Articles tagged with: Krimi

Ein Kommissar vom alten Schlag

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Alex Lepic, Lacroix und die Toten vom Pont Neuf, Kampa Verlag 2019 €16,90

Den Pariser Commissaire Lacroix hat der Leser bereits auf den ersten Seiten vor Augen: gemütlich, Pfeife rauchend, dem Essen und einem guten Schluck Wein nicht abgeneigt. Während ihn und sein Team ein nächtlicher Mord an einem Clochard ins Spiel bringt, lernt man Paris und das Viertel, in dem sich Lacroix vornehmlich zuhause fühlt, kennen. Lacroix Blick auf die Stadt und die Menschen ist stets ein wohlwollender, wenn nicht sogar bewundernder. Es schmckt ihm anfangs nicht, dass er es plötzlich miteinem Serienmörder zu tun hat, doch dann sind genau seine Logik und Kombiniergabe gefragt. Am Ende kommt alles anders, als selbst der Leser vermutet. Ein Pariskrimi, der sehr offensichtlich an die Zeit von Simenons Kommissar Maigret erinern darf.

Krimigenuss der besonderen Art

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P.D.James: Ein reizender Job für eine Frau, Atrium 2019 €20,00

P.D.James gehört zu den großen englischen Krimniautorinnen und dieses erste Buch über die Privatdetektivin Cordelia Gray bekommt im Atrium Verlag ein neues Gesicht. Der mit Efeuranken bedruckte Buchschnitt samt modernem Cover hat mich auf der Buchmesse am Stand des Verlages anhalten lassen. Die Neugierde war geweckt, und beim Lesen folgte echte Überrschaung. Selbstmorde sind in diesem Krimi an der Tagesordung. Selbstmorde, die so aussehen und dabei raffiniert in Szene gesetzte Morde verbergen sollen. Akribische Befragungen und Untersuchungen gehören zum Handwerk der jungen Privatdetektivin, dazu noch eine gute Beobachtungsgabe. Und genau das lässt den Leser von einer detailierten Beschreibung zur nächsten folgen: Familie, Freunde, Verdächtige, Schauplätze des Verbrechens, überall sammelt Gray ihre HInweise. Diese ungewöhnlche Arbeitsweise ist für den belesenen Krimiafan befremdend, denn es geht in diesem Krimi eben mal nicht schnell und blutrünstig zu. Aber genau darum habe ich mich beim Lesen irgendwie auch wohl gefühlt. Ein Krimigenuss der besonderen Art.

Inselbewohner unter Verdacht

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Kate Penrose, Nachts schweigt das Meer, FischerTB 2019 €14,99

Kate Penrose ist keine Unbekannte am Krimnihimmel, sie schreibt bereits unter dem Namen Kate Rhodes. Cornwall als Kulisse ist für einen Krimi auch nichts Neues, aber diese Geschichte bietet beim Lesen viel für die Sinne: Heftige Stürme, das Rauschen des Meeres, der Sand unter den Füßen und das Wasser, das sich die Toten holt und irgendwann wieder ausspuckt. Detective Ben Kitto ist von den Scilly Inseln, besser gesagt von Bryer, und er ist zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Oder auch nicht, denn eiegntlich will er sich eine Auszeit nehmen. Doch der Tod zweier Teenager, deren Familien er von klein an kennt, lässt ihn nicht kalt. Er wird zu den Ermittlungen hinzugezogen und sieht sich schnell damit konfrontiert, einen nach dem anderen Inselbewohner zu verdächtigen. Was ihm nicht gefällt, denn es sind auch Freunde darunter. Der Leser ahnt bis zuletzt irgendwie, dass die Polizei den wahren Täter nicht im Fokus hat, so dass die Spannung bis zuletzt anhält. Und die Sympathien gelten Detective Kitto, der nicht aus seiner Haut kann.

Mit Witz und gutem Spürsinn

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Nancy Springer: Der Fall des verschwundenen Lords. Ein Enola Holmes Krimi. Knesebeck 2019 € 15.-

Die 14-jährige Enola Holmes, Schwester des berühmten Sherlock Holmes, ist an der Seite ihrer Mutter, einer wahren Frauenrechtlerin, auf dem Familienanwesen groß geworden und hat jede Menge Freiheiten genossen. Ihr Leben hätte ewig so weiter gehen können, wäre die Mutter nicht von einem Tag auf den anderen verschwunden und Enolas Brüder aufgetaucht. Sie sind geradezu schockiert über den Zustand des Anwesens, noch mehr über Enolas mangelnde und ihrer Stellung nicht entsprechende Erziehung und beschließen, dass sie in einem Internat bestens aufgehoben sein würde. Enola lässt sich jedoch nicht so einfach verbiegen. Heimlich macht sie sich auf den Weg nach London, um ihre Mutter zu suchen. Einige versteckte Hinweise bringen sie zu der Annahme, dass die Mutter auch nichts anderes gewollt hatte.. Während ihrer Flucht  - verkleidet als Witwe, wie es sich für eine echte Detektivin gehört - wird Enola prompt in den Fall des vermeintlich entführten jungen Lord Tewkesbury verwickelt. Sie hätte wahrlich nicht geahnt, dass sie sich so schnell ihrem ersten großen Abenteuer in London gegenüber sieht. Mit einer Portion Herzklopfen, Ideenreichtum, zudem jeder Menge Mut meistert sie die Situation, und eines ist für Enola fortan klar: sie wird eine Menschenfinderin werden und weitere Detektivfälle übernehmen. Die jungen Leser folgen Enola in das Jahr 1888, eine Zeit, in der Kindern und Frauen noch wenig Mitspracherecht, geschweige denn, die Möglichkeit der Selbstverwirklichung zugestanden wird. Genau darum ist die über sich selbst hinauswachsende Enola Holmes so liebenswert als Figur, und als Detektivin nicht weniger originell wie ihr großer Bruder Sherlock.

Auf der falschen Spur

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Simon Mason: Running Girl, Rowohlt Rotfuchs 2019 €14,99

Dieses Jugendbuch bedient alles, was ein guter Krimi braucht: eine Leiche, ein interessanter Kommissar - Inder, jung und noch wenig erfahren in seinem Job, aber dafür mit umso mehr Ehrgeiz - eine Stadt, in der Arbeitslosigkeit, Glücksspiel und Kriminalität kein Fremdwort sind, und viele ungelöste Fragen. Genau mit diesen Fragen beschäftigt sich der 16-jährige Garvie, ein gelangweilter Schüler, der seiner Mutter trotz seines überaus hohen IQ´s den letzten Nerv raubt, und rein zufällig auch Ex-Freund des Mordopfers ist. Statt sich auf seine Abschlussprüfungen zu konzentrieren, ermittelt er auf seine eigene Weise, kombiniert Informationen, stellt die richtigen Fragen und ist dem Kommissar Singh ständig ein Dorn im Auge. Nach zwei falschen Verdächtigen, jeder Menge Ärger wegen fehlender Ermittlungserfolge und dazu die kryptischen Hinweise von Garvie, bringen den Kommissar endlich ans Ziel. Der Leser hat über lange Strecken mitgefiebert, sich an der Lässigkeit und Lebensunlust des Sechzehnjährigen aufgerieben, um dann endlich auf den letzten Metern in einem großartigen Showdown mit Singh und Garvie mitzuzittern. Ein intelligenter und zugleich jugendlicher Krimi, der bis zuletzt fesselt.

Selbstverständlich, neugierig, souverän. Ein Krimi zum Anbeißen.

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Rieke Patwardhan: Forschungsgruppe Erbsensuppe, Knesebeck Verlag 2019 € 13.-

Lange schon hat sich Nils Klasse einen Flüchtling gewünscht. Als die Lehrerin ihnen Lina ankündigt, glaubt Evi, sie käme aus Schweden. Evi ist nicht gerade auf den Mund gefallen und ein wenig grobmotorisch. Eine Außenseiterin. In der Klassenbande der 22 Fragezeichen will sie keiner haben. Auch der stille Nils war am Tag der Bandengründung krank. So bleibt ihm nichts anderes übrig, als Evis Wunsch nachzukommen und mit ihr eine zweite Bande zu gründen. Die Bandenaufgabe ist bald gefunden: Linas Integration.

Tor in eine fremde Welt

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D.B. John: Stern des Nordens, Wunderlich Verlag 2018 € 16,99

Drei Figuren, drei Geschichten, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben. Und doch ist der Leser sofort mittendrin und kann sich dem Sog der vielen Fragen kaum entziehen. Was hat die nordkoreanische Bäuerin  zu befürchten? Wie linientreu war das Leben der Vorfahren des nordkoreanischen Parteifunktionärs Cho wirklich? Warum  wird ausgerechnet Jenna von der CIA als Agentin rekrutiert, um nach Nordkorea zu gehen? Ein klarer Erzählton, das Eintauchen in die befremdliche Welt Nordkoreas,  in Kombination mit einem hohen Spannungsfaktor machen diesen Thriller zu einem beeindruckenden  Leseerlebnis.

Falltüren in Diplomatenkreisen

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Anna Tell: Vier Tage in Kabul, Rowohlt Verlag 2018 € 14,99

Das gelungene Debüt der schwedischen Polizistin Anna Tell führt den Leser nach Afghanistan. Die Entführung zweier schwedischer Diplomaten bringt Amanda Lund, die beste Verhandlungsführerin der schwedischen Polizei ins Spiel. Die Hoffnung, die Verantwortlichen zu finden und die Entführten rechtzeitig befreien zu können, lassen die Kommissarin auf Hochtouren arbeiten und dabei keine Konfrontation scheuen. Rasant erzählt, fundiert durch das Hintergrundwissen der Autorin, alles verschafft dem Leser das Gefühl, live vor Ort zu sein.

20. Februar 2019, 19:30 Uhr: Palastschätze live – Lesung mit Krimiautor Frank Goldammer

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Frank Goldammer: Roter Rabe, dtv 2018 € 15,90

Schon mit seinem ersten Krimi schrieb sich Frank Goldammer in die Herzen unserer KrimileserInnen. Der Angstmann wurde zu einem unserer begehrten Palastschätze. Auf der Buchmesse in Frankfurt haben wir den in Dresden lebenden Autor erspäht und gerieten sofort in ein wunderbares Gespräch. Seien Sie gespannt auf einen Autor, der seinem Kriminalkommissar Max Heller actionreich auf hartem, historischen Pflaster in seiner Heimatstadt Dresden ermitteln lässt. Mittlerweile schreibt Max Heller das Jahr 1951 und er gerät in eine Spionageaffäre zwischen Ost und West.

Eintritt € 5.- Um Anmeldung wird gebeten.

Wie Colin, die Kung-Fu Spinne Mr. Pinguin raushaut…

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Alex T. Smith: Mr. Pinguin und der verlorene Schatz, Arena Verlag 2018 € 14.-

Die Seiten variieren in dreierlei Faben, die Schrift ist von gemütlicher Größe, die Illustrationen, entgegengesetzt zur Schrift, filigran und mit Liebe zum skurilen Detail. Mr. Pinguin hat gerade den teuren Hut mit Pfeildurchschuss erworben, das Markenzeichen jeden Abenteurers. Sein Assistenz, Colin, die Spinne, trägt über seinen buschigen Augenbrauen eine winzige Melone. In ihren zarten Spinnenbeinen stecken unerwartete Kung-Fu Kräfte. Ein herrliches Team. Als das Telefon endlich klingelt und das Abenteuer beginnt, stehen sie gerüstet bereit. Es verschlägt sie ins verstaubte Museeum der seltsamen Dinge, wo es aus ungeahnten Kellerwelten einen Schatz zu bergen gilt. Natürlich bekommen die beiden Helden es mit zwei Räubern zu tun, die gerade auf der Flucht sind und hängen bald kopfüber, am Seil gefesselt, am reißenden Wasserfall. In diesem Buch stimmt einfach alles. Ein überaus witziger und spannender Selberlese- und Vorlesegenuss. Katrin Rüger

Mitteilen ohne Sprache

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Penny Joelson: Ein kleines Wunder würde reichen, Fischer Verlag 2018 € 16,99

Nichts sagen zu können, sich nicht bewegen zu können und nichts zu tun, das können wir uns als gesunde Menschen nicht vorstellen. Doch die Hauptperson in diesem Buch, Jemma, ist es anders nicht gewohnt. Seit sie auf der Welt ist, sitzt sie im Rollstuhl, jeder nimmt Rücksicht auf sie und kümmert sich um sie. Besonders ihre Betreuerin Sarah. Als Jemma mitbekommt, dass ein ihr bekannter Junge getötet wurde und kurz darauf der Freund von Sarah ihr ein düsteres Geheimnis verrät, ist das Mädchen in Aufruhr. Am liebsten würde sie ihrer Familie alles erzählen, doch das geht nicht. Jemma kann nicht sprechen. Zu der ganzen Aufregung hinzu stellt sich heraus, dass Jemma noch eine Schwester hat, die ebenfalls adoptiert wurde. Wie kann ein Kennenlernen gelingen, wenn Jemma sich nicht mitteilen kann? Hilfe bekommt sie mittels einer Maschine, mit der man sich durch Schniefen mitteilen kann. Während Jemma übt mit ihrer Schwester zu reden, verschwindet ihre Betreuerin spurlos. Jemma weiß, was passiert sein könnte. Um ihre Gedanken verständlich zu machen, braucht sie Kraft und die Hilfe ihrer Familie.

Jochen Till und sein Vorleser präsentieren „Pogo & Polente“ und „Luzifer“

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Jochen Till: Pogo und Polente, Tulipan Verlag 2018 € 13,00

Wie schon in Luzifer, thematisiert Jochen Till auch in Pogo und Polente elterliche Vorbilder und kindliche Rebellion in witziger, ungewohnter Rollenverteilung. Polente, eigentlich Vanessa, wünscht sich, in die Fußstapfen ihres Vaters, eines Polizisten, zu stapfen und spielt gewissenhafter Recht und Ordnung, als es die Polizei erlaubt. Sie ist mit ihrem Vater ausgerechnet in das Haus neben Pogo und seine Eltern gezogen, die in ihrer verfallenen Hütte ein waschechtes Punkerleben führen. Dummerweise entwickelt Pogo seine Zukunftswünsche ebenso gewissenhaft wie Vanessa und dirket an seinen Eltern vorbei. Er ist ein angepasster, strebsamer Einserschüler, der die Schule und das Lernen liebt. Trotz allem läuft es mit Pogo und Polente nicht gleich rund. Erst als ein Fahrraddieb sein Unwesen treibt, beginnen die beiden gemeinsame Sache zu machen. Jochen Till lässt die Welten und Lebensansichten großer wie kleiner Menschen mit viel Spaß, Situationskomik und Augenzwinkern aufeinander prallen, immer mit der Gewissheit,  dass Kinder aus all dem, was sie umgibt, das Beste machen.

Zwanziger Jahre in Berlin

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Kerstin Ehmer: Der weiße Affe, Pendragon Verlag 2017 € 17,00

Eine spannende Kameraführung, mit dem der Leser nach Berlin in die Goldenen Zwanziger mitgenommen wird. Die fast atemlose, knappe Szeneneinstellung, betrachtet mit den Augen des Ariel Spiro. Der junge Kommissar, der aus der Provinz nach Berlin zieht und seine Arbeit aufnimmt. Vieles hält die Autorin lange zurück, so auch das Motiv des Mordes, und der Kommissar läuft Gefahr, schon bei diesem ersten Fall zu scheitern.

 

Ein Sturz mit Folgen

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Nicole Boyle Rodtnes: Wie das Licht von einem erloschenen Stern, Beltz und Gelberg € 14,95

Das Buch handelt von dem Mädchen Vega. Nach einem Sturz auf einer Party leidet sie an Aphasie. Das bedeutet, dass sie weder sprechen noch lesen oder schreiben kann. Sie hat den Verdacht, dass sie von jemandem geschubst wurde. Keiner will ihr das glauben. Bei einem Workshop trifft sie auf Theo, der ebenfalls unter Aphasie leidet. Sie verlieben sich. Aber wird sie herausfinden, ob ihr Verdacht richtig ist? Und wenn ja, wer hat sie geschubst?

Ermittlungen à la Agatha Christie

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Robin Stevens: Mord ist nichts für junge Damen, Knesebeck Verlag € 15,00

In dem Buch geht es um die Mädchen Daisy und Hazel, die eine Detektei eröffnet haben. Das Buch spielt im Mädcheninternat in England der 30er Jahre. Die beiden Mädchen sind 13 Jahre alt, als Hazel die Leiche ihrer Lehrerin Miss Bell entdeckt. Als sie allerdings mit einer Aufsichtsperson zum Tatort zurückkehrt, ist die Leiche verschwunden. Keiner glaubt den beiden Mädchen, deshalb ermitteln sie auf eigene Faust. Können Sie den Mörder fassen?

Kinderkrimi in Cornwall

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Sabine Ludwig, Pandora und der phänomenale Mr Philby, Dressler 2017 €14,99

Cornwalls Küste bietet Sabine Ludwig für ihren Kinderkrimi einen gelungenen HIntergrund. Ein in die Jahre gekommenes Hotel, dem die Gäste ausbleiben, die fast dreizehnjährige Pandora, die mir ihrer Mutter fürchtet, bald alles aufgeben zu müssen. Dann aber tauchen der mysteriöse Mr. Philby, dem Pandora von Anfang an nicht über den Weg traut, und Ashley, ein Junge aus besseren Kreisen, den Pandora von ihrer Großmutter als Feriengast aufs Auge gedrückt bekomt, auf. Statt die Ferien mit ihrem besten Freund Zack zu verbringen, findet sich Pandora unverhofft mit ihm im Streit, weil er ihr in Sachen Mr. Philby nicht glauben mag, und dafür mit Ashley verbündet, der ihr zumindest bei ihren heimlichen Nachforschungen nicht im Wege steht. Und siehe da, die Küste von Port Arthur ist gefährlich, eine Leiche taucht auf, Mr. Philby verstrickt sich in Lügen, und die drei Kinder geraten am Ende so richtig in Gefahr. Ein gelungener Krimi, der mit dem gewohnten Witz der Sabine Ludwig und einer Portion Spannung daherkommt.

Liebe geht durch den Magen: Neue Palastschätze vorgestellt

Wir haben angerichtet und laden zum belletristischen Festschmaus: Empfehlungsabend Neuerscheinungen Belletristik. Mit Herzblut und Empathie. Schönste Verschenkideen auf den Gabentisch oder einfach nur zum Selberlesen.

Bücher sind Lesegenuss und Liebe geht durch den Magen, lautet unser Motto in diesem Jahr. Lassen Sie sich überraschen, welche Schätze wir in diesem Jahr für Sie entdeckt und zu einem lesenswerten Menü zusammengestellt haben. Friederike Wagner, Katrin Rüger und Marion Hübinger empfehlen zu einem Glas Wein & Spekulatius ihre persönlichen Lieblingsbücher. Wir freuen uns auf Sie!

Raffinierte Beigabe, Schmankerl mit Pfiff

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H.Rath und E.Rai: Bullenbrüder, Wunderlich Verlag 2017 €19,95

Brüderzwist

Zwei Brüder, die das Interesse am Aufklären eines Mordes teilen, mehr aber auch nicht. Denn während der korrekte Kriminalhauptkomissar Holger Brinks im Fall eines ermordeten Unterweltbosses ermittelt, arbeitet sein Bruder Charlie gezwungenermaßen als Privatdetektiv auf der Seite eines der Verdächtigen, um seine Schulden bei diesem loszuwerden. Doch im Laufe der Zeit kommt er immer mehr zu der Überzeugung, dass sein Auftraggeber unschuldig ist und hofft, auch seinen Bullenbruder davon zu überzeugen. So korrekt und nüchtern Holger Brinks ist, so spontan und chaotisch arbeitet Charlie Brinks. Wie beide sich aus gegebenem Anlass zusammenraufen müssen, obwohl Holger die Lebensweise seines Bruders missfällt, sorgt für viel Reibung, Witz, aber auch Brüderzusammenhalt. Ein durch und durch gelungener Krimi mit Witz, einer pointierten Sicht auf die Figuren, und bei alle dem taucht man ein in die Berliner Unterwelt.

 

Raffinierte Spurensuche

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Raffinierte Spurensuche

Augustin Martinez: Monteperdido - Das Dorf der verschwundenen Mädchen, Fischer Verlag 2017 €14,99

Zwei befreundete elfjährige Mädchen verschwinden am hellichten Tag aus ihrem Bergdorf. Fünf Jahre später taucht eines der Mädchen wieder auf, verletzt und traumatisiert. Das Dorf und die Polizeieinheiten stehen Kopf. Eine dramatische Suche nach dem zweiten Mädchen beginnt. Die Geschichte allein macht das Buch zwar schon lesenswert, aber noch viel mehr Schärfe erhält es durch die Interaktionen der Figuren. Die gesamte Dorfgemeinschaft zeigt sofort wieder mit dem Finger auf den Vater, einst verdächtigt, wiieder freigelassen aber gebrandmarkt. Einige würden am liebsten Selbstjustiz ausüben. Und nicht nur das, auch die kollektive Verschwiegenheit behindert die Polizeiarbeit. Ein dichter Krimi, der den Leser bis zuletzt fesseln kann.

Historischer Mordprozess

Burnet, Projekt

Graeme Macrae Burnet, Sein blutiges Projekt, Europa Verlag 2017 €17,90

Ein Siebzehnjähriger, der vor Gericht steht, angeklagt des dreifachen Mordes, und bereits gestanden. Wir sind mitten in Schottland im Jahr 1869. Nach einer wahren Begebenheit lässt der Autor diverse Menschen aus dem Umfeld des Mörders zu Wort kommen, sein Lehrer, der Dorfpfarrer, die Nachbarn, allesamt zeugen in dem Prozess, in dem es darum gehen wird, ob Roderick Macrae Herr seiner Sinne war oder womöglich geistergestört. Faszinierend an dem Krimi sind die unterschiedlichsten Betrachtungsweisen, denn jeder, der zu Wort kommt, zeichnet ein anderes Bild von dem jungen Roddy. Doch auch er selbst kommt zu Wort. Auf Anraten seines Strafverteidigers schreibt er einen Bericht, wie es sich wirklich zugetragen hat. Die Monate zuvor, die Qualen, das regelrechte Mobbing an der armen Bauersfamilie... lesen Sie selbst und machen Sie sich ein Bild davon, ob Roderick Macrae den Tod am Galgen verdient hat...  Ein historischer Krimi, der seinesgleichen sucht und zu Recht auf der Shortlist des Man Booker Prize 2016 stand.

Düstere Faszination

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C.R. Neilson, Das Walmesser, Heyne 2017 €14,99

John Callum will seiner Vergangenheit entfliehen, einen neuen Anfang machen, irgendwo, wo ihn niemand kennt Darum sucht er sich eine Faröerinsel aus, landet in der Hauptstadt Torshaven, findet Arbeit beim Fischfang und eine Unterkunft, aber ansonsten bleibt er für sich. Das macht ihn als den Fremden erst recht verdächtig, zumindest für die Leute dort. Wer kommt schon freiwillig auf eine Insel, auf der es dreihundert Tage im Jahr regnet und nie etwas Spektakuläres passiert. Aber dann gibt es einen Mord, und John Callum kann sich an nichts erinnern. Ist es nur das letzte Glied einer Reihe von Drohungen, die ihn von der Insel vertreiben sollen? Obder kennt jemand seine Vergangenheit? Eine interessante Stimme in der Krimilandschaft, und eine Geschichte, die ihre ganz eigene Faszination besitzt.

Die Angst geht um

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Frank Goldammer, Der Angstmann, dtv Verlag 2016 € 15,90

Max Heller ist ein grundsolider Kriminalinspektor, der nur seine Arbeit machen will. Und das mitten in Dresden, kurz vor Ende des 2. Weltkrieges, während die Russen bereits im Vormarsch sind und die Menschen kurz vor dem Verzeifeln, sich gegenseitig Denunzieren und Resignieren sind. Ein psychopathischer Sereinmörder, der Frauen bei lebendigem Leib die Haut abzieht, lässt Max Heller nicht kalt. Er bemüht sich, seine Arbeit trotz der widrigen Umstände, trotz eines überzeugten SS-Anhängers als Chef, der seine Aufklärungen sabotiert, und trotz Hunger und Ängsten so gut wie möglich zu machen. Als er und seine Frau Karin mitten in der großen Bombadierungsnacht, in der Dresden dem Erdboden gleichgemacht wird, mit dem Leben gerade so davon kommt, verliert er zwar seinen Job, den Mörder aber nicht aus den Augen, denn er treibt weiter sein Unwesen... Ich finde die Atmosphäre bedrückend gut in dem Buch, die Kriegsszenerien gehen unter die Haut, die Schicksale der Menschen werden von allen Seiten beleuchtet, von denen, die einfach nur Opfer waren, den Agitatoren, und solchen, die die Augen verschlossen hatten. Ein gelungener historisch in den Jahren 1944/45 angesiedelter Krimi.

Münchner Ermittlungen mit Witz

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Jaromir Konecny: Tote Tulpen, dtv 2015 € 9,95

Leon wurde vor kurzem aus der Jugendstrafanstalt wegen eines Tresorraubes entlassen. Da er keine Eltern mehr hat, kommt er auf Bewährung in die Familie Samper, die einen Blumenladen besitzt. Nur dumm, dass gerade an dem Tag, wo er das erste mal in den Laden kommt, die Leiche einer schönen Frau mit einer schwarzen Tulpe und einem unheimlichen Gedicht auf der Brust auf der Theke liegt! Er und die gleichaltrige, SEHR schöne Tochter der Sampers versuchen den Mörder von Friederike Schnippköter zu finden und es ist klar, das das nicht leicht wird!  Eins der besten Dinge an dem Buch ist die Art wie es geschrieben ist! Es ist einfach wunderbar die lockere und witzige Art von Jaromir Konecny zu lesen! Gleichzeitig ist das Buch natürlich so spannend geschrieben, dass man immer weiterlesen muss! Ich kann das Buch vorallem für 11-12-jährige empfehlen, denn es ist schon ein bisschen schaurig. Aber grundsätzlich ein total tolles Buch das jeder einmal gelesen haben sollte!

Krimi einmal anders

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T.R. Richmond: Wer war Alice, Goldmann TB 2016 €14,99Titel

Dieser Roman liest sich anders als ein gängiger Krimi. Schon von Alice Tod erfährt man in einem Brief eines Professors an seinen Freund. Durch Blogeinträge, ausgetauschte E-Mails und Briefe nähert sich der Autor der Frage, wer Alice war und warum sie gestorben ist. Jeder hat etwas zu sagen, Freunde, Familie, der ehemalige Professor, nur eine Person hat etwas zu verbergen: die Mörderin. Auf faszinierende Art fühlt sich der Leser wie ein Voyeur, der an Alice Leben rückblickend teilhaben darf. Die Spannung hält bis zuletzt und überrascht mit einem Plot, der nicht vorhersehbar war.

Packendes Debüt

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Angela Marsons: Silent Scream, Piper TB 2016 €14,99

Ein Krimi, der es als E-Book in die britischen Krimicharts gebracht hat, und das meiner Meinung nach zurecht. In dem Debüt der Autorin trifft man auf eine junge Ermittlerin, die eine harte Vergangenheit hinter sich hat. Detective Kim Stone ist nicht gerade für ihr Taktgefühl bekannt, setzt sich über Anweisungen gern hinweg und hetzt ihr Team ständig herum. Doch sie ist brillant und ihre Ermittlungserfolge sprechen für sich. Eine solche Figur macht für mich einen guten Krimi aus. Wenn dazu noch die Story passt, dann hat man ein Buch in der Hand, das man nicht mehr weglegen möchte. 

Afrikakrimi für Kinder

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Wir treffen Kirsten Boie auf dem Kinder-Krimi-Festival und nutzen die Gelegenheit, ihr gleich ein paar Fragen zu stellen.

Bücherfresser: Ihr neues Buch "Thabo" spielt in Swasiland, Afrika. Haben Sie schon mal ein Nashorn gesehen? Kirsten Boie: Ja, in einem Safari-Park. Ich bin regelmäßig in Swasiland, weil ich dort mit einer Stiftung Waisenkinder unterstütze.
BF: Wie kamen Sie auf die Idee zu diesem Buch? KB: Diese Idee bekam ich auf einen meiner Besuche. Momentan werden in Afrika viele Nashörner tötet, um ihr Horn als Medizin zu verkaufen. Man zahlt für das Nashornpulver fast so viel wie für Gold.
BF: Sind die ganzen afrikanischen Wörter echt, oder haben Sie sich die Wörter ausgedacht? KB: Die sind echt. Ich hatte in Sansibar eine Frau, die ich nach der Übersetzung von Wörtern fragen konnte. Sie wollte allerdings immer, dass ich keine schlimmen Wörter schreibe
BF: Wie alt ist Thabo eigentlich? KB: Ich habe es im Buch nicht ausgesprochen, aber beim Schreiben habe ich ihn mir als 12-jährigen vorgestelllt.
BF: Kennen Sie ein Kind, dass Thabo heißt? KB: Nicht direkt. Aber Thabo ist kein ungewöhnlicher Name.
BF: Gibt es schon einen zweiten Band? KB: Noch nicht. Ich schreibe daran. Voraussichtlich wird er im September erscheinen.

Mit eindringlichem Blick auf die Welt

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Kim Slater: Smart oder die Welt mit anderen Augen, dtv 2016 € 14,95

"Der Anfang war, als ich Colins Leiche im Fluss fand. Die Mitte war, als Tony seine Arbeit verlor und das mit den Besuchern angfing. Und der Schluss...." Zitat aus Slater, Smart
Kiran ist ein langsamer Denker und ein genauer Beoboachter. Eigentlich schon fast sechszehn, betrachtet er die Welt aus den Augen eines Kindes, will sich in ihr zurechtfinden und sucht seinen Platz. Seine Mutter ordnet sich demütig einem gewalttätigen Stiefvater unter. Kieran, das Anhängsel verbringt viel Zeit mit sich allein. Als er einen Penner tot am Fluss findet und die Polizei nichts tut, beginnt er auf eigene Faust zu ermitteln. Fasziniert folgt man Kirans Gedanken zu Menschen und dem Leben an sich. Immer um Menschen besorgt, manchmal beeindruckend bestimmt und mutig, bewegt sich der Junge in seiner Welt, die ihn nicht gerade auf die Sonnenseite des Lebens gestellt hat. Sein behäbiges Denken bläht sich als Schutz wie ein Segel im Wind, mit dem Zeichenstift hält er genau fest, was er sieht. Sofort fällt der Leser in diese Geschichte, sieht, hört und spürt mit allen Sinnen. Nicht zuletzt voller Sprachegenuss und guter Rhytmik. Ein leicht kriminalistischer, sehr smarter Lesegenuss.

Eiskalte Machenschaften

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Lenz Koppelstätter, Der Tote am Gletscher, KiWi Tb € 9,99

Der Krimi von Lenz Koppelstätter lebt für mich von dem Charme der beiden Ermittler: der Sizilianer Ispertore Saltapepe, den es frisch ins Schnalstal verschleppt hat und der ständig von seinen Mafiafällen träumt; er findet einfach alles in den kleinen Bergdörfern provinziell, angefangen von den Ermittlungsmethoden bis hin dazu, dass man zum Ort des Verbrechens tatsächlich nur auf Skiern gelangt. Ihm an der Seite arbeitet der ortsansässige gemütliche Commissario Grauner, der viel an Essen denkt, die Machenschaften der Leute kennt und seine ganz eigene Art des Ermittelns hat. Man wartet vergeblich auf rasante Action, dafür aber wird man mit den Bergdörfern des Schnaltals und seinen Bewohnern bestens vertraut gemacht. Wäre da nur nicht die Leiche am Gletscher, ermordet mit dem Originalpfeil aus dem Ötzimuseum ...

Sprachvirtuos tiefbegabt

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Deutscher Jugendliteraturpreis Kinderbuch 2009

Andreas Steinhöfel: Rico, Oskar und die Tieferschatten, Carlsen Tb € 6,99

„Ich sollte an dieser Stelle wohl erklären, dass ich Rico heiße und ein tiefbegabtes Kind bin. Das bedeutet, ich kann zwar sehr viel denken, aber das dauert meistens etwas länger als bei anderen Leuten.“ (Zitat aus Steinhöfel, Rico, Oskar und die Tieferschatten)
Dafür denkt Rico auch drei Umdrehung weiter und tiefer als jeder andere. Und damit ist er für die Jagd nach Mister 2000, dem Aldi-Kidnapper, genau der Richtige. Mit Oskar und seinem Sturzhelm für sein kostbares, hochbegabtes Gehirn an seiner Seite, steht dem Abenteuersommer im Kreuzberger Kiez nichts mehr im Wege. Ein 100%  gelungenes Buch! Diese Geschichte bietet einen Atem raubenden Krimi (wenn man Mister 2000 nur fünfzig Euro gibt, bleibt von einem Kind womöglich nur eine Hand übrig), eine tiefblickende, charmante Sozialstudie („Irgendwann werden das Hängemöpse“, sagte Mama zu ihrem Spiegelbild und zu mir. „Und dann?“ sagte ich. „ Dann gibt´s neue“, sagte Mama entschlossen. „Hier geht’s schließlich um mein Betriebskapital.“) und eine zarte Außenseitergemeinschaft, in der Rico, der kommunikative, lebenspfiffige, zähe kleine Bursche einfach nicht locker lässt. Katrin Rüger