Articles tagged with: Familie

Heimatverlust und Heimatsuche – ein grandioses Buch!

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Susann Kreller: Elektrische Fische, Carlsen Verlag 2019 € 15,00

Eine Schwester, die nicht mehr redet, ein Bruder, der abends betrunken nach Hause kommt und eine Mutter, die endlich wieder in ihrer Heimat ist. So hat sich Emma den Umzug von Irland nach Deutschland nicht vorgestellt, aber eins ist sicher: sie muss hier weg! Da kommt es ihr gerade recht, dass der Junge, aus ihrer neuen Klasse, ihr helfen will. Eine Geschichte über geplatzte Träume, Heimweh und eine Fisch verrückte Mutter, die jeden zum nachdenken bringt. Ada, 14 Jahre
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Berührende Kindheit im Werdenfelser Land

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Michael Frank: Schmalensee, Picus Verlag 2020 € 22.-

Die Holzbaracken von Schmalensee lagen verstreut am Fuße des Karwendels, im Voralpenland um Mittenwald. Sie waren die ehemaligen Unterkünfte des Reichsarbeitsdienstes. Als Jüngster und achtes Kind wurde Michael Frank dort in eine Großfamilie hineingeboren. Ein Nachkriegskind. Die Lebensverhältnisse seiner Familie waren sehr bescheiden, streng katholisch und von wilder Natur umgeben. Der Vater, ein angesehener Instrumentenbauer, die Mutter, eine von der Arbeit für die Familie vollkommen besetzte, zurückhaltende Frau.

Endlich verliebt

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Samine Lemire, Rasmus Bregnhoi: Mira 03. #kuss #kunst #familie

Mira ist ein richtig großes Mädchen geworden und endlich, endlich ist sie auch verliebt. Wie konnte sie sich früher nicht sicher sein, ob sie verliebt ist? Jetzt weiß sie, dass einem das völlig klar ist! Ansonsten ist alles beim Alten. Ihre chaotische, liebenswerte Mutter ist nur noch viel öfter als früher voll peinlich. Ihr Oma ist der Fels in der Brandung wechselnder Gefühle und ihr richtiger Papa, den sie noch nicht so lange kennt ist also wirklich ihr richtiger Papa. Ein wenig zweifelt Mira noch uns stellt unerlaubte Nachforschungen im Tagebuch ihrer Mutter an. Und natürlich sind da noch ihre Freundinnen und Freude und ein große Müll-Schrott- Kunstprojekt. Jeder Mira-Band scheint noch besser als der Vorhergehende. Unbedingt Lesen! Das darf gerne so weitergehen.

Die Kunst des Verschwindens

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Alix Ohlin: Robin und Lark, Beck Verlag 2020 € 23,00

„Ich übte mich in der Kunst des Verschwindens.“ So beschreibt Lark, die Ich- Erzählerin in dem neuen Roman von Alex Ohlin ihre Kindheit. Lark ist eine schüchterne und gute Schülerin, im Gegensatz zu ihrer jüngeren, eigenwilligen und extrovertierten Schwester Robin. Gemeinsam bestreiten sie ihren Alltag und sind füreinander da, denn ihre Mutter führt ein unstetes Leben mit wechselnden Männern und Berufen. Einfühlsam wird die Loslösung Larks von der Familie, ihr erstes Date und das langsame Erwachsenwerden beschrieben. In New York verbringen die Schwestern noch eine gemeinsame intensive Zeit, bevor Robin nach ihrem Studium an der Julliard Shool eine Musikerkarriere beginnt. Bald jedoch verschwindet sie spurlos.  Jahre später besucht Lark ihre schwangere Schwester, die ganz zurückgezogen zusammen mit Wölfen in einer gottverlassenen Gegend lebt. Alex Ohlin schildert die Entwicklung der beiden Schwestern sensibel und eindrucksvoll auf der Suche nach ihren Fähigkeiten und dem Wunsch einen Platz im Leben zu finden - auch als Schwester und als Mutter. Anne Brieger

Lese-Abenteuer par exellence!

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Maria Engstrand: Code Orestes. Das auserwählte Kind, Mixtvision 2020 € 16,00

Malin lebt in einem beschaulichen Ort, inmitten vieler Rentner, unweit der Stadt Göteborg. Orestes Auftritt als Neuer in ihrer Klasse hat von Anbeginn etwas magisch geheimnisvolles. Malin hatte auf ihn gewartet, denn in ihrer Schultasche liegt ein Brief, den ein Fremder ihr für Orestes an einem dunklen Winterabend in die Hand gedrückt hat. Engstrand versteht es die Leser von der ersten Zeile an mitzureißen und bildstark zu erzählen. Da war der Cellokrieg und der Internetzwischenfall, den Malin mit ihrer Mutter ausgetragen hatte, über die man mehr erfahren möchte.

Große Kämpferin

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Stefanie Höfler: Helsin Apelsin und der Spinner, Beltz & Gelberg 2020 € 12,95

Helsin geht in die zweite Klasse. Hier werden die Kinder noch liebvoll "Zwerge" genannt, obwohl es im sozialen Gemenge schon hoch her geht. Mit Helsins Wutanfällen, Höfler beschreibt sie durch das ganze Buch hinweg unglaublich gut, kommen die Kinder der Klasse gut klar. Nur der Neue, Louis, holt sich gleich eine blutige Nase, da er Helsins rituelle Entschuldigung nicht annehmen möchte. Helsin, das Hibbelchen, wird von einer Tat in die nächste stapfen, in einer beständigen Mischung aus Verzweiflung, Lügengeschichten und Tränen aber auch großen, warmen Glücksmomenten, an dessen Ende nicht nur die feste Freundschaft mit Louis stehen wird. Sie wird ihre Spinner unter Kontrolle bekommen, einen Adoptivopa gewinnen und eine echte Oma dazu, sie wird wissen, was Schären sind und wie und wo sie selbst adoptiert wurde.  Helsin ist eine große Kämpferin in der neuen Kinderliteratur. Sehr lesenswert.

Nackte Tatsachen

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Annika Leone, Bettina Johansson: Überall Popos, Klett-Kinderbuch 2020 € 14,00

"Mila fühlt sich mutig und verwegen", denn heute wird sie vom Beckenrand den Sprung ins Wasser wagen. Doch vorher heißt es duschen.  Mit ihren fünf Jahren ist sie gerade so groß, dass alle Pos auf ihrer Augenhöhe liegen. Was für ein spannender Anblick. All die verschiedenen nackten Körper. Dick und dünn. Mit Tattoo oder Sonnenbrand. Heller und dunkler. Dicker und dünner. Mit Haar oder rasiert. Und mit Baby im Bauch. Während Mila genussvoll ihr Kinderbäuchlein vorstreckt und die Arme hochreckt, damit Mama sie einseifen kann, schaut sie sich die Scheiden und Popos der Frauen genau an. Ihre Kommentare und Assoziationen sind herzerfrischend und ohne Berührungsängste. Nur Mama wird ein wenig rot dabei. Endlich im Schwimmbad treffen sie Papa wieder, der beim ersten Sprung vom Sprungbrett promt seine viel zu kleine Badehose verliert und nackig aus dem Becken klettern muss. Auch er wird ganz rot. Hier gibt es weit und breit keine weiteren Nackten mehr. Währnd Papa mit zusammengeklemmten Knien und Augen, die Hände vor dem Körper, hinter einen Blumenkübel flüchtet, sieht Mila die Badehose am Kopf eines anderen Badegastes schwimmen und springt beherzt vom Beckenrand ins Wasser, die Hose für Papa zu retten. So wird sie, in ihrer Spidermanhose mit Schwimmflügeln, ganz nebenei zur Superheldin. Wie selbstverständlich und unaufgeregt wird dieser Familienausflug in Schwimmbad erzählt, bei dem es viel großartiges und umwerfend gezeichnetes zu entdecken gibt: die Körper der Menschen, natürlich und nie maßgeschneidert, Milas Mut, die Scham der Erwachsenen, viel Gestik und Mimik, ermunternde Blicke und die Freude aller am Ende eines ereignisreichen Tages, an dem Mila sechs verschiedene Süßigkeiten aussuchen darf. Lange und salzige. Kleine und süße. Runde und knatschige. Und Papa strahlt über beide Ohren wie der Sonnenschein. Nochmal! Denn auch die Übersetzung der knackig, kurzen Texte ist ein Genuß. Die VorleserInnen werden auch wiederholt ihren Spaß dabei haben.

Autobiografische Geschichten aus Sozialismus, Suff und Familienleben

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Jaromir Konecny: Du wächst für den Galgen. Ein Roman in Geschichten, edition Lichtung 2019 €13,90

Kindheitsgeschichten mit Galgenhumor
Mit einer guten Portion Galgenhumor erzählt Jaromir Konecny in kurzen, schwungvollen Episoden  von seiner Kindheit in der sozialistischen Tschecheslowakai. Während der proletarisch wie kommunistische Vater das Leben männlich mit Alkohol und Prügelstrafe am Laufen zu halten versucht, setzt  die Mutter, die aus bürgerlichem Elternhaus stammt, auf Kriminalgeschichten, Kontakte, unvergessliche Sprüche und harte Arbeit. Die Kinder dazwischen entdecken die Mysterien der Welt in kleinen und großen Abenteuern. Niemand macht sich die Mühe, ihnen dabei viel zu erklären. Eine schnelle Ohrfeige ist Erklärung und Lehre genug. Wann immer die Mutter kann, versucht sie die Kinder zu schützen. Auch die Romakinder im Städtchen bedenkt sie mit Zuwendung. Mit entwaffnender Logik deckt der Autor im Laufe der Geschichten auf, wie sich sein kindlicher Berufswunsch von "Rentner sein" zu "Schriftsteller werden" wandelt. Natürlich ist auch dabei die Mutter nicht ganz unschuldig.

Ein Leben in Italien

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Andrea Camilleri: Brief an Matilda, Kindler Verlag € 20,00

Dieses Buch ist der lange Brief des damals 92jährigen Andrea Camilleri an seine Urenkelin, als sie 4 Jahre alt war, damit sie später, als junge Erwachsene, etwas von ihm und seiner Zeit verstehen möge. Er erzählt von seiner Kindheit und Jugend zur Zeit des Faschismus in Sizilien, von seiner Rebellion gegen Erwartungen und der wachsenden Sehnsucht nach Freiheit. Sein Lebensweg als Lernender und Arbeitender war selten gradlinig und geprägt von dem Bedürfnis, seinen Ansichten treu zu sein, Kontra zu geben und sich auch politisch einzumischen. Er erzählt seiner Urenkelin von herausragenden Momenten der Weltgeschichte und erklärt ihr Entwicklungen und Veränderungen, die für die zukünftige erwachsenen Matilda ferne Vergangenheit sein werden. Er glaubt an die Kraft der heutigen jungen Menschen, Dinge zum Guten zu wenden. Das anregende Vermächtnis eines offenen, ehrlichen und beeindruckenden Menschen!

Jugenderinnerungen

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Gregor Sander: Alles richtig gemacht, Penguin Verlag 2019 € 20,00

Noch in der DDR und in der Zeit nach dem Mauerfall wachsen der Erzähler Thomas und sein Freund Daniel auf. Erstes abendliches Ausgehen, Lehrzeit und Stuidium, Sich-Ausprobieren und Beziehungen eingehen. An all dies erinnert sich der Berliner Jurist, dessen Frau und Zwillingstöchter vor einer Woche weggingen. Was ist passiert und werden sie zurückkommen?

Zwischen Tradition und Moderne – weit weg und vertraut.

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Liu Xun: Zähnchen, Zähnchen auf das Dach! edition bracklo 2019 € 19,80

Als Niunius erster Milchzahn ausfällt rennt sie aus dem Haus auf der Suche nach ihrem Opa. Er soll ihr helfen, den Zahn auf das Dach ihres Hauses zu werfen, damit sie wächst und lange lebt. So weit die Tradition. Niunius Viertel besteht aus kleinen, alten Gassen, in denen am Morgen das Leben erwacht. Kinder drängen zum Spiel hinaus, Erwachsene machen sich an die Arbeit. Niuniu kennt sie alle: die hübsche Schneiderin, den Messerschleifer, den Friseur, den Fischhändler mit dem großen Bassin auf seinem Fahrrad und den Mann mit der kleinen Popkornmaschine. Ihren Opa findet sie beim Schachspiel. Mit seiner Hilfe landet Niunius Zahn neben den ihres Vaters und Großvaters auf Dach. Nun beherbergt ihr Haus ihre Familiengeschichte über drei Generationen. Doch ein Wandel, die Baukräne am Himmel zeichnen sich ab. Die Häuserwände der schmalen Gassen sind mit dem Zeichen für Abriss gekennzeichnet. Sie müssen modernen Hochhäusern weichen. Werden mit ihrem Abriss auch die Geschichten der Menschen, die Nähe zu ihnen, das Miteinander, die Gelassenheit verschwinden? Niuniu streift mit offenen, neugierigen Augen durch ihre Welt.
In China schreitet der Wandel zur Moderität schnell und selbstverständlich voran. Die in Nanjing beheimate Autorin und Illustratorin möchte vor allem zeigen und beschreiben, was in ihrer Stadt vor sich geht, wie Zeit verstreicht und Leben sich verändert oder vergeht. Mit ihrer Geschichte macht sie in Anbetracht dieser unaufhaltsamen Reise zur Moderne, den Moment des Innehaltens, des Schauens, Beobachtens und Wahrnehmens, wie es Kinder spielerisch tun, besonders kostbar. Ihre in Aquarell und Bleistift gezeichneten Straßenszenen sind voller Details und Lebendigkeit. Sie eröffnen uns eine ungewohnte Welt, die sich erstaunlich nah und vertraut anfühlt.

Emotionaler Wirbelsturm

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Nicolai Houm, Lügen schmeckt wie Knäckebrot, Oetinger 2019, 15,00€l

Vilde hasst Lügen. Und trotzdem fängt ihr neues Leben nach dem Umzug mit ihrer Mutter in der neuen Klasse mit einer Lüge an. Einer Lüge, hinter der ein so großes Geheinnis steckt, dass die 12jährige deswegen Herzklopfen, Bauchweh und Wut zugleich in sich trägt. Niemand darf wissen, dass ihr Vater seit Jahren im Gefängnis ist. Wie ein Kind dieses Wissen emotional aushält, sich aber ständig nach seinem Vater sehnt, der Mutter insgeheim Vorwürfe für ihre eigene Distanz zur gemeinsamen Vergangenheit macht, ist sprachlich dicht und packend geschrieben. Eine starke Geshichte über Freundschaft, Ehrlichkeit und der Sehnsucht nach Halt in der Familie. die es so nicht mehr gibt.

Nathalie Weidenfeld – Erziehungstipps aus aller Welt

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Nathalie Weidenfeld: Warum schwedische Eltern gute Laune haben und äthiopische Kinder hilfsbereit sind, Piper Verlag 2019 €

Erziehungsratschläge aus 33 Ländern

Sie waren im Büro, haben eingekauft, die Tochter zum Gitarrenunterricht gefahren, Vokabeln abgefragt und gekocht, aber Ihre Kinder starren aufs Handy, behaupten, dass sie Hühnchen hassen, und weigern sich, mit dem Hund Gassi zu gehen? Sie fragen sich, was Sie falsch machen, wo doch französische Kinder sich sogar im Restaurant benehmen und chinesische Kinder freiwillig Klavier üben? Nathalie Weidenfeld wollte wissen, was deutsche Eltern von anderen lernen können, und hat 99 Erziehungstipps aus 33 Ländern gesammelt, vom japanischen Geheimnis ausgeschlafener Kinder bis zum buddhistischen Umgang mit muffigen Teenagern. Alle für gut befunden von erfahrenen Müttern – und aufgeschrieben, um Ihr Leben besser und ein wenig entspannter zu machen.

20. April 2020, 19:00 Uhr: Immer kommt das Leben dazwischen – Katrin Schrocke, Lesung & Gespräch mit den Bücherfressern

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Eine witzige Enkel-Oma-Connection

Kathrin Schrocke: Immer kommt mir das Leben dazwischen, Mixtvision 2019 €14,00

Karl ist unglücklich verliebt, in Irina, das Nachbarsmädchen. Er möchte außerdem Youtube-Star werden und sich einen Künstlernamen zulegen. Und irgendwie gelingt es ihm gemeinsam mit seinen Cousins Master und Desaster dafür zu sorgen, dass seine Oma heimlich in eine Generationen-WG umziehen kann. Doch für all das haben die Eltern des Dreizehnjärigen gerade keinen Blick, sie haben ganz andere Probleme. Der neue Chef von Karls Muter bringt die Ehe ins Wanken, der Vater zieht aus. Dass er sich ausgerechnet in Omas neuer WG einmietet und seine Mutter nichts davon erfahren darf,  lässt den Kloß in Karls Hals gehörig wachsen. Wie Karl das neue Leben von seiner Oma und deren Mitbewohner findet, wie es sich anfühlt, plötzlich einen traurigen Vater zu haben, der seltsame Dinge tut, und wie es dazu kommt, dass er am Ende doch noch Irina küssen wird, das kann der Leser nur mit einem ständigen Grinsen im Gesicht lesen, denn : Karls kommt tatsächlich das Leben immer wider dazwischen.

Magischer Familienausflug durch die Nacht

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Marie Dorléans: Auf leisen Sohlen durch die Nacht, Gerstenberg Verlag 2019 € 16,00

Für einen besonderen Familienausflug verlassen die Kinder schlaftrunken ihre Betten. Es ist noch mitten in der Nacht, die Welt ist in magisches Blau getaucht. Hier wirft ein Fenster seinen Lichtschatten auf die Straße. Die Fenster des großen Hotels bilden besonders schöne Muster. Es knistert, raschelt zirpt und quakt. Auch die Gerüche sind in der Nacht viel intensiver. Welch Abenteuer! Zwischen den Baumkronen funkeln die Sterne, wie ein glitzerndes Meer. Nun noch ein Stück hinauf, im Schein des Taschenlampenkegels und am Gipfel eng aneinandergekuschelt warten, denn hier sind sie verabredet und werden zu Zuschauern eines überwältigenden Schauspiels. Grandios kunstfertig setzt Dorléans Licht und Schatten, die Nacht, die Dunkelheit in Szene. Ein großartiges Entdeckerbuch zum Nachspüren und Träumen.

Verschlossene Welten

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Katya Balen: Mein Bruder und ich und das ganze Universum, Carlsen Verlag 2019 € 13,00

Die Geschichte beginnt mit einem Ereignis, dem Kinder mit freudiger Erwartung entgegen sehen. Frank und sein kleiner Bruder Max bekommen neue Schuhe zum Schulanfang. Doch bei Max führt alles Ungewohnte und Neue zu irrsinnigen Wutausbrüchen, bei denen er sich selbst verletzt. Frank nennt das die Kernschmelze. Seine Familie und er versuchen das Schmelzen von Max zu verhindern, den Sechsjährigen vor sich selbst zu schützen, ihn auf Neues behutsam vorzubereiten oder die Dinge beim Alten zu belassen wo es geht. Mit Max redet man in Zeichensprache, oder mit Bildern, und Worten, die er oft nicht an sich heranlässt, denn die Welt von Max ist eine ferne, verschlossene Welt.

Unangepasst

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Ewald Arenz: Alte Sorten, Dumont Verlag 2019 € 20,00

Liss lebt und wirtschaftet allein auf dem großen Hof als Sally, ein junges Mädchen, zu ihr stößt. Die beiden verstehen einander zunächst fast ohne Worte, die sie dann doch nach und nach finden. Sparsam. mal vorsichtig, mal impulsiv, mit Angst, verletzt zu werden und doch auch selbst verletzend. Es spinnen sich zarte Fäden zwischen zwei Menschen, die das Gefühl miteinander teilen, in einer Familie und einem Umfeld leben zu sollen, das nicht zu ihnen passt. Sie stehen altersentsprechend an verschiedenen Positionen ihres Lebensweges, der Entscheidungen fordert. Mit gutem Gespür für seine Protagonisten und bereicherndem Blick in das Leben auf dem Land erzählt Ewald Arenz seine packende Geschichte, nach der der Leser Birnen mit neuer Aufmerksamkeit genießen wird.

In Nord-Norwegen

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Erik Fosnes Hansen: Ein Hummerleben, Kiepenheuer & Witsch, € 24,00

In einem großen traditionsreichen Hotel in den nordnorwegischen Bergen lebt der Jugendliche Sedd. Seine Großeltern sind an die Stelle der verschollenen Eltern getreten über die der Junge nur bruchstückhaft etwas in Erfahrung bringt. Der Großvater, immer vorbildlicher Hoteldirektor, bereitet Sedd darauf vor, das Hotel einmal zu übernehmen. Seine Großmutter, mit ihrem weichen, der Wiener Herkunft geschuldeten Tonfall, ist liebevoll aber kann auch kraztbürstig werden. Sehr wichtig ist Jim, Herrscher in der großen Küche seit Sedd denken kann und eine feste und verlässliche Größe in seinem Leben. Sie alle arbeiten viel und vielseitig, obwohl die Anzahl der Gäste sukzessive abnimmt. Ist es nur eine kurze Flaute oder der Anfang einer unaufhaltbaren Entwicklung? Der Roman ist aus der Sicht des amüsant neunmalklugen Jungen geschrieben, der viel beobachtet, mit Gehörtem und Gelesenem verknüpft und seine ganz eigenen Überzeugungen entwickelt. So romantisch abgeschieden das Hotel auch liegen mag: vor der Realität kann man nur kurz die Augen verschliessen und Dramen sind allgegenwärtig!

Englischer Eheroman

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Kathy Page: All unsere Jahre, Wagenbach 2019 € 24,00

Ein Eheroman über 70 Jahre: Harry und Evelyn lernen sich in einer Londoner Bibliothek kennen. Er verliebt sich in ihre Schönheit und Direktheit, sie sieht in ihm den Mann, der ein besserer für sie sein wird, als ihr Vater es für ihre Mutter war. Sie heiraten zur Zeit des 2. Weltkriegs, der Harry in weite Ferne führt und bei dessen Ende er Evelyn mit der kleinen Lilian umarmen kann. Er wird viele von Evelyns Wünschen erfüllen können und immer derjenige sein, der um der Harmonie willen nachgibt. Die dritte Tochter fordert beide sehr heraus und das Alter macht es ihnen nicht leicht, obwohl die Vier- Generationen-Familie zusammenhält und immer wieder schöne Erlebnisse aufblitzen.  Eine Lebensgeschichte über das Geben und Nehmen, das Verbindende und Trennende, das Träumen und die Realität. Die Autorin liess sich durch die Briefe ihres Vaters an ihre Mutter während des 2. Weltkrieges inspirieren und bindet einige davon in den sprachlich schönen Roman  geschickt  ein.

Im Marschland

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Delia Owens: Der Gesang der Flusskrebse, Verlag hanserblau € 22,00

Kya wird das Mädchen genannt, das fast ganz auf sich gestellt in dem Marschland North Carolinas aufwächst. Sie ist zunächst noch ein Kind, das sich selbst beibringen muss, Mahlzeiten zu bereiten, das sich in der Natur mehr zuhause fühlt als in der Hütte, die mal eine große Familie beherbergte. Sie wird einige wenige Menschen finden, die ihr zugewandt sind während sie den Bewohnern des nahegelegenen Küstenstädtchens fremd und sogar gefährlich erscheint. Als junges Mädchen wird sie die Nähe eines jungen Mannes lieben lernen, doch auch hier lauert die Gefahr des Verlustes. DIe Schilderung ihres Lebens und ihrer Entwicklung ist verknüpft mit literarisch beglückenden Naturbeobachtungen von Flora und Fauna. Zunehmend an Spannung gewinnend zieht ein Todesfall mit Mordverdacht den Leser in Bann. Ein besonders geglücktes Debüt, das in all seinen Facetten absolut überzeugt und begeistert!

Rückblick und Entscheidung

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Jostein Gaarder: Genau richtig. Die kurze Geschichte einer langen Nacht, Hanser Verlag 2019 € 16,00

Albert hat das Glück, auf fast 40, weitgehend harmonische Ehejahre zurückzublicken. Er denkt gerne an seinen Sohn mit Frau und Enkelin, die ihm sehr verbunden sind. Und dann gibt es auch einen geradezu magischen Ort: eine kleine Hütte an einem Waldsee, die für die ganze Familie ein Ruhepol ist und Ausgangspunkt für Gedankenspiele und Erspüren der Natur. Hier befindet sich Albert, zum 1.Mal allein, mit einer verstörenden, erschütternden Nachricht, der er sich stellt. Er leidet an einer Krankheit, die ihn in zunehmende Abhängigkeiten bringen wird bis zum absehbaren Lebensende. Das schmale Buch von Jostein Gaarder sind Alberts niedergeschriebenen Gadanken über sein Leben, die Frage nach dem Leben überhaupt auf dieser unserer Welt und der nach dem Lebensende. Berührend, begeisternd, erschütternd - dieses Buch ist eine intensive Begegnung und Bereicherung!

Mutter und Sohn

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Nell Leyshon: Der Wald, Eisele Verlag 2019 € 22,00

Die zart gezeichneten Vögel, Zweige und Früchte auf dem Buchumschlag deuten auf das sensitive Seelenleben von Zofia und Pawel hin. Mutter und Sohn sind durch die Kriegswirren des Zweiten Weltkrieges in Warschau sehr aufeinander bezogen. Zofia, eine musikalische Frau aus großbürgerlichen Verhältnissen muss lernen, in zunehmender Beschränkung zu leben, bis hin zum Leben in einem Versteck im Wald. Pawel ist ein kleiner, ängstlicher genau beobachtender Junge. Die Beiden werden die Kriegszeiten überstehen und als Sofia und Paul in England leben. Die emotionale Nähe wird auf eine große Probe gestellt als Sofia begreift, dass ihr Sohn homosexuell ist und sie ihr Bild vom Leben neu sortieren muss. Die Autorin Nell Leyshon lässt ihre Figuren in einer Weise agieren und denken, die dem Leser viele Impulse gibt. Sie schreibt in einer schönen, nachdenklichen Sprache, die den Leser gerne manche gedanklichen Umwege mitgehen lässt in einer durchaus spannenden und in vielerlei Hinsicht bereichernden Geschichte. Ein grandioser Roman!

Verflechtungen

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Arif Anwar: Kreise ziehen, Wagenbach Verlag 2019 € 24,00

Wie ein verschlungenes Seil, das Stück für Stück gelöst wird, liest sich der einige Jahrzehnte umspannende Roman von Arif Anwar. Er erzählt von dem indischen Ehepaar Rahim und Zaira, das 1946, vor der Teilung des Landes, von Kalkutta nach Ostbengalen zieht und sich dort ein neues Leben aufbaut. Er erzählt auch von dem Paar Jamir und Honufa mit ihrem kleinen Sohn, die 1970 in Bangladesch einem Sturm ausgesetzt sind, in dem die Welt unterzugehen scheint. Und auch Shahiyar und Anna sind zwei sehr wichtige Personen in diesem Roman: Vater und Tochter in Washington 2004. Wie diese Personen in Verbindung stehen und wie sie sich den Herausforderungen ihrer Leben stellen lässt und viel über Charaktere, Gesellschaftasstrukturen und religiöse Hintergründe erfahren.

Die Wohltat der Kunst

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David Foenkinos: Die Frau im Musée d`Orsay, Penguin, € 20,00

Warum nur hat der Kunstprofessor Antoine Duris Hals über Kopf seine Vorlesungen und Seminare abgesagt und ist mit nur einem Koffer nach Paris gegangen? Wo er noch dazu eine Stelle als Wärter im Musée d`Orsay annimmt? Diese Fragen beantworten sich Stück für Stück mit dem Schicksal einer jungen Frau in Lyon, die großes Talent in der Malerei zeigt und so wie Antoine Duris das wohltuende, heilsame von intensiven Betrachtungen geliebter Gemälde kennt. Der Roman erzählt eine Geschichte die zeigt, dass auch nach tiefer Dunkelheit Licht erstrahlen kann.

Endlich der Sommer!

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Petra Hartlieb: Sommer in Wien, Du Mont Verlag 2019 € 18,00

Nach Winter und Frühling können wir nun das sympatische junge Mädchen Marie durch den Wiener Sommer begleiten. Sie ist mir schon recht ans Herz gewachsen in ihrer natürlichen, aufgeschlossenen und einfühlsamen Art! Nach zwei Jahren als Kindermädchen im großbürgerlichen Haushalt Arthur Schnitzlers wird sie sich nun im Jahre 1913 in ein eigenes Zuhause und ein unabhängigeres Leben aufmachen. Hoffentlich wird es bald Herbst in Wien! Diese schmalen, vom Du Mont Verlag so schön gestalteten Romane von Petra Hartlieb sind eine herrliche Entspannungs- und Wohlfühllektüre für jedes Alter und wie ein Blumenstrauss zu vielen Gelegenheiten zu verschenken.

Schmuggel

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Matteo Righetto: Die Seele des Monte Pavione, Blessing, € 20,00

Der Roman lässt uns intensiv nachempfinden, wie die Menschen Ende des 19. Jahrhunderts in der Bergwelt der Dolomiten lebten. Er erzählt anschaulich von einer Familie mit drei Kindern, die vom Tabakanbau lebt - mehr schlecht als recht - und so wagt der Vater jedes Jahr aufs Neue den Schmuggel über die österreichische Grenze. Als er sie für alt genug hält, nimmt er seine älteste Tochter Jole mit auf den gefährlichen Weg. Diese wird einige Jahre später alleine losziehen müssen, denn der Vater kam von seinem Schmuggelabenteuer nicht zurück. Sie wird mehrmals in Lebensgefahr schweben und ein guter Ausgang ihrer Unternehmung ist ungewiss. In schöner ruhiger Sprache lässt dieser doch spannende Roman vergangene Zeit erfühlen.

Emotionale Familienspannung

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Tatiana de Rosnay: Fünf Tage in Paris, C. Bertelsmann Verlag 2019 € 20,00

Ein emotionsgeladener Roman über eine Familie in Frankreich, der es bei einem Familientreffen in Paris gelingt, lang gehütete und verdrängte Gefühle und Erlebnisse zuzulassen und Offenheit untereinander zu wagen. Der Fokus liegt auf Linden, dem berühmten in San Francisco lebenden Sohn und Fotografen, aber auch die Vergangenheit seiner Schwester und seiner Eltern birgt viel Unausgesprochenes. Während der fünf beschriebenen Tage wird Paris von einer ungeahnt heftigen und folgenschweren Überflutung heimgesucht. DIe vielen nach und nach an die Oberfläche gelangenden Ereignisse halten auch die Leser in Atem.

Auf den Spuren der Erinnerung

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Clare Furniss: Morgen ist heute schon vorbei, Rowohlt Rotfuchs 2019 € 14,99

Sicherheitshalber macht Hattie drei Schwangerschaftstest. Das Ergebnis aus der Hingabe einer Nacht ist eindeutig, der Vater dieses zukünftigen Kindes weit weg, die Selbstverständlichkeit das Kind abzutreiben steht fest in ihrem Kopf. Ihr Mut, zur Tat zu schreiten, ist noch nicht gefasst. Er wird verdrängt, von einer vergessenen Verwandten, einer Schwester iher Großmutter. Keiner der beiden giert nach Kontakt und doch hofft Hattie von dieser alten Frau etwas über ihren eigenen Vater in Erfahrung bringen zu können. Wenn dann jetzt, denn Gloria wird dement und beginnt zu vergessen. Gloria erzählt Hattie Unerwartetes. Die beiden verbindet die ungewollte Schwangerschaft.  Unverheiratet schwanger war damals vollkommen undenkbar, noch dazu, wenn das Kind eine andere Hautfarbe haben sollte. Stück für Stück eröffnet Gloria eine Geschichte, die Dramatik gewinnt und mehr und mehr den Atem nimmt. Erst gegen Ende entdeckt man die Liebe, das Leid und die Erstarrung in Sprachlosigkeit,  den Mut, der Entscheidungen stützt und  sich an ganz unerwarteten Stellen auftun wird. Funiss komponiert ein Frauenschicksal aus den 50ern und eins in heutigen Zeiten zu einem packenden, vielschichtigen Roman. Viel hat sich seit dem geändert und einiges gar nicht, denn die Entscheidung einer jungen Frau, ihr Kind zu behalten hat mehr mit dem Herzen zu tun, als mit dem Verstand. Wie weitreichend diese Entscheidung ist und über Generationen hinweg Wege eröffnet, können LeserInnen hier gewahr werden. Beeindruckend!

Spionage DDR – BRD

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Dirk Brauns: Die Unscheinbaren, Galiani Berlin, € 20,00

Dirk Brauns erzählt überzeugend die fiktive, realitätsnahe Geschichte von Martin Schmidt, geboren und aufgewachsen in Ost - Berlin. Als er 18 Jahre alt war, wurden seine Eltern als Spione für den Westen entlarvt. Was das für ihn bedeutet hat, daran erinnert er sich nun, mehr als 40 Jahre danach. Er wird um ein Interview gebeten und sieht in diesem Zusammenhang Akten ein, sowohl der Stasi als auch des BND, die teilweise auch in dem Buch Raum finden. Gut, dass es als Ausgleich auch Partnerinnen und Töchter gibt!

Papas kinderleichte Erziehung zu Spiel & Spaß dank Langeweile.

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Claude Dubois: Pff..., Moritz Verlag 2019 €10,95

"Schluß jetzt!" Papa Erpel spricht ein Machtwort und schickt seine am Handy herumklickenden Küken an die frische Luft. Nun hängen sie wie nasse Waschlappen über einem Ast und geben sich der Langeweile hin. Die folgende kleine Bildsequenz weckt bei Erwachsenen Sehnsuchtsgefühle. LANGEWEILE. Gibt es sie eigentlich noch? Bald kommt Papa mit einem Wäschekorb unter dem Arm wieder vorbeigeschlendert und wirft Optionen in die Kinderrunde. Man könnte ja Fussball  spielen, Fangen, Blinde Kuh oder gar beim Wäsche aufhängen mithelfen?  Am Ende pumpt er das Planschbecken auf. Die Kinder sind nicht überzeugt und überlassen das Wasser zunächst einem dahergelaufenen Spatz. Natürlich weiß am Ende keiner wie es kam, aber die Kinder schließen Freundschaft und spielen so toll wie lange nicht mehr. Beim Anblick der tobenden Kinder staunt die Mama nicht schlecht. Die Geschichte formt sich aus der Luft und wird von Seite zu Seite von einer Leichtigkeit getragen, die dem Nichts zu entspringen scheint. Der Langeweile eben. Schön, dass es sie noch gibt. Dubois fängt sie ein, mit den ihr typischen, prägnant knappen Strichen, die gerade im Weglassen ihre erzählerische Kraft enwickeln. Ganz nebenbei und mit großer Selbstverständlichkeit schmeißt in diesem Buch auch der Vater den Haushalt. Schön, dass die große, weite Welt so genussvoll zelebriert werden kann, Enteneltern sei Dank!