Articles tagged with: Familie

Leben durch die Fotolinse und das echte Leben

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Neda Alaei: Zwischen uns sind tausend Bilder, Thienemann Verlag 2021 € 14,00

Durch die Fotolinse scheint das Leben immer so unbeschwert, so einfach. So ohne jegliche Sorgen. Leider läuft das echte Leben so nicht. Die vierzehnjährige Sanna muss spüren das das Leben keine Momentaufnahme einer Kamera ist. Seit einem Jahr macht ihr das Leben einen richtigen Strich durch die Rechnung. Nach dem Tod ihrer Mama fällt ihr Vater in eine starke Depression. Nur das Schreiben hält ihn am Leben.

Zwischen Familienglück und Familiendrama

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Ashley Audrain: Der Verdacht, Penguin Verlag 2021 €22,00

Das Buch hat mich eine Nacht gekostet, eine Nacht, in der ich mich wie eine Voyeurin im Leben der jungen Blythe, Ehefrau und Mutter, eingenistet und mit ihr all die Schrecken und Ängste durchlebt habe. Zurecht hat das Debüt der kanadischen Autorin bereits im Vorfeld für große Aufmerksamkeit gesorgt. Der Roman liest sich so spannend wie ein Krimi, so verstörend wie ein Psychothriller, und zwingt den Leser dazu, Partei zu ergreifen: Für oder gegen die junge Mutter, die von ihrer eigenen Familiengeschichte her traumatisiert ihre eigene neugeborene Tochetr nicht annehmen kann. Ihr Mann wünsccht sich die perfekte Familie und Blythe setzt alles daran, diesen Wunsch zu erfüllen. Doch zwischen Mutter und Tochter wird von Anfang an ein Riss entstehen, eine Kluft, die man von außen nicht sehen kann. Doch es macht etwas mit der kleinen Violet, die von dem Vater abgöttisch geliebt wird, und der Mutter misstrauisch begegnet. Das, was Blythe in ihrer Tochter glaubt zu sehen, ist zu monströs, um es in Worte zu fassen. Als ihr Sohn Sam auf die Welt kommt, erlebt sie endlich wahre Muttergefühle, und das nimmt das kleine Mädchen sehr wohl wahr. Aber sind Kinder zu Rache fähig? "Der Verdacht" ist ein schnungslos ehrliches Buch, mitreissend und zugleich schockierend. Und das bis auf die letzte Seite.

Frau und Mutter

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Judith Vanistandaele: Penelopes zwei Leben, Reprodukt 2021 € 20,00

Ohne Worte tauchen wir in das Kriegsinferno in Aleppo, in dem Penelope seit Jahren als Ärztin arbeitet und versucht, Leben zu retten. Wenige Worte reichen, um in die Seele der Frau und Mutter zu dringen, wenn sie für kurze Zeit zu ihrer Familie heimkehrt. Die Welten kommen nicht mehr zueinander. Sie wird geliebt, doch Sprachlosigkeit und  Zerrissenheit greifen Raum. Das Leben daheim hat lang schon seine eigene Dynamik entwickelt ebenso wie sich eine seelische Verwundung Penelopes manifestiert. Der starke Aquarellstrich drückt  aus, für das es keine Worte gibt. Beeindruckend berührend erzählt Vanistandaele von starken Momenten eines Frauenlebens, von Mann, Tochter, Mutter Schwester und einer Arbeit, die alles fordert.

Selbstliebe oder die Beziehung zu sich selbst

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Wesley King: Sara auf der Suche nach normal, Magellan Verlag 2021

Fehlalarm, Bleikugel, Risikospiel. So bezeichnet Sara ihre häufig auftretetenden Zustände. In Wirklichkeit hat sie Panikattacken, Paranoia und ein konstanstes Angstgefühl. In der Schule genießt sie seit Jahren Einzelunterricht und besucht einen Therapeuten.  Ihr innigster Wunsch ist es, dass all das aufhört.  Sie möchte nichts lieber, als normal sein. Doch was ist normal? Wo fängt es an? Wo hört es auf? In ihrer Therapie lernt sie Erin kennen, und James.  Ihnen gegenüber bricht sie mit ihrem Mutismus. Sie fasst Vertrauen. Sie beginnt erste Regeln, die sie sich selbst gegeben hat,  über Bord zu werfen. Und dann kommt Erin mit ihrer märchenhaften Vorstellung von den Sternenkindern, die etwas ganz besonderes sind und immer zusammenhalten. Sara glaubt nicht daran. Bald werden Saras Regeln von Erins Prinzipien überlagert und die Vorstellung einer besondern Freundschaft macht Sara Bauchkribbeln. Sie beobachtet Erin aufmerksam und entdeckt dabei die blauen Flecken an ihrem Körper.

Intensives jugendliches Erleben

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Ewald Arenz: Der große Sommer, DuMont Verlag Jahr 2021 €20,00

Jungenfreundschaft, Geschwisternähe, erste Liebe und ein intensives Wahrnehmen von Farbspielen, Duftnoten und Stimmungen in der Natur tragen dieses Buch. Ich habe mich sehr gern in die Erlebnisse, Gedanken und Empfindungen des 16jährigen Friedrich hineinversetzen lassen, mich diesem jungen Menschen nahe gefühlt. Die Freundschaft hat ihre Rituale, birgt Abenteuer und wird erschüttert. Die Nähe zwischen Bruder und Schwester innerhalb der großen turbulenten Familie ist verlässlich. Die erste Liebe ist plötzlich da, von Friedrich sofort erkannt und zugelassen, wirft Fragen, Sehnen, Unsicherheit, Erstaunen, großes Glück und Verzweiflung auf. Da Friedrich viel Zeit bei seinen Großeltern verbringt, entdeckt er bei ihnen ihm unbekannte Seiten, was auch daran liegt, dass er sich selbst neu entdeckt und sein Interesse an ihrer Vergangenheit geweckt ist. Der Autor Ewald Arenz hat mich mit seinem neuen Buch ebenso mitgenommen wie im vorherigen Romans "Alte Sorten".

Wild, philosophisch und einfach stark!

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Laura Wolk, Echo Mountain. Ellie geht ihren Weg, Hanser Verlag 2021 € 17,00

Unberührte Natur, Widnis, bittere Armut, Selbstversorgung. Das Leben von Ellie ändert sich schlagartig, als sie mit ihrer Familie in die Berge ziehen muss, da die Weltwirtschaftskrise dem Vater, einem Schneider und der Mutter, einer Lehrerin. Das Einkommen nimmt.  Mit ihrem letzten Geld, kaufen sie ein Stück Land in den Bergen. Der Vater erbaut ihr Haus, die Mutter versorgt Tiere und Familie, die drei Geschwister, Ellie ist die Mittlere, gerade 12 jahre alt, helfen wo sie können. Doch dann begräbt ein gefällter Baum den Vater, der ins Koma fällt und alles verändert sich. Ellie, die vom Vater schon viel Überlebenspraktische gelernt hat und die Natur liebt, versorgt die Familie mit Fischen.

Seelenreinigung rund ums IJsselmeer

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nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2021, Kinderbuch

Anna Woltz: Haifischzähne, Carlsen Verlag 2020 € 10,00

Die kleine, perfekt komponierte Novelle erzählt vom Weggehen und Dasein, von Brauchen und Gebrauchtwerden. Innerhalb engster Familienbindungen ist das Aushalten von Schmerz und das Finden der eigenen Postition besonders schwierig. Atlantas Muter ist krank. Seit Monaten versucht Atlanta eine aktionistische Gegenposition zu leben, die sich für sie wie ein Reißausnehmen anfühlt. Ihre Tour um das gesamte IJsselmeer hat sie genau geplant. 360 km mit dem Fahrrad. Dafür braucht sie einen Tag, eine Nacht und einen weiteren halben Tag. Der Picknickkorb ist voll, die Nachtzahnspange an Bord. Zu dumm, dass sie gleich zu Beginn in das Hinterrad eines Jungen fährt und sich die Haut von den Ellenbogen schürft. Glücklicherweise ist Finley wengistens mit Pflaster ausgerüstet. Dafür hat er keine langen Hosen gegen den Wind und die nächtliche Kälte. Er wollte nur ein wenig weg, da ihm ein blödes Missgeschick passiert ist. Solche Geschichten sind eigentlich bekannt und doch fühlt sich beim Lesen vieles wieder neu an. Die Zielstrebigkeit aber auch Unsicherheit der Kinder. Die zarte Freundschaft, welche sich entwickelt, die offenen Arme, in die sie am Ende ihres Abenteuers laufen werden. Kleine und große Dramen durchleben sie gekonnt auf 89 locker gesetzten Seiten, als hätten sie das schon immer getan. Anna Woltz ist eine wunderbare Erzählerin.

Sprachlosigkeit zwischen Vater und Sohn

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Roberto Camurri: Der Name seiner Mutter, Antje Kunstmann Verlag 2021, € 20,00

Roberto Camurri gelingt es meisterhaft, die Sprachlosigkeit zwischen Vater und Sohn auszuloten. Die Beobachtungen, zunächst des Vaters des kleinen Kindes, dann auch die des heranwachsenden Jungen und des jungen Erwachsenen, sind genau. Die Gefühle sind stark empfunden, aber sie wollen sich nicht in Worte verwandeln. Eine Hilflosigkeit steht zwischen den beiden, die sich in manchen Momenten auch in Wut ausdrückt, obwohl Liebe sie verbindet. Die Ehefrau und Mutter verschwand, als der Sohn noch ganz klein war und ihre Abwesenheit nimmt viel Raum ein im Leben der beiden Zurückgelassenen. All dies vermittelt der Autor auch durch seine Sprache, die so vieles beleuchtet und erfaßt und gleichzeitig eine gewisse Distanz hervorruft. Mich hat diese Geschichte, die in einer kleinen Stadt in der Poebene angesiedelt ist, sehr fasziniert.

Generationengeschichte in Deutschland

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Alena Schröder: Junge Frau am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid, dtv 2021, € 22,00

Vier Frauen auf der Suche nach ihrem Weg im Leben, nach den Menschen, die ihnen gut tun, dem Ort, der zu ihnen passt. Sie sind vier Generationen einer Familie und die Mütter und Töchter haben es nicht immer leicht miteinander. Vom Berlin der 20er Jahre, dem in der Zeit des Nationalsozialismus als auch dem Berlin unserer Zeit  gibt der Roman ein vielgestaltiges Bild. Auch das Leben in den kleinen Orten rund um Rostock in der Vergangenheit wird gut vorstellbar. So liest man sich mit dieser Familiengeschichte in frühere und heutige Zeiten hinein mit ihren jeweiligen Auseinandersetzungen ujnd Emotionen, sie uns in jedem Falle mitnehmen.

Verwoben im Miteinander

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Kristina Hauff: Unter Wasser Nacht, Hanser Verlag 2021 € 20,00

Dieser Roman erzählt von zwei Paaren, die seit vielen Jahren eng befreundet sind und auf einem gemeinsamen Grundstück ihre Familien gegründet haben. Eines der insgesamt drei Kinder hat ein hohes Aggressionspotential. So belasten Vorwürfe und Neid mehr und mehr das Miteinander. Scham und Schweigen nisten sich nach einem tragischen Vorfall ein, nicht nur zwischen den Freunden, sondern auch in den Paarbeziehungen. Eine von auswärts dazugestoßene Frau beobachtet aufmerksam, bringt viele Steine ins Rollen und öffnet neue Blickwinkel. Ein spannungsreicher Roman, der aus wechselnden Perspektiven erzählt wird und dessen Verstrickungen man gebannt folgt.

In der Großfamilie

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Monika Helfer: Vati, Hanser Verlag 2021 €20,00

In ihren knappen Sätzen vermittelt Monika Helfer eine ungeheure Vielfalt an Emotionen, die an das wecheselhafte Leben ihrer Familie geknüpft sind. Im Fokus der Vater, um ihn, mit ihm Mutter, Stiefmutter, Geschwister, Tanten, Onkel und die Autorin selbst. Als Kind, Jugendliche und als Autorin. Die Lebensumstände so nachspürbar, in Haus und Natur, in Armut und Enge. Ein sehr beeindruckender Roman, der Vieles im Innern des Lesers anklingen lässt.

Eine Jugendliche auf der Suche

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Verena Keßler: Die Gespenster von Demmin, Hanser Verlag 2021 €22,00

Das 15jährige Mädchen Larissa, genannt Larry, hat einen sehr eigenwilligen Charakter. Und hat mich nach erstem Erstaunen fasziniert. Sie will nicht gefallen, aber sie will verstehen. Verstehen, warum ihre Eltern sich trennten, warum ihr Bruder sterben musste, als er noch ganz klein war, verstehen, wie Sterben sich anfühlt, und was es mit der dunklen Vergangenheit ihres Heimatortes auf sich hat. Sie stählt ihren Körper  und wird merken, dass sie sich dadurch nicht schützen kann. Eine Mädchenfreundschaft trägt Larry durch die Kinder - und Jugendzeit und sie wird erleben, dass die Liebe ihrer Mutter auch dann bei ihr ist, wenn körperliche Anwesenheit fehlt. Interessant ist als Gegenpol zu Larrys jugendlichem Erleben der Blick auf die allein lebende Nachbarin, die sich an ihre Kinderzeit aus Kriegszeiten erinnert und sich jetzt dem Altsein stellen muss. "Die Gespenster von Denimm" ist ein Romandebüt, das mich in seiner Klarheit und geschickten Komposition beeindruckt und gefesselt hat.

Verliebt in Mathe und noch viel mehr….

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Nikola Huppertz: Schön wie die Acht, Tulipan Verlag 2021 € 14,00

Maltes von Zahlen geordnete Welt gerät ins Wanken,  als seine ältere Halbschwester Josefine vorübergehend in seine kleine Mama-Papa-Kind Familie einzieht. Bald hallen  Streits  durchs Haus und stören Maltes mathematische Kreise, denn Maltes Vater ist auch der von Josefine. Josefine behauptet er hätte sie und ihre Mutter im Stich gelassen. Oder war es vielleicht doch ganz anders? Josefine hat eine starke eigene Meinung. Sie schreibt  Gedichte, die sie Malte zum Lesen gibt und Malte herausfordern. Wer ist Wunschkind und wer war unerwünscht. Wo wurde geschwiegen und wo liegt die Wahrheit?  Für Malte eröffnen schmerzhaften Fragen. Und wie bei seiner Lieblingszahl, der Acht, die für Malte die perfekte Zahl ist, weil  man sie an zwei Symetrieachsen spiegeln kann, spiegelt sich auch seine Geschichte auf noch eine weitere Ebene. Im Matheclub taucht ein neues Mädchen auf, in das sich Malte zum ersten Mal verliebt.  In dieser Sache hilft Josefine ihrem 13 jährigen Halbbruder, der mehr und mehr zum richtigen Bruder wird, durch diese ersten Kommunikationswirrnisse, wie ein echte große Schwester. Natürlich gibt es, auch im Matheclub, noch jemanden, der auf Josefine ein Auge geworfen hat. Er möchte von Malte Hilfestellung. Der gordischen Knoten ist von Huppertz also perfekt geknüpft und es macht beim Lesen diebische Freude, all das zu entwirren. Ein Buch mit Links- und Rechskurven, Liebe, Familie und Mathematik, der acht und der 11. "Einer stolpert hinter dem anderen her. Da bleibt der Vordere stehen, dreht sich zu dem Hinteren um und streckt ihm seine Hände entgegen. Und sie werden ein M, wie Miteinander." Besser könnte es nicht passen.

Das Kunststück, schlafen zu gehen

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Dita Zipfel, Finn-Ole Heinrich, Tine Schulz: Schlafen wie die Rüben, Huckepack im mairisch Verlag 2021 € 15,00

Die quirligen fünf Rüben dieser Bilderbuch-Familie in den Schlafmodus zu bringen, ist ein wahres Kunststück. Dafür hält das mehrfach preisgekrönte Autorenpaar Dita Zipfel und Finn-Ole Heinrich ein größeres Aufgebot bereit: Sonne, Mond, Esel, Garten und See, der letzte Schluck Tee, das Waschen und Putzen, Musik und Bücher, Kitzeln, Kissen, warme Socken, Monster raus und Träume rein.

Die Waisenkinder Osteuropas

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Yaroslava Black, Ulrike Jänichen: Zug der Fische, Carlsen Verlag 2020 € 18,00

Eurowaisen nennt man die Kinder, die bei den Großeltern zurückbleiben, wenn ihre Eltern im europäischen Ausland Geld verdienen. Die Lebenszeichen ihrer Eltern erhalten die Kinder per Post. Sie sammeln die Briefe wie kleine Schätze und Träume. Sie versuchen darin, ihre Sehnsucht zu stillen. Regelmäßig schicken die Eltern Geld nach Hause, fremde Scheine, die wie blaue Fische im Fluss winden, als die Kinder sie ins Wasser werfen. Sie haben die Scheine mit einer wichtigen Botschaft versehen: "Kommt zurück! Wir brauchen euer Geld nicht. Es gibt auch in den Kaparten genug Blaubeeren." Zart und eindringlich zeichnet dieses Bilderbuch die Lebenswelt in einem Dorf am Rande der Karpaten auf. Den Fluss und die Wälder, in denen sich die Kinder sogar nachts gut zurechtfinden, die Dorfgemeinschaft und den Markt, der nur eine kleine, aber zufriedenstellende Konsumwelt bietet. Den wärmenden Lehmofen in der Stube und die Löcher im Dach, durch die der Regen in Metalleimer plätschert. Ja, natürlich gäbe es vieles zu verbessern, doch all das Geld kann den Kindern die fehlenden Eltern nicht ersetzen. Ulrike Jänchens schlichte Buntstiftstriche  variieren in zahllosen Mustern, aus denen sie die gltzerdenen Wogen des Wasser, die zerklüftete Berglandschaft, Wiesen, Felder, die Kleidung der Marktfrauen oder einfach nur Tränen entstehen lässt. Ein poetisches Bilderbuch, in dem alles fließt und das doch innehalten lässt und nachdenklich stimmt.

Sehnsucht nach Ehrlichkeit

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Raffaella Romagnolo: Dieses ganze Leben, Diogenes Verlag 2020 €22,00

Paola ist 16 Jahre alt und sehnt sich danach, hinter Schweigen und Oberflächlichkeit Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit zu finden. Mit dem etwas älteren Antonio kann sie über vieles sprechen bis sie ihn im Verdacht hat, er könnte mit dem Mobbing gegen sie zu tun haben, dem sie in der Schule ausgesetzt ist. Sie ist eine leichte Zielscheibe mit ihrem Übergewicht. Dass ihr Bruder eine körperliche Behinderung hat steht geschwisterlichem Vertrautsein und Füreinanderdasein nicht im Wege. Bis ihre Mutter über Versäumnisse und sogar Vergehen in der Vergangenheit sprechen kann muss in der Gegenwart von Paolas Familie ein gewaltiger Bruch in der schönen Fassade stattfinden. Die Autorin hat sich beindruckend in die Gefühls- und Gedankenwelt dieses jungen, aufmerksam beobachtenden und reflektierenden Mädchens hineinversetzt, das mir im Laufe des Lesens immer mehr ans Herz gewachsen ist.  Friederike Wagner

Bäume – Die letzten ihrer Art

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Michael Christie: Das Flüstern der Bäume, Penguin Verlag 2020 €22,00

Der Titel des kanadischen Autors Micheal Christie, der anlässlich des Schwerpunktthemas Kanada auf der Buchmesse sicher einen großen Auftritt bekommen hätte, nimmt den Leser tief in die Wälder Kanadas mit. Das Buch, das den Jahresringen eines Baumstammes  folgt, mit den Zeiten spielt und der Geschichte einer  der Natur verbundenen Familie über vier Generationen nachspürt, bringt Bäume zum Rauschen, lässt sie zur Weiterverarbeitung umstürzen, und im großen Format sterben.. Eine groß angelegte Familiensaga, die bis ins Jahr 2038 reicht, und unter anderem so gewichtige Themen wie das Baumsterben und den Klimawandel thematisiert.

Kurzgeschichten über Abschiede, die mich ganz und gar nicht traurig zurück gelassen haben

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Bernhard Schlink: Abschiedsfarben, Diogenes Verlag 2020 € 24,00

Neun Leben, in die wir einen Einblick bekommen und die trotz des oft offenen Schlusses ein ganz rundes Lesevergnügen bieten. Ob Jung, ob Alt: die Personen blicken auf Entscheidungen zurück, finden zu einer späten Ehrlichkeit, machen das Unerzählte sichtbar. Unerfüllte Liebe, Wege die das Leben geht, späte Reue… Für mich die große Kunst der Kurzgeschichte, das Buch hat seinen Platz auf meinem Nachtkästchen bekommen! Annette Goossens

Eigenwillige Persönlichkeiten

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Iris Wolff: Unschärfe der Welt, Klett-Cotta Verlag 2020 € 20,00

Ein außergewöhnlicher Roman! Iris Wolff hat eine sehr schön beschreibende Sprache, es entstehen vor dem inneren Auge zarte Bilder und besondere Farben. Dabei ist das Erzählen nie ausufernd, oft sind die Sätze ganz kurz. In sieben Kapiteln erfahren wir viel über vier Generationen einer Familie aus dem Banat. Es sind durchaus eigenwillige Persönlichkeiten, die besondere Wege gehen. Manche Verknüpfungen werden dem Leser erst nach und nach bewusst und so wird er im Verlauf des Buches immer mehr in die Geschichte hieingezogen. Die Familie ist ein zentrales Thema, die Beziehungen der einzelnen miteinander. Freundschaften zwischen Jungen und Älteren, Liebe, und Verlust in unterschiedlichen Zusammenhängen. Das Leben im sozialistischen System Rumäniens, Geheimdienst, Flucht, Emigration. Vielsprachigkeit und Sprachlosigkeit. Es gibt viele Gedanken und Beobachtungen in diesem Buch, die zum eigenen Sinnieren anregen. Als ich auf der letzten Seite war, hätte ich am liebsten gleich noch einmal auf der ersten Seite begonnen, um das Buch mit dem Wissen um den Inhalt nochmals auf mich wirken zu lassen. Friederike Wagner

Bittersüßer Abschied

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Zsuzsa Bánk: Sterben im Sommer, Verlag S. Fischer 2020 € 22,00

Zsuzsa Bánks Buch "Sterben im Sommer" konnte ich nicht in einem Atemzug lesen. Immer wieder legte ich das Buch beiseite und atmete tief durch. Was die Autorin uns Lesern in ihrem Buch zu erzählen hat, ist schonungslos ehrlich und zutiefst emotional. Es geht - wie der Titel verrät - um das Sterben, das Sterben ihres Vaters. Auf der einen Seite lesen wir von schönen Erinnerungen, der gemeinsamen Zeit mit der Familie in Ungarn wie in Deutschland, und insbesondere die Zeit mit dem Vater. Auf der anderen Seite beklagt Bánk, dass sie kurz vor seinem Tod wertvolle acht Tage hat verstreichen lassen, ohne ihren Vater im Krankenhaus besucht zu haben. Auf der einen Seite füllen sich die Seiten mit Hoffnungen im Kampf gegen den Krebs, auf der anderen Seite stehen dem nüchterne Fakten, Entscheidungen, die Verzweiflung, die Frage nach dem 'warum?' und 'warum so?' im Raum. Die Autorin nimmt Abschied von ihrem Vater und lässt den Leser daran teilhaben. Jede Seite, die ich umblätterte, berührte mich aufs Neue. Ich durfte die Autorin auf ihrem schmerzvollen Weg begleiten, mit ihr leiden, von ihr lernen und hoffen. Ein Buch, das ich persönlich als ein Geschenk ansehe. "Irgendwann ist der Tod deutlicher als das Leben, das Leben weicht dem Tod", sagt Zsuzsa Bánk. So wahrhaftig wie dieser Satz ist das ganze Buch.

Island pur

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Joachim B. Schmidt: Kalmann, Diogenes, Verlag 2020 € 22,00

Es ist kein Zufall, dass Joachim B.Schmidt für seinen Roman den Schauplatz Island wählt: der gebürtige Graubündner wanderte dorthin aus, lebt seit 13 Jahren mit seiner Familie in Reykjavik und führt Touristen durch das Land. Den Leser lässt er das leben in dem kleinen Fischerort Ranfarhöfn erleben, über das Meer geschaut lässt sich der Nordpol erahnen. Der Schnee und das Meer sind allgegenwärtig. Erzähler und zentrale Figur ist Kalmann, männlich, Anfang 30, Haifischjäger. Er hat eine geistige Behinderung, jeder im Ort kennt ihn und er hat seinen festen Platz in der Dorfgemeinschaft. Sein Großvater erklärte ihm das Leben und liess ihn zu der Selbstständigkeit finden, die ihm das Zurechtfinden im Großvaterhäuschen ermöglicht, nun, wo dieser im Altersheim ist. Kalmann berichtet in einer schlichten Sprache und liefert in seiner kindlichen Naivität überzeugende Einsichten. Ein  Dorfbewohners ist verschwunden, die Polizei steht vor einem unlösbaren Rätsel. Schön ist es, zu beobachten, wie Kalmann in all seiner Begrenztheit seinem Leben eine Wendung gibt. Ein Muss für jeden Island - Interessierten!

Das Leben leben

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Roland Buti: Das Leben ist ein wilder Garten, Zsolnay, € 20,00

Ein Roman, in dessen Sprache ich mich sofort wohlgefühlt habe, der mich sehr angenehm unterhalten hat und sympatisch Zwischenmenschliches wiedergibt. Carlo hat eine Gartenbaufirma und ist der Erzähler. Es gibt drei Menschen, die ihm nahe stehen: Agon, der aus dem Kosovo in die Schweiz kam und bei ihm angestellt ist. Er ist von großer, kräftiger Statur und gleichzeitig mit großen Zartgefühl für Menschen und Pflanzen. Dann ist da Ana, seine Frau, von der er getrennt lebt, seit die gemeinsame Tochter das Haus verliess. Er liebt sie immer noch und er spürt weiterhin die Vertrautheit ihrer Gesten und Körperlichkeit, wenn sie sich begegnen. Des weiteren erzählt er von seiner alten Mutter, die heimlich aus dem Altersheim verschwindet und sich in dem Grand Hotel ihres Heimatortes einnistet. Sie hat dorthin nicht nur als Bäckerstochter die Brötchen geliefert, wie ihr Sohn es wusste, sondern er wird von einer weiteren, viel bedeutsameren Episode in der Vergangenheit seiner Mutter erfahren.

Dem Zufall eine Chance geben

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Fabio Geda: Ein Sonntag mit Elena, hanserblau, € 20,00

Ein neues Buch von Fabio Geda mit einem sympathischen Helden. Er heißt nur Vater und Papa, denn eine seiner Töchter, Giulia, erzählt die Geschichte. Er ist 67 Jahre alt, lebt in Turin und ist noch nicht lange Witwer, als ein Sonntag einen ungeahnten Verlauf nimmt. Da seine Enkelin sich den Arm bricht, fällt der Familienbesuch bei ihm aus. Um der Stille und Enttäuschung zu entfliehen, macht er einen Spaziergang. Dort lernt er Emilia und ihren 13jährigen Sohn kennen, die auch das Erlebnis des ungewollt Verlassenseins in sich tragen. Im Laufe des Tages werden sich noch weitere Verbindungen zwischen ihnen zeigen. Giulia erzählt nicht nur von dieser Begegnung, sie erinnert sich auch an die Kindheit und Jugend, die  Gedanken und Gefühle den Eltern gegenüber sowie der älteren Schwester und dem jüngeren Bruder. Es ist ein feinfühliger, nachdenklicher Roman über viele Facetten des Lebens, dem ich sehr gerne gefolgt bin in seinen Überlegungen, Beschreibungen, Zeitenwechseln und emotionalen Spannungsmomenten!

Für Architekturliebhaber

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Andreas Schäfer: Das Gartenzimmer, Dumont Verlag, € 22,00

Die Hauptfigur dieses Romans ist eine Villa, erbaut 1909 für ein Professoren-Ehepaar in Berlin - Dahlem. Der Architekt ist jung und er legt sein ganzes Herzblut in dieses Projekt, die Gestaltung im großen und im Detail. Die Menschen, die dieses Haus bewohnen, sowohl Anfang des zwanzigsten als auch Anfang des 21.Jahrhunderts leben nicht nur in Beziehung zu den ihnen nahestehenden Menschen sondern auch in Beziehung zu dem Haus. Mit ihnen durchwandert der Leser die Räume und Winkel der Villa als auch die Zeitgeschichte.

Es war einmal in der Schweiz

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Katharina Geiser: Unter offenem Himmel, Jung und Jung, € 23,00

Fünf Generationen umspannt dieser Roman mit besonderem Blick auf zwei Frauen: Elise, die in den 1880ern vom Dorf in die Stadt zog, um sich ein freieres Leben zu erschaffen und Klara, die gute 100 Jahre später in Basel heranwächst und dann dort als Buchhändlerin arbeitet. Beide sind sie auf der Suche nach Echtem und Wahrem, nicht nur in der Beziehung zu Männern. Sie lassen sich berühren von dem, was das Leben für sie bereithält und bringen sich ein mit Nachdenken und Tatkraft. Elises Geschichte erzählt von dem Leben im Dorf, der Familie mit vielen Kindern, von den Lebensumständen der Prostituierten in Zürich, vom Arbeitervietel in Bern. Klara wird als Einzelkind groß, der Vater hat eine Metzgerei und versucht, ihr die Welt in Geschichten zu erklären, während die Mutter sehr mit sich selbst beschäftigt ist. Auch als Erwachsene begleiten Klara Geschichten und Zitate und sie gleicht ihr Leben damit ab. Es sind die feinen Beobachtungen, die intensiven Wahrnehmungen, die in diesem Roman verzaubern. Er strahlt viel Ruhe aus und auch die längst vergangenen Zeiten werden uns lebhaft vorstellbar.

Der Turm im See

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Marco Balzano: Ich bleibe hier, Diogenes Verlag € 22,00

Die Geschichte Südtirols über die Zeit vor und während des Faschismus, der Jahre, als Hitler Südtirol als "Operationszone Alpenvorland" erklärte. Die Einberufung der jungen Männer, der Wechsel der Amtssprache - über all dies erzählt Balzano in dieser Familiengeschichte aus Sicht Trinas. Sie wuchs hier auf, wurde Lehrerin, hatte Mann und zwei Kinder. Nachdem ihr Mann für die von ihm gehassten Faschisten kämpfen musste, versteckt er sich mit ihr in den Bergen, um nicht nochmals eingezogen zu werden. Wieder zurück in ihrem Dorf müssen Trina und ihr Mann zusehen, wie ein großes Staudammprojekt droht, ihr Zuhause im Wasser zu versenken. Der Kampf dagegen eint und trennt die Dorfbewohner. Balzano lässt die Leser diese die Existenz bedrohende Situation aus vielen Blickwinkeln nachempfinden und setzt damit dem versunkenen Dorf am Reschenpass ein Denkmal.

Zuhause gesucht

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Alex Wheatle: Home Girl, Kunstmann 2020 € 18,00

Naomi lebt im ständigen Wechsel von Pflegefamilie zu Pflegefamilie, in der Hoffnung einen Platz zum Bleiben zu finden. Der Leser begleitet sie auf dieser Reise, auf der sie anfangs nur ihre Freundinnen Kim und Nats hat. Eigentlich soll Naomi nur zwei Wochen bei den Goldings, einer dunkelhäutigen Familie unterkommen, doch ausgerechnet bei ihnen fühlt sie sich sogar ein bisschen wohl. Das Buch erzählt einfühlsam von den Gedanken, die Naomi umtreiben, allem voran ihrem Vertrauensproblem. Alex Wheatle, selbst als Pflegekind aufgewachsen, bringt viele wichtige Themen auf eine authentische Weise zusammen. Das Ende führt, ohne märchenhaft zu sein oder in klassische Klischees zu verfallen, zu einem realistisch möglichen, neuen Anfang. Die Sprache Naomis, ein scharfzüngiger Slang, ist sehr gut ausbalanciert und glaubwürdig.

Drama mit Happy End

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James Gould-Bourn: Pandatage, Kiepenheuer & Witsch 2020 € 20,00

Dank eines Pandakostüms finden Vater Danny und Sohn Will (11 Jahre alt) zueinander. Liz, Frau und Mutter, verstarb bei einem Unfall und die Unfassbarkeit, der Schmerz,, die Leere stehen zwischen Danny und Will, der in Sprachlosigkeit abtaucht. Man könnte meinen, solch eine Geschichte könne sich nur traurig lesen. Aber Dank einer Tragikomik mit einem großen Einfallsreichtum an ungewöhnlichen Situationen hat der Roman eine Leichtigkeit, die erstaunt. Und dann verhilft das Pandakostüm, einige Rückschläge inbegriffen, zu einem Happy End, das man sich unbedingt für die liebgewordenen Akteure wünscht.

Zwei ungleiche Schwestern

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Oyinkan Braithwaite:  Meine Schweter, die Serienmörderin, Blumenbar Verlag. 2020 €20,00

„Korede, ich habe ihn umgebracht“. Ich hatte gehofft, diese Worte nie wieder zu hören.  Dies ist nicht der erste Mann, den die bildhübsche Ayoola getötet hat, und ihre Schwester Korede hilft ihr auch dieses Mal wieder, alle Spuren zu verwischen. Sie ist es, die versucht einen normalen (Familien-) Alltag zu leben und weitere Taten zu verhindern, insbesondere als Ayoola sich für Tade, ihren Schwarm zu interessieren beginnt. Kurz und mit einigem Witz und Tempo wird die Geschichte der zwei ungleichen Schwestern im nigerianischen Lagos erzählt, wo Korruption und Seximus zur Tagesordnung gehören. Der Newcomerin O. Braitwaithe ist eine perfekte Melange aus Familiengeschichte, Satire und Krimi gelungen mit ungewöhnlichen Wendungen, die neugierig machen auf mehr.  Anne Brieger

Geschichte mit Herz

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Thierry Lenain, Stéphanie Marchal: Mama, Papa, wie habt ihr euch kennengelernt? Schaltzeit Verlag 2020 € 16,00

Sophia ist zufrieden. Mama, Papa, Kind. Selbstverständlich und wunderbar. Aber wie sind Mama und Papa eigentlich zusammengekommen? Ein typischer Kinderfragedschungel beginnt, vom Wunsch nach tollen Geschichten befeuert. Da war eine Autofahrt, eine Mauer, eine kranke Kollegin und Christoph Kolumbus könnte  auch beteiligt gewesen sein. Sophia hat alle Hände voll zu tun, denn sie möchte allen ein Bild malen. Zuletzt lernt sie sogar, wer den Abschleppwagen erfunden hat. Geschichten sind doch wunderbar. Ein Kuss am Schluss und gleich noch einmal von vorne, bitte.