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Unterwegs im autoritären Regime

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Annette Pehnt: Alles was Sie sehen ist neu, Piper, € 18,00

Nime ist die geheimnisumwobene charismatische männliche Figur dieses Romans. Er lebt in Kirthan und ist Reiseleiter einer Touristengruppe, die versucht, ein wenig von diesem ihnen fremden Land zu begreifen. Es wird über verschiedene Episoden aus dem bisherigen Leben des erzähltalentierten Nime berichtet und diese geben Einblick in das Leben auf dem Land und in der Stadt in einem autoritären Regime. Und dann sind da noch die Eindrücke und Blickwinkel derer, die das Land bereisen. So setzt sich ein interessantes Kaleidoskop zusammen.

Grandios!

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Jason Lutes: Berlin. Gesamtausgabe, Carlsen 2019 € 46.-

Heute steht die Weimarer Republik im Fokus und hält für so manchen Vergleich zur heutigen Zeit her. Lutes begann dieses, zwanzig Schaffensjahre umfassende, Werk 1994. In symphonischer, atemraubender Manier hat das Leben in der Großstadt Berlin zwischen 1928-1933 auf 550 opulente Seiten gebannt. Da ist Marthe. Sie flüchtet vor einer arrangierten Heirat in ein Kunststudium nach Berlin. Im Zug lernt sie den Journalisten Kurt Severing kennen, der ihr in der fremden Stadt die ersten Schritte erleichtert. Er arbeitet für Ossietzkys Weltbühne, mit Ringelnatz als Freund an seiner Seite. Marthes Liebe zu Severing wird zum beständigen Auf und Ab und bald durch eine neue Tonart erweitert. In der Kunstschule lernt sie Anna kennen. Ein junge Frau, die sich als Mann kleidet und fühlt. Die ganze Stadt ist in Bewegung. Eine Zeit am Abgrund. Eine Zeit in der sich Hass und Gewalt formieren. Eine Zeit, die atemlos macht. Und sprachlos. Eine Zeit, in der Severking an der Macht seiner Worte zu zweifeln beginnt und doch sind es Worte, die hetzen, verbünden, trennen und aufzuwiegeln verstehen.  Weitere Geschichten kreuzen den Weg.  Da ist Sylvia. Ihre Eltern sind Arbeiter. Mit dem Arbeitsplatzverlust der Mutter trennen sie sich und teilen die Kinder auf.  Gudrun stirbt bei einer Demonstation der KPD auf der Straße. Sylvia wird sich auf der Straße durchschlagen und selbst zur Kommunistin. Eine zeitlang gewährt ihr eine jüdische Familie Unterschlupf. Ihr Vater und ihr Bruder werden Anhänger der Nationalsozialisten. Da ist Margarethe, einst Severkings Geliebte. Sie kommt aus großbürgerlicher, industrieller Welt, die sich am Ende ebenso mit Hitler verbünden wird.  Vor großartig eingefangener Stadtkulisse in scharfem schwarzweiß, zwischen gleißendem Licht und erbarmungslosen Schatten zeichnet Lutes laute und stille Lebensdramen, politische Umbrüche, Untergang und Hoffnungsschimmer und eine sich mit Angst füllende, widersprüchliche, bald berstende Welt. Diese graphic novel bietet viele Ebenen. Man kann sie wieder und wieder lesen und Neues entdecken. Die Gesamtausgabe umfasst die drei Einzelausgaben in größerem Format und wurde um Erklärungen zu Bauwerken und Plätzen der Stadt, sowie Skizzen und einem Interview mit Jason Lutes ergänzt. Sie ist ein Schmöker, ein Gedicht. Sie ist absolut lesenswert.

Auf Bärenfährte

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Katja Gehrmann: Stadtbär, Moritz Verlag 2019 € 10,95

Wenn man in eine andere Gegend zieht, lebt es sich angepasst leichter. Das weiß jedes Tier. Selbst der Bär, noch neu in der Stadt, bemerkt nach seiner ersten Kollision mit einem Menschen: "Solche Sachen trägt man hier also? Dann mach ich das besser auch so." Schwupps setzt er Hut und Sonnenbrille auf und nimmt die Tasche unter den Arm, die der Mensch liegen gelassen hat. Sie ist voller.....das sei hier aber nicht verraten. Der Bär macht sich auf die Suche nach seinen Freunden: dem Fuchs, dem Biber, dem Dachs und dem Marder. Alle sind in Stadt umgezogen, denn hier gibt es reichlich Nahrung und guten Unterschlupf. Es lebt sich bequem, solange man eben unbemerkt bleibt. Aber wie soll ein großer Bär unbemerkt bleiben?