Articles Written By: Friederike Wagner

Friederike Wagner

About Friederike Wagner

Buchhändlerin mit literarischer Leidenschaft

Schauspieler unter sich

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Cynthia D`Aprix Sweeney: Unter Freunden, Klett-Cotta 2021, € 22,00

Mit Sweeneys Roman "Unter Freunden" taucht der Leser ein in die Szene der Schauspieler in New York und Los Angeles, auf der Bühne, im Film und als Sprecher. Er lernt zwei Freundespaare kennen, eines davon mit Tochter, die sich seit vielen Jahren einander anvertrauen und unterstützen. Ganz unerwartet entsteht ein Riß, der die Vergangenheit in Frage stellt, Unsicherheit im Miteinander auslöst und vielleicht sogar neue Lebenskonzepte fordert. Beeindruckend beobachtet!

In Amsterdam und Surinam

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Ruth Kornberger: Frau Merian und die Wunder der Welt, C. Bertelsmann 2021 € 20,00

Ein Roman über einen entscheidenden Lebensabschnitt der Maria Sibylla Merian: nach der Trennung von ihrem Ehemann 1685 lebte sie mit ihren beiden Töchtern 6 Jahre lang bei der niederländischen Sekte der Labadisten. Hier wurde ihre Kunst kaum gewürdigt und so zog sie nach Amsterdam, wo sie vielerlei Kontakte knüpfte, Unterricht gab und ihre Zeichnungen verkaufen konnte. Mühsam ersparte sie das Geld für die ersehnte Reise nach Surinam, für sich und ihre jüngere Tochter. Zwei Jahre lebten, sammelten und zeichneten sie dort Raupen, Schmetterlinge und Pflanzen. Wieder in Amsterdam hatte Maria Sibylla Merian ihre erste öffentliche Ausstellung. Der Roman erzählt lebhaft von den Lebensbedingungen um 1700 an diesen unterschiedlichen Orten, basiert  auf biografischen Daten und bindet wahre Personen und Orte ein. Umrahmt werden diese von der schön zu lesenden Fiktion einer Liebesbeziehung der Künstlerin mit einem attrktiven Mann, der auch das Abenteuer liebt und sie immer wieder zu finden weiß. Ein Buch zum Versinken in eine außergewöhnliche historische Lebensgeschichte!

Wendepunkte im Leben

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Birgit Müller-Wieland: Vom Lügen und vom Träumen. Roman in sechs Geschichten, Otto Müller Verlag 2021, € 22,00

Birgit Müller-Wieland, Autorin von Flugschnee, hat wieder einen unglaublich dichten und intensiven Roman geschrieben. Sie erzählt in sechs Geschichten, die untereinander fein verwoben sind, von Frauen und Männern, die Wendepunkte in ihrem Leben ereilen. Diese stellen eine große Herausforderung für sie dar. Sie durchleben Trennung nach vielen Ehejahren, unerfüllte Sehnsucht nach Vaterschaft, Alltag in der DDR und exotischer Ferne, Suche nach dem Vater, Mißbrauch, Mutterschaft ohne Partner - aber auch tiefes Vertrauen und Auffangen, Seelenverwandschaft, Mutterglück, Freundschaft und Loyalität. Birgit Müller-Wieland gelingt es, diesen tiefen Gefühlen in einer faszinierenden Sprache ausdruck zu verleihen. Das Buch hat mich sehr beeindruckt und ich hätte einige der Personen gerne noch über weitere Erlebenszeit begleitet.

München, Mitte der 60er Jahre

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Claudia Kaufmann: Das Fräulein mit dem karierten Koffer, Fischer 2021, € 11,00

Sabine ist gerade 19 und die Aufforderung, anständig zu sein, hat ihre ganze Erziehung geprägt. Das Gymnasium blieb ihr verwehrt, nun arbeitet sie als Sekretärin. Bei ihrem ersten Abend in einem Tanzlokal lernt sie Michael kennen, einen Industriellensohn. Alles scheint möglich in der Verliebtheit der beiden. Doch als Sabine schwanger wird sind weder ihr Freund noch ihre Mutter für sie da, alle Träume zerplatzen. Einzig die Mutter ihrer Freundin steht zu ihr und unterstützt sie, Sabine wird in ihrer schwierigen Situation als unverheiratete Schwangere und Mutter erstarken und für Selbstbestimmung und Unabhängigkeit kämpfen. Für den Leser wird  die Stimmung der 60er Jahre aus vielerlei Blickwinkeln sehr nachfühlbar und das emotionale Auf-und Ab der jungen Protagonistin verführt zum Immerweiterlesen und Abtauchen in diese Zeit.

Nebeneinander und Miteinander

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Astrid Rosenfeld: Die einzige Strasse, Kampa Verlag 2021, € 18,00

Sechs Bungalows in Virginia - es hätte eine Hotelanlage werden sollen, nun leben hier Menschen, denen das Leben bisher nicht gut mitgespielt hat. Ein Kriegsveteran, zwei alte Schwestern, eine Familie mit zwei Kindern, eine Mutter mit Sohn und eine alleinlebende Frau. Es ist ein Nebeneinander aber doch auch ein Miteinander, Enttäuschung und Hoffnung liegen in der Luft. Sehnsüchte verführen zu Wagemut. Es sind kleine Begebenheiten, die uns diese Menschen nahebringen und uns hoffen lassen, sie mögen gute Wege finden.

Quer durch Amerika

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Hernan Diaz: In der Ferne, Hanser Berlin 2021, € 24,00

Hakan ist ein Kind, als er mit seinem älteren Bruder Linus von Schweden nach New York aufbricht. In der Hektik des englischen Hafens von Portmouth verlieren sich die beiden. Der englischen Sprache nicht mächtig gerät Hakan auf ein Schiff nach San Francisco. Sein einziges Ziel ist es nach Osten, nach New York zu kommen und dort den Bruder zu finden. Er durchquert weite Strecken des Landes, teils in Begleitung, oft allein. Er lebt mit einem Goldgräber und dessen Familie in freier Natur, gerät in Gefangenschaft, lernt von einem Forscher viel über den menschlichen und tierischen Körper. Er gerät in lebensbedrohliche Situationen verschiedenster Art und wird, groß gewachsen  und umhüllt von einen selbst genähten Mantel aus Fellen aller erdenklichen Tiere zu einer Legende im Kalifornien des Goldrausches werden. Während seine Geschichte in aller Munde ist lebt Hakan in innerer und größtenteils auch äußerlicher Einsamkeit in diesem ihm fremden Land mit fremder Sprache, unendlicher Weite und klimatischen Extremen fernab der Zivilisation. Ein eindrucksvolles Portrait Amerikas, eine ungewöhnliche Lebensgeschichte, die in ihren Extremen fasziniert.

Feinfühlend-frech

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David Wagner: Der vergessliche Riese, Rowohlt € 12,00

In dieser sehr gelungenen Autofiktion erzählt David Wagner von den Besuchen bei seinem dementen Vater. Diese entbehren nicht einer gewissen Komik, wenn immer gleiche Fragen gestellt werden, Zusammenhänge nicht mehr bewusst sind. eben Geschehenes gleich wieder vergessen ist. Der Charakter des Vaters ist erspürbar, manchmal ist interessantes Spezialwissen da, bei Vater und Sohn tauchen Erinnerungen an vergangene Zeiten auf.  Der Sohn ist geduldig, liebevoll und manchmal auch feinfühlend-frech, was der eigentlich traurigen Situation Leichtigkeit gibt. Manches Mal ist dem Vater das Vergessen bewusst, aber es scheint ihn nicht wirklich zu betrüben - das Leben ganz in der Gegenwart hat auch etwas Befreiendes. Ein Buch, das berührt aber nicht belastet, das Mut macht und Hoffnung gibt, selbst in vergleichbaren Begegnungen zu einem guten Umgang zu finden.

Sizilien pur

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Tea Ranno: Agata und ihr fabelhaftes Dorf, Nagel & Kimche 2021, € 23,00

Ein kleiner Ort mit dem Bürgermeister und seinen Gefolgsleuten aus dem mafiösen Milieu und dem Tabacchere, der sich dem widersetzt und als Kommunist gilt. Zudem gehört diesem ein Haus außerhalb mit einem Stück Land, das er mit Blumen und Obstbäumen in ein wahres Paradies verwandelt hat. Dieses möchte sich der Bürgermeister unter den Nagel reißen, dort eine Mülldeponie errichten um sich zu bereichern. Als der Tabacchere plötzlich verstirbt scheint es ein Leichtes, seine Witwe zu überrumpeln. Weit gefehlt: Sie hat eine unkonventionelle und menschliche Art, sich mit anderen Dorfbewohnern zu verbinden. Sie eröffnet anderen Chancen und erfährt deren Unterstützung. Eine turbulente Dorfkomödie, bei der sich die unterschiedlichsten Emotionen Bahn brechen und ungeahnte Wege aufzeigen.

Interkulturelles Liebeschaos

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Angelika Jodl: Laudatio auf eine kaukasische Kuh, Eichborn Verlag 2021, € 18,00

Die angehende Ärztin Olga steht plötzlich zwischen zwei Männern, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Dem einen gehört ihr Verstand, dem anderen ihr Herz - wogegen sie sich lange standhaft zu wehren versucht, Der Fantasiereichtum von Jakob, genannt Jack, der nichts unversucht lässt, um Olga für sich zu gewinnen, gibt der Geschichte herrliche Wendungen. Nach ersten Jahren in Georgien und weiteren in Griechenland kam Olga mit 11 Jahren mit ihrer Familie nach München. Der georgische Hintergrund und eine Reise nach Tiflis geben interessante Einblicke in Mentalität und Lebensweise. Ein Roman, der mitfühlen lässt, der Spaß macht,  Kulturen verbindet,  angenehm unterhält und unbedingt auf ein Happy End hoffen lässt.

Weltmüdigkeit und Lebenslust

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Ivica Prtenjaca: Der Berg, Folio Verlag 2021, € 22,00

"Ich" ist ein Mann unbestimmten Alters, der seines Arbeitslebens in der Kunstszene Zagrebs überdrüssig geworden ist und eine tiefe Weltmüdigkeit empfindet. Das veranlasst ihn, für drei Monate als Brandwächter auf einer kleinen Adriainsel anzuheuern. Er stellt sich seinen Ängsten und Fragen an das Leben. Einzig begleitet von einem altersschwachen Esel und einem zugelaufenen Hund haust er in der hochgelegenen Bergwarte. Auf seinen Rundgängen spürt er sich selbst, bemerkt eine zunehmende Stärke und neue Wachsamkeit all seiner Sinne. Die Touristen, denen er hin und wieder begegnet erstaunen ihn in ihren Eigenarten; näher fühlt er sich den Inselbewohnern, denen das Kriegserleben noch in den Knochen steckt. In einer teils genau beschreibenden, teils poetischen Sprache erzählt der kroatische Autor Ivica Prtenjaca von dem Wandel dieses Mannes, der in der Wildnis Mut für ein Leben unter Menschen findet.  Ein sehr besonderes Buch!

Viva Venezia!

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Michael Dangl: Orangen für Dostojewski, Braumüller Verlag 2021, € 24,00

Wer in Gedanken durch das Venedig von 1862 spazieren möchte, ist in diesem Buch genau richtig. Noch dazu sieht er/sie die Stadt durch die Augen eines bekannten Mannes: Dostojewski. Er, dem nach großem Erfolg in Russland zehn Jahre Publikationsverbot auferlegt worden waren, befindet sich nun am letzten und lang ersehnten Ort seiner Reise durch West-Europa. Seine Melancholie und auch eine gewisse Zwanghaftigkeit machen es ihm schwer, sich der lebhaften und lebensfrohen Mentalität der Italiener zu nähern. Erst, als er durch Zufall den wesentlich älteren, welterfahrenen, geselligen und genießenden Rossini begegnet und eine vorsichtige Freundschaft entsteht, wandelt sich auch seine Wahrnehmung. Auch, wenn  der Autor diese Begegnung zugegebener Maßen erfunden hat: Lesevergnügen ist sie allemal!

Erinnerungsschätze

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Sylvie Schenk: Roman d`amour, Hanser 2021, € 18,00

Ein Frage-Antwort-Spiel und Erinnerungsschätze: In dem Roman von Sylvie Schenk wird eine Autorin interviewt. Fragende und Antwortende sind Frauen und ihre Gedanken kreisen nicht nur um den Roman sondern auch um eigenes Erleben. Dreiecksbeziehung, heimliche Liebe, intensive Urlaubswochen miteinander, losgelöst von allen Verpflichtungen. Wann sind es wahrhafte Erinnerungen, wann ist die Geschichte erdacht? Emotional dicht in der Frage nach dem Recht auf Liebe allen Konventionen zum Trotz, in dem Bewusstsein nach dem gleichzeitigen Empfinden von Abhängigkeit und Freiheit und in dem Nachspüren der Intensität eines Liebesabenteuers. EIne interessante literarische Auseinandersetzung zum Thema Liebe.

Geliebtes, gelebtes Miteinander

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Kerstin Campbell: Ruthchen schläft, Kampa Verlag 2021 € 20,00

So wünschen es sich viele von uns: Dass sich im Alter eine Lösung findet, im vertrauten Zuhause bleiben zu können, mit Nähe zur nächsten und übernächsten Generation. In diesem Roman, der hauptsächlich von den Bewohnern eines Altbaus in Berlin erzählt, gelingt es. Was nicht ausschließt, dass auch hier nicht alles glatt läuft: Verlassensein, Verpflichtungsgefühl, Unfälle und emotionale Zerrissenheit spielen auch hier mit. Und Ruthchen, die Katze auf dem Cover, hat eine entscheidende, teilweise skurrile  Rolle. Ein unterhaltsam zu lesender Roman, der den Leser mit einem hoffnungsvollen Gefühl zurücklässt.

Intensives jugendliches Erleben

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Ewald Arenz: Der große Sommer, DuMont Verlag Jahr 2021 €20,00

Jungenfreundschaft, Geschwisternähe, erste Liebe und ein intensives Wahrnehmen von Farbspielen, Duftnoten und Stimmungen in der Natur tragen dieses Buch. Ich habe mich sehr gern in die Erlebnisse, Gedanken und Empfindungen des 16jährigen Friedrich hineinversetzen lassen, mich diesem jungen Menschen nahe gefühlt. Die Freundschaft hat ihre Rituale, birgt Abenteuer und wird erschüttert. Die Nähe zwischen Bruder und Schwester innerhalb der großen turbulenten Familie ist verlässlich. Die erste Liebe ist plötzlich da, von Friedrich sofort erkannt und zugelassen, wirft Fragen, Sehnen, Unsicherheit, Erstaunen, großes Glück und Verzweiflung auf. Da Friedrich viel Zeit bei seinen Großeltern verbringt, entdeckt er bei ihnen ihm unbekannte Seiten, was auch daran liegt, dass er sich selbst neu entdeckt und sein Interesse an ihrer Vergangenheit geweckt ist. Der Autor Ewald Arenz hat mich mit seinem neuen Buch ebenso mitgenommen wie im vorherigen Romans "Alte Sorten".

Klavierlehrer in mafiösem Milieu

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Roberto Andò: Ciros Versteck, Folio Verlagsgesellschaft 2021, € 22,00

Gänzlich unvorhersehbar ändert sich das Leben des Klavierlehrers und Einzelgängers Gabriele Santoro in Neapel, als ein zehnjähriger Junge unbemerkt durch die offenstehende Wohnungstür zu ihm in die Wohnung schlüpft. Die verängstigten Augen des Jungen veranlassen Santoro ihn ohne weitere Erklärungen bei sich Unterschlupf zu gewähren. Wie sehr er sich damit selbst in Gefahr bringt, ahnt er nicht. Als es ihm bewusst wird und das Haus unter Beobachtung der Mafia steht erstaunt es ihn selbst, dass sich statt Panik eine unerklärliche Ruhe in ihm ausbreitet. Die Camorra hat ihn im Auge, doch die in Santoro erwachenden väterlichen Gefühle zu dem Jungen Ciro bestärken ihn in seinem riskanten Handeln. Besonders ist an diesem Roman, dass er eine gewisse Ruhe ausstrahlt, die genährt wird durch die Gedanken des Maestros, die sich im Reich der Musik und Poesie bewegen. Nichtsdestotrotz geht es um mafiöse Strukturen, Mord und Lebensgefahr. Mit Santoro und Ciro prallen zwei grundverschiedene Lebenswege aufeinander, die doch Gemeinsamkeit finden.

Heimliche homosexuelle Liebe

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Tomasz Jedrowski: Im Wasser sind wir schwerelos, Hoffmann und Campe, € 23,00

Ludwik wächst in den 1960er Jahren in Breslau auf und es ist interessant, wie er zunächst als Kind und dann als junger Erwachsener in Warschau das Leben im Kommunismus wahrnimmt. Als er zum Ende des Studiums in den 80er Jahren eine beglückende Liebe zu Janusz erlebt muss diese geheim bleiben, was seine kritische Sicht auf die politischen Verhältnisse untermauert. Rückblickend erzählt aus den USA, wohin er emigrierte, sich liebevoll erinnernd an die aus Lemberg umgesiedelte Großmutter, lässt der Protagonist uns ein Stück Zeitgeschichte intensiv und lebendig miterleben.

Münchenspaziergänge

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Hans Pleschinski: Götterbaum, Beck Verlag 2021, €

Ein Spaziergang dreier Damen durch das frühabendliche München, denen sich zwei Herren dazu gesellen - nicht zufällig, sondern verabredet. Sie alle verbindet ein Interesse an Paul Heyse, der im München des 19. und des angehenden 20. Jahrhunderts eine zentrale bekannte und gefeierte Persönlichkeit war, ausgezeichnet mit dem Literaturnobelpreis. Sie sind auf dem Weg zur ehemaligen Heyse-Villa, in der ein nach ihm benanntes Kulturzentrum entstehen könnte. Die Flaneure tauschen sich aus über den Literaten, zitieren ihn und beobachten parallel dazu die Münchner, die an diesem lauen Märzabend unterwegs sind. Kennt der Leser die Stadt, hat er viele erwähnte Orte und Details sofort vor Augen und spaziert mit den Protagonisten durch Strassen und über Plätze. Ein Münchenroman des Münchner Autors Hans Pleschinski.

Sprachlosigkeit zwischen Vater und Sohn

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Roberto Camurri: Der Name seiner Mutter, Antje Kunstmann Verlag 2021, € 20,00

Roberto Camurri gelingt es meisterhaft, die Sprachlosigkeit zwischen Vater und Sohn auszuloten. Die Beobachtungen, zunächst des Vaters des kleinen Kindes, dann auch die des heranwachsenden Jungen und des jungen Erwachsenen, sind genau. Die Gefühle sind stark empfunden, aber sie wollen sich nicht in Worte verwandeln. Eine Hilflosigkeit steht zwischen den beiden, die sich in manchen Momenten auch in Wut ausdrückt, obwohl Liebe sie verbindet. Die Ehefrau und Mutter verschwand, als der Sohn noch ganz klein war und ihre Abwesenheit nimmt viel Raum ein im Leben der beiden Zurückgelassenen. All dies vermittelt der Autor auch durch seine Sprache, die so vieles beleuchtet und erfaßt und gleichzeitig eine gewisse Distanz hervorruft. Mich hat diese Geschichte, die in einer kleinen Stadt in der Poebene angesiedelt ist, sehr fasziniert.

Mit Benedict Wells zurück in die 80er!

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Benedict Wells: Hard Land, Diogenes Verlag 2021, € 24,00

Zurück in die 80er mit Benedict Wells! Gleichzeitig tröstlich, witzig und traurig - der neue Roman hat mich zum Lachen und Weinen gebracht - Benedict Wells eben! Der 15 Jahre alte Sam erlebt in einer Kleinstadt in Missouri den Sommer seines Lebens im Jahr 1985: erste Liebe, große Verluste - wer sich hier nicht an die eigene Jugend erinnert...Zu den Coolen gehören wollen, Freunde finden, endlich etwas erleben, sich seinen Ängsten stellen- ich war sehr gerne mit Sam unterwegs und er hat dabei so manche meiner eigenen Erinnerungen geweckt. Filmfans kommen auch auf ihre Kosten, denn die Kinoklassiker der Zeit spielen eine wichtige Rolle in diesem lange erwarteten, wunderbaren Buch über das Erwachsenwerden. Bei seinem Aushilfsjob im örtlichen Kino findet Sam einen Ausgleich zur schwierigen Zeit zuhause. Doch auch mit den Freunden muss er über sich hinauswachsen und herausfinden, was er vom Leben will. Benedikt Wells nimmt uns wieder unvergleichlich mit in die Nöte und Träume eines jungen Menschen - den wir in uns vielleicht noch erkennen unter der Fassade des eigenen Erwachsenenlebens. Leichtigkeit und Schwere halten sich im Buch wunderbar die Waage - ein Buch, das für mich gerne noch viel mehr Seiten haben dürfte. Unbedingte Empfehlung für junge Menschen und Junggebliebene - und natürlich alle Benedict Wells Fans! Annette Goossens

Unerschrockener Lebensmut

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Felix Kucher: Sie haben mich nicht gekriegt, Picus Verlag 2021, € 26,00

Felix Kucher gelingt es in seinem neuen Roman wieder einmal,  wahre Lebensgeschichten in einen spannend zu lesenden Roman zu verwandeln. Tina Modotti, als Arbeiterkind in Italien aufgewachsen und schon als junges Mädchen in einer Weberei arbeitend wird an vielen Orten der Welt für revolutionäre Gedanken kämpfen und sich einen Namen als Fotografin machen. Unerschrockenheit, Eigensinn und Lebensmut zeichnen auch Marie Rosenberg aus, die in Fürth die Buchhandlung ihres Vaters übernimmt und als Jüdin rechtzeitig nach New York emigriert, wo sie eine weit bekannte Buchhandlung und einen Verlag gründet. Beide Frauen begegnen vielen uns heute noch bekannten Persönlichkeiten ihrer Zeit und so entsteht ein facettenreiches Bild der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Sehr lesenswert!

Ein guter Ort?

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Valeria Parrella: Versprechen kann ich nichts, Hanser Verlag 2021, € 19,00

Kann ein Jugendgefängnis ein guter Ort sein? In Nisida oberhalb von Neapel scheint das so zu sein. Wir erleben ihn durch die Augen der 50jährigen Mathematiklehrerin, die tagtäglich dorthin fährt, um zu unterrichten. Sie beobachtet genau an diesem besonderen Ort und lässt uns auch an ihren sinnsuchenden Gedankengängen teilhaben, die ihr Leben außerhalb der Gefängnisschranken betreffen. Die 16jährige Gefangene Almarina wächst der alleinlebenden Lehrerin ans Herz und es stellt sich die Frage, ob es ein Füreinanderdasein geben könnte. Um es mit Valeria Parrellas Worten auszudrücken: "Eine Ahnung von Hoffnung liegt in der Luft."

Generationengeschichte in Deutschland

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Alena Schröder: Junge Frau am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid, dtv 2021, € 22,00

Vier Frauen auf der Suche nach ihrem Weg im Leben, nach den Menschen, die ihnen gut tun, dem Ort, der zu ihnen passt. Sie sind vier Generationen einer Familie und die Mütter und Töchter haben es nicht immer leicht miteinander. Vom Berlin der 20er Jahre, dem in der Zeit des Nationalsozialismus als auch dem Berlin unserer Zeit  gibt der Roman ein vielgestaltiges Bild. Auch das Leben in den kleinen Orten rund um Rostock in der Vergangenheit wird gut vorstellbar. So liest man sich mit dieser Familiengeschichte in frühere und heutige Zeiten hinein mit ihren jeweiligen Auseinandersetzungen ujnd Emotionen, sie uns in jedem Falle mitnehmen.

Drei Orte, drei Männerschicksale

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Eva Munz: Oder sind es Sterne, Kunstmann Verlag 2021 € 24,00

Drei Schauplätze, drei männliche Protagonisten. Es ist beeindruckend, wie die Autorin Eva Munz dem inneren Empfinden und den äußeren Lebensbereichen dieser drei nachgeht. Der Leser kann mit etwas wohltuender Distanz daraufschauen. Kabul, Paris, Los Angeles. Wir treffen auf drei ganz unterschiedliche Schicksale, die viel mit Identitätssuche und dem Verschmerzen zugefügter seelischer Verletzungen zu tun haben. Wir geraten in ein Ausbildungslager zum Schutz vor Terroranschlägen, in das Zeitgehschehen von 9/11, die Suche nach Bin Laden und die Strippenzeiher dahinter, als auch in das Penthouse eines wohlhabenden Exil-Afghanen in Paris. Das Lied "Survivor" erklingt an all diesen Orten - werden die drei ihre Sehnsucht nach Zugehörigkeit stillen und werden sie überleben?

Verwoben im Miteinander

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Kristina Hauff: Unter Wasser Nacht, Hanser Verlag 2021 € 20,00

Dieser Roman erzählt von zwei Paaren, die seit vielen Jahren eng befreundet sind und auf einem gemeinsamen Grundstück ihre Familien gegründet haben. Eines der insgesamt drei Kinder hat ein hohes Aggressionspotential. So belasten Vorwürfe und Neid mehr und mehr das Miteinander. Scham und Schweigen nisten sich nach einem tragischen Vorfall ein, nicht nur zwischen den Freunden, sondern auch in den Paarbeziehungen. Eine von auswärts dazugestoßene Frau beobachtet aufmerksam, bringt viele Steine ins Rollen und öffnet neue Blickwinkel. Ein spannungsreicher Roman, der aus wechselnden Perspektiven erzählt wird und dessen Verstrickungen man gebannt folgt.

In der Großfamilie

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Monika Helfer: Vati, Hanser Verlag 2021 €20,00

In ihren knappen Sätzen vermittelt Monika Helfer eine ungeheure Vielfalt an Emotionen, die an das wecheselhafte Leben ihrer Familie geknüpft sind. Im Fokus der Vater, um ihn, mit ihm Mutter, Stiefmutter, Geschwister, Tanten, Onkel und die Autorin selbst. Als Kind, Jugendliche und als Autorin. Die Lebensumstände so nachspürbar, in Haus und Natur, in Armut und Enge. Ein sehr beeindruckender Roman, der Vieles im Innern des Lesers anklingen lässt.

Eine Jugendliche auf der Suche

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Verena Keßler: Die Gespenster von Demmin, Hanser Verlag 2021 €22,00

Das 15jährige Mädchen Larissa, genannt Larry, hat einen sehr eigenwilligen Charakter. Und hat mich nach erstem Erstaunen fasziniert. Sie will nicht gefallen, aber sie will verstehen. Verstehen, warum ihre Eltern sich trennten, warum ihr Bruder sterben musste, als er noch ganz klein war, verstehen, wie Sterben sich anfühlt, und was es mit der dunklen Vergangenheit ihres Heimatortes auf sich hat. Sie stählt ihren Körper  und wird merken, dass sie sich dadurch nicht schützen kann. Eine Mädchenfreundschaft trägt Larry durch die Kinder - und Jugendzeit und sie wird erleben, dass die Liebe ihrer Mutter auch dann bei ihr ist, wenn körperliche Anwesenheit fehlt. Interessant ist als Gegenpol zu Larrys jugendlichem Erleben der Blick auf die allein lebende Nachbarin, die sich an ihre Kinderzeit aus Kriegszeiten erinnert und sich jetzt dem Altsein stellen muss. "Die Gespenster von Denimm" ist ein Romandebüt, das mich in seiner Klarheit und geschickten Komposition beeindruckt und gefesselt hat.

Vom Mensch gestaltet

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Georg Steinmetz, Andrew Revkin: Human Planet. Wie der Mensch die Erde formt, Knesebeck Verlag 2020 € 45,00

Es ist unser Planet, den wir in diesem großartigen Bildband bestaunen. Was für unglaubliche Formationen lassen sich entdecken bei den Aufnahmen aus Flugperspektive von George Steinmetz in geringer Höhe! Noch unberührte Natur, die von uns Menschen verwandelten Landschaften durch den Anbau von Pflanzen, durch das Gewinnen und Verarbeiten von Rohstoffen bis hin zum Städtebau früher und heute. Jedes Bild fasziniert und lässt uns staunen. Die Texte des Wissenschaftsjournalisten Andrew Revkin erklären in wertfreien, klaren und knappen Texten die Orte, ihre Besonderheiten und wie sie zu dem wurden, was wir nun betrachten.

Anekdotenreich

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Elke Heidenreich: Männer in Kamelhaarmänteln, Hanser 2020, € 22,00

Das perfekte Buch für den Nachttisch, oder wo sonst ein Buch mit kurzen, amüsanten, unterhaltsamen Texten seinen Platz finden mag.  Elke Heidenreich erzählt aus ihrem Erinnerungsfundus und wie von selbst tauchen eigene Erinnerungen auf, denen der Leser vielleicht folgen mag. Die Gedanken kreisen um ersehnte, geliebte, verlorene, bewunderte, verwandelte und nie getragene Kleidungsstücke und die Situationen, die mir ihnen verknüpft sind. Hier sind es ganz persönliche Anekdoten. Es ranken sich aber auch Geschichten um bekannte Persönlichkeiten wie Frida Kahlo, Coco Chanel, Maurice Ravel oder Susan Sontag - und Elke Heidenreich schreibt so, dass dem Leser ein Schmuzeln entlockt wird, weil die Situation lustig, peinlich oder unerwartet ist - und weil sie einfach gut pointiert erzählt ist.

Eigenwillige Persönlichkeiten

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Iris Wolff: Unschärfe der Welt, Klett-Cotta Verlag 2020 € 20,00

Ein außergewöhnlicher Roman! Iris Wolff hat eine sehr schön beschreibende Sprache, es entstehen vor dem inneren Auge zarte Bilder und besondere Farben. Dabei ist das Erzählen nie ausufernd, oft sind die Sätze ganz kurz. In sieben Kapiteln erfahren wir viel über vier Generationen einer Familie aus dem Banat. Es sind durchaus eigenwillige Persönlichkeiten, die besondere Wege gehen. Manche Verknüpfungen werden dem Leser erst nach und nach bewusst und so wird er im Verlauf des Buches immer mehr in die Geschichte hieingezogen. Die Familie ist ein zentrales Thema, die Beziehungen der einzelnen miteinander. Freundschaften zwischen Jungen und Älteren, Liebe, und Verlust in unterschiedlichen Zusammenhängen. Das Leben im sozialistischen System Rumäniens, Geheimdienst, Flucht, Emigration. Vielsprachigkeit und Sprachlosigkeit. Es gibt viele Gedanken und Beobachtungen in diesem Buch, die zum eigenen Sinnieren anregen. Als ich auf der letzten Seite war, hätte ich am liebsten gleich noch einmal auf der ersten Seite begonnen, um das Buch mit dem Wissen um den Inhalt nochmals auf mich wirken zu lassen. Friederike Wagner

Märchen für Erwachsene

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Thomas Hettche: Herzfaden, Kiepenheuer & Witsch 2020 € 24,00

Mir ist es beim Lesen dieses Buches so ergangen, wie die Marionettenspieler es sich von ihren erwachsenen Zuschauern wünschen. Bei den ersten Seiten überlegte ich noch, ob es nicht ein Kinderbuch sei. Doch unmerklich hatte der Text mich in den Bann gezogen und ich folgte fasziniert der Erzählung über das heranwachsende Mädchen Hatü in ihrer Heimatstadt Augsburg. Ihr Vater Walter Oehmichen, einst Oberspielleiter am Augsburger Theater, begann in den Zeiten des 2. Weltkrieges Marionetten zu schnitzen und mit seinen Töchtern zu bespielen. Hatüs Begeisterung für die beim Spiel zum Leben erweckten Figuren wird sie nie mehr verlassen. In der Nachkriegszeit gründet ihr Vater mit ihr die Augsburger Puppenkiste. Mit weiteren, ihre unterschiedlichen künstlerischen Begabungen einbringenden Menschen verschmelzen sie zu einer familienähnlichen Gemeinschaft. Neben der märchenhaften Welt des Marionettentheaters steht das reale Erleben des 2. Weltkrieges und der Nachkriegszeit, das aus Sicht des jungen Mädchens Hatü sehr anschaulich und glaubhaft beschrieben wird. Wie wir es aus der unendlichen Geschichte kennen gibt es einen im Druck farblich differierenden Erzählstrang, der ein Mädchen aus heutiger Zeit in die Welt der Marionetten eintauchen lässt, wo es, so wie wir Leser, Hatüs Geschichte erfährt. Dieser Roman ist ein Glück für alle Erwachsenen, die das Kind in sich spüren oder wieder aufwecken möchten!