Articles tagged with: Musik

Klavierlehrer in mafiösem Milieu

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Roberto Andò: Ciros Versteck, Folio Verlagsgesellschaft 2021, € 22,00

Gänzlich unvorhersehbar ändert sich das Leben des Klavierlehrers und Einzelgängers Gabriele Santoro in Neapel, als ein zehnjähriger Junge unbemerkt durch die offenstehende Wohnungstür zu ihm in die Wohnung schlüpft. Die verängstigten Augen des Jungen veranlassen Santoro ihn ohne weitere Erklärungen bei sich Unterschlupf zu gewähren. Wie sehr er sich damit selbst in Gefahr bringt, ahnt er nicht. Als es ihm bewusst wird und das Haus unter Beobachtung der Mafia steht erstaunt es ihn selbst, dass sich statt Panik eine unerklärliche Ruhe in ihm ausbreitet. Die Camorra hat ihn im Auge, doch die in Santoro erwachenden väterlichen Gefühle zu dem Jungen Ciro bestärken ihn in seinem riskanten Handeln. Besonders ist an diesem Roman, dass er eine gewisse Ruhe ausstrahlt, die genährt wird durch die Gedanken des Maestros, die sich im Reich der Musik und Poesie bewegen. Nichtsdestotrotz geht es um mafiöse Strukturen, Mord und Lebensgefahr. Mit Santoro und Ciro prallen zwei grundverschiedene Lebenswege aufeinander, die doch Gemeinsamkeit finden.

Über die Schönheit des Klaviers

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Natsu Miyashita: Der Klang der Wäder, Insel Verlag 2021 € 20,00

Tomura, ein Schuljunge aus einem kleinen Bergdorf, erlebt durch Zufall die Arbeit eines Klavierstimmers. Ohne jemals Klavier gespielt zu haben, fasziniert den Jugen sofort, wie die Klänge sich verändern können und die Geräusche eines ganzen Waldes in ihm wecken. Darum will er fortan nichts anderes werden als Klavierstimmer. Der Autor lässt den Leser durch Tomura-kan erleben, wie ein junger Mensch den Weg zu seiner Verwirklichung beschreitet.  Auf seine bescheidene Art setzt Tomura-kan nach Abschluss seiner Ausbildung zum Klavierstimmer alles daran, zu lernen, zu lauschen, und mit jedem Klavier, das er stimmen darf, über sich hinauszuwachsen. Eine poetische Geschichte, in Japan längst ein Bestseller, die auf jeder Buchseite Klaviersaiten zum Schwingen bringt.

Weg zur eigenen Stimme

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Lea-Lina Oppermann: Fürchtet uns, wir sind die Zukunft, Beltz & Gelberg 2021 € 14,95

Theo, der Flügel und drumherum das Universum. Theo kann sein Glück nicht fassen, an der Musikhochschule angenommen worden zu sein. Nun gilt es noch härter zu lernen und zu üben. Doch an der Universität eröffnet sich für den verschlossenen, zielstrebigen Jungen eine fremde Welt mit legalen und illegalen Partys, einer rebellierenden Jugend und einer großen verführerischen Liebe. Oppermann schreibt knapp und prägnant, gut recheriert, mitreißend und einfühlsam. Ihre Worte formen die Musik, sie machen Theos Gefühle, seinen Weg bis an den Rand des Abgrundes und wieder zurück, so allgegenwärtig, egal ob er ein einfaches Kinderlied, ein Solokonzert oder eine eigene Komposition zum Besten gibt. Dabei erweisen sich nicht die krassen Aktionen und seine Hingabe an das geheimnisumwobene Mädchen Aida als zukunftsweisend sondern vielmehr die Suche nach dem eigenen Weg zu seiner eigenen Stimme.

Hochsensibler Rausch des Lebens

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Mikael Ross: Goldjunge. Beethovens Jugendjahre. avant Verlag 2020 € 25,00

Ross beginnt seine Graphic Novel im 8. Lebensjahr Beethovens und begleitet ihn bis um sein 30. Lebensjahr, bis zur  Veröffenlichung seiner ersten Kompositionen, die ihn als Klaviervirtuose in die fürstlichen Konzertsäle führte. Die kugelrunden Kinderaugen von Erkenntis oft weit aufgerissen, oder fest zusammengekniffen in Schmerz und Fieberwahn, jagt Ross einen hochsensiblen Jungen mit seinen Fantasmen durch die Pannels. Von den Kindern verspottet, vom Vater nachts aus dem Bett gezerrt und ans Klavier gesetzt, von Pocken gequält. In Beethovens Kopf herrscht ständiges Feuerwerk. Später kämpft er mit weiteren körperliche Leiden, Magenkrämpfe und Durchfall und qualvollen Geräusche in den Ohren. Die Welt um ihn herum bleibt dreckig und wenig glanzvoll. Hinzu kommt der Rausch der Musik, welcher Beethoven an den Instrumenten entströmt und zur Auflösung alles Materiellen und Widerwärtigen führt, aber auch zur restlosen  körperlichen Erschöpfung. Faszinierend und temporeich taumeln die Bilder am Rand des existentiellen Abgrundes, an dem nichts golden strahlt, nicht einmal die Liebe. Und aus dieser energetisch überbordenden Qual steigt Beethovens Musik auf. Man scheint sie mit den Augen hören zu können. Ross hat sie in seine Bilder gebannt, dass man beim Lesen nicht nur an der Dramatik des Lebens klebt sondern selbst in einen Rausch gerät, dem man sich nur schwer entziehen kann.

Ein Frau am Dirigentenpult– Never!

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Maria Peters: Die Dirigentin, Atlantik Verlag 2020 €22,00

Ein Roman für alle, die Interesse an starken Frauenpersönlichkeiten haben - und ein Herz für die Musik. Antonia Brico war die erste Dirigentin, die ein Orchester in den USA dirigieren durfte. Ihr Weg dorthin war steinig, was sie nicht gehindert hat, ihr Ziel - als Dirigentin zu wirken - zu verfolgen. Sie gründet das erste Frauenorchester der USA und tourt als Dirigentin auch durch Europa – dirigiert u.A. als erste Frau die Berliner Philharmoniker. Ihre Lebensgeschichte wird von Maria Peters, der Filmregisseurin des gleichnamigen Films, in Romanform erzählt. Ich habe mit Willy (so der Name, den sie zuerst von ihren Adoptiveltern erhält), mitgefühlt und –gelitten, ihr die Daumen gedrückt und oft die sehr männlich geprägte Welt dieser Zeit verwünscht. Bereits als junge Frau im New York der 1930er Jahre geht sie unbeirrt ihren Weg, eckt an, muss sich alleine mit sehr wenig Geld durchschlagen. Sie wird wichtige Menschen mit ihrem unbedingten Willen beeindrucken und tatsächlich die Sensation schaffen – am Dirigentenpult eines Orchesters zu stehen. Wichtige Freundschaften und die (fiktive) Liebe finden auch ihren Platz in diesem Roman, fast mehr begeistert hat mich aber ihre berufliche Lebensgeschichte. Eine lebendige Biographie, kurzweilig erzählt, für alle, die Musik lieben!  Annette Goossens

Mit Gustav Mahler auf dem Schiff

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Robert Seethaler: Der letzte Satz, Hanser Berlin, € 19,00

Gustav Mahler auf seiner letzten Schiffsreise von New York nach Europa lässt verschiedene Szenen seines Lebens in seinen Gedanken und Gefühlen Revue passieren. Die erste Begegnung mit Alma, seine Arbeit als Operndirektor in Wien, das Komponierhäuschen auf dem Land, seine beiden kleinen Mädchen, der Empfang im Savoy Hotel in New York. Robert Seethaler versetzt sich und uns in die innere Welt des zart besaiteten und gefeierten Dirigenten und Komponisten am Ende seines Lebens.

Punkszene: DDR 90er Jahre

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Johannes Herwig: Scherbenhelden, Gerstenberg Verlag 2020 € 16,00

Der Autor erzählt die in den 1990er Jahren spielende Geschichte von Nino, der ein Punk ist. Dabei plagen Nino die üblichen Probleme eines Teenagers, unter anderem Stress in der Schule und die erste große Liebe.  Doch dazu kommen auch noch Konflikte mit Neonazis, seinem Vater und die Tatsache, dass Nikos Mutter seinen Vater vor ein paar Jahren verlassen hat. Das Buch wirkt sehr realistisch, vor allem die Gespräche sind sehr authentisch und, wenn nötig, im passenden Jugendslang. Das Buch wird aus Ninos Sicht erzählt.  Man bekommt einen tiefen Einblick in das Leben der Punks, das auch von voreingenommener Verachtung ihnen gegenüber geprägt ist. Die Geschichte ist nicht vorhersehbar, hat aber keinen großen Spannungsbogen. Damit kommt das Buch jedoch noch näher an das echte Leben heran. Das Ende ist sehr gut und wirkt ebenfalls sehr realitätsnah. Insgesamt hebt sich das Buch durch seinen Schreibstil und sein besonderes Thema von vielen anderen Jugendbüchern ab.

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Berührende Kindheit im Werdenfelser Land

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Michael Frank: Schmalensee, Picus Verlag 2020 € 22.-

Die Holzbaracken von Schmalensee lagen verstreut am Fuße des Karwendels, im Voralpenland um Mittenwald. Sie waren die ehemaligen Unterkünfte des Reichsarbeitsdienstes. Als Jüngster und achtes Kind wurde Michael Frank dort in eine Großfamilie hineingeboren. Ein Nachkriegskind. Die Lebensverhältnisse seiner Familie waren sehr bescheiden, streng katholisch und von wilder Natur umgeben. Der Vater, ein angesehener Instrumentenbauer, die Mutter, eine von der Arbeit für die Familie vollkommen besetzte, zurückhaltende Frau.

Die Kunst des Verschwindens

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Alix Ohlin: Robin und Lark, Beck Verlag 2020 € 23,00

„Ich übte mich in der Kunst des Verschwindens.“ So beschreibt Lark, die Ich- Erzählerin in dem neuen Roman von Alex Ohlin ihre Kindheit. Lark ist eine schüchterne und gute Schülerin, im Gegensatz zu ihrer jüngeren, eigenwilligen und extrovertierten Schwester Robin. Gemeinsam bestreiten sie ihren Alltag und sind füreinander da, denn ihre Mutter führt ein unstetes Leben mit wechselnden Männern und Berufen. Einfühlsam wird die Loslösung Larks von der Familie, ihr erstes Date und das langsame Erwachsenwerden beschrieben. In New York verbringen die Schwestern noch eine gemeinsame intensive Zeit, bevor Robin nach ihrem Studium an der Julliard Shool eine Musikerkarriere beginnt. Bald jedoch verschwindet sie spurlos.  Jahre später besucht Lark ihre schwangere Schwester, die ganz zurückgezogen zusammen mit Wölfen in einer gottverlassenen Gegend lebt. Alex Ohlin schildert die Entwicklung der beiden Schwestern sensibel und eindrucksvoll auf der Suche nach ihren Fähigkeiten und dem Wunsch einen Platz im Leben zu finden - auch als Schwester und als Mutter. Anne Brieger

Musikalische Schatzkammer

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Clemency Burton-Hill: Ein Jahr voller Wunder. Klassische Musik für jeden Tag, Diogenes Verlag € 25,00

Ein Musikbegleiter für das ganze Jahr: 365 Texte, längstens eine Seite lang, mit einer klassischen Musikempfehlung für jeden Tag. Die englische Violonistin, Autorin, Radio- und Fernsehmoderatorin schreibt unterhaltsam und informativ über die Stücke, die Jahrhunderte umspannen. Sie erzählt Biographisches über die Komponisten, gibt historische Bezüge, weist auf manch Detail im musikalischen Aufbau hin und beschreibt, welche Gefühle und Stimmungen die Musik bei ihr hervorruft. Sie öffnet damit einen Raum zum Innehalten und Berührtwerden, den jeder, egal welcher Herkunft und Bildung betreten kann, denn Musik ist die universellste Sprache der Welt - vielleicht die schönste. Ein edel gestaltetes Buch, mit dem man die Freude des Wiedererkennens und Neuentdeckens und eine "riesige Truhe musikalischer Schätze"verschenken kann.

Radio und Recht

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Karin Kalisa: Radio Activity, Beck Verlag 2019 € 22,00

Energisch und empfindsam ist die junge Frau namens Nora Tewes. In einer norddeutschen Küstenstadt zieht sie mit Freunden erfolgreich einen neuen Radiosender auf. Ihre Partner ahnen allerdings nicht. dass sie über diesen Kanal Recht schaffen möchte, wo die Justiz kein Recht gewährt: in der Frage nach Verjährung von Kindsmißbrauch. Die Autorin legt ihren Protagonisten leichtfüßigen Charme und spielerischen Witz in den Mund, auch, wenn sie in brisanten Situationen emotionaler und äußerlich bedrohlicher Natur stecken. Ein aufrüttelnder Roman, der Mut macht Fragen zu stellen, über Verschwiegenes zu sprechen und Wege zu suchen, wie mehr Gerechtigkeit in die Welt kommen kann.

Mutter und Sohn

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Nell Leyshon: Der Wald, Eisele Verlag Tb 2020 € 12,00

Die zart gezeichneten Vögel, Zweige und Früchte auf dem Buchumschlag deuten auf das sensitive Seelenleben von Zofia und Pawel hin. Mutter und Sohn sind durch die Kriegswirren des Zweiten Weltkrieges in Warschau sehr aufeinander bezogen. Zofia, eine musikalische Frau aus großbürgerlichen Verhältnissen muss lernen, in zunehmender Beschränkung zu leben, bis hin zum Leben in einem Versteck im Wald. Pawel ist ein kleiner, ängstlicher genau beobachtender Junge. Die Beiden werden die Kriegszeiten überstehen und als Sofia und Paul in England leben. Die emotionale Nähe wird auf eine große Probe gestellt als Sofia begreift, dass ihr Sohn homosexuell ist und sie ihr Bild vom Leben neu sortieren muss. Die Autorin Nell Leyshon lässt ihre Figuren in einer Weise agieren und denken, die dem Leser viele Impulse gibt. Sie schreibt in einer schönen, nachdenklichen Sprache, die den Leser gerne manche gedanklichen Umwege mitgehen lässt in einer durchaus spannenden und in vielerlei Hinsicht bereichernden Geschichte. Ein grandioser Roman!

Liebe und Klavier

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William Boyd: Blinde Liebe, Heyne TB 2020 € 10,99

Mit Brodie Moncur reisen die Leser quer durch Europa: von Edinburgh über Paris nach St. Petersburg, nach Biarritz, Nizza, Genf, Wien, Graz, Triest - und dann sogar nach Indien. Es ist die Zeit um die Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert. Brodie Mancur ist ein sehr versierter Klavierstimmer und seine Begabung öffnet ihm viele Türen. Dass er sich mit Mitte zwanzig in eine bereits liierte Frau verliebt, für die er alles zu tun bereit ist, führt zu einem zusehends an Spannung aufnehmenden Aspekt einer ohnehin fesselnden Geschichte. Ein Roman zum Eintauchen mit interessanten, gut gezeichneten Figuren und faszinierenden Schauplätzen!

Coole Großeltern

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Jochen Till: Opa müffelt, Oma schnarcht, Tulipan 2019 € 10.-

Die Reihe "Tulipan Kleiner Roman" richtet sich an gute Leser ab 7. Handlich und klein passen die Bücher unter jede Bettdecke oder ins Handgepäck für unterwegs. Auch Jochen Tills Hauptfigur Lutz befindet sich auf dem Rücksitz des Autos seiner Eltern. Sie bringen ihn zu Oma & Opa. Dort soll er zwei Tage bleiben. Lutz, der vier Jahre mit seinen Eltern in Amerika lebte, kann sich an seine Großeltern überhaupt nicht erinnern und malt sich das Wochenende in den schrecklichsten Farben aus. Aber dann kommt natürlich alles ganz anders und Oma & Opa sind viel cooler, als er gedacht hat. Ein typisches Jochen Till Buch kommt natürlich nicht ohne verstolperte Missverständnisse und viel Witz aus. Eine schöne Wochenendlektüre fürs Grundschulalter.

Gespür für Sprache und Musik

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Katharina Mevissen: Ich kann dich hören, Wagenbach 2019 € 19.-

Osman studiert Cello in Deutschland, wo er auch aufwuchs. Er lebt in einer WG, er hat einen türkischen Musikervater und eine deutsche Mutter, die die Familie in Osmans früher Kindheit verließ. Die Schwester des Vaters zog ihn und den Bruder groß. Osman mag Luise und er hört Kassettenaufnahmen,  die nicht für ihn bestimmt sind. Das Hören in vielen Nuancen und auch das Nicht-hören-Können spielen eine große Rolle in diesem Debüt von Katharina Mevissen, die eine sehr sensible Sprache findet für innere Ungereimtheiten und äußere Überraschungen.

Einfach Miteinander

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Alyssa Hollingsworth: 1x Pech und 11x Glück, Loewe Verlag 2019 € 14,95

Samir lebt erst vier Wochen in Amerika, als ihm das Einzige, das ihm aus seiner Heimat Afghanistan geblieben ist, eine Saiteninstrument, die Rubab seines Großvaters, in der U-Bahn entrissen und geklaut wird. Entlang der verzweifelten Suche und der genialen Idee, wie man Geld für ihren Rückkauf beschaffen könnte, erzählt Hollingworth eine Geschichte von sich langsam aber stetig vollziehender Gemeinschaft und Migration, aber auch von den Lebenswelten afghanischer Familien. Samirs Tauschgeschäfte bringt die Menschen ins Gespräch. Gewissenhaft recherchiert und auf eigener Erfahrung mit Afghanistan basierend erzählt dieser Text neben dem spannenden Krimi, der Generationengeschichte und Flucht, von Hilfsbereitschaft, Gastfreundschaft und Freundschaft, einem Miteinander der Menschen, das immer dann funktioniert, wenn das Wissen und das Miterleben von anderen Lebenswelten Vorurteilen keinen Raum mehr lässt, dafür aber die Neugier weckt, mehr aus erster Hand zu erfahren. Dieser, uns alle betreffende Ansatz ist absolut gelungen und das Buch sei als guter Einstieg in die Flüchtlingsthematik wärmstens empfohlen.

Das Harmonium auf dem Dachboden

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Francesco Vidotto: Der Klang eines geanzen Lebens, Lübbe Verlag 2018 € 16,00

Das einfache, arme, dörfliche Leben vor, während und nach dem 2. Weltkrieg in den Dolomiten; kindliche Freundschaft, die zu Liebe wrid; Verlust geliebter Menschen; Musik, die von den Bergen und den Sternen erzählt; tragische Unfälle und das Leben danach, lang erprobte und unerwartete Freundschaft; Füreinanderdasein. Ein schönes, kraftvolles, trauriges, berührendes Buch!

Am Bauhaus in Weimar

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Tom Saller: Martha tanzt, List Verlag € 20,00

Martha sieht schon als Kind Formen, wenn sie Musik hört. Wolfgang, der wie ein väterlicher Freund in Marthas Familie lebt, versteht sie und weiß vom neu eröffneten Bauhaus in Weimar. Vielleicht findet sie dort heraus, wie sie diese Fähigkeit umsetzen kann? So folgt der Leser Martha ins Weimar der 1920er Jahre und ihrem Weg zu den großen Meistern, zu ihrer ersten Frauenfreundschaft, zum Ausdruckstanz und  beobachtet mit ihr das Erstarken der rechten Kräfte. Nach fünf Jahren kehrt Martha in ihre Heimat Pommern zurück, wo sie ihren sehr eigenen Weg geht. Wie sie die Kriegszeiten überlebt, erschließt sich aus der Rahmenhandlung in der heutigen Zeit, da ihr Tagebuch auftaucht und einen jugendlichen Leser in seinen Bann zieht.

Der Zauber der blauen Stunde

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Dorothée Kreusch-Jacob, Quint Buchholz: Sonne, Mond und Abendstern, Hanser Verlag 2017 € 24.-

Kostbar für alle ist der Moment, in dem die Nacht den Tag umfängt. Die blaue Stunde birgt so manchen Zauber und lässt den Menschen innehalten. Erst wenn die Eltern zur Ruhe kommen, finden auch die Kinder den Schlaf. Dieses Buch ist ein musikalisch, literarisch und künstlerischer Schatz zur Blauen Stunde. Es regt zum Singen an, egal wie tonsicher man trifft, entschleunigt und darf in keinem Kinderzimmer fehlen. Quint Buchholz und Dorothée Kreusch-Jacob erzählten an diesem Abend von ihrer Kunst, von Lyrik und Musik zur Blauen Stunde und von der Bedeutung von Abendritualen. Sie gaben Kostproben an der Gitarre  und von Texten aus ihrem neuen Buch „Sonne, Mond und Abendstern“.

Ruhig und kraftvoll

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Colm Toibin: Nora Webster, Hanser 2016, € 26,00

Nach dem viel zu frühen Tod ihres Mannes muss Nora sich neu finden. Sie lebt in einer irischen Kleinstadt in den 60er Jahren, jeder kennt jeden und es gibt Regeln über Regeln, wie "man" sich zu verhalten habe. Nora ist eine unauffällige Rebellin und wird sich Stück für Stück aus der inneren und äußeren Enge befreien.Colm Toibin beschreibt ruhig und glaubwürdig Noras Leben, mit ihren zwei Söhnen zuhause, zwei fast erwachsenen Töchtern, der neu aufgenommenen Arbeit, den vielen Gedanken und Fragen, die sie umtreiben. Die Musik wird ihr helfen, eine eigene Welt zu entdecken, die sie den Alltag selbstbewusster und freier erleben lässt. Ein schön zu lesender Roman über eine Frau, die gleich meine Sympathie hatte und mir ans Herz gewachsen ist.
 

Musik im Herzen

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Claudia Schreiber: Solo für Clara, Hanser 2016 € 16,90

Es ist nicht nur ein schwarz lackierter Kasten der im Wohnzimmer steht, für mich ist das mein Leben" Zitat: Claudia  Schreiber, Solo für Clara

In Solo für Clara erzählt Claudia Schreiber das harte Leben von einem Mädchen, dass nicht aufgibt und ihrem Traum folgt.  Man merkt das Claudia Schreiber mit vielen Musikern und begabten Kindern gesprochen hat und so das Leben in diesen Kreisen gut schildert. Auch der Druck und der Konkurrenzkampf unter dem die Kinder stehen, wird sehr gut vermittelt. Clara wird im Laufe des Buches immer älter. Sie ist ehrgeizig, besessen vom Klavier und eigenwillig. Ihren Egoismus gesteht sie sich oft selbst ein. Ich mag es jedoch, dass sie nicht unfehlbar ist – im Gegenteil, sie wirkt sehr authentisch und echt. Auch Claras Eltern, die sie so unglaublich unterstützen, sind mir sehr sympathisch und ich respektiere sie für so manches, dass sie durch machen mussten. Die Geschichte ist zunächst bedingt spannend, doch irgendwann nimmt Clara einen mit und man fühlt sich wohl. Mir kam es vor als würde sie mir alles selbst erzählen. In den kursiven Gedankengänge hätte ich lieber im normalen Text eingewoben gelesen. So fand ich sie eher unnötig. Obwohl ich mit dem Thema klassische Musik nicht viel zu tun habe und mich es auch nicht interessiert, schaffte Claudia Schreiber mich zu begeistern. Vor allem die Klavierstücke konnte die Autorin lebendig und so schön beschreiben, dass sie mich faszinierten, obwohl ich sie nicht gehört hatte. Die erwähnten Stücke kann man natürlich im Internet anhören, was ich jetzt eher nicht getan habe, da ich das Buch an einem Stück gelesen habe. Jedoch empfehle ich die Musik aus dem Buch im Hintergrund beim Lesen zu hören, was ich in der letzten Lesestunde getan habe. Es war wunderschön, angenehm und vor allem das Glöckenspiel “La Campanella” konnte mich begeistern. Obwohl das Ende schön war, hätte ich mir noch einen kleinen Epilog gewünscht, in dem Clara erwachsen ist.

Das andere Autobuch

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Thomas Müller: Der Traktor und der Esel, Moritz Verlag € 10,95

Hier heißt der Bulldog ganz unbaierisch Traktor. Macht nichts. Schon wieder was gelernt, für die von Jungs geliebte Sammlung von Autobezeichnungen. Wegen eines Streits ziehen Traktor und Esel allein durch die Lande Richtung Meer. Jeder will der Erste sein, doch unterwegs passiert allerhand, was aufhält. Und wie könnte es anders sein: kurz vor Schluss geht der Traktor kaputt und sehnt sich nach dem Esel und andersherum. Die beiden finden zueinander und auch das Meer. Diese kurzweiligen Reime kann man lesen oder singen: „Der Traktor und der Esel, die hatten einen Streit“ Ein beschwingtes Pappbilderbuch, nicht nur für Jungs, die schon ein Autobuch haben. 

London, IRA & der Punk

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Kevin Brooks: Live fast, Play Dirty, Get Naked, dtv 2015 € 9,95

London 1979: Der chaotische Curtis, die anfangs zurückhaltende Lili, der immer schweigende Stan und William, dessen Vater von der IRA ermordet wurde und der nach London gezogen ist, um von der IRA unbemerkt zu bleiben, sind alle komplett verschieden. Trotzdem eint sie die Punkmusik und sie gründen die Band „Naked“ mit der sie auch erste Erfolge erleben. Lili und Curtis sind ein Paar, aber Lili wird immer unzufriedener, weil Curtis Drogen nimmt, noch unzuverlässiger wird und sie betrügt. Curtis selbst hingegen arbeitet fieberhaft an Karriere und Durchbruch, er ist geradezu besessen von Ruhm und Geld. William versucht währenddessen den Tod seines Vaters zu rächen und schleust sich bei der IRA ein.
Kevin Brooks geht auf die einzelnen Charaktere und deren Probleme ein und schildert sehr authentisch, wie die Punkmusik begann. Man kann sich die Geschichte sehr lebhaft und „bunt“ vorstellen, weil viele wichtige Details beschrieben werden und man sich den Personen sehr nahe fühlt, da sie meiner Meinung nach sehr menschliche Schwächen haben.