Articles tagged with: Schule

Bilder können alles sagen

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John Hare: Ausflug zum Mond, Moritz Verlag 2019 € 14,00

Der kleine Trödler hält Farbstifte und Block in öder Mondlandschaft trotzig in seinen Armen. Wortlos, in Raumanzug und blickdichtem Helm, schaut man ihm dirket in die Seele. Man spürt die erste Ratlosigkeit des Vergessenwordenseins und die Konzentration des Zeichners. Man hört die ungerechtfertigte Rüge des zurückgekehrten Lehrers und schmunzelt beim Abschied des Mehrwissenden. Ein Bilderbuch zum Versinken, zum Träumen und Weiterdichten, mit erstaulicher Gefühlsdichte, die allein aus Haltungen und Gesten entstehen kann.

Auf der falschen Spur

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Simon Mason: Running Girl, Rowohlt Rotfuchs 2019 €14,99

Dieses Jugendbuch bedient alles, was ein guter Krimi braucht: eine Leiche, ein interessanter Kommissar - Inder, jung und noch wenig erfahren in seinem Job, aber dafür mit umso mehr Ehrgeiz - eine Stadt, in der Arbeitslosigkeit, Glücksspiel und Kriminalität kein Fremdwort sind, und viele ungelöste Fragen. Genau mit diesen Fragen beschäftigt sich der 16-jährige Garvie, ein gelangweilter Schüler, der seiner Mutter trotz seines überaus hohen IQ´s den letzten Nerv raubt, und rein zufällig auch Ex-Freund des Mordopfers ist. Statt sich auf seine Abschlussprüfungen zu konzentrieren, ermittelt er auf seine eigene Weise, kombiniert Informationen, stellt die richtigen Fragen und ist dem Kommissar Singh ständig ein Dorn im Auge. Nach zwei falschen Verdächtigen, jeder Menge Ärger wegen fehlender Ermittlungserfolge und dazu die kryptischen Hinweise von Garvie, bringen den Kommissar endlich ans Ziel. Der Leser hat über lange Strecken mitgefiebert, sich an der Lässigkeit und Lebensunlust des Sechzehnjährigen aufgerieben, um dann endlich auf den letzten Metern in einem großartigen Showdown mit Singh und Garvie mitzuzittern. Ein intelligenter und zugleich jugendlicher Krimi, der bis zuletzt fesselt.

Fantasie kennt keine Grenzen

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Anushka Ravishankar, Susanne Straßer: Ausreden, Ausreden, Peter Hammer Verlag 2019 € 16,-

Zwischen Kindern und Erwachsenen können in der Betrachtung eines Sachverhaltes Welten liegen. Auch diesem Buch kann man sich von verschiedenen Seiten nähern. Die einen verfolgen Tims Bemühen, die anderen fiebern mit seiner Fantasie.  Beim Start in die Woche nimmt Tim sich vor hilfsbereit, nützlich, brav und vernünftig allen erwachsenen Erwartungen zu entsprechen. Doch jeden Tag gerät ihm die anstehende Aufgabe irgendwie zu verrücktem Blödsinn und absurdem Quatsch.

Von der Liebe zu den Menschen und der Besonderheit des Anderssein

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Britta Teckentrup: Die Schule, Jacoby & Sturart 2018 € 19,00

Die seitenfüllenden Gesichter der Kinder ziehen sofort in Bann: in neugieriger Erwartung, zurückhaltender Beobachtung oder stiller Verzweifung schauen Paul und Max, Tom, Lisa, Linda und Djamila, Peter und Laura aus dem Buch heraus und öffnen dem Betrachter den Blick in ihre Seelen. Handlungsort ist die Schule, eine das Leben dieser Kinder bestimmende Zweckgemeinschaft, eine bunt zusammengewürfelte Klassengemeinschaft mit ihren Lehrern, wo sich Freunde finden und Feinde nicht ausbleiben, wo man sich hilft stark und mutig zu sein, wo Angst regiert und man dem Mobbing die Stirn bieten muss. Ein Ort großer Gefühle. In diesem Raum eröffnet sich ein Gegeneinander und Miteinander in der Gemeinschaft. Die Geschichten der Kinder sind typisch, doch fällt Teckentrup dabei nie ins Klischee. Sie inszeniert zart und in stiller Hochachtung vor jedem Menschen die Besonderheiten des Anderssein und das Glück etwas allein oder gemeinsam geschafft zu haben. So ist dieses Buch eine Schule der Aufmerksamkeit, der Achtung vor Anderen, ein starkes Buch zu großen Fragen, denen man sofort nachzugehen möchte, um weitere zu stellen. Die Brisanz des Themas umfängt Teckentrup mit ihren Bildern, die Innehalten lassen, und staunen machen, weil man sich glatt in jeden dieser Menschen verlieben könnte.

Jugend im Gespräch mit Lea-Lina Oppermann zu „Was wir dachten, was wir taten“

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Lea-Lina Oppermann: Was wir dachten, was wir taten, Beltz&Gelberg 2017 € 12,95

Außergewöhnliche Lebenssituationen sind in der Jugendliteratur ein beliebtes Thema. Gewissen und Haltung, das Leben selbst steht plötzlich auf dem Prüfstand. Lea-Lina Oppermann hat ihr Debüt mit 16 Jahren geschrieben und und beeindruckt mit Schreibtalent und Beobachtungsgabe zu jugendlichem Denken und Handeln. Ihr Buch ist zum Lieblingsbuch der Jugendlichen und zur perfekten Schullektüre avanciert.

Amoklauf in der Schule

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Marieke Nijkamp: 54 Minuten, Fischer Verlag 2017 € 14,99

Das Buch handelt von einem Amoklauf. Nach der Rede der Direktorin wollen alle die Aula verlassen, aber die Türen sind verschlossen. Tyler, der Amokläufer, fängt an zu schießen und will alle töten, die ihm je Unrecht getan haben. Das Buch ist aus der Sicht von vier Jugendlichen erzählt. Sie heißen Claire, Autumn, Tomás und Sylv. Sie haben alle etwas mit Tyler zu tun. Das Buch bleibt immer spannend, da es die Seiten wechselt und nicht alle in der Aula waren, als Tyler zu schießen begann. Ich finde das Buch sehr gut. Kleiner Geheimtipp, meinerseits!

1971er Cuvée mit lebendigem, autobiografischen Bouquet

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Ijoma Mangold: Das deutsche Krokodil, Rowohlt, € 19,95

Identitätssuche

Das erste Buch des Literaturkritikers Ijoma Mangold ist nicht nur eine Autobiografie, sondern gleichzeitig ein interessantes Gesellschaftsportrait des Deutschlands der 70er - 90er Jahre. Ijoma Mangold, Sohn einer schlesischen Mutter und eines nigerianischen Vaters, der kurz nach der Geburt des Sohnes nach Afrika zurückging und den Mangold erst mit 22 Jahren kennenlernen sollte, wuchs in einer geschützten Welt in Heidelberg auf. "Der Junge", wie Ijoma Mangold von sich selbst in der Kindheit erzählt, hat einige Besonderheiten in sein Leben zu integrieren: Die Abwesenheit des Vaters, eine unkonventionelle Mutter und eine andere Hautfarbe. Ihn beseelt die Sehnsucht nach Assimilation, die ihm so gut gelingt, dass er erst in seiner Jugend, nach dem Abitur, eine ganz neue Seite seiner Identität entdeckt: Bei Aufenthalten in den USA und bei seinem ersten Kontakt mit der afrikanischen Familie seines Vaters. Der Leser kann sich über durchaus komische Aspekte erzählter Anekdoten amüsieren, hat aber nie das Gefühl, ein Voyeur zu sein und fühlt sich angeregt, an eigene Erlebnisse zu denken als auch über die Entwicklung des Kindes zum Erwachsenen im Allgemeinen zu reflektieren. Möge "Das deutsche Krokodil" nicht der einzige Roman von Ijoma Mangold bleiben!

Klug & besonders – die etwas andere Haustiergeschichte

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Elena K. Arnold: Keine Angst vor Stinktieren, Carlsen Verlag 2017 € 10,99

Als Bats Mama, eine Tierärztin, das gerade geborene Stinktierbaby aus der Praxis mit nach Hause bringt entflammt Bats Liebe zu diesem kleinen, hilfsbedürftigen Wesen. Mit Tieren kann er sowieso sehr gut umgehen. Mit Menschen tut er sich schwerer. Es fällt ihm nicht leicht, ihre Körpersprache zu deuten oder ihnen etwas von den Augen abzulesen. Es sind doch nur Augen, sagt er, als seine Mama ihn darauf anspricht. Wenn er etwas wissen möchte, fragt er. Die Autorin versteht es mit großer Sensibilität und ganz ohne Tam-Tam Bats leichten Autismus in Szene zu setzten. Man staunt über Bats Geschick in der Welt zurecht zu kommen. Die Klugheit, mit der er agiert, lässt ihn am Ende zu einem richtigen, verantwortlichen Tierpfleger werden und sogar, mittels Stinktier, einen ersten richtigen Freund finden. Ein stilles, feines und besonderes Buch. Mit einem Stinktierbaby zum Verlieben.

 

Jung und beherzt

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Lea-Lina Oppermann: Was wir dachten, was wir taten, Beltz&Gelberg 2017 € 12,95

Auch in der Schule, in der Klassengemeinschaft, scheint sich heutzutage die Welt nur um den Einzelnen zu drehen. Egoistisch und selbstgefällig, ohne rechten Blick auf die Anderen wurschtelt jeder sich durch. Wen wundert diese Erkenntnis im Handyzeitalter. Diese Gleichgültigkeit, gar Missachtung dem Anderen gegenüber führt ungewollt und ungeahnt zu tiefen Verletzungen. Das wiederum gipfelt im großangelegten Rachefeldzug des Einzelnen an der Gruppe. Dem Amoklauf. Manchmal würde man sich doch mehr Lebensfantasie wünschen. Wenigstens in der Literatur. Die Autorin, Lea-Lina Oppermann, 19 Jahre jung, beschreibt  diese Ausnahmesituation in der hermetisch abgeriegelten Welt des Klassenzimmer auf hohem Spannungsniveau aus drei Perspektiven. Zwei Durchschnittschüler Mark, Fiona und ihr junger Lehrer Herrn Filler erzählen. Wie in Zeitlupe spiegeln sie in gekonntem rhythmischen Wechsel jede Bewegung des Eindringlings und der Gruppe und sehen dabei immer sich selbst im Zentrum der Situation.  Allen voran der Lehrer, dessen knapper Altersvorsprung und  Ausbildung ihn keineswegs erhabener oder aktiver gemacht haben. Selbst als der Täter einen Stapel Briefe mit seinen Wünschen auf den Tisch legt, Forderungen in denen jeder mal gezwungen wird, andere Bloßzustellen, kommt keinem die Frage in den Sinn, was hier überhaupt gespielt wird. Viele Möglichkeiten des Eingreifens verstreichen. Stück für Stück erkennen die Erzähler erst jetzt, mit den gestellten Aufgaben, die Rolle Einzelner im Gesamtkontext der Gruppe und füllen ihre bisherige Nichtwahrnehmung mit defensiven Rechtfertigungen. Utopische Höhenflüge einer Jugend? Fehlanzeige. Bei diesem Text handelt es sich um einen erzählerisch versierten,  düstern Zustandsbericht des Seins, der nach Diskussion und Klassenlektüre ruft. Katrin Rüger

Queer

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Alex Gino: George, Fischer Verlag 2016 € 14,99

George ist zehn. Sie wünscht sich nichts sehnlicher, als die weibliche Hauptrolle beim Schultheater spielen zu dürfen. Doch ihre Lehrerin sagt, das geht nicht, weil sie ein Junge ist. Glücklicherweise hat George einen guten Plan und eine noch bessere Freundin. Jetzt! Nicht später, lautet ihre Devise. Schnörkellos klar wandert der Text in den Welten der Eigen- und Fremdwahrnehmung des transgender Kindes, bewegt und berührt dabei seine Leser. Dieses Buch ist Fest für die Vielfalt in der Kinderliteratur.

 

Jugendliche Authentizität

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Anna Seidl: Es wird keine Helden geben, Oetinger Tb 2016 € 8,99

Der Roman Es wird keine Helden geben handelt von einem Amoklauf an einer deutschen Schule und dessen schlimmen Folgen für alle Beteiligten. Das Leben der 15-jährigen Miriam ist perfekt. Sie ist hübsch, hat den beliebtesten Jungen der Jahrgangsstufe als Freund und ist in der angesagten Clique. Doch das alles wird an dem Tag zerstört, als sie einen Amoklauf miterlebt. Ihr Freund stirbt vor ihren Augen und ihre Clique zerbricht. Miriam ist am Boden zerstört, denn sie kannte den Amokläufer. Auch sie hatte ihn bloßgestellt und gemobbt. Nach dem Amoklauf verändert sie sich und auch alle Personen in ihrem Umfeld. Immer  öfter stellt sie sich die Frage ob sie mitschuldig für die Geschehnisse ist. Das Buch beschreibt sehr gut ihre Gefühle und Gedanken. Außerdem zeigt es dass aus kleinen Vorfällen schlimme Dinge geschehen können und wozu Menschen fähig sind. Katja, 14 Jahre

Übernachtungsparty

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Dagmar Geisler, Die Tintenkleckser - Mit Schlafsack in der Schule, dtv 2016 € 9,95

Mias Klasse ist wunderbar. Alle halten zusammen, mögen sich und Mia will mit ihrem Freund sogar zusammen Höhlenforscherin werden! Doch heute ist ein ganz besonderer Tag. Heute ist die große Lesenacht! Jeder darf seinen Schlafsack mitnehmen und die Lehrerin liest spannde Geschichten vor. Doch mitten im Unterricht weint Jana-Ina  los: " Mein weißer Tiger ist weg! Ich hab ihn grade noch auf mein Federmäppchen gelegt. Jemand hat ihn geklaut!" Mia wird aufeinmal ganz blass. Wird die Lesenacht ausfallen? Aber noch wichtiger: Wer hat den Tiger geklaut? Und was hat Mia damit zu tun? Ein turbulentes, unterhaltsammes Buch, das auch noch spannend ist und pfiffig erzählt wird. Ich empfehle es ab acht Jahren, aber man sollte es nicht unterschätzen es ist wirklich spannend! Wunderbar spannend!

Sprachjonglage

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Jaromir Konecny, Herz Slam, Ravensburger 2015, € 12,99

Die beiden Gymnasiastinnen Lea und Sophie haben die Teilnahme an einer Poetry-Slam Woche gewonnen. Doch als sie erfahren wer sonst noch alles mitmacht sind sie schockiert. Hauptschüler! Durch ihre vielen Vorurteile ist Ärger vorprogrammiert. Doch sie erkennen, dass in so manchen Proleten und Machos ein wahrer Poet steckt. Kein Wunder das die Herzen aus dem Takt geraten. Das Buch ist sehr gut geschrieben und macht richtig viel Spaß zu lesen, auch weil es viele Gedichte und andere wunderschöne literarische Texte enthält. Die ganzen Vorurteile herrschen im Moment wirklich und das Buch zeigt, dass diese ganzen Vorurteile überhaupt nicht stimmen. Anna, 13 Jahre

Bild: Jaromir Konecny beim Poetry Slam im Buchpalast, Bookuck 2015

 

Sprachspielspaß

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Pamela Butchart, Niemals wilde Katzen kitzeln, Reprodukt 2015 € 16,00

Zippeln und zappeln, trippeln und trappeln, kribbeln und krabbeln. Line kann nicht still sitzen und sitzt auf ihren Ohren derweil der kleine Zuhörer vom Sprachspielspaß die Ohren spitzt. Im Zoo belästigt sie Bären und streichelt Schlangen und macht auch vor dem Tiger nicht halt. Wieso man niemals wilde Katzen kitzeln sollte erzählt das Bilderbuch in süffisantem Dominoeffekt, sodass selbst Line am Ende zur Einsicht kommt und alles endet gut, wäre da nicht die Idee mal einen Polarbären zu piksen….
 

Mit Herzklopfen

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Rose Lagercrantz, Mein Herz hüpft und lacht, Moritz Verlag 2013 € 11,95

Schon in ihrer ersten, preisgekrönten „Dunne Episode“ zeigte die Autorin, wie viel Herz in einer kleinen Geschichte stecken kann und, dass sie die große Gabe besitzt, das pralle, kindliche Leben auf wenigen, luftig gesetzten Seiten facettenreich einzufangen. Für Sachverhalte benötigt sie kaum mehr als vier knackige Worte. „Da ist Dunne wieder! Dunne die so glücklich ist.“ Ein fünftes Wort liest sich wie das Salz in der Suppe. Der aufrichtige Ton ist ein Glücksfall für Leseanfänger.  Natürlich folgt Dunnes Glück das Unglück auf dem Fuß. Doch davon hält Dunne nichts. Sie bevorzugt es das Ende trauriger Geschichten umzuschreiben. „Unglück macht sie kaputt“. Gern dürfen Vorleser über die entwaffnenden Benennungen der Tatsachen staunen. Wenige Seiten weiter nimmt Dunnes Leben mit allen Fallstricken seinen Lauf und sie verheddert sich kolossal in ihnen. Selbst ihre Meerschweinchen können im Anblick des kleinen Dramas nur noch mit den Zähnen klappern. Das tun sie immer, wenn es aufregend wird. Die schwappende Wucht  sich bahnbrechender Gefühle aller Art sind brillant in Szene gesetzt. Sie füttern  süffisant die knappe Sprache, die deutliche Ansage mit ihren klaren Bildern und lassen das Herz klopfen.