wichtigen Fragen durch den Kopf: Ob sie auch schon Wurzeln hat, wie Opa und seine großen alten Obstbäume? Und ob man ihre noch in einem Topf mitnehmen könnte?  Alles fließt, ihre Gedanken trudeln im Fahrtwind des Zuges, tanzen mit dem Herbstlaub und verbinden Gehörtes mit Erlebtem und Erdachtem. Wohin wird ihre Lebensreise gehen? Ganz automatisch entstehen die ersten Bilder ihrer eigenen Reiseroute  im Kopf. Sie formen sich in ihre Gedanken, Träume und Sinneseindrücken. Der poetische Text steht  im Einklang mit feiner Bilderbuchkunst. Die scherenschnittartigen Stanzungen formen ein Gitternetz von Ein- und Durchblicken, auf manchen Seiten vibriert die Luft im Strich des Stiftes. Der großzügige Gedanken-Luftraum mancher Seiten rückt die kleine Martha gerade besonders ins Licht. Immer wieder breiten sich Szenen von großer Ruhe vor dem Auge des Betrachters aus. Ein Buch, das man gleich wieder und wieder gucken und lesen möchte.

Oma ist immer nah

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Anna Lott, Nikolai Renger: Eine Oma für Fridolina, Arena Verlag 2018 €10,00

Mist, wenn alle am Omatag im Kindergarten die coolsten Omas mitbringen, nur Fridolina hat keine mehr. Ihre Omas wohnen lange schon ganz tief unter der Erde. Fridolinas Freund Henry hat sogar fünf Omas, darunter eine Uroma. Er würde sie verleihen, aber keine davon möchte Fridolina sich ausborgen. Diese Vorlesegeschichte kommt zunächst recht witzig und locker daher und doch findet sie am Ende eine ernsthafte, kluge und sehr stimmige Lösung. Auch wenn Fridolinas Oma nicht mehr lebt, so hat ihre Mama doch die Ohren von ihr geerbt und sie an Fridolina weiter gegeben. Auf alten Fotos lacht Oma als Kind wie heute Fridolinas Bruder. Je mehr Fridolina forscht umso mehr entdeckt sie stille Verbindungen zu ihrer Oma, die sie nie kennen lernte. Mama sagt, Oma wohnt in ihrem Herzen - ein tröstlich gemeinter Spruch, der hier aber zum Leben erwacht, greifbar wird und ein wenig richtig glücklich macht.

Informatik zum Anfassen

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Jaron Lanier: Anbruch einer neuen Zeit. Wie Virtual Reality unser Leben und unsere Gesellschaft verändert, Hoffmann und Campe 2018 € 25.-

Sachbuch oder Biografie? Der leidenschaftliche Informatiker, Künstler und Musiker Jaron Lanier verschränkt Episoden seiner vielgestaltigen Lebensgeschichte mit der faszinierenden Gedankenwelt der ersten Gestalter von uns heute wie selbstverständlich genutzter virtueller Realitäten. Ein Land der psychedelischen Träume und unbegrenzten Möglichkeiten ist die VR nie gewesen. Als Kind von Holocautüberlebenden an der Grenze zu Mexiko groß geworden führt sein Leben, das tragische Grenzerfahrungen nicht entbehrt, über die Hippie Ära Kaliforniens ins Silicon Valley wo er zwischen Programmiercodes Musik, Medizin, Philosophie und Gesellschaftkritik zum Klingen bringt. Lanier macht auf seiner spannenden Reise in die Vergangenheit die für viele abstrakte Technik hinter den Computern anschaulich und bringt neugierige Leser dazu, ihrem Smartphone mit einem kreativ kritischen Augenaufschlag zu begegnen.

23. Januar 2019, 19:30 Uhr: Margret Greiner präsentiert das Leben der Künstlerin Sophie Taeuber-Arp

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Margret Greiner: Sophie Taeuber-Arp. Der Umriss der Stille, Zytglogge Verlag 2018 € 29.-

Auch in ihrer fünften Romanbiografie widmet sich Margret Greiner einer großen Künstlerin, die im Schatten ihres Mannes stand. Verheiratet mit Hans Arp ging die vielseitig begabte Sophie Taeuber-Arp in der Zeit zweier Weltkriege beherzt ihren eigenen Weg. Erneut hat die Haidhauser Autorin bei ihren umfangreichen Recherchen unbekanntes Material zu tage gefördert, welches sie in ihr Werk einfließen lässt. Wir freuen uns auf die Lesung und anregende Gespräche.

Eintritt € 5.- Um Anmeldung wird gebeten.

Mehr zu Autorin und Werk finden Sie hier....

 

29. November 2018, 19:30 Uhr Palastschätze vorgestellt

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Friederike Wagner, Katrin Rüger und Marion Hübinger laden zum literarischen Empfehlungsabend ein. An diesem Abend können Sie schönste Verschenkideen für den Gabentisch oder unser persönliches Lieblingsbuch entdecken, einfach nur zum Selberlesen.
Bücher bringen zusammen, nehmen die Angst vor dem Fremden und lassen Gemeinsamkeiten entdecken. Anlässliches des 70. Geburtstages lassen wir in diesem Jahr die Gedanken zum Thema Menschenrechte kreisen. Lassen Sie sich überraschen, welche Schätze wir für Sie entdeckt und zu einem lesenswerten Menü zusammengestellt haben. Wir freuen uns auf Sie!

Eintritt frei. Um Anmeldung wird gebeten.

7. November 2018, 19:30 Uhr: Palastschätze live – Thomas Ernst liest aus „Schweben“

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Jürgen-Thomas Ernst: Schweben, Braumüller Verlag 2017 € 20.-

Dieses Buch hat mich tief berührt: es erzählt von Josefs Leben, in dem ihn Rosa ein gutes Stück begleitet. Sie sind ganz einfache Menschen, die ohne Aufhebens ihr Leben in die Hand nehmen. Sie haben wenig und brauchen nicht viel, sie nehmen Glücksmomente wahr und machen sie sich selbst und einander bewusst. Sie finden und verlieren einander und der Leser begleitet sie bei verschiedenen Episoden zwischen Kindheit und Alter. Es steckt viel Lebensweisheit in diesem schmalen Buch in Gedanken und Sätzen, die den Leser auch nach der Lektüre begleiten werden. Wer das Buch "Ein ganzes Leben" von Robert Seethaler und "Ein Leben mehr" von Joyceline Saucier gerne gelesen hat, wird auch dieses Buch lieben!

3. November 2018, 11:00 – 13:00 Uhr: Autorensamstag mit Susanna Partsch

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Susanna Partsch: Schau mir in die Augen, Dürer. Die Kunst der alten Meister erklärt von Susanna Partsch, Beck Verlag 2018 € 28.-

Sie verpackt alte Meister neu und jongliert mit Rot, Blau, Gelb: Susanna Partsch ist eine Kunstexpertin für Jung & Alt. Am Autorensamstag, 3. November 2018 empfiehlt und signiert sie zwischen 11:00 Uhr und 13:00 Uhr im Buchpalast. Kommen Sie mit ihr über Kunst oder Fälschung ins Gespräch. Ihr neustes Werk "Schau mir in die Augen, Dürer" hat Weihnachtsgeschenk-Potential. Weshalb trägt Maria immer einen blauen Mantel? Wieso malte Rubens mit Vorliebe füllige Frauen? Wie lassen sich die großen Formate durch kleine Museeumstüren transportieren? Reden wir hier wahrlich über 500 Jahre alte Schinken? Die ästhetische Aufmachung dieses mit großer Liebe gestalteten Buches ist ein Hingucker. Die aktuellen Fotos von ungeahntem, musealem Treiben lassen staunen. Susanna Partschs erhellenden Erklärungen fesseln wie ein Krimi. Sie liefert wohldosierten Einblick, Aha-Erlebnis und packendes Detail in rasantem Wechsel. Ein Buch, mit dem man gleich ins nächste Museum laufen möchte.

2. Oktober 2018, 19:30 Uhr Zwischen den Zeilen: Spiegelwelten in Kehlmanns Tyll

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Daniel Kehlmann: Tyll, Rowohlt Verlag 2017

Zwischen den Zeilen - oder wer hält wem den Spiegel vor? Einladung zum Literatur-Gespräch

Daniel Kehlmanns TYLL lesen heißt, nicht nur in eine historische Abenteuergeschichte  einzutauchen, die uns in die Zeit des 30jährigen Krieges führt, dessen Ausbruch vor 400 Jahren 2018 besonders erinnert wird. Viele weitere Schichten lassen sich zwischen den Zeilen entdecken. Was machen traumatische Erlebnisse mit Menschen? Was und warum wird verdrängt? Was und warum wird vergessen, um scheinbar weiterleben zu können? Kann Vergessen überhaupt eine Strategie der Vergangenheitsbewältigung sein und kann man überhaupt bewusst etwas vergessen? Hat man Einfluss auf seine Erinnerungen? Wer wird eigentlich von einem charismatischen Führer oder Führerin verführt? Der oder die Einzelne? Viele Einzelne? Die Masse? Tyll stellt auch die Absurdität des Krieges aus, diskutiert das Wesen von guter und schlechter Pädagogik und liefert letztlich ein leidenschaftliches Plädoyer zur individuellen Lebensgestaltung abseits des Mainstreams.

Magische Schnittstellen: Marion Hübinger im Gespräch über fantastische Kreativität in ihrem Roman „Krieger der Lüfte“

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Marion Hübinger: Krieger der Lüfte, Papierzieher Verlag 2018 €13,95

Ob das Schicksal seine Finger im Spiel hat, als Leyla, eine junge Verlagsangestellte, bei einem Spaziergang im Klosterpark in eine fremde Welt katapultiert wird?
Marion Hübinger ist im Buchpalast nicht nur unsere Fachfrau für Krimis, Fantasy, Romantasy oder Dystopien. Sie ist auch selbst Schriftstellerin. In ihrem neusten Werk "Krieger der Lüfte" lässt sie Leyla auf der Suche nach der richtigen Entscheidung für ihre Zukunft in eine fantastische Welt stolpern. Auf sich allein gestellt in fremder Welt wird sie Gefahren meistern und muss Abenteuer bestehen. Eröffnet sich die Schriftstellerin damit einen Raum unbegrenzter Möglichkeiten? Wie steht es mit der Freiheit in realen wie fantastischen Räumen?  Welche Rolle spielen Zufall, Glück oder gar Schicksal? Fantastische Räume stiften Leseleidenschaft und fordern Kreativität und Mut zu neuem Denken, sagt Marion Hübinger, deren literarische Wegbegleiter Joanne K. Rowling und J.R.R. Tolkien sind.
Ihre Lesung wird von Susanne Sperrhake an der Querflöte begleitet und von einem Gespräch über Fantasyliteratur mit Katrin Rüger abgerundet.

Eisprinzessin

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Tillie Walden: Pirouetten, Reprodukt 2018 €29.-

Das Eisprinzessinnendasein ist hart und unromantisch. Tillie Walden spielt in Bild und Text ihrer graphic novel ein eindringliches Doppelspiel.  Autobiografisch erzählt sie von von vielen Trainingsstunden auf dem Eis, am Morgen vor Schulbeginn und am Nachmittag beim Synkronlaufen. Der Wecker klingelt um 4:00 früh. Die morgentliche Kälte des Eises erzeugt Atemwölkchen. Sie kriecht dem Betrachter der Bilder unmerklich unter die Haut und steht im Widerspruch zu dem Gefühl, welches die Eleganz dahingleitender Körper erzeugt. Die jungen Mädchen spannen ihre Muskeln für diese und jene Figur. Später werden sie, alle gleich in Frisur und Kostüm, zur rhytmischen Einheit verschmelzen, der blasse Teint puppenhaft aufgehübscht, mit nichts als dünner Strumpfhose und und kurzem Röckchendress. Unterhose oder BH tragen zu sehr auf. Tillie liebt es, auf der still und unberührt daliegenden Eisfläche die ersten Kratzer zu ziehen. Der Dreisprung war ein schönes Gefühl, die Schraubenpirouette hat sie gehasst,die Waagepirouette erzeugte Schwindel, der Lutz war ein ekelhafter Sprung doch mit dem Flieger glaubte sie in die Ewigkeit zu gleiten - warum bleibt sie dabei? Tillie Walden plaziert in ihren nach außen so minutiös dressiert erscheinende Körper eine überbordende Menge an Gefühlen, deren Strahlkraft sie über das Eis mit sich zieht wie die Atemwolken.  Am Rande von Müdigkeit und Erschöpfung sucht sie vehement nach Wärme und Anerkennung. Nach Liebe. Sie fühlt sich zu den Mädchen hingezogen. Das spürt sie schon ganz früh. Es bleibt lange ihr bestgehütetes Geheimnis. Ihr Coming Out am Ende gestaltet sich schmerzhafter als ein vertaner Sieg. Es gibt Geschichten, die schwer in Worte zu fassen sind. In dieser gelungenen graphic novel braucht es sie nicht. Fliehende Räume, helldunkel Spiel, Bildauschnitte, Körperhaltung, Gesichtsaudrücke und viele aufs Wesentliche reduzierte Details lassen einen Sog entstehen, der nicht besser von jugendlicher Lebendigkeit erzählen könnte.

Durchs Tor ins Darknet

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Christian Linker: Scriptkid. Erpresst im Darknet, dtv 2018 € 6,95

Short & easy. Zille ist über den Torbrowser ins Darknet gerutscht und entdeckt den Marktplatz scheinbar unbegrenzter Möglichkeiten. Vielleicht wollte sie es Leo zeigen, dessen Machosprüche sie nerven, vielleicht war sie einfach neugierig. Nun steckt sie mitten drin. Die Coderätsel der Hacker fordern sie heraus, die Gedanken über Schein und Sein dieser virtuellen Welt streifen sie nur am Rande. Auch an den Konflikt mit dem Gesetz, welches sie als Newcommer Hackerin  herausfordert, verschwendet sie vorerst keine Gedanken. Linker erzählt schnell mit nötigem Detailwissen, welches ebenso spannend ist, wie die Geschichte selbst, die sich wendet wie ein Fisch im Wasser. Eine perfekte, kurzweilige Klassenlektüre im Angesicht allgegenwärtiger Digitalisierung.

Im Käfig der Einsamkeit

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Jan de Leeuw: Babel, Freies Geistesleben 2018 € 22.-

Schon das Cover zieht magisch an: Seltsam schwebend entschwindet die Hochhausglasfassade mit seinen stürzenden Linien im lichten Nebel. Menschengemacht, menschenleer, surreal. Als das Mädchen Naomi das über 300 Etagen zählende Gebäude betritt, gerät sie in die hermetisch abgeriegelte, hierarchische Welt eines Superreichen, Abraham Babel, dem mächtigsten und reichsten Mann der Stadt, in der Naomi groß geworden ist. Unter dem Dach des Gebäudes hat er für sich und seine Enkeltochter Alice, die nach einem Terroranschlag auf die Familie an den Rollstuhl gefesselt bleibt, ein Reich geschaffen, aus dem man vom Himmel herab auf Menschen schauen kann. Hier oben ruht die stille Macht über jegliches Leben da unten. Das bekannte Bild wird spielerisch durch vieles ergänztund bespielt: vom Urvater Abraham über biblische Sprachverwirrung, die Strafe für Maßlosigkeit bis hin zu Anspielungen an Alice im Wunderland, die bekanntlich durch ein Kanninchenloch nach unten fällt und nicht nach oben. Leeuws Geschichte erfährt dabei im Lichte einiger schicksalweisenden Tarotkarten zahlreiche Wendungen. Als Naomi aus der Putzkolonne im Keller zum Spielball der "Prinzessin" in den obersten Stock gerufen wird, kann das Spiel beginnen. Es dreht sich um Gier und Geld, um Macht und Glauben und lässt keine Luft zu leben und zu lieben. Naomi und Alice verbindet Ungeahntes, doch über Naomis Beweggründe wird Alice nichts und der Leser nur weniges erfahren. Leeuw schafft eine artifizielle, nebulöse Welt die fasziniert, da in ihr viele aktuellen Fragen ans Miteinander mitschwingen: wie kommt es zu Fanatismus? Warum glaubt der Mensch? Und was glaubt er? Sind wir nicht doch eine große Familie, die sich nur einfach nicht versteht? Und gibt es einen Weg heraus, aus diesem Käfig der Einsamkeit, in dem alle Gefangene zu sein scheinen. Bei aller Intensität auf 450 Seiten bietet der Schluss nur ein loses Schlupfloch, dass vieles ungeklärt hinter sich lässt, als wäre Alice, ein Wunder half nach, am anderen Ende der Welt aus dem Kanninchenloch gekrochen. Hier lässt der Autor, dem es gelingt, belehrende wie klärende Klippen weitgehend zu umschiffen, noch viel Spiel für weitere Fantasie und die eigenen Suche nach Fragen und Antworten.

Aug in Auge

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Badey, Kühn: Strom auf der Tapete, Beltz & Gelberg TB 2018 € 7,95

An seinem 16. Geburtstag hat seine Mutter Ron Robert das atemraubende, weiße Cabrio mit roten Ledersitzen für eine gemeinsame Spritzfahrt an den Straßenrand gestellt. Leider wird dieser selig machende Geburtstagsanblick durch ein aus dem Fenster auf die Straße fliegendes Radio zerstört. Ein Nachbarschaftsstreit, der die Polizei auf den Plan ruft. Doch da sitzt Ron Robert schon am Steuer, neben ihm die Klassenkameradin Clara, auf dem Rücksitz ihr Rolli und raus geht es, aus Frankfurt/ Oder, weg von den Streitigkeiten in der sozialen Unterschicht, den Alltagssorgen, den Männerbekanntschaften und dem Alkoholkonsum  in Mutters Umfeld. Ron Robert macht sich auf die Suche nach seinem Vater, zusammen mit Clara, die viel mehr auf ihren eigenen Beinen steht, als man es beim Anblick des Rollstuhs vermuten würde. Dem Schreiberinnen-Duo Andrea Badey und Claudia Kühn ist ein rasantes Roadmovie mit überzeugenden Akteueren gelungen, in dem Klaras Behinderung nur eine von vielen Beeinträchtigungen ist, die einem das Leben schwer machen können. Immer wieder erstaunen die schlagkräftigen, witzigen Dialoge, die klaren Gedanken, welche nichts vernebeln und schönreden und  dabei entwaffende Leichtigkeit verbreiten. Gegen Ron Roberts Albträume gibt es nur eine Lösung: Schau dem Wolf in die Augen und tu was! Selbst wenn es mal schiefgeht, das ist der Weg. Alles andere wird sich finden. Ein briliant durchkommponierter Text, der auf sich selbst vertraut und mit nichts als Selbstverständnis zu überzeugen versteht. Unbedingt lesenswert und als Klassenlektüre zu empfehlen.

Nichts rechtfertigt Gewalt

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Kristina Aamand: Wenn Worte meine Waffe wären, Dressler Verlag 2018 € 16,00

Kristina Aamand schreibt aus erster Hand. Als Tochter einer katholischen Dänin und eines muslimischen Palästinensers kennt sie das Spannungsfeld, in dem ihre Hauptfigur Sheharzerade aufwächst. She war sieben Jahre alt, als ihre Eltern nach Dänemark einwanderten. Hier hat sich Sheazerades Mutter zur strengen Muslimin gewandelt während den Vater, der als Journalist und Dichter verfolgt wurde, ein Kriegstrauma beherrscht. She ist 17 und hat sich freiwillig entschlossen das Kopftuch zu tragen. Es bietet ihr Schutz vor anzüglichen Blicken und Sprüchen der Jungs, macht sie aber auch zum Mobbingopfer. Als ihr Thea, ein Mädchen mit charmanter Selbstverständlichkeit und Offenheit, begegnet, verliebt sich She und bekommt ihren ersten Kuss. Ein Glücksgefühl dem die Bestrafung in der Familie auf dem Fuße folgt. In ihrer Community wird Gewalt an Frauen verübt, Gewalt aus Tradition und Ehre, die fern der Heimat gerade unter Mitwirkung der Frauen besonders stark verfochten wird. Obwohl das kunstfrei zusammengewürfelte Layout der eingestreuten Tagebucheintragungen im Buch eher stört als befruchtet, ist Aamand ein eindrücklicher, der neuen Heimat, ihrer Heimat augeschlossener Roman geglückt, welcher seine LeserInnen mitreißt in märchenhaft rauschende arabische Feste, in Frauenleid und den schwierigen Schritten eines gemeinsamen Lebens  zwischen Bewahren und Erkunden.

Hier geht die Post ab

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Megumi Iwasa, Jörg Mühle: Viele Grüße, Deine Giraffe, Moritz Verlag 2017 € 10,95

In diesem Erstlesebuch knistert es vor Aufregung. Wenn Giraffe unter der Schirmakazie sitzt, hört man ihr Herz über die Savanne schlagen. Sie erwartet Post vom Kap der Wale. Post von ihrem neuen Brieffreund: dem Pinguin. Weiß noch jemand was ein Brief ist? Er reist mit der Pelikanpost über Land und mit der Robbenpost über Wasser. Am Ende hält der Empfänger ein geknicktes Blatt Papier in der Hand und fühlt dabei Freude, Neugier, Sehnsucht und Erwartung. Ein Brief besitzt eine eigene Handschrift, dessen Buchstaben freudig oder fragend herumtanzen können. Man kann ihn geheim allein oder mit anderen gemeinsam lesen. Briefe erzählen von seltsamen Begebenheiten im Leben Fremder, die durch den Briefwechsel Bekannte, ja Freunde werden. Der Text von Megumi Iwasa erzählt elegant, pointiert und einfallsreich. Jörg Mühle setzt in seinen Bildern darüber hinaus das Pottpourrie der Gefühle gekonnt in Szene.  Das Buch weckt die Leselust und die Lust, gleich mal wieder einen Brief zu schreiben, nur um auf Antwort warten zu können. Schreib mal wieder!

Guter Sprint auf kurzer Lesestrecke

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Jason Reynolds: Ghost. Jede Menge Leben, dtv 2018 € 14,95

Was Castle, alias Ghost kann, ist rennen. In ausgelatschen, billigen Turnschuhen, Jeans und T-shirt ist er schneller als die gestylten Kids auf der Aschebahn des Sportplatzes. Bisher hat er nur auf der Tribüne gesessen, Sonnenblumenkerne gekaut, die Zeit totgeschlagen und versucht den Mist zu vergessen,  in den er in der Schule ständig verwickelt ist. Als der Trainer ihm vorschlägt in der Trainingsgruppe mitzumachen, hält er das für einen Witz, doch bald steht er mit geklauten Turnschuhen auf der Bahn. Mit schnellem Tempo auf kurzer Strecke entwickelt sich die Geschichte wie ein guter Sprint, dem es an nichts fehlt: Einsatz und Herzblut, Vertrauen und Wertschätzung. Familie und Drama. Und Ghost wird es mit ein paar Umwegen gelingen, sich selbst zu erkennen. Lesenswert.

Buchpalast – Film ab!

demnächst - Wie SuperLESERman zur Tat schreitet und Bücher Freunde machen

 

Folge 2: Wie SuperLESERman eine erstaunliche Bekanntschaft macht

In diesem Buch fehlt nichts. Berg heil! Bitte kaufen, loslegen und die Welt entdecken! Mehr....

 


 

Faustfestival im Buchpalast

  1. Faustisches Treiben mit Anette Spieldiener, Michael Weiser und Marion Hübinger


Menschheit 2.0

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Emily Suvada: Cat & Cole, Thienamnn Verlag 2018 € 17,00

Die Menschheit vor einem tödlichen Virus zu retten, spielt in diesem horriblen wie brillianten Futurfiction die schönste Nebenrolle der Welt. Die Mathematikerin und Autorin Emily Suvade spielt in so rasantem Tempo mit subkutan wachsenden Panels, gesundheitsfördernden Apps und Algorithmen, also der Menschheit 2.0, die scheinbar mit größter Selbstverständlichket auf digitaler Ebene mit dem menschlichen Code, der DNA, und der menschlichen Hardware laboriert, dass dem Leser bei der Lektüre förmlich die Luft weg bleibt.

Jugend im Gespräch mit Lea-Lina Oppermann zu „Was wir dachten, was wir taten“

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Lea-Lina Oppermann: Was wir dachten, was wir taten, Beltz&Gelberg 2017 € 12,95
Außergewöhnliche Lebenssituationen sind in der Jugendliteratur ein beliebtes Thema. Gewissen und Haltung, das Leben selbst steht plötzlich auf dem Prüfstand. Lea-Lina Oppermann hat ihr Debüt mit 16 Jahren geschrieben und und beeindruckt mit Schreibtalent und Beobachtungsgabe zu jugendlichem Denken und Handeln. Ihr Buch ist zum Lieblingsbuch der Jugendlichen und zur perfekten Schullektüre avanciert.

Jochen Till und sein Vorleser präsentieren „Pogo & Polente“ und „Luzifer“

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Jochen Till: Pogo und Polente, Tulipan Verlag 2018 € 13,00

Wie schon in Luzifer, thematisiert Jochen Till auch in Pogo und Polente elterliche Vorbilder und kindliche Rebellion in witziger, ungewohnter Rollenverteilung. Polente, eigentlich Vanessa, wünscht sich, in die Fußstapfen ihres Vaters, eines Polizisten, zu stapfen und spielt gewissenhafter Recht und Ordnung, als es die Polizei erlaubt. Sie ist mit ihrem Vater ausgerechnet in das Haus neben Pogo und seine Eltern gezogen, die in ihrer verfallenen Hütte ein waschechtes Punkerleben führen. Dummerweise entwickelt Pogo seine Zukunftswünsche ebenso gewissenhaft wie Vanessa und dirket an seinen Eltern vorbei. Er ist ein angepasster, strebsamer Einserschüler, der die Schule und das Lernen liebt. Trotz allem läuft es mit Pogo und Polente nicht gleich rund. Erst als ein Fahrraddieb sein Unwesen treibt, beginnen die beiden gemeinsame Sache zu machen. Jochen Till lässt die Welten und Lebensansichten großer wie kleiner Menschen mit viel Spaß, Situationskomik und Augenzwinkern aufeinander prallen, immer mit der Gewissheit,  dass Kinder aus all dem, was sie umgibt, das Beste machen.