Articles tagged with: Italien

Sizilien pur

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Tea Ranno: Agata und ihr fabelhaftes Dorf, Nagel & Kimche 2021, € 23,00

Ein kleiner Ort mit dem Bürgermeister und seinen Gefolgsleuten aus dem mafiösen Milieu und dem Tabacchere, der sich dem widersetzt und als Kommunist gilt. Zudem gehört diesem ein Haus außerhalb mit einem Stück Land, das er mit Blumen und Obstbäumen in ein wahres Paradies verwandelt hat. Dieses möchte sich der Bürgermeister unter den Nagel reißen, dort eine Mülldeponie errichten um sich zu bereichern. Als der Tabacchere plötzlich verstirbt scheint es ein Leichtes, seine Witwe zu überrumpeln. Weit gefehlt: Sie hat eine unkonventionelle und menschliche Art, sich mit anderen Dorfbewohnern zu verbinden. Sie eröffnet anderen Chancen und erfährt deren Unterstützung. Eine turbulente Dorfkomödie, bei der sich die unterschiedlichsten Emotionen Bahn brechen und ungeahnte Wege aufzeigen.

Viva Venezia!

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Michael Dangl: Orangen für Dostojewski, Braumüller Verlag 2021, € 24,00

Wer in Gedanken durch das Venedig von 1862 spazieren möchte, ist in diesem Buch genau richtig. Noch dazu sieht er/sie die Stadt durch die Augen eines bekannten Mannes: Dostojewski. Er, dem nach großem Erfolg in Russland zehn Jahre Publikationsverbot auferlegt worden waren, befindet sich nun am letzten und lang ersehnten Ort seiner Reise durch West-Europa. Seine Melancholie und auch eine gewisse Zwanghaftigkeit machen es ihm schwer, sich der lebhaften und lebensfrohen Mentalität der Italiener zu nähern. Erst, als er durch Zufall den wesentlich älteren, welterfahrenen, geselligen und genießenden Rossini begegnet und eine vorsichtige Freundschaft entsteht, wandelt sich auch seine Wahrnehmung. Auch, wenn  der Autor diese Begegnung zugegebener Maßen erfunden hat: Lesevergnügen ist sie allemal!

Klavierlehrer in mafiösem Milieu

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Roberto Andò: Ciros Versteck, Folio Verlagsgesellschaft 2021, € 22,00

Gänzlich unvorhersehbar ändert sich das Leben des Klavierlehrers und Einzelgängers Gabriele Santoro in Neapel, als ein zehnjähriger Junge unbemerkt durch die offenstehende Wohnungstür zu ihm in die Wohnung schlüpft. Die verängstigten Augen des Jungen veranlassen Santoro ihn ohne weitere Erklärungen bei sich Unterschlupf zu gewähren. Wie sehr er sich damit selbst in Gefahr bringt, ahnt er nicht. Als es ihm bewusst wird und das Haus unter Beobachtung der Mafia steht erstaunt es ihn selbst, dass sich statt Panik eine unerklärliche Ruhe in ihm ausbreitet. Die Camorra hat ihn im Auge, doch die in Santoro erwachenden väterlichen Gefühle zu dem Jungen Ciro bestärken ihn in seinem riskanten Handeln. Besonders ist an diesem Roman, dass er eine gewisse Ruhe ausstrahlt, die genährt wird durch die Gedanken des Maestros, die sich im Reich der Musik und Poesie bewegen. Nichtsdestotrotz geht es um mafiöse Strukturen, Mord und Lebensgefahr. Mit Santoro und Ciro prallen zwei grundverschiedene Lebenswege aufeinander, die doch Gemeinsamkeit finden.

Sprachlosigkeit zwischen Vater und Sohn

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Roberto Camurri: Der Name seiner Mutter, Antje Kunstmann Verlag 2021, € 20,00

Roberto Camurri gelingt es meisterhaft, die Sprachlosigkeit zwischen Vater und Sohn auszuloten. Die Beobachtungen, zunächst des Vaters des kleinen Kindes, dann auch die des heranwachsenden Jungen und des jungen Erwachsenen, sind genau. Die Gefühle sind stark empfunden, aber sie wollen sich nicht in Worte verwandeln. Eine Hilflosigkeit steht zwischen den beiden, die sich in manchen Momenten auch in Wut ausdrückt, obwohl Liebe sie verbindet. Die Ehefrau und Mutter verschwand, als der Sohn noch ganz klein war und ihre Abwesenheit nimmt viel Raum ein im Leben der beiden Zurückgelassenen. All dies vermittelt der Autor auch durch seine Sprache, die so vieles beleuchtet und erfaßt und gleichzeitig eine gewisse Distanz hervorruft. Mich hat diese Geschichte, die in einer kleinen Stadt in der Poebene angesiedelt ist, sehr fasziniert.

Unerschrockener Lebensmut

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Felix Kucher: Sie haben mich nicht gekriegt, Picus Verlag 2021, € 26,00

Felix Kucher gelingt es in seinem neuen Roman wieder einmal,  wahre Lebensgeschichten in einen spannend zu lesenden Roman zu verwandeln. Tina Modotti, als Arbeiterkind in Italien aufgewachsen und schon als junges Mädchen in einer Weberei arbeitend wird an vielen Orten der Welt für revolutionäre Gedanken kämpfen und sich einen Namen als Fotografin machen. Unerschrockenheit, Eigensinn und Lebensmut zeichnen auch Marie Rosenberg aus, die in Fürth die Buchhandlung ihres Vaters übernimmt und als Jüdin rechtzeitig nach New York emigriert, wo sie eine weit bekannte Buchhandlung und einen Verlag gründet. Beide Frauen begegnen vielen uns heute noch bekannten Persönlichkeiten ihrer Zeit und so entsteht ein facettenreiches Bild der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Sehr lesenswert!

Dem Zufall eine Chance geben

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Fabio Geda: Ein Sonntag mit Elena, hanserblau, € 20,00

Ein neues Buch von Fabio Geda mit einem sympathischen Helden. Er heißt nur Vater und Papa, denn eine seiner Töchter, Giulia, erzählt die Geschichte. Er ist 67 Jahre alt, lebt in Turin und ist noch nicht lange Witwer, als ein Sonntag einen ungeahnten Verlauf nimmt. Da seine Enkelin sich den Arm bricht, fällt der Familienbesuch bei ihm aus. Um der Stille und Enttäuschung zu entfliehen, macht er einen Spaziergang. Dort lernt er Emilia und ihren 13jährigen Sohn kennen, die auch das Erlebnis des ungewollt Verlassenseins in sich tragen. Im Laufe des Tages werden sich noch weitere Verbindungen zwischen ihnen zeigen. Giulia erzählt nicht nur von dieser Begegnung, sie erinnert sich auch an die Kindheit und Jugend, die  Gedanken und Gefühle den Eltern gegenüber sowie der älteren Schwester und dem jüngeren Bruder. Es ist ein feinfühliger, nachdenklicher Roman über viele Facetten des Lebens, dem ich sehr gerne gefolgt bin in seinen Überlegungen, Beschreibungen, Zeitenwechseln und emotionalen Spannungsmomenten!

Auf nach Venedig!

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Jana Revedin: Margherita, Aufbau, € 22,00

Margherita wächst mit ihrer Mutter und ihren Schwestern in sehr einfachen Verhältnissen auf. Sie trägt nicht nur die Zeitungen in ihrer Heimatstadt Treviso aus, sondern liest darin täglich über das Weltgeschehen und macht sich ihre Gedanken dazu, so daß sie dem Grafen Revedin eine geschätzte Gesprächspartnerin ist. Als er um ihre Hand anhält wähnt Margherita sich in einer mozartschen Oper. Doch diese ungewöhnliche Verbindung wird Wirklichkeit. Die junge Frau wird in Paris in die intelektuellen und künstlerischen Kreise eingeführt, wo sie neue Seelenverwandte und lebenslange Freunde findet, von Coco Chanel eingekleidet und lernt Sprachen. In Venedig, wo sie 1920 mit ihrem Mann den Revedinschen Palazzo am Canal Grande bezieht, widmet sie sich ihrer neuen Aufgabe: den Agrartourismus am Lido zu etablieren und ihn mit den ersten Filmfestspielen zu internationalem Ruhm zu bringen. Es wird Margherita nicht gelingen, vom venezianischen Adel anerkannt zu werden aber sie findet Freunde unter den Einheimischen als auch unter venedigvernarrten Ausländern wie Peggy Guggenheim. Ihre persönliche Befindlichkeit, kleinere und größere Dramen werden in Beschreibungen und Dialogen gut ausgelotet und als Leser verfolgt man gespannt ihren Werdegang. Venedigkenner überqueren Brücken mit ihr, bleiben vor bekannten Fassaden stehen, besuchen Harrys Bar und fahren durch die Kanäle. Da die Autorin Jana Revedin die Frau von Margheritas Enkel ist, muss es auch einen Sohn gegeben haben...Beste Unterhaltung für Venedig - und Geschichtsliebhaber!

Eine Straße erzählt Geschichte

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Paolo Rumiz: Via Appia, Folio Verlag 2019 €25,00

Dieses Buch würde ich jedem Italienfan in die Hand geben, jedem, der gern unterwegs ist, und ebenfalls jedem, der neugierig ist und das Abenteuer sucht. Paolo Rumiz macht sich 2015 mit einem kleinen Team zu Fuß auf den Weg, um die  Via Appia zu erwandern. Kein leichtes Unterfangen, denn die schnurgerade ca. 540km lange Römerstraße muss anhand von GPS Daten regelrecht aufgespürt werden. Die Via ist eine In Vergessenheit geratene  Straße, angefüllt mit einer langen Geschichte. Mittels historischer Hintergründe, Erinnerungen von "Anwohnern" der Via und neuer Geschichten, die sich erst im Laufen auftun, wird der Leser an die Hand genommen, und ist quasi live dabei, wenn es jeden Tag aufs Neue heißt: Weiter geht's. Einblicke, Überblicke, neue Blickwinkel, damit überrascht das Buch. Die persönlich gehaltene Reportage macht Lust, selbst durch Italien zu streifen und auf Entdeckungstour zu gehen.  Ein wahrer Lesegenuss und jede Menge Information über Italien, der Geschichte des Landes und den Menschen seiner Regionen.

Der Turm im See

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Marco Balzano: Ich bleibe hier, Diogenes Verlag € 22,00

Die Geschichte Südtirols über die Zeit vor und während des Faschismus, der Jahre, als Hitler Südtirol als "Operationszone Alpenvorland" erklärte. Die Einberufung der jungen Männer, der Wechsel der Amtssprache - über all dies erzählt Balzano in dieser Familiengeschichte aus Sicht Trinas. Sie wuchs hier auf, wurde Lehrerin, hatte Mann und zwei Kinder. Nachdem ihr Mann für die von ihm gehassten Faschisten kämpfen musste, versteckt er sich mit ihr in den Bergen, um nicht nochmals eingezogen zu werden. Wieder zurück in ihrem Dorf müssen Trina und ihr Mann zusehen, wie ein großes Staudammprojekt droht, ihr Zuhause im Wasser zu versenken. Der Kampf dagegen eint und trennt die Dorfbewohner. Balzano lässt die Leser diese die Existenz bedrohende Situation aus vielen Blickwinkeln nachempfinden und setzt damit dem versunkenen Dorf am Reschenpass ein Denkmal.

Mord mit Blick auf den Golf von Neapel

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Luca Ventura: Mitten im August, Diogenes Verlag 2020 €16,00

Ein atmosphärisch gelungener erster Capri-Krimi eines Autors, der unter Pseudonym schreibt und die Insel bestens kennt. Kommissar Enrico Rizzi ist der Sohn eines Obstgartenbesitzers, bescheiden in seinem Auftreten, aber gewissenhaft in seiner Arbeit und laut dem Inspectore aus Neapel zu Größerem berufen. Die Leiche eines Sohnes aus reichem Hause und das gleichzeitige Verschwinden dessen Freundin lässt den Agente darum auch nicht eher ruhen, bis er die Zusammenhänge aufgedeckt und den Mörder gefasst hat. Rizzis neue Kollegin aus Norditalien, Antonia Cirilli, hat für mich an der Seite des Agente eher blass gewirk, was sich allerdings in den folgenden Bänden sicher noch ändern kann. Wer Lust auf eine neue Krimiserie mit viel großartigem Regionalkolorit hat, der ist auf der Insel Capri bestens aufgehoben.

Ein Sizilianer und die „schönste Insel der Welt“

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Wolfgang Schorlau: Claudio Caiolo: Der freie Hund, Verlag Kiepenheuer & Witsch 2020 €16,00

Trifft ein sizilianischer Kommissar, der sich in seiner Heimat einen Namen als berüchtigter Mafiajäger gemacht hat, auf die "schönste Insel der Welt*, so kann der Leser zweierlei erwarten: Das schöne Ambiente Venedigs als Schauplatz der Verbrechen und die Konfrontation von sizilianischem und vezianischem Stolz der Bewohner. Dabei macht der neue Kommissar Antonio Morello seinem Team eines sofort klar - die Mafia hat überall ihre Finger im Spiel!  Davon wollen weder seine Vorgesetzten noch das Team etwas wissen., selbst dann nicht, als Morello sich über den Willen der höchsten Instanz hinweg setzt. Trotz einiger Längen, die den Erklärungen über die Mafia und ihre Strukturen geschuldet sind und den Fluss der Geschichte kurzzeitig unterbrechen, ein gelungener Krimi.  Der Leser genießt das großartige Setting und wird mit zahlreichen Wendungen überrascht.

Viva Italia! Deutsch-italienscher Abend mit Massimo Marano

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An diesem Abend konnten sich Zuhörer auf unterhaltsame Weise an der italienischen Sprache probieren. Der gebürtige Römer Massimo Marano lebt in München und tischte mit italienischer Leidenschaft auf. Er schreibt für die zweisprachige Reihe bei dtv kurze Geschichten mit italienischem Kontext. Für Sprachanfänger und Fortgeschrittene präsentierte er Persönlichkeiten, Kulinaria und Krimis. Feurig, locker, verlockend und mit italienischem Esprit. Im Wechsel mit Annette Goosens, die für die deutschen Passagen sorgte, konnte das Publikum zwischen den Sprachen hin und her wandern.

Ein Leben in Italien

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Andrea Camilleri: Brief an Matilda, Kindler Verlag € 20,00

Dieses Buch ist der lange Brief des damals 92jährigen Andrea Camilleri an seine Urenkelin, als sie 4 Jahre alt war, damit sie später, als junge Erwachsene, etwas von ihm und seiner Zeit verstehen möge. Er erzählt von seiner Kindheit und Jugend zur Zeit des Faschismus in Sizilien, von seiner Rebellion gegen Erwartungen und der wachsenden Sehnsucht nach Freiheit. Sein Lebensweg als Lernender und Arbeitender war selten gradlinig und geprägt von dem Bedürfnis, seinen Ansichten treu zu sein, Kontra zu geben und sich auch politisch einzumischen. Er erzählt seiner Urenkelin von herausragenden Momenten der Weltgeschichte und erklärt ihr Entwicklungen und Veränderungen, die für die zukünftige erwachsenen Matilda ferne Vergangenheit sein werden. Er glaubt an die Kraft der heutigen jungen Menschen, Dinge zum Guten zu wenden. Das anregende Vermächtnis eines offenen, ehrlichen und beeindruckenden Menschen!

Wellenschlag und Palastgeflüster

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Judith Mackrell: Der unvollendete Palazzo, Insel, € 25,00

Ein Buch, drei Biografien: Judith Mackrell verwebt die Lebensgeschichten der drei Frauen, die in der Zeit von 1912 - 1979 die Herrinnen des Palazzo Venier dei Leoni am Canal Grande in Venedig waren: Luisa Casati (1881-1957), Doris Castlerosse (1900-1942), Peggy Guggenheim (1998-1979). Diese drei Frauen hatten einige Gemeinsamkeiten: sie haben ihr Leben sehr bewusst gestaltet, waren sehr auf die Wirkung ihrer Erscheinung fokussiert, es war ihnen wichtig, eine Rolle in der Gesellschaft zu spielen, sie haben vielfältig geliebt und gelitten. Sie waren umgeben von Künstlern, Literaten, Politikern und Aristokraten ihrer Zeit, so dass wir Leser viele weitere biografische Details anderer Persönlichkeiten finden über Venedig hinaus in Italien, Frankreich, England und den USA. Ein Buch für Kulturinteressierte und Venedigliebhaber, das mitnimmt in eine pulsierende, vergangene Zeit.

Kartographie der Reifung

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Charlotte Roth: Die ganze Welt ist eine große Geschichte und wir spielen darin mit, Eisele Verlag 2019 € 24.-

Die Fotos im Vorsatzpapier sind Vertaute aus Kindertagen: Versonnen hält Michael Ende mit seiner Nase auf den Schildkrötenrücken zu, sanft streichelt er seine Kassiopeia, die so quälend langsam Momo den Weg zeigen wird, derweil man beim Lesen mit vor Aufregung klopfendem Herzen die Zeilen überfliegen muss. Die grauen Herren hängen Momo so dicht an den Fersen. Das Bild zeigt den Autor in sich versunken, ganz die Ruhe selbst. Kaum zu glauben, dass Michael Ende, welchem Charlotte Roth mit großer Sorgfalt auf zahlreichen Schauplätzen nachspürt, zunächst fast am Leben verglüht. Die surrealen Traumwelten der Bilder seines Vaters Edgar Ende entführen den Jungen schon früh zu geheimnisvollen Innenwelten. Vorkriegs-, Kriegs- und Nachkriegswirren konfrontieren den ihn mit Trennung, Armut, Gewalt und Tod. Er hält entgegen und reißt das Leben an sich, wird Schürzenjäger, Nichtsnutz und Schauspieler der Schwabinger Bohème. Langsam und über Umwege, von einer ewig sorgenden Mutter behütet und einem über Kunst beständig diskutierenden Vater gefordert, eröffnet sich ihm sein eigener Weg zur Literatur. Roth hält respektvoll, fast ehrfürchtig Distanz zu ihren Figuren, die sie für sich sprechen lässt. Sie schafft Raum, die Zeit zu spüren, die für den Schaffensprozess in der Kunst vergehen muss und nie nutzlos ist. Michael Endes Kinderbücher brauchen Jahre der Reifung. Dies ist neben vielen Details über Menschen und ihr Leben in Garmisch, München und Italien wohl das Faszinierenste an diesem Buch. Roth zeigt, wie das Credo des wohl wichtigsten deutschen Kinderbuchautors der Nachkriegszeit, dessen Bücher dem unerschöpflichen Reichtum fantastischen Kinderdenkens eine Sprache, Klang und Ton geben, aus dem Leben erwächst und fest mit ihm verankert ist.

Unterwegs in Rom

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Simon Strauss: Römische Tage, Tropen Verlag, € 18,00

Zwei Monate verbringt Simon Strauss in Rom: "So viele waren schon hier und haben im Grunde alles ausgefühlt, nichts bleibt mehr übrig für mich, alles ist bereits in anderen Herzen bewegt worden: Die Blicke über die Piazza, das Streichen über die Löwenköpfe, das Staunen am Treppenende. Aber die Brunnen sprudeln eben immer noch weiter. Die Sonne scheint immer noch durch die Kirchenfenster. Zum Verzweifeln, dass man nicht der Erste sein kann, der das sieht. Und doch sieht man ja all das längst Gesehene zum ersten Mal. Die geheime Hoffnung bleibt: Hier bin ich einzig und allein gewesen." In diesem Sinne durchstreift der Autor aufmerksam die Stadt, denkt an die bekannten Persönlichkeiten, die hier waren, sucht alte Stätten auf und benennt die Zeichen der Gegenwart. Er beobachtet die Menschen und denkt sich in sie hiein, er lässt die Stadt auf sich wirken und seinen Gedanken freien Lauf. Die Stadt tut ihm gut, das Alte, das Neue, die Begegnungen - für den Leser ist es eine Bereicherung, Rom durch die Augen und Gedankenspiele vin Simon Strauss zu sehen.

Schmuggel

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Matteo Righetto: Die Seele des Monte Pavione, Blessing, € 20,00

Der Roman lässt uns intensiv nachempfinden, wie die Menschen Ende des 19. Jahrhunderts in der Bergwelt der Dolomiten lebten. Er erzählt anschaulich von einer Familie mit drei Kindern, die vom Tabakanbau lebt - mehr schlecht als recht - und so wagt der Vater jedes Jahr aufs Neue den Schmuggel über die österreichische Grenze. Als er sie für alt genug hält, nimmt er seine älteste Tochter Jole mit auf den gefährlichen Weg. Diese wird einige Jahre später alleine losziehen müssen, denn der Vater kam von seinem Schmuggelabenteuer nicht zurück. Sie wird mehrmals in Lebensgefahr schweben und ein guter Ausgang ihrer Unternehmung ist ungewiss. In schöner ruhiger Sprache lässt dieser doch spannende Roman vergangene Zeit erfühlen.

Drei Frauen

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Dacia Maraini, Drei Frauen, Folio Verlagsgesellschaft, € 20,00

Drei Frauen, drei Genarationen unter einem Dach: die untypisch quirlige Großmutter, ihre in Briefen und Romanen schwelgende Tochter und die Enkelin, die das Leben ausprobieren will. In sehr unterschiedlicher Art sind sie alle drei an Männern interessiert; bei einem Mann kommen sie sich jedoch in die Quere. Das löst einen Ernstfall aus, der ihrer aller Leben auf den Kopf stellt. Ein schönes, schmales Frauenbuch!

Mit Daniela Crescenzio auf italienischen Spuren in München.

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München ist die nördlichste Stadt Italiens, sagen die Münchner mit Stolz, und sicher haben Sie sich schon immer gefragt, warum. Daniela Crescenzio verführt an diesem Abend im Buchpalast zu Italienischen Spaziergängen in München und zeigt bekannte wie auch überraschende italienische Aspekte der Isar-Metropole – von den architektonischen Werken mit den Vorbildern in Florenz und Rom bis zu den florentinisch inspirierten Bronzearbeiten. Besonders am Herzen liegen ihr die Biografien von Italienern, die in München gelebt haben, vor allem die Geschichten von italienischen Frauen, wie beispielsweise Felicitas Blangini, Ehefrau von Leo von Klenze, oder der stolzen Giovanna San Germano d'Agliè, die sich das Porcia-Palais in der heutigen Kardinal-Faulhaber-Straße vom Hofbaumeister Enrico Zuccalli erbauen ließ.

Vom Piemont nach New York

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Raffaella Romagnolo: Bella Ciao, Diogenes Verlag 2019 € 24,00

Ein kleiner Ort im Piemont, Anfang des 20.Jahrhunderts. Giulia, Anita und Pietro sind seit der Kindheit beste Freunde. Sie teilen Freud und Leid eines arbeitsreichen und kargen Lebens. Als sie 20 Jahre alt sind, sieht Giulia sich veranlasst, von einem Moment zum anderen zu Verschwinden, ohne sich zu Verabschieden, ohne ein Zeichen zu lassen. Sie schifft sich nach New York ein und lässt ihre Vergangenheit hinter sich, bis sie 1946 zusammen mit ihrem Sohm zum 1.Mal wieder in ihrem Heimatort ist. Über die Jahre in Italien erfährt der Leser, indem er in Anitas Familie die Menschen von vier Generationen begleitet: in der Landwirtschaft, bei der Hausarbeit, in der Fabrik, in den zwei Kriegen, im politischen Agieren, unter Partisanen, in ihren Beziehungen, ihren Sehnsüchten, Lieben, und in ihrem Verzweifeln. In New York lebt Giulia mit Mann, Sohn und Enkeln, hat erst einen, dann weitere Lebensmittelläden in Little Italy unter den Einwanderern und in anderen Stadtvierteln. Sie erlebt Vorurteile und wirtschaftlichen Aufstieg und vermisst die Freundin Anita, die immer die richtigen Fragen stellte. Ob sie sie nun, nach fast 50 Jahren, wiederfinden wird? Und mit ihr den inneren Frieden, nach dem sie sich sehnt? Raffaella Romagnola beschreibt das Fühlen und Handeln der Menschen so anschaulich, dass ich mich ihnen sehr nah fühlte und in ihr Erleben in diesen düsteren Jahrzehnten hineinversetzt wurde. EIn Roman, wie ich ihn mir sprachlich und inhaltlich besser nicht erträumen könnte!

Andersgewöhnliche Normalität. Eine autobiografische Spurensuche

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Tom Tirabosco: Wunderland, Reprodukt 2017 € 24,95

Außergewöhnliche Normalität: Als das Wort Krüppel noch durch die Straßen hallte, wird Michel geboren. Er ist ein Draufgänger und Haudegen, eine Sportskanone mit Prothese, der sich weigert, seine Armstümpfe zu verstecken. Ohne besondere Gedanken ist er einfach inklusiv – inmitten der Geschwister, den Kindern auf der Straße, den Eltern die streiten. In seinen autobiografischen Erinnerungen inszeniert Tirabosco in packender Bildsprache Liebe und Leid in berührendem Wechsel.

Das Harmonium auf dem Dachboden

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Francesco Vidotto: Der Klang eines geanzen Lebens, Lübbe Verlag 2018 € 16,00

Das einfache, arme, dörfliche Leben vor, während und nach dem 2. Weltkrieg in den Dolomiten; kindliche Freundschaft, die zu Liebe wrid; Verlust geliebter Menschen; Musik, die von den Bergen und den Sternen erzählt; tragische Unfälle und das Leben danach, lang erprobte und unerwartete Freundschaft; Füreinanderdasein. Ein schönes, kraftvolles, trauriges, berührendes Buch!

Lieblingsbuch der unabhängigen Buchhandlungen

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Francesca Melandri: Alle, außer mir, Wagenbach Verlag 2018 € 26,00

In diesem beeindruckenden Roman verknüpft Francesca Melandri gekonnt die individuelle Geschichte einer römischen Großfamilie mit historischen Ereignissen der italienischen Vergangenheit. Verdrängt und Vergessen wurden von der Nachkriegszeit bis heute die Gräueltaten der Faschisten in  Äthiopien 1935 und in der Erinnerung gab es unter Mussolini nur Opfer und Partisanen. Dass sich bei einem jungen Flüchtling aus Äthiopien eine Verbindung zu der römischen Familie vermuten lässt, führt zu Verunsicherung und Hinterfragen. Spannend und gut recherchiert spürt Francesca Melandri der Vergangenheit nach und gibt einen Blick hinter die Kulissen der aktuellen Stimmung in Italien. So ist es nicht verwunderlich, dass dieser gut und genau beobachtende Roman von den unabhängigen Buchhändlern zum Lieblingsbuch des Jahres gewählt wurde!

Rendezvous am Blumenstand

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Fabio Geda: Vielleicht wird morgen alles besser, Knaus Verlag 2018 € 20,00

Fabio Geda hat eine beindruckende Fähigkeit, von den Gedanken, Fragen und Nöten Jugendlicher zu erzählen, so dass ein erwachsener Leser von der ersten bis zur letzen Seite gefesselt ist. In seinem neuen Buch "Vielleicht wird morgen alles besser" sind es der 14jährige Ercole und seine 5 Jahre ältere Schwester Asia, die sich schon sehr früh um sich selbst kümmern müssen. Ercole war 6, als die Mutter verschwand und der Vater ist mit dieser Situation absolut überfordert. In dieser labilen Normalität bedeutet ein feiner Riss oft schon einen tiefen Graben - und Ercole droht mehrfach, darin abzurutschen. Man schließt den Jungen gleich ins Herz und muss aushalten, dass er in den besten Absichten immer wieder Katastrophen auslöst. Die Hoffnung geht aber nie verloren!

Licht in einer dunklen Zeit

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Niccolò Ammaniti, Anna, Julia Eisele Verlag, € 20,00

Ein 13-jähriges Mädchen, in einer fast untergegangenen Welt: eine Seuche hat alle Erwachsenen dahingerafft, ein Feuer hat fast die gesamte Insel niedergebrannt. Trümmer und Leichen liegen allerorten. Doch Anna hat einen starken Überlebenswillen, sie kämpft für sich und ihren kleinen Bruder und eine Hoffnung gibt ihr Kraft: Auf dem Festland wird es anders sein. So ist Anna wie ein Licht in einer dunklen Zeit, die keiner von uns erleben möchte.

Am Familientisch

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Donatella Di Pietrantonio, Arminuta, Kunstmann, € 20,00

Die Romane von Donatella Di Pietrantonio: direkt, mit großer Ehrlichkeit und Offenheit die jeweilige Lebenssituation beleuchtend, mich als Leserin berührend. So ging es mir auch bei ihrem neuen Roman "Arminuta". Die Geschichte eines Mädchens, das plötzlich erfährt dass das Ehepaar, bei dem es als Einzelkind in der Stadt am Meer im Wohlstand aufwuchs, nicht seine leiblichen Eltern sind. Von einem Tag auf den anderen findet es sich ohne weitere Erklärung in einer Familie mit fünf Kindern in engen, ärmlichen, dörflichen Verhältnissen auf dem Land. Ratlosigkeit und Wut durchfluten es immer wieder aber es lernt auch die vorbehaltlose Rückendeckung einer pfiffigen jüngeren Schwester kennen und entdeckt erstaunt kleine Zeichen der Zuwendung an ungeahnter Stelle. Nach "Meine Mutter ist ein Fluss" und "Bella mia" hat die Autorin wieder eine Geschichte erzählt, die ich nicht missen möchte!

Ans Meer !

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Ans Meer!

René Freund: Ans Meer, Deuticke Verlag 2018 € 16,00

Anton ist ein gutmütiger, ein wenig schüchterner, bäriger Busfahrer, der jeden Tag die Schulkinder kutschiert. Und dann ist da noch Clara, die Mutter einer Schülerin, die er seit Jahren zur Therapie mitnimmt im Kampf gegen Krebs. Clara wünscht sich nichts sehnlicher, als noch einmal an den Ort ihrer Kindheit zu kommen . eine kleine Bucht nahe Duino in Italien. Das ist nicht gleich um die Ecke, auch, wenn man in Österreich lebt. Clara bittet Anton an einem ganz normalen Morgen, sie dorthin zu bringen - mit dem Schulbus. Dass Anton dies tut, hat auch mit Doris zu tun - seiner Nachbarin, der er sich sehr nahe fühlt, die aber wohl doch noch Abstand braucht. Mit von der Partie sind einige Schüler, zwei zunächst unerkannte blinde Passagiere und dann gäbe es da noch zwei Hippies, die den Weg dieser kleinen Truppe kreuzen. René Freund ist ein Garant für gute Unterhaltung mit Niveau!

Zwei eigenwillige Frauen

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Beate Teresa Hanika: Vom Ende eines langen Sommers, Btb € 20,00

Die 40-jährige Bildhauerin Marielle hat nie die ersehnte Nähe zu ihrer Mutter, beziehungsweise  Adoptivmutter, erleben dürfen. Nachdem diese verstorben ist, gelangen Tagebücher ihrer Mutter zu ihr, in denen diese von ihren Erlebnissen 1944 in der Toskana erzählt. Auf dem Landgut in den Hügeln nahe Lucca, in dem Marielle seit Kleinkindzeiten ihre Sommer verbringen wird, erleben beide Frauen ganz Entscheidendes und Lebensbestimmendes. Ein auch zeitgeschichtlich interessanter Roman über zwei eigenwillige Frauen!

Ein Dorf im Apennin

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Maria Rosaria Valentini: Magnifica, Dumont Verlag € 22,00

Das Leben in einem kleinen abgelegenen Ort im Apennin - es sind zunächst die Jahre nach dem 2. Weltkrieg, der Roman erzählt über vier Generationen. Die landwirtschaftlichen und kirchlichen Regeln bestimmen die Tage der ganz einfachen und doch so unterschiedlichen Menschen mit ihren Hoffnungen und Enttäuschungen, ihren Ängsten und deren Bewältigung, den sich entfremdenden Beziehungen und den wachsenden Freundschaften. Zentrale Figur ist Ada Maria, die ihre Mutter früh verliert, ihren Bruder großzieht und sich als junge Frau Schritt für Schritt dem deutschen ehemaligen Soldaten Benedikt nähert, der seit Endes des Krieges in einer Berghöhle lebt. Was es mit dem Namen Magnifica auf sich hat, welche Höhen und Tiefen Ada Maria und die Menschen um sie herum erleben, wird in diesem Roman überzeugend und einfühlsam erzählt.

 

Kleiner Magenwärmer, pikant global gewürzt

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Antinio Manzini: Spitzentitel, Wagenbach Verlag, 15,00 €

Fusionierung und Globalisierung

Eine Satire zum Thema Fusionierung und Globalisierung im Verlagswesen: lustig, wahnwitzig, angsteinflößend - der buchgewordene Albtraum jedes Idealisten und Individualisten - ein furioses Leseerlebnis! Der bekannte und gefeierte Autor Giorgio Volpe hat soeben seinen neuen Roman beendet. Die nächsten Schritte sind ihm wohlvertraut: Telefonat mit der Lektorin Fiorella, Schicken eines PDF, ihre und des Verlegers begeisterte Rückmeldung, Mittagessen mit dem Verleger, Lektorieren mit Fiorella und 1 1/2 Monate später findet sich sein Buch in den Auslagen der Buchhandlungen. Doch alles wird anders, als gedacht: der Verlag seiner Bücher und zwei weitere große Verlage haben fusioniert, Fiorella ist plötzlich im Ruhestand, der Verleger ist verschwunden, selbst das alte Verlagsgebäude ist von einer Haube aus dunklem Kristall verschlungen...was nun?