Articles tagged with: Geschwister

Feinfühlend-frech

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David Wagner: Der vergessliche Riese, Rowohlt € 12,00

In dieser sehr gelungenen Autofiktion erzählt David Wagner von den Besuchen bei seinem dementen Vater. Diese entbehren nicht einer gewissen Komik, wenn immer gleiche Fragen gestellt werden, Zusammenhänge nicht mehr bewusst sind. eben Geschehenes gleich wieder vergessen ist. Der Charakter des Vaters ist erspürbar, manchmal ist interessantes Spezialwissen da, bei Vater und Sohn tauchen Erinnerungen an vergangene Zeiten auf.  Der Sohn ist geduldig, liebevoll und manchmal auch feinfühlend-frech, was der eigentlich traurigen Situation Leichtigkeit gibt. Manches Mal ist dem Vater das Vergessen bewusst, aber es scheint ihn nicht wirklich zu betrüben - das Leben ganz in der Gegenwart hat auch etwas Befreiendes. Ein Buch, das berührt aber nicht belastet, das Mut macht und Hoffnung gibt, selbst in vergleichbaren Begegnungen zu einem guten Umgang zu finden.

Wild, philosophisch und einfach stark!

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Laura Wolk, Echo Mountain. Ellie geht ihren Weg, Hanser Verlag 2021 € 17,00

Unberührte Natur, Widnis, bittere Armut, Selbstversorgung. Das Leben von Ellie ändert sich schlagartig, als sie mit ihrer Familie in die Berge ziehen muss, da die Weltwirtschaftskrise dem Vater, einem Schneider und der Mutter, einer Lehrerin. Das Einkommen nimmt.  Mit ihrem letzten Geld, kaufen sie ein Stück Land in den Bergen. Der Vater erbaut ihr Haus, die Mutter versorgt Tiere und Familie, die drei Geschwister, Ellie ist die Mittlere, gerade 12 jahre alt, helfen wo sie können. Doch dann begräbt ein gefällter Baum den Vater, der ins Koma fällt und alles verändert sich. Ellie, die vom Vater schon viel Überlebenspraktische gelernt hat und die Natur liebt, versorgt die Familie mit Fischen.

Sprachgewaltig und schockierend ehrlich

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Hengameh Yaghoobifarah: Ministerium der Träume, Blumenbar Verlag 2021 € 22,00

Von der Flucht einer Mutter mit ihren kleinen Kindern 1981 aus dem Iran nach Deutschland. Erste Station Lübeck Aussiedlerheim, weiter nach Hamburg, später Berlin. Vom vergeblichen Warten auf den Vater, der nie nachkommen wird, weil er Opfer einer Hinrichtung wurde. Vom Ausgegrenztsein in der Schule, dem Zusammenhalten unter Schwestern, vom sich zurechtfinden müssen in einem ungewollten Leben. Vom Leben am Limit. Drogen, männliche Gewalt, Sexarbeit, Angst vor der rechten Szene,  Sprachlosigkeit, Kampfgeist. Sprachgewaltig, erfrischend und zugleich schockierend ehrlich führt die Autorin den Lesern vor Augen, was es bedeutet, einen Lebensentwurf zu führen, der einem zunächst die Heimat nimmt, später den Vater, dann die jüngere Schwester, auf sie man so lange aufgepasst hat, und mit einer Mutter zurechtkommen muss, die mit ihren eigenen Traumata zu kämpfen hat. Der jungen Autorin gelingt es, Bilder im Kopf zu erzeugen, die man nicht haben möchte und die einen dennoch nicht loslassen. Es war schier unmöglich, das Buch aus den Händen zu legen.

Mädchen am Ball

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Martina Wildner: Der Himmel über dem Platz, Beltz & Gelberg 2021 € 13,95

Jolanda (Jo) hat einen großen Traum. Sie möchte eine supergute Fussballerin werden. Dafür wechselt sie in eine Jungenmannschaft. Doch das Training fällt ihr schwerer als sie dachte. Mir hat das Buch sehr gut gefallen, da es einfach wunderbar geschrieben ist. So gut, dass ich in die Welt und die Gefühle von Jo eintauchen konnte. Beatrice, 10 Jahre

Politik im Kinderzimmer

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Sophie Siers: Hallo Donald Trump, Esslinger Verlag 2019 € 13,00

Seit Sam im Fernsehen mitbekommen hat, wie Donald Trump eine Mauer gegen unerwünschte Personen baut, schreibt er ihm Briefe. Er trägt sich mit der Idee, im Kinderzimmer eine Mauer zu errichten, denn sein Bruder nervt. Sein Plan kommt aber gar nicht gut an und Sam diskutiert das Mauerthema ausführlich, ist ein guter Beobachter und Nachdenker. Eine Geschichte über Reibungspunkte und die richtige Wahl der Mittel. Besonnene und kluge Familienpolitik im Alltag.

Gut gemeint

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Andreas Götz: Wir sind die Wahrheit, Dressler Verlag 2020 € 17,00

An diesem Buch ist vieles unglücklich. Der Schmerz über das Koma, in dem Leahs Zwillingsbruder seit einer Schlägerei liegt, wird sie intensiv in seinem Leben recherchieren und ungeahntes entdecken lassen. Nichts wird dabei so sein, wie sie anfangs dachte. Nichts so, wie es auf den ersten Blick scheint. Das ist nicht neu. Unbemerkt hat sich ihr Bruder rechten Kreisen angeschlossen. Das Videotagbuch und vieles andere, das Leah von unbekannten Absendern auf ihr Handy gespielt wird, setzt die Originalzusammenhänge außer Kraft und wird zu falschen Schlüssen führen. Leah wird sich in seine Kreise begeben müssen, um Klarheit zu bekommen. Beide werden dreist und unbemerkt für eine Kampagne missbraucht. All das zu entwirren und vor Augen zu führen braucht der Autor ein gesamtes Buch, in dem vor allem die Lebenseinstellungen und Ansichten rechter und rechtsextremer Kreise weiten Raum einnehmen. Die Untersuchung des Wahrheitsbegriffes bleibt oberflächlich und wenig tiefschürfend. Am Ende bleibt das Gefühl, diese Geschichte ist gut gemeint, aber nicht gut ausgeführt. Es gibt interessanteres zu diesem Thema. Ein Tipp: Sommer unter schwarzen Flügeln.

Sommer ohne Sorgen

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Will Gmehling: Freibad. Ein ganzer Sommer unter dem Himmel, Peter Hammer Verlag 2019 € 14,00

Sparsam erzählt Gmehling seine Geschichte. Durch eine beherzte Rettungsaktion im Hallenbad bekommen die Geschwister Alfi (10), Katinka (8) und Robbie (7) eine Dauerkarte für die Freibadsaison geschenkt. Da sie aus einfachen Verhältnissen kommen, in denen Geld immer knapp ist und ein Sommerurlaub undenkbar, wird das Freibad ihr täglicher Aufenthaltsort. Und sie haben sich viel vorgenommen: Alfie möchte den 10er schaffen, Katinka 20 Bahnen kraulen und Robbie soll endlich richtig schwimmen lernen. Alles werden sie im September als geschafft vebuchen können, denn sie haben eine "eisenharten" Willen und sie halten zusammen. Man könnte sagen, in diesem Buch passiert nicht viel, und doch, ist es so angefüllt mit all den großen Kleinigkeiten, die wir in der Hektik des Alltagslebens regelmäßig übersehen. Die Kinder erzählen, wie sie den Regentropfen beim Versinken zuschauen und wie die Sonnenstrahlen auf der Wasseroberfläche über den Kacheln tanzen. Eine Reihe von Nebenfiguren werden auch jeden Tag im Schwimmbad sein. Der Bademeister, den sie "das Walross" nennen und seine Tochter Johanna, die gerade genauso alt ist wie Alfie. Die drei Jungs aus Mali, mit denen Katinka ihr französisch übt - sie möchte unbedingt mal nach Paris - und Konrad, der Penner, mit dem sie sich auf ihrem Schwimmbadweg austauschen. Das Wasser ist oft eiswürfelkalt, doch zwischen den Zeilen glüht die menschliche Wärme, für die es nichts weiter braucht, als ein wenig Neugier, Aufmerksamkeit, Selbstverständlichkeit und Zuwendung. Dies alles gelingt Gmehling hier perfekt.

Heimatverlust und Heimatsuche – ein grandioses Buch!

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Susann Kreller: Elektrische Fische, Carlsen Verlag 2019 € 15,00

Eine Schwester, die nicht mehr redet, ein Bruder, der abends betrunken nach Hause kommt und eine Mutter, die endlich wieder in ihrer Heimat ist. So hat sich Emma den Umzug von Irland nach Deutschland nicht vorgestellt, aber eins ist sicher: sie muss hier weg! Da kommt es ihr gerade recht, dass der Junge, aus ihrer neuen Klasse, ihr helfen will. Eine Geschichte über geplatzte Träume, Heimweh und eine Fisch verrückte Mutter, die jeden zum nachdenken bringt. Ada, 14 Jahre

Lange Sommertage

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Barbara Schwarcz: Sommerverschwendung, Picus Verlag 2019 € 22,00

Ein Mädchen hat mit sieben Jahren seine ersten Sommerferien. Die Geschwister sind wesentlich älter und haben ihre eigenen Pläne, die Nachbarskinder verreist und es passiert äußerlich wenig. Aber sie macht sich viele Gedanken über die Wörter und Sprachen, sie beobachtet und wartet sehnsüchtig auf den Tag, an dem auch ihre Familie in den Urlaub fahren wird: nach Ungarn zur Familie des Vaters. Das Buch spürt feinfühlig dem Sommer und dem Warten nach, dem Jüngstesein und der Gedankenwelt einer aufgeweckten Erstklässlerin.

Die unsichtbaren Beine der Liebe

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Linde Hagerup: Ein Bruder zu viel, Gerstenberg Verlag 2019 € 14,95

Die Welt der 9-jährigen Sara könnte schöner nicht sein, bis eine Freundin ihrer Mutter plötzlich stirbt. Alleinerziehend hinterlässt sie einen 5-jährigen Sohn. Saras Eltern beschießen, ihn in die Familie aufzunehmen. Sara konnte dem quengelingen Steinar nie etwas abgewinnen. Nun besetzt er ihr halbes Zimmer. Die Mutter. Den Vater. Von Trauer umfangen, bekommt er immer alles. Steiner lebt in einem Schonraum und in Sara nagt ein kleines, wütendes Tier. Da alle Aufmerksamkeit auf Steinar liegt verschwindet Sara mehr und mehr, bis sie auf eine Idee kommt: Sara wird zu Alfred, einem großen Bruder für Steinar, der nett zu ihm sein kann und der vieles schafft, das Sara nicht gelingen will. Doch das Doppelleben birgt andere Schwierigkeiten. Schlicht, klar und für Kinder zum Greifen nah und bildlich erzählt liegt unter dieser Geschichte große psychologische Brisanz. Alle Figuren müssen sich mit starken Gefühlen arrangieren und ihre Handlungen werden in emotionalen Notsituationen mit zweierlei Maß gemessen. Es geht nicht immer gerecht zu. Saras Flucht in eine andere Person macht sie handlungfähig, ist aber auch kein Dauerzustand. Wie wird sie den Weg wieder zu sich selbst zurück finden? Der packende Kinderroman ist eine Geschichte der kleinen Schritte, kurzen Sätze, wechselnden (Jahres)Zeiten. Dem Vergehen von Zeit überhaupt. Der Veränderung. Dem Wachsen. Und vor allem der Liebe, und einer bewundernswerten Vater-Tochter Beziehung. "Die Liebe sind ein paar Beine, die du nicht sehen kannst. Diese Beine können viel weiter laufen als deine normalen Beine. Diese Beine nämlich tragen dich durch das Leben", sagt Saras Papa in der Overtüre zu ihr. Diese vier ungewöhnlichen Beine, die sichtbaren wie unsichtbaren lassen Sara zunächst straucheln und stolpern. Sara nimmt uns mit in ihre Geschichte, die man am Ende, die Beine sehend, ins Herz schließt und keinesfalls missen möchte.

Andersgewöhnliche Normalität. Eine autobiografische Spurensuche

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Tom Tirabosco: Wunderland, Reprodukt 2017 € 24,95

Außergewöhnliche Normalität: Als das Wort Krüppel noch durch die Straßen hallte, wird Michel geboren. Er ist ein Draufgänger und Haudegen, eine Sportskanone mit Prothese, der sich weigert, seine Armstümpfe zu verstecken. Ohne besondere Gedanken ist er einfach inklusiv – inmitten der Geschwister, den Kindern auf der Straße, den Eltern die streiten. In seinen autobiografischen Erinnerungen inszeniert Tirabosco in packender Bildsprache Liebe und Leid in berührendem Wechsel.

Lebensrettendes und lebenszerstörendes Schmuggeln

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Mechtild Borrmann: Grenzgänger, Droemer Knaur 2018 € 20,00

Kaum hat der Leser die Zusammenhänge von Henriette Schönings Kindheit und Jugend in der 50er Jahren und der 1970 erhobenen Anklage wegen doppelten Mordes verstanden, lässt ihn der Fall nicht mehr los. Die Nachkriegszeit in dem kleinen Ort in der Eifel bringt Henriette große Verluste und viel Verantwortung. Ihrem lebensvertrauendem und tatkräftigen Charakter ist es zu verdanken, dass sie und ihre drei Geschwister gut über die Runden kommen. Bis zu dem Moment, als ihre jüngere Schwester stirbt und ihr Vater folgenschwere Entscheidungen trifft, die das Leben der verbleibenden Geschwister zur Hölle werden lassen. Der Roman enthüllt erschütternde Verhältnisse in einem Kinderheim, beschreibt den Missbrauch von Autoritäten, die unverantwortliche Verbreitung von Verdächtigungen und die faszinierende Entwicklung zweier gerichtlicher Prozesse. Ein sehr gelungengenes romanhaftes Zeitzeugnis!

 

Licht in einer dunklen Zeit

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Niccolò Ammaniti, Anna, Julia Eisele Verlag, € 20,00

Ein 13-jähriges Mädchen, in einer fast untergegangenen Welt: eine Seuche hat alle Erwachsenen dahingerafft, ein Feuer hat fast die gesamte Insel niedergebrannt. Trümmer und Leichen liegen allerorten. Doch Anna hat einen starken Überlebenswillen, sie kämpft für sich und ihren kleinen Bruder und eine Hoffnung gibt ihr Kraft: Auf dem Festland wird es anders sein. So ist Anna wie ein Licht in einer dunklen Zeit, die keiner von uns erleben möchte.

Am Familientisch

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Donatella Di Pietrantonio, Arminuta, Kunstmann, € 20,00

Die Romane von Donatella Di Pietrantonio: direkt, mit großer Ehrlichkeit und Offenheit die jeweilige Lebenssituation beleuchtend, mich als Leserin berührend. So ging es mir auch bei ihrem neuen Roman "Arminuta". Die Geschichte eines Mädchens, das plötzlich erfährt dass das Ehepaar, bei dem es als Einzelkind in der Stadt am Meer im Wohlstand aufwuchs, nicht seine leiblichen Eltern sind. Von einem Tag auf den anderen findet es sich ohne weitere Erklärung in einer Familie mit fünf Kindern in engen, ärmlichen, dörflichen Verhältnissen auf dem Land. Ratlosigkeit und Wut durchfluten es immer wieder aber es lernt auch die vorbehaltlose Rückendeckung einer pfiffigen jüngeren Schwester kennen und entdeckt erstaunt kleine Zeichen der Zuwendung an ungeahnter Stelle. Nach "Meine Mutter ist ein Fluss" und "Bella mia" hat die Autorin wieder eine Geschichte erzählt, die ich nicht missen möchte!

Subtile erzählerische Köstlichkeit

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Birgit Müller-Wieland: Flugschnee, Otto Müller Verlagsgesellschaft, € 20,00

Spurensuche

Die Vergangenheit schlummert in uns, wacht auf, irritiert uns und lässt uns plötzlich Begreifen - Lucy, eine junge Frau in Berlin, ist auf innerer Spurensuche, die ihr das Verschwinden des Bruders erklären kann. Was geschah im WInter vor 20 Jahren? Was erlebten damals sie und ihr Bruder als Kinder, was ging in ihren Eltern und Großeltern vor? Es ist faszinierend, wie Birgit Müller-Wieland Gedanken, Gefühle, Seelenzustände und Atmosphären beschreiben kann. Ihr Roman ist eine vielschichtige Komposition und während der Leser mit der Protagonistin nach Antworten sucht, stehen diese ganz unvermutet im Raum. Ein Familienroman ganz besonderer Art!

Ernst genommen werden

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Maria Jönsson: Schnulleralarm, Hanser Verlag 2017 € 12.-

Ein wunderbares Plädoyer für die Selbstbestimmung - und ist man noch so klein. Valdemar ist schon groß, aber auch noch klein. Papa findet, der Schnuller kann nun weg und greift zu rigerosen Methoden der Schnullervernichtung. Valdemar findet immer wieder einen Ersatz. Er liebt seine Schnuller. Als seine kleine Schwester ihren Schnuller verlegt wächst Valdemar über sich hinaus und wird ein hilfsbereiter, schnullerteilender, großer Bruder. Ein schönes Ende aus Erwachsenensicht. Aber weit gefehlt. Das Miteinander gestaltet sich schwieriger, denn Miteinander bedeutet, dass beide Seiten bestimmen dürfen. Valdemars erste  Nacht ohne Schnuller ist schrecklich. So schnell geht das Abgewöhnen nicht. Am Ende entscheidet Valdemar selbst, wann es ohne Schnuller geht, und wann er ihn noch braucht. Diese Tatsache, dass "groß werden" nicht nur altersgerechte Mitbestimmung sondern auch Ernst genommen zu werden bedeutet und diese Selbstbestimmung schon sehr früh beginnen kann, ist sicher der schwierigere, aber richtige Weg zu einem guten, verständigen Dialog mit dem Kind.

Zum Lachen, Mitfühlen, Träumen und Hoffen

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Christian Duda: Gar nichts von allem, Beltz & Gelberg 2017 € 12,95

Revolution ist machbar, Herr Nachbar.“ Diese Parole der 68er verirrt sich vorerst nur des schönen Reimes halber in Magdis Heft. Kein Tagebuch, nein, 35 brillante Berichte zum Lachen, Mitfühlen, Träumen und Hoffen fügt Christian Duda, alias Achmed Gad Elkarim in Magdis Namen hier zusammen. Autobiografische Anteile sind unverkennbar, Fettflecke, Saftglasränder, Gedankenkritzelein, und die Fingerabdrücke unzähliger Leser sind, Julia Friese sei Dank, ebenso unübersehbar. In einer Reihe von Mankos fühlt sich Magdi ohnmächtig gefangen. Im Jahr 1975 fehlt es noch beim Kreativspielzeughersteller Lego an flachen Bausteinen. Magdis bemühte Flugzeugkonstruktion zerfällt in den Händen des Bruders. Und hätte er doch nur wie dieser, die blonden Locken der Mutter geerbt. Dann sähe Magdi nicht so fremdländisch aus. Das Land, in dem sein Vater geboren wurde, kennt er nicht. Er vermutet Moslem zu sein, obwohl er zu wenige Moslems kennt, um dies mit Sicherheit sagen zu können. Christ jedenfalls ist er nicht, mangels Wahlmöglichkeit besucht er den üblichen Religionsunterricht. Dummerweise lässt sich sein Name auch nicht zu einem coolen Cowboynamen abkürzen, wie bei seinen Brüdern Joe und Sam. Seine Schwester kann als Mädchen den Schlägen des Vaters entkommen, die er nicht abzuwenden vermag. Magdi ist ein typisches Sandwichkind und stolzer Gymnasiast. Er geht gern zur Schule. Sie ist sein Auge zur Welt und sein Rettungsanker. Auf engstem Raum öffnet Christian Duda literarisch gekonnt die Fenster zu einer erstaunlich großen Palette von Themen. Hinzu kommen die beginnende Pubertät in schönster emotionaler Achterbahnfahrt, Freundschaft und der Halt, den Idole bieten. Nebenbei macht sich Magdi, selbsternannter Chronist aus Langeweile, Gedanken über den Gebrauch von Wörtern und den Sinn und Unsinn, der sich im Schreibprozess entwickeln kann. Hier entfaltet sich seine Sehnsucht nach Anarchie und seine Leidenschaft, auf dem Papier alles festzuhalten, nein „niederzuschreiben“, genau so, wie es passiert ist. An dieser Aufgabe wächst er über sich hinaus. Kindheiten der 60er & 70er Jahre drängen in diesem Frühjahr verstärkt auf den Markt. Solche Texte verlangen heutzutage meist ein Glossar, denn wer kennt noch Dick und Doof, Mohamed Ali, Bonanza oder die Fussballweltmeister von '74? Die Helden allen kindlichen Seins jener Zeit sind auch bei Magdi der Stoff, aus dem die Träume sind. Dudas origineller Anhang mit persönlicher Note ist so überzeugend, dass er glatt als Intro zu empfehlen wäre. Gar nichts von allem ist nach Elke in loser Folge ein beachtenswerter, weiterer Teil einer Trilogie berührender Kindheitsgeschichten. Auf den dritten Teil darf man sich schon jetzt von ganzem Herzen freuen.

“ Ich liebe Bücher die hoffnungsvoll sind“. Interview mit Anna Woltz

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Mit Anna Woltz trafen wir uns auf der Frankfurter Buchmesse am Stand des Carlsen Verlages. Nach den Standardfragen entfachte ein großes Thema unser Gespräch, welches auch Thema ihrer Bücher ist: Wie erleben Kinder die Trennung ihrer Eltern?

Bücherfresser: Was ist ihr Lieblingscharakter aus dem Buch Gips? Anna Woltz: Die Hauptfigur Fitz.
Bf: Wie sind sie auf diese Geschichte gekommen? AW: Meine Schwester ist Ärztin. Sie hat mir immer viele Geschichten übers Krankenhaus erzählt. Ich fand das dann so spannend, dass ich über das Thema ein Buch schreiben wollte.

Jemand Neues kommt dazu

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Lauren Child: Bleibt der jetzt für immer? Hanser Verlag 2016 € 14.-

Nicht neu aber immer wieder betrachtenswert, wie sich der Neid auf das neue Geschwister in das verwandelt, was man um nichts in der Welt mehr tauschen möchte. Aus dem "Jemand", dem "kleinen Wesen", dem "Kleinkind", welches Elmore mehr als nur einmal dorthin zurückwünscht, wo es herkam, wird Albert, sein kleiner Bruder, der den Großen trösten kann, Dinge nicht nur nimmt sondern gibt und mit dem man vor allem lachen kann. "Irgendwie ist es lustiger, wenn ZWEI Leute lachten, also nur EINER" findet Elmore am Schluss und öffnet freiwillig sein großes Jelly-Bean-Glas für Albert. Lauren Childs bekanntes Spiel mit Milimeterpapier, dem Schriftsatz, der Hautfarbe, Größenverhältnissen und Perspektiven macht das Buch zu etwas Besonderem und zu einem rundum gelungenen Bilderbuchgenuss.

Mehr Gips, bitte!

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nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2017, Kinderbuch

Anna Woltz: Gips oder wie ich an einem einzigen Tag die Welt reparierte, Carlsen Verlag 2016 € 10,99

In dem mitfühlenden Teeniebuch geht es um Fitz, die eigentlich Felicia hieß, sich aber per e-mail umgetauft hat. Ihre Eltern verkünden bei einem Gespräch, dass sie erst mal getrennt leben möchten. Seitdem hat Fitz eine kleine Wunde im Herz. Als ihr Vater und ihre kleine Schwester Bente einen Fahrradunfall haben und Bente statt zehn nur noch neun Fingerkuppen hat, müssen sie ins Krankenhaus. Da entzündet sich auch die Wunde von Fitz im Herz ein bisschen mehr. Doch als dann ihre Mutter wegen der Pässe auch noch ins Krankenhaus kommt, denkt sich Fitz, dass es eigentlich keine schlechte Idee wäre, die beiden zusammen für sechs Wochen einzugipsen. Der Aufenthalt im Krankenhaus dauert lange, deswegen macht sich Fitz auf den Weg, das Krankenhaus zu erkunden.

Äußeres und inneres Beben

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Donata Pietrantonio: Bella mia, Kunstmann 2016 € 18,95

Durch ein Erdbeben hat Caterina, die Erzählerin in dem Roman "Bella mia", ihre Zwillingsschwester Olivia verloren. Sich an die Vergangenheit erinnernd, den Emotionen damals und jetzt nachspürend, erzählt sie von ihrem Leben in der kleinen italienischen Stadt L´Aquila. War ihr Leben früher sehr von dem "Zwillingsein" bestimmt, lebt sie nun mit der Leere neben sich. Aller Trauer und Wut zum Trotz gewinnt sie, wie auch ihre Mutter und der Sohn ihrer Schwester, wieder an innerer Stabilität. Das Buch hat mich sehr berührt und die literarische Verarbeitung des realen Geschehens in den Abruzzen am 6.4. 2009 ist sehr gut gelungen.

Bunter Kinderalltag

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Tanja Székessy 3 Kinder und ein Tag, Klett-Kinderbuch 2015 € 14,95

Die Farbe in diesem Buch ist  das wildes Gekrakel auf allen Bildern, der große Schwung, das Toben und Streiten, das Lachen, Weinen und Träumen. Viele Gefühle, die Kinder schon gleich mit dem Aufstehen entwickeln. Geschwisteralltag bei dem immer alles gleichzeitig passiert und doch nie so richtig zusammen. 1 Kind tut dies, 1 Kind tut das und 3 hatten es zuerst. Nach dem Gang durchs Treppenhaus sind alle wach, der Älteste mag es den ganzen Tag am liebsten barfuss. Kindergarten, Schule, Spielplatz, Unfall, Krankhaus und endlich ist es wieder Schlafenszeit. Der ganz normale Wahnsinn, wenn man Kinder etwas Raum gibt, die Welt zu erfahren. Der Text bleibt sparsam und fordert zum Selbstentdecken auf. Vielleicht auch zum Diskutieren, ob alles, was hier passiert wirklich Spaß macht. Die Gesichter der Kinder, ihre Emotionen sind so vielschichtig, wie selten in einem Bilderbuch. Da gibt es viele Gesprächanlässe und man darf gespannt sein, wie Kinder, wenn sie von außen schauen, diese Welt empfinden.

Schwestern eben

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Rieke Patwardhan, Fräulein Schmalzbrot und Billie Ballonfahrer, Knesebeck Verlag € 12,95

Ganz schön spannend, wenn man die ganze Zeit vor dem dicken Babybauch warten musss und die Eltern die Frage "Wann kommt es endlich" nicht mehr hören können. Und wenn es da ist, wünscht man sich, dass es wieder geht, weil man die Eifersucht nicht mehr aushält. Wenn es fast mit dem Luftballon am Himmel weggeflogen wäre, ist man doch sehr glücklich, wenn man es wieder in den Arm nehmen kann. So ist das bei den Schwestern Fräulein Schmalzbrot (die Ältere) und Billie Ballonfahrer (die Jüngere). Zusammen erleben sie viele Abenteuer. Was ich unbedingt noch erzählen muss: Billie Ballonfahrer heißt so, weil ihre Mutter einen kugelrunden Bauch in der Schwangerschaft hatte und Fräulein Schmalzbrot immer sagte, das Baby wird mal Ballonfahrer. Fräulein Schmalzbrot hatte zwar noch einen anderen Namen, aber sie wurde so genannt, weil Mama in der Schwangerschaft immer nur Brote mit Schmalz aß. Mir hat das Buch sehr gut gefallen, weil es mit viel Pep geschrieben ist. Hannah, 13 Jahre und eine ältere Schwester.
Diese kurzweiligen Vorlesegeschichten erzählen von zwei Schwestern, die fünf Jahre Altersunterschied trennt. Natürlich könnten sie unterschiedlicher nicht sein. Ihre besonderen Namen tragen sie seit Mamas Schwangerschaft. Fräulein Schmalzbrot ist ganz das Mädchen und Billie Ballonfahrer die Mechanikerin im Haus, sagt Mama, obwohl Fräulein Schmalzbrot denkt, dass Billie Ballonfahrer alles nur kaputt repariert. Mal hegen sie kühne Pläne, sich loszuwerden, so eifersüchtig sind sie aufeinander, mal möchte Billie genau die gleichen Kleider wie Fräulein Schmalzbrot tragen, was Fräulein Schmalzbrot zu verhindern weiß. Oft aber brauchen sie sich, denn beim Einhornherde spielen sind Eltern einfach nicht zu gebrauchen. Es wird abwechselnd aus der Perspektive der großen und der kleinen Schwester erzählt, sodass hier für jeden geschwisterlichen Zuhörer ein Part dabei ist. Obendrein wird der Familienalltag mit Pfiff und Langmut gelöst. Katrin Rüger

Weltreise

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Oliver Scherz, Wir sind nachher wieder da, wir müssen kurz nach Afrika, Thienemann 2014 € 12,99

Jeden Abend sieht Marie in den Schatten an den Wänden Tiere oder unheimliche Wesen und jeden Abend muss Joscha seiner kleinen Schwester versichern, dass da doch gar nichts ist. Als sie behauptet am Fenster ein Auge zu sehen, schnappt er sie sich und läuft mit ihr an die Tür. Aber was tut man, wenn das Auge wirklich einem Elefanten gehört und dieser Elefant aus dem Zoo ausgebrochen ist, um seine Großfamilie in Afrika zu besuchen? Und wenn er gar nicht weiß, wo Afrika überhaupt liegt? Man packt Äpfel, Kekse und einen Globus in den Rucksack und begleitet ihn. Genau das tun Joscha und Marie. So weit wird Afrika nicht sein, denken sie und erleben eine Reise, die alles übertrifft, was sie sich vorgestellt haben. Diese schöne Geschichte mit seinen farbenfroh lieben Bildern ist im Buchpalast das Lieblings-Vorlesebuch bei Gross und Klein.