Articles tagged with: Kunst

Von lauten und leisen Tönen einer Freundschaft

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Tessa Hadley: Zwei und zwei, Kampa Verlag 2020, € 22,00

Zwei Freundinnen, die durch dick und dünn gehen und nicht unterschiedlicher sein könnten. Als sie im Studium dem Literaturprofessor Alex begegnen, versteift sich Lydia darauf, ohne ihn nicht leben zu können. Obwohl Alex verheiratet ist, drängt sie sich in dessen Leben. Christine unterstützt die Freundin trotz gewisser Vorbehalte. Sie, die Stillere und Nachdenkliche, wird von Lydia kurzerhand mit Alex Freund Zachary verkuppelt, damit die Welt wieder in Ordnung ist. Zwei und Zwei ... und doch beginnt das Buch mit dem Tod von Zachary und der Frage, was es mit den anderen Dreien macht. Als Leser hält man nicht mit seiner Empörung zurück: Wie kann Lydia nur die Ehe von Alex auseinander bringen, um dann Zachary zu heiraten! Aber auch hier fügt sich alles wieder, denn Christine wird Alex heiraten. Zwei und zwei, beide Paare haben eine inzwischen erwachsene Töchter, als Zachary stirbt. Während der Verlust von den Zurückgebliebenen verarbeitet wird - und das auf ganz unterscheidliche Weise - rücken Lydia und Alex zusammen, während Christine am Ende allein zurück bleibt. Zwei und eins, das kann nicht gut gehen, wer hätte das geahnt.  Eine moderne, vielschichtige Ehe- und Freundschaftsgeschichte, deren Faszination darin liegt, dass man immer wieder auf das stößt, was hätte sein können und nie laut ausgesprochen wurde. Zwei und zwei hat sich beim Lesen darum oft ganz anders angefühlt.

Endlich verliebt

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Samine Lemire, Rasmus Bregnhoi: Mira 03. #kuss #kunst #familie

Mira ist ein richtig großes Mädchen geworden und endlich, endlich ist sie auch verliebt. Wie konnte sie sich früher nicht sicher sein, ob sie verliebt ist? Jetzt weiß sie, dass einem das völlig klar ist! Ansonsten ist alles beim Alten. Ihre chaotische, liebenswerte Mutter ist nur noch viel öfter als früher voll peinlich. Ihr Oma ist der Fels in der Brandung wechselnder Gefühle und ihr richtiger Papa, den sie noch nicht so lange kennt ist also wirklich ihr richtiger Papa. Ein wenig zweifelt Mira noch uns stellt unerlaubte Nachforschungen im Tagebuch ihrer Mutter an. Und natürlich sind da noch ihre Freundinnen und Freude und ein große Müll-Schrott- Kunstprojekt. Jeder Mira-Band scheint noch besser als der Vorhergehende. Unbedingt Lesen! Das darf gerne so weitergehen.

Allein auf weiter See

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Speeches of Note, Shaun Usher (Hrsg.), Heyne Verlag 2019 €35,00

Allein beim Durchblättern dieses Buches bekommt man Gänsehaut. Wie ein Paukenschlag eröffnet das BIld einer Schlinge am Galgen die Sammlung von Reden, die laut Herausgeber die Welt veränderten. Das Bild, zusammen mit der Rede eines irischen Mörders, der unter dem Galgen die von Herrschern in unzähligen Kriegen in Kauf genommenen Opfer seiner Einzeltat aus Hunger und Not gegenüberstellt, ergeben ein Ganzes und lesen sich wie ein Appell an die Mächtigen dieser Welt. Etliche Seiten weiter steht die fünfzehnjährige Malala, Überlebende des Anschlags eines Taliban auf ihr Leben, als einsame Kämpferin gegen Armut und für mehr Bildung vor den Vereinten Nationen. Die Kompositionen von Bild und Text sind gut gewählt, lassen den Leser innehalten, nachdenklich werden und Weltbewegendes entdecken. In den Reden geht es um unterdrückte Minderheiten und Vorurteile, um umweltbewusstes Denken, um Künstler, die ihr Inneres nach außen kehren, um antikes Gedankengut genau wie um politisch aktuelle Themen. Shan Usher hat gut daran getan, die Archive dieser Welt für dieses Buch zu durchforsten.

Wellenschlag und Palastgeflüster

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Judith Mackrell: Der unvollendete Palazzo, Insel, € 25,00

Ein Buch, drei Biografien: Judith Mackrell verwebt die Lebensgeschichten der drei Frauen, die in der Zeit von 1912 - 1979 die Herrinnen des Palazzo Venier dei Leoni am Canal Grande in Venedig waren: Luisa Casati (1881-1957), Doris Castlerosse (1900-1942), Peggy Guggenheim (1998-1979). Diese drei Frauen hatten einige Gemeinsamkeiten: sie haben ihr Leben sehr bewusst gestaltet, waren sehr auf die Wirkung ihrer Erscheinung fokussiert, es war ihnen wichtig, eine Rolle in der Gesellschaft zu spielen, sie haben vielfältig geliebt und gelitten. Sie waren umgeben von Künstlern, Literaten, Politikern und Aristokraten ihrer Zeit, so dass wir Leser viele weitere biografische Details anderer Persönlichkeiten finden über Venedig hinaus in Italien, Frankreich, England und den USA. Ein Buch für Kulturinteressierte und Venedigliebhaber, das mitnimmt in eine pulsierende, vergangene Zeit.

Die Wohltat der Kunst

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David Foenkinos: Die Frau im Musée d`Orsay, Penguin Tb € 11,00

Warum nur hat der Kunstprofessor Antoine Duris Hals über Kopf seine Vorlesungen und Seminare abgesagt und ist mit nur einem Koffer nach Paris gegangen? Wo er noch dazu eine Stelle als Wärter im Musée d`Orsay annimmt? Diese Fragen beantworten sich Stück für Stück mit dem Schicksal einer jungen Frau in Lyon, die großes Talent in der Malerei zeigt und so wie Antoine Duris das wohltuende, heilsame von intensiven Betrachtungen geliebter Gemälde kennt. Der Roman erzählt eine Geschichte die zeigt, dass auch nach tiefer Dunkelheit Licht erstrahlen kann.

Coole Großeltern

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Jochen Till: Opa müffelt, Oma schnarcht, Tulipan 2019 € 10.-

Die Reihe "Tulipan Kleiner Roman" richtet sich an gute Leser ab 7. Handlich und klein passen die Bücher unter jede Bettdecke oder ins Handgepäck für unterwegs. Auch Jochen Tills Hauptfigur Lutz befindet sich auf dem Rücksitz des Autos seiner Eltern. Sie bringen ihn zu Oma & Opa. Dort soll er zwei Tage bleiben. Lutz, der vier Jahre mit seinen Eltern in Amerika lebte, kann sich an seine Großeltern überhaupt nicht erinnern und malt sich das Wochenende in den schrecklichsten Farben aus. Aber dann kommt natürlich alles ganz anders und Oma & Opa sind viel cooler, als er gedacht hat. Ein typisches Jochen Till Buch kommt natürlich nicht ohne verstolperte Missverständnisse und viel Witz aus. Eine schöne Wochenendlektüre fürs Grundschulalter.

Unter Künstlern in Rom

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Christian Schnalke: Römisches Fieber, Piper Verlag  € 22,00

Ein sehr schön zu lesender Roman über die deutschen Dichter und Maler in Rom im Jahre 1818. Frei erfundene Figuren bewegen sich unter historisch verbürgten aus den künstlerischen, religiösen und politischen Kreisen. Im Zentrum steht Franz Wercker, der aus ärmlichen Verhältnissen kommt, die Literatur lieben lernt und plötzlich die Gelegenheit bekommt, in die Rolle eines anderen zu schlüpfen: in die des jungen Poeten Cornelius Lohwaldt, ausgestattet mit einem Stipendium für Rom und eben auf dem Wege dorthin. In Rom angekommen, wird Franz Höhen und Tiefen erleben, Freundschaft, Egozentrik, Abhängigkeit, Erfolg und Verriss, liebevolle Zuwendung und Hinterhältigkeit. Ich habe mich hineingesetzt gefühlt in diese Monate in Rom und der grundehrliche Franz in seinem Glück und Dilemma des Versteckspiels hat eindeutig meine Sympathie gewonnen!

Zwei eigenwillige Frauen

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Beate Teresa Hanika: Vom Ende eines langen Sommers, Btb € 20,00

Die 40-jährige Bildhauerin Marielle hat nie die ersehnte Nähe zu ihrer Mutter, beziehungsweise  Adoptivmutter, erleben dürfen. Nachdem diese verstorben ist, gelangen Tagebücher ihrer Mutter zu ihr, in denen diese von ihren Erlebnissen 1944 in der Toskana erzählt. Auf dem Landgut in den Hügeln nahe Lucca, in dem Marielle seit Kleinkindzeiten ihre Sommer verbringen wird, erleben beide Frauen ganz Entscheidendes und Lebensbestimmendes. Ein auch zeitgeschichtlich interessanter Roman über zwei eigenwillige Frauen!

Alte Meister neu verpackt und fesselnd erklärt

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nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2019, Sachbuch

Susanna Partsch: Schau mir in die Augen, Dürer. Die Kunst der alten Meister erklärt von Susanna Partsch, Beck Verlag 2018 € 28.-

Weshalb trägt Maria immer einen blauen Mantel? Wieso malte Rubens mit Vorliebe füllige Frauen? Wie lassen sich die großen Formate durch kleine Museeumstüren transportieren? Reden wir hier wahrlich über 500 Jahre alte Schinken? Die ästhetische Aufmachung dieses mit großer Liebe gestalteten Buches ist ein Hingucker. Die aktuellen Fotos von ungeahntem, musealem Treiben lassen staunen. Susanna Partschs erhellenden Erklärungen fesseln wie ein Krimi. Sie liefert wohldosierten Einblick, Aha-Erlebnis und packendes Detail in rasantem Wechsel. Ein Buch, mit dem man gleich ins nächste Museum laufen möchte.

Anekdoten gespickte Pastete, regionale Spezialität

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Volker Weidermann: Träumer. Als die Dichter die Macht übernahmen, Kiepenheuer& Witsch, € 22,00

Revolution in München

Mitreißend und lebendig erzählt Volker Weidermann über die Revolution 1918 in München. Der Leser ist dabei, wenn Kurt Eisner seine feurigen Reden hält, er schaut Thomas Mann über die Schulter, wenn er in sein Tagebuch schreibt und trommelt mit Oskar Maria Graf die Münchner Bürger zur großen Versammlung zusammen. Auch anderen literarischen Größen kommt der Leser ganz nah: Ernst Toller, Rainer Maria Rilke Erich Mühsam, Viktor Klemperer. Er fiebert mit ihnen und ihren Visionen, wie Kunst und Politik zusammen etwas Neues schaffen können. Das subjektive Einfühlen in historische Begebenheiten ist Volker Weidermann glänzend gelungen. und bevor die Schüsse fallen, die Kurt Eisner das Leben kosten, darf auch herzhaft gelacht werden!

 

Der Garten im Haus – von Fläche, Form & Farbe

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Samantha Friedman, Christina Amodeo: Matisse und sein Garten, Diogenes Verlag/ Museum of Modern Art € 20.-

Ganz schlicht im Text erzählt dieses rundum gelungene, in farb- und formbetonender Collagetechnik illustrierte Bilderbuch, wie der Künstler Matisse den Ausdruck der Formen entdeckte. Man nehme Papier und Schere, schneide eine Form und klebe sie an die Wand. Etwas später kommt ein Hintergrund dazu. Und Form mit Gegenform. Kinderleicht wirkt das Spiel. Ein ganzer Garten im Zimmer entsteht. Dieser unmittelbarer Einstieg in die Kunst fesselt den Betrachter und fordert ihn geradezu auf, die Schere gleich selbst in die Hand zu nehmen. Eingebettet in die kleine Geschichte finden sich sieben Original-Scherenschnitte von Matisse, die zum Teil auf prächtigen, aufklappbaren Doppelseiten präsentiert werden. Auf dem mattierten, für ein Bilderbuch ungewohnt starken Kunstdruck- Papierseiten strahlen sie dem Betrachter in besonderer Intensität entgegen. Ein Buch zum Verweilen und Träumen. Ein Buch, dass die eigene Kreativität anregt.

Bookuck 2017: Poesie beim Einkaufsbummel

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Kennen Sie ein Reim aus Kindertagen? Sie dürfen das Dichten auch selber wagen.“ Die Frage nach einem Lieblingsgedicht für unseren Poesie Parcours entfachte ungeahnte Resonanz. Kaum war das Schaufenster für bookuck dekoriert staunten wir nicht schlecht. Ob Groß, ob Klein, ein jeder trug ein Gedicht im Herzen, das uns dann gleich vom Tresen weg vorgetragen wurde. Unsere Palastgemächer füllten sich mit unzähligen Reimen, poetischen Sentenzen und Sprachspielereien. Die farbigen Kartons, auf denen man sein Gedicht für diese Aktion beisteuern durfte, fanden reißenden Absatz. Manche beschrieben ihn gleich im Laden, andere steckten ihn zu ihren Einkäufen und brachten ihn als kleines Kunstwerk zurück, mit Worten in Schönschrift und Bildern verziert. Im Moment der Übergabe wurde das Werk oft mit einer Geschichte umrahmt, die uns von der Verbindung des gewählten Gedichtes zum Schreiber erzählte. Neben Klassikern wie Ringelnatz und Morgenstern, Fried, Goethe, Brecht, Benn, Domin und Kaleko, Songtexten und kleinen Zweizeilern waren auch unzählige selbst gedichtete Verse dabei. Die fiktionale "Wäscheleine" der Gedichte wuchs zum „kilometerlangen Strang“.

Fange den Räuber

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Thé Tjong Khing: Kunst mit Torte, Moritz Verlag 2017 € 13,95

Ein Kunsträuber und Tortendieb trieb im Buchpalast sein Unwesen! 31 Kinder versuchten ihm in einem Rätselrennen auf die Spur kommen. Die Ralley führte in das Buch "Kunst mit Torte" von Thé Tjong-Khing. Im Buchpalast konnte man dazu auch sein Skizzen und Ideen zu diesem Buch in einer Ausstellung bestaunen. Bei einemTortenschmaus wurden die Sieger gekürt. Wir verlosten drei sigierte Bücher mit einer kleinen Originalzeichnung von Thé Tjong-Khing und freuten uns über alle Hobbykriminologen!

Premierenlesung: Margret Greiner stellt das Leben der Künstlerin Charlotte Salomon vor.

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 "Am 17. April 2017 jährt sich ihr Geburtstag zum 100. Mal, ein Anlass für mich, diese besondere Künstlerin ins Licht zu stellen." Margret Greiner
Sie war im weitesten Sinne eine Autodidaktin. Ein Kindermädchen brachte sie zum Malen, die Kunsthochschule besuchte sie nur kurze Zeit. Als Jüdin verfolgt und ins Exil getrieben, zeichnete und schrieb sie vor ihrer Deportation über ihr Leben. Sie hinterließ einen Koffer mit 1325 Gouachen expressionistischen Stils, auf die Margret Greiner in ihrer Biografie immer wieder sehr engen Bezug nimmt und uns damit eine faszinierende Künstler-Persönlichkeit präsentiert. Katrin Rüger

Ist Zeit messbar?

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Christoph Ransmayr: Cox oder der Lauf der Zeit, Fischer, 22,00 €

Der Roman " Cox oder der Lauf der Zeit" von Christoph Ransmayr ist ein literarisches Meisterwerk, das den Leser in die Mitte des 18. Jahrhunderts führt. Der Londoner Uhrmacher und Automatenbauer Cox folgt mit drei seiner Gehilfen dem Ruf des chinesischen Kaisers Quiánlóng nach Beijing. Die Aufträge des Kaisers verlangen die künstlerische und mechanische Umsetzung philosophischer Gedanken: So entsteht die Winduhr, um das Zeitempfinden eines Kindes zu zeigen oder sie Glutuhr, die die endende Lebenszeit eines Menschen veranschaulicht. Der Wunsch nach einer zeitlosen Uhr, die auch das Zufällige in sich birgt und die Ewigkeit messen soll, stellt die größte Herausforderung dar. Geradezu märchenhaft entsteht ein Bild des alten Chinas, in dem Prunk und Schönheit neben Willkür und Grausamkeit zu finden sind, beherrscht von einem als allmächtig anerkannten Kaiser. Ein besonderes, reiches, bildgewaltiges und nachdenkliches Buch, dem der Fischer Verlag ein edles Äußeres gegeben hat.

Wohltuende Literatur

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J.L. Carr: Ein Monat auf dem Land, DuMont Verlag 2016 € 18,00

 

So wie der "Monat auf dem Land" in Nordengland dem jungen Erzähler wohltut, tut es das Buch dem Leser, der Leserin. In schöner und ganz natürlicher Sprache erzählt der Restaurator von seinem Auftrag, ein übertünchtes Fresko in einer Dorfkirche freizulegen. Es ist das Jahr 1920, der erste Weltkrieg hat Spuren in den Menschen hinterlassen, das ländliche, sommerliche Leben wirkt heilsam. Gesicht für Gesicht, Figur nach Figur befreit der Restaurator ein Meisterwerk des jüngsten Gerichts, erzählt von den besonderen Farben, dem Ausdruck der Figuren und seiner Faszination. Er schließt Bekanntschaften und Freundschaften in dem kleinen Ort und eine zarte heimliche Liebe wärmt ihn. Der Roman war 1980 für den Booker Preis nominiert und wurde nun endlich ins Deutsche übersetzt.

Auf kreativer Jagd nach Inspiration

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Christoph Niemann: Sunday Sketching, Knesebeck 2016 € 34,95

Auf den ersten Blick ein Fotoapparat, auf den zweiten ein offenes Tintenfässchen, durch das der Betrachter die Welt sieht. Nichts könnte passender sein, für einen Band des Künstlers Christoph Niemann. Seine Striche lässt er flächig aus Pinseln oder punktgenau aus Stiften und Federn laufen, mal komponiert er Flächen dazu, einen Alltagsgegenstand.  In minmalistischer Sparsamkeit blickt Christoph Niemann mit seinen kunstfertigen Sketchen auf die Welt. Elf Jahre lebte er in New York, arbeitete für The New York Times Magazine, zeichnete dort die Kolumne abstractsunday  und gestaltete Cover für The New Yorker. Heute lebt der gebürtige Süddeutsche in Berlin. Sunday Sketching erzählt von seinem Leben, seiner Arbeit als Künstler, seinen Zweifeln, seiner Angst sich nicht immer wieder neu erfinden zu können. "Mit Kreativität kann man nicht effizient sein", sagt er. Es bedarf Raum für Fehler und gerade wenn es gut läuft, sollte man die Richtung wechseln. Und nicht zuletzt muss man immer wieder das Sehen üben und den Blick neu öffnen. Dieser Band umfasst Werke aus allen Epochen. Auf jeder Seite ein eigenständiges Kunstwerk und doch, in seiner Gesamtheit ein visuelles Seelenleben, das zu faszinieren und inspirieren vermag.

Reales und Fiktives rund um eine Palladio Villa

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Felix Kucher: Malcontenta, Picus Verlag 2016, € 24.-

Die Villa Malcontenta am Brentakanal, nahe Venedig gelegen und von Palladio erbaut, ist der Dreh- und Angelpunkt für drei männliche Figuren in diesem Roman. Battista Franco, der um 1560 die Fresken in der Villa malt und in einem Tagebuch von seinem Leben berichtet; Bertie Landsberg, Bankierssohn, der nach einem ausschweifendem Leben um 1912 die Villa erwirbt und dort seiner Sehnsucht nach Harmonie und Schönheit nachgeht; Said, Graffitikünstler und Flüchtling aus Lybien, der 2012 bei der Villa eine Chance bekommt.
Das Buch begeistert in seiner Vielseitigkeit durch die drei so unterschiedlichen Lebensläufe und gibt gleichzeitig Einblicke in das Leben bekannter Persönlichkeiten: Tizian, Michelangelo und Georgio Vasari als auch Matisse, Strawinsky, Cole Porter und viele weitere. Beste Unterhaltung für Italien - und Kunstliebhaber! Nach der Lektüre dieses Buches möchte man am liebsten gleich die Villa Malcontenta besuchen...

Was ist denn daran Kunst?

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Susanna Partsch: Wer hat Angst vor Rot, Gelb, Blau, C.H. Beck Verlag € 19,95

Die Erfahrung vor einem modernen „Kunstwerk“ zu stehen und sich ratlos zu fragen, was das jetzt eigentlich darstellen soll, beziehungsweise wieso dieses Werk das Prädikat Kunst verdient hat teilen sicherlich einige mit mir. 
Susanna Partsch hat es sich zur Aufgabe gemacht Kinder und Jugendlich - ja vielleicht auch dem ein oder anderen Erwachsenen - mit ihrem Buch „Wer hat Angst vor Rot, Gelb, Blau“ einige dieser Fragen zu beantworten. Dafür wählt sie 60 Kunstwerke aus anhand derer sie die Entwicklung vom gegenständlichen Malen über abstrakte Kunst bis zu Installationen aus den letzten Jahren erklärt.
Sehr deutlich treten die gegenseitigen Einflüsse der Künstler hervor und die Werke werden verständlich in ihren politischen und geistesgeschichtlichen Hintergrund eingeordnet. Obwohl ein Sachbuch, noch dazu für ein jüngeres Publikum, ist der Text durchgehend in zusammenhängenden und aufeinander aufbauenden Kapiteln gegliedert, was zu einem flüssigen Lesegenuss führt, der es einem schwer macht, ein mal zu lesen begonnen, das Buch beiseite zu legen. Partschs Herangehensweise an die Bilder und deren Deutung machen Lust selbst ein Museum aufzusuchen und ein mal auf eigene Faust nach den Botschaften der ausgestellten Kunstwerke zu forschen.
Anna, 18 Jahre

Künstlerischer Aufbruchswille

Jetzt will ich mir selbst gehören

Margret Greiner: Charlotte Berend-Corinth. Ich will mir selbst gehören. Romanbiografie, Herder Tb 2016 € 14,99

Sie war heimliche Geliebte auf einem Bett von Tannennadeln, Ehefrau und Mutter, Krankenschwester. Sie liebte die Selbstdarstellung, die Mode, die Kunst, das Theater, den Tanz, war Bauherrin und Malerin. Was kommt an erster Stelle im Leben? Die Romanbiografie von Margret Greiner erzählt von Charlotte Berend-Corinth, Künstlerin der Berliner Secession, deren Ambitionen oft hinter denen ihres berühmten Ehemanns Lovis Corinth zurücksteckten. Ohne Zweifel hat sie sich, jung und selbstbestimmt, diesen Weg an der Seite des nicht einfachen Mannes gewählt. Ihr Leben lang und über seinen Tod hinaus stand sie in faszinierend enger Verbundenheit zu ihm. Sie konnte aber auch anpacken und wie eine Löwin kämpfen. Was bedeutete ihr dieser Mann, der häufig trinkend selten lobende Worte fand? Er hätte ihr Vater sein können. Margret Greiner enthält sich aller Meinung und Wertung. Sorgsam trägt sie ein facettenreiches Leben zusammen, in dem sich neben aller Fürsorge auch immer wieder Freiheiten bieten, Raum für eigene Entfaltung. Viele Blätter ihrer Mappen, die sie Backstage am Theater anfertigte sind verschollen. Die Erhaltenen geben einen Eindruck der sinnlichen Erotik und der Frauenpower, welche Charlotte Berend-Corinth ebenso intensiv erlebte wie das Hausfrauendasein. Das assimiliert jüdische wie protestantische, finanzstarke Bürgertum, dem die Corinths angehörten, wandelte dabei moderat über die Zeit mit ihren gravierenden politischen Einschnitten hinweg, zu selbstverliebt, sich maßgeblich einzumischen. Sie begaben sich lieber auf Reisen, erkundeten und malten die Welt von Ostpreußen über Italien bis in die Türkei und Ägypten, um den herrlichsten Ort am Walchensee zu finden, an dessen Ufer Charlotte am Ende des ersten Weltkrieges mit Beharrlichkeit ein Blockhaus baute. Die Sommer in Urfeld empfand sie als ihre glücklichste Zeit, auch wenn ihr Mann ihr befahl:

Das Haus schenke ich dir. Aber den See und die umgebende Landschaft, die brauche ich für mich allein. Die kann ich nicht teilen.“ Zitat: Greiner, Charlotte Berend-Corinth, Herder Verlag

Diese und weitere Ambivalenzen lassen immer wieder stolpern und regen zum Nachdenken an.

 

Mondrian in New York

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Truus Matti: Apfelsinen für Mr Orange, Oetinger Tb 2015 € 7,99

Das Buch Apfelsinen für Mister Orange handelt von Linus, dem zweitältesten Bruder einer großen Familie mit 6 Kindern, die in New York wohnen. Da sein großer Bruder Apke (sein eigentlicher Name ist Albert) in den Krieg gegen die Nazis nach Europa geht, übernimmt Linus teilweise die Arbeit von Apke sowie die Stiefel des älteren Bruders. Linus wird deshalb zum Obstlieferanten  und er trägt die Früchte von dem Lebensmittelladen seiner Eltern aus. Alle zwei Wochen trägt er eine Kiste Apfelsinen zu Mister Orange (Mister Orange ist ein berühmter Künstler aus Europa, der nur die Farben rot, gelb und blau für seine Werke verwendet, ich verrate aber nicht, wer es ist) , der sehr freundlich zu Linus ist und seine Fragen immer ganz ernst nimmt. Einmal fragt Linus zum Beispeil, wieso Gerüche keine Namen haben, Farben aber schon und Mister Orange gibt sich alle Mühe, diese Frage zu beantworten. Der Maler schenkt Linus auch immer eine Orange und verarztet ihn auch, als er sich einmal das Knie aufgeschlagen hat.