Articles tagged with: Familie

Schauspieler unter sich

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Cynthia D`Aprix Sweeney: Unter Freunden, Klett-Cotta 2021, € 22,00

Mit Sweeneys Roman "Unter Freunden" taucht der Leser ein in die Szene der Schauspieler in New York und Los Angeles, auf der Bühne, im Film und als Sprecher. Er lernt zwei Freundespaare kennen, eines davon mit Tochter, die sich seit vielen Jahren einander anvertrauen und unterstützen. Ganz unerwartet entsteht ein Riß, der die Vergangenheit in Frage stellt, Unsicherheit im Miteinander auslöst und vielleicht sogar neue Lebenskonzepte fordert. Beeindruckend beobachtet!

Kinder wollen alles wissen

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Rose Lagercrantz, Rebecka Lagercrantz: Zwei von jedem, Moritz Verlag 2021 € 14,00

Wie wenige Worte tief in die Kinderseele blicken lassen können, stellt die schwedische Autorin Rose Lagercrantz in ihrer siebenbändigen „Dunne Reihe“ meisterhaft unter Beweis. Nun legt sie erneut ein Glanzlicht der Kinderliteratur für Kurzstreckenleser vor, eine behutsam, aber auch ungeschminkt erzählte Geschichte, mit der sie auf ihre eigene Familiengeschichte zurückblickt. In „Zwei von jedem“ lernen wir Elias und Lulinke kennen. Zwei Kinder, die Freunde werden, später Liebende und ein Paar, Eltern einer nächsten Generation Kinder, einem Mädchen und einem Jungen.

Familienleben aus dem Takt

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Janina Hecht: In diesen Sommern, C.H.Beck Verlag 2021 €20,00

Schon auf den ersten Seiten, mit den ersten Sätzen bin ich in die Kindheit der Protagonistin Teresa eingetaucht. Janina Hecht lässt die Leser*innen an Teresas Erinnerungen teilhaben. in sparsamen Momentaufnahmen, beschwört sie die Bilder einer Familie herauf, und dennoch bleiben die Mitglieder wenig greifbar. Besonders der Vater, zu dem das Mädchen aufsieht, mit dem sie Vater-Tochter-Zeit verbringt, gegen den sie rebellieren wird, und der ihr dennoch fremd bleibt. Auch die Mutter und der jüngere Bruder werden kaum dingfest gemacht, so als hangele sich die Autorin an einer Pinnwand voller alter Fotos entlang. Es sind die kleinen und großen Momente, das Streiten oder das Schweigen der Eltern, das Bier zu viel des Vaters, der Bruder sorglos im Pool, die Teresa in Erinnerung bleiben. Und der Leser ahnt dabei, dass Teresas Welt jederzeit erschüttert werden kann. Der Debütroman von Janina Hecht besticht durch seine Schlichtheit und die minimalistisch gehaltenen Kapitel, die Autorin macht Teresas Geschichte in einer zurückhaltenden Emotionalität an zahlreichen aufeinanderfolgenden Sommern fest.

Inspirierender Briefwechsel

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Keigo Higashino: Kleine Wunder um Mitternacht, Limes Verlag 2021 €20,00

Ein Gemischtwarenladen, dessen Briefkasten zu einer Art Kummerkasten wird, da sich sein Besitzer die Fragen und Sorgen der Betreffenden sehr genau zu Herzen nimmt. Bis ins hohe Alter wird Herr Namiya die Briefe der Ratsuchenden so gut er kann beantworten. Seinem Sohn fällt es schwer zu glauben, dass noch immer Breife in dem Briefkasten landen, obgleich der Laden des Vaters längst geschlossen ist. Wie es dazu kommt, dass sogar Briefe aus der Zukunft einttreffen, oder drei Kleinkriminelle, die eigentlich nur ein Versteck für die Nacht brauchen, zu Briefeschreibern werden ... das und vieles mehr erfähren Leser und Leserinnen der wunderbar feinsinnigen Geschichten und der Schicksale, die dahinter stecken, lassen sie mitunter schmunzeln, aufhorchen und auch berührern. Mit einfachen Worten kann durchaus viel bewegt werden.

Fastnacht

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Julia Willmann: Rascha und die tür zum Himmel, Peter Hammer Verlag 2021 € 14,00

Aus der Sicht von Rascha erzählt Willmann voller Selbstverständlichkeit vom Lebenslauf in Raschas Familie. Das ist mal traurig, mal tröstlich und mal kribbelig vor Glück. Auch das ist eine Selbstverständlichkeit. Raschas lebt mit seiner Oma gemeinsam unter einem Dach. So ist Oma die gute Fee, wenn es um Streitschlichtung geht und das leckerste Familienessen auf der Welt. Rascha hängt sehr an ihr. Doch Oma wird alt und älter und zieht bald in eine Seniorenheim um, ins Spittel. In die Familie wird Raschas Schwester geboren und Rascha ist zum ersten mal im eigenen Kostüm und Maske auf der Fastnacht mit dabei. Ein närrisch turbulentes Ereignis mit viel Flair. Mitten in all dem wird Oma sterben und beerdigt werden. Die Geschichte ist Abschied und Neuanfang zugleich, mit starken Bildern zum Wohlfühlen und mit vile Geborgenheit erzählt.

Glauben Sie an das Gute!

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Dmitrij Kapitelman: Eine Formalie aus Kiew, Hanser Berlin Verlag 2021 €20,00

Kennen Sie Frau Kunze aus der Ausländerbehörde? Der Ich-Erzähler wird von ihr aufgefordert, zur Einbürgerung nach 25 Jahren in Deutschland noch eine "Apostille" in seiner Geburtsstadt Kiew in der Ukraine zu organisieren. Dies führt ihn auf die Spuren seiner Familie, lässt ihn fast vergessene Freunde wiederfinden und feststellen, dass Heimat viele Gesichter hat. Dieser Roman macht Spaß! Wenn die deutsche Bürokratie zuschlägt oder die ukrainischen "Regeln" erklärt werden, um Vorgänge zu beschleunigen und der Erzähler nicht mehr weiß, wie deutsch oder doch ukrainisch er sich gerade fühlt. Der Autor hält wunderbar die Balance und lässt die Lesenden schmunzeln und mitfühlen. So zum Beispiel, wenn er mit seiner katzenliebenden "Heute-Mutter" hadert und sich plötzlich in Kiew mit seinem Vater, dessen Gesundheit und beginnender Vergesslichkeit auseinandersetzen muss. Und ganz nebenbei findet die zerstrittene Familie auf wundersamen Wegen wieder zueinander. Wer verstehen möchte, wie es sich anfühlt, "zwischen den Stühlen zweier Länder" zu sitzen, der möge dieses Buch lesen. Annette Goossens

Das pure Leben

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Callan Wink: Big Sky Country, Suhrkamp Verlag 2021 €23,00

Wer gerne Romane liest, die in der Weite der USA spielen, der darf mit "Big Sky Country" von Callan Wink in die Weiten Montanas abtauchen. August wächst auf der Farm seiner Eltern auf und muss nach deren Trennung als Jugendlicher  mit der Mutter nach Montana ziehen, wo diese sich ein neues Leben aufbauen möchte. August versucht, sich von den Erwartungen der Eltern an seine Berufswahl oder was es im Leben zu erreichen gilt, zu lösen. Die Natur und Freiheit, die er findet, erfüllen und formen ihn. Ob bei der Arbeit auf dem Feld oder auf einer Farm, auf der er mithilft - die Zufriedenheit, die diese Tätigkeit bei ihm auslöst, wird beeindruckend beschrieben. Mit klarer Sprache lässt uns der Autor am stillen Glück seiner Hauptfigur teilhaben. Die ursprüngliche Sprachlosigkeit zwischen Vater und Sohn weicht langsam einem gegenseitigen Verständnis. Seine Versuche, neue Freundschaften zu schließen und erste Erfahrungen mit der Liebe zu erleben, verfolgt man mit Spannung. Wie es gelingen kann, den eigenen Weg zu finden und dabei seine Wurzeln zu behalten, liest sich fesselnd. Ein ruhiger Roman, dem man anmerkt, dass der Autor selbst ein naturverbundener Einzelgänger ist. Dennoch packend bis zur letzten Seite. Annette Goossens

München, Mitte der 60er Jahre

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Claudia Kaufmann: Das Fräulein mit dem karierten Koffer, Fischer 2021, € 11,00

Sabine ist gerade 19 und die Aufforderung, anständig zu sein, hat ihre ganze Erziehung geprägt. Das Gymnasium blieb ihr verwehrt, nun arbeitet sie als Sekretärin. Bei ihrem ersten Abend in einem Tanzlokal lernt sie Michael kennen, einen Industriellensohn. Alles scheint möglich in der Verliebtheit der beiden. Doch als Sabine schwanger wird sind weder ihr Freund noch ihre Mutter für sie da, alle Träume zerplatzen. Einzig die Mutter ihrer Freundin steht zu ihr und unterstützt sie, Sabine wird in ihrer schwierigen Situation als unverheiratete Schwangere und Mutter erstarken und für Selbstbestimmung und Unabhängigkeit kämpfen. Für den Leser wird  die Stimmung der 60er Jahre aus vielerlei Blickwinkeln sehr nachfühlbar und das emotionale Auf-und Ab der jungen Protagonistin verführt zum Immerweiterlesen und Abtauchen in diese Zeit.

Feinfühlend-frech

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David Wagner: Der vergessliche Riese, Rowohlt € 12,00

In dieser sehr gelungenen Autofiktion erzählt David Wagner von den Besuchen bei seinem dementen Vater. Diese entbehren nicht einer gewissen Komik, wenn immer gleiche Fragen gestellt werden, Zusammenhänge nicht mehr bewusst sind. eben Geschehenes gleich wieder vergessen ist. Der Charakter des Vaters ist erspürbar, manchmal ist interessantes Spezialwissen da, bei Vater und Sohn tauchen Erinnerungen an vergangene Zeiten auf.  Der Sohn ist geduldig, liebevoll und manchmal auch feinfühlend-frech, was der eigentlich traurigen Situation Leichtigkeit gibt. Manches Mal ist dem Vater das Vergessen bewusst, aber es scheint ihn nicht wirklich zu betrüben - das Leben ganz in der Gegenwart hat auch etwas Befreiendes. Ein Buch, das berührt aber nicht belastet, das Mut macht und Hoffnung gibt, selbst in vergleichbaren Begegnungen zu einem guten Umgang zu finden.

Interkulturelles Liebeschaos

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Angelika Jodl: Laudatio auf eine kaukasische Kuh, Eichborn Verlag 2021, € 18,00

Die angehende Ärztin Olga steht plötzlich zwischen zwei Männern, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Dem einen gehört ihr Verstand, dem anderen ihr Herz - wogegen sie sich lange standhaft zu wehren versucht, Der Fantasiereichtum von Jakob, genannt Jack, der nichts unversucht lässt, um Olga für sich zu gewinnen, gibt der Geschichte herrliche Wendungen. Nach ersten Jahren in Georgien und weiteren in Griechenland kam Olga mit 11 Jahren mit ihrer Familie nach München. Der georgische Hintergrund und eine Reise nach Tiflis geben interessante Einblicke in Mentalität und Lebensweise. Ein Roman, der mitfühlen lässt, der Spaß macht,  Kulturen verbindet,  angenehm unterhält und unbedingt auf ein Happy End hoffen lässt.

Leben durch die Fotolinse und das echte Leben

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Neda Alaei: Zwischen uns sind tausend Bilder, Thienemann Verlag 2021 € 14,00

Durch die Fotolinse scheint das Leben immer so unbeschwert, so einfach. So ohne jegliche Sorgen. Leider läuft das echte Leben so nicht. Die vierzehnjährige Sanna muss spüren das das Leben keine Momentaufnahme einer Kamera ist. Seit einem Jahr macht ihr das Leben einen richtigen Strich durch die Rechnung. Nach dem Tod ihrer Mama fällt ihr Vater in eine starke Depression. Nur das Schreiben hält ihn am Leben.

Zwischen Familienglück und Familiendrama

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Ashley Audrain: Der Verdacht, Penguin Verlag 2021 €22,00

Das Buch hat mich eine Nacht gekostet, eine Nacht, in der ich mich wie eine Voyeurin im Leben der jungen Blythe, Ehefrau und Mutter, eingenistet und mit ihr all die Schrecken und Ängste durchlebt habe. Zurecht hat das Debüt der kanadischen Autorin bereits im Vorfeld für große Aufmerksamkeit gesorgt. Der Roman liest sich so spannend wie ein Krimi, so verstörend wie ein Psychothriller, und zwingt den Leser dazu, Partei zu ergreifen: Für oder gegen die junge Mutter, die von ihrer eigenen Familiengeschichte her traumatisiert ihre eigene neugeborene Tochetr nicht annehmen kann. Ihr Mann wünsccht sich die perfekte Familie und Blythe setzt alles daran, diesen Wunsch zu erfüllen. Doch zwischen Mutter und Tochter wird von Anfang an ein Riss entstehen, eine Kluft, die man von außen nicht sehen kann. Doch es macht etwas mit der kleinen Violet, die von dem Vater abgöttisch geliebt wird, und der Mutter misstrauisch begegnet. Das, was Blythe in ihrer Tochter glaubt zu sehen, ist zu monströs, um es in Worte zu fassen. Als ihr Sohn Sam auf die Welt kommt, erlebt sie endlich wahre Muttergefühle, und das nimmt das kleine Mädchen sehr wohl wahr. Aber sind Kinder zu Rache fähig? "Der Verdacht" ist ein schnungslos ehrliches Buch, mitreissend und zugleich schockierend. Und das bis auf die letzte Seite.

Frau und Mutter

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Judith Vanistandaele: Penelopes zwei Leben, Reprodukt 2021 € 20,00

Ohne Worte tauchen wir in das Kriegsinferno in Aleppo, in dem Penelope seit Jahren als Ärztin arbeitet und versucht, Leben zu retten. Wenige Worte reichen, um in die Seele der Frau und Mutter zu dringen, wenn sie für kurze Zeit zu ihrer Familie heimkehrt. Die Welten kommen nicht mehr zueinander. Sie wird geliebt, doch Sprachlosigkeit und  Zerrissenheit greifen Raum. Das Leben daheim hat lang schon seine eigene Dynamik entwickelt ebenso wie sich eine seelische Verwundung Penelopes manifestiert. Der starke Aquarellstrich drückt  aus, für das es keine Worte gibt. Beeindruckend berührend erzählt Vanistandaele von starken Momenten eines Frauenlebens, von Mann, Tochter, Mutter Schwester und einer Arbeit, die alles fordert.

Selbstliebe oder die Beziehung zu sich selbst

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Wesley King: Sara auf der Suche nach normal, Magellan Verlag 2021

Fehlalarm, Bleikugel, Risikospiel. So bezeichnet Sara ihre häufig auftretetenden Zustände. In Wirklichkeit hat sie Panikattacken, Paranoia und ein konstanstes Angstgefühl. In der Schule genießt sie seit Jahren Einzelunterricht und besucht einen Therapeuten.  Ihr innigster Wunsch ist es, dass all das aufhört.  Sie möchte nichts lieber, als normal sein. Doch was ist normal? Wo fängt es an? Wo hört es auf? In ihrer Therapie lernt sie Erin kennen, und James.  Ihnen gegenüber bricht sie mit ihrem Mutismus. Sie fasst Vertrauen. Sie beginnt erste Regeln, die sie sich selbst gegeben hat,  über Bord zu werfen. Und dann kommt Erin mit ihrer märchenhaften Vorstellung von den Sternenkindern, die etwas ganz besonderes sind und immer zusammenhalten. Sara glaubt nicht daran. Bald werden Saras Regeln von Erins Prinzipien überlagert und die Vorstellung einer besondern Freundschaft macht Sara Bauchkribbeln. Sie beobachtet Erin aufmerksam und entdeckt dabei die blauen Flecken an ihrem Körper.

Intensives jugendliches Erleben

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Ewald Arenz: Der große Sommer, DuMont Verlag Jahr 2021 €20,00

Jungenfreundschaft, Geschwisternähe, erste Liebe und ein intensives Wahrnehmen von Farbspielen, Duftnoten und Stimmungen in der Natur tragen dieses Buch. Ich habe mich sehr gern in die Erlebnisse, Gedanken und Empfindungen des 16jährigen Friedrich hineinversetzen lassen, mich diesem jungen Menschen nahe gefühlt. Die Freundschaft hat ihre Rituale, birgt Abenteuer und wird erschüttert. Die Nähe zwischen Bruder und Schwester innerhalb der großen turbulenten Familie ist verlässlich. Die erste Liebe ist plötzlich da, von Friedrich sofort erkannt und zugelassen, wirft Fragen, Sehnen, Unsicherheit, Erstaunen, großes Glück und Verzweiflung auf. Da Friedrich viel Zeit bei seinen Großeltern verbringt, entdeckt er bei ihnen ihm unbekannte Seiten, was auch daran liegt, dass er sich selbst neu entdeckt und sein Interesse an ihrer Vergangenheit geweckt ist. Der Autor Ewald Arenz hat mich mit seinem neuen Buch ebenso mitgenommen wie im vorherigen Romans "Alte Sorten".

Wild, philosophisch und einfach stark!

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Laura Wolk, Echo Mountain. Ellie geht ihren Weg, Hanser Verlag 2021 € 17,00

Unberührte Natur, Widnis, bittere Armut, Selbstversorgung. Das Leben von Ellie ändert sich schlagartig, als sie mit ihrer Familie in die Berge ziehen muss, da die Weltwirtschaftskrise dem Vater, einem Schneider und der Mutter, einer Lehrerin. Das Einkommen nimmt.  Mit ihrem letzten Geld, kaufen sie ein Stück Land in den Bergen. Der Vater erbaut ihr Haus, die Mutter versorgt Tiere und Familie, die drei Geschwister, Ellie ist die Mittlere, gerade 12 jahre alt, helfen wo sie können. Doch dann begräbt ein gefällter Baum den Vater, der ins Koma fällt und alles verändert sich. Ellie, die vom Vater schon viel Überlebenspraktische gelernt hat und die Natur liebt, versorgt die Familie mit Fischen.

Seelenreinigung rund ums IJsselmeer

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nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2021, Kinderbuch

Anna Woltz: Haifischzähne, Carlsen Verlag 2020 € 10,00

Die kleine, perfekt komponierte Novelle erzählt vom Weggehen und Dasein, von Brauchen und Gebrauchtwerden. Innerhalb engster Familienbindungen ist das Aushalten von Schmerz und das Finden der eigenen Postition besonders schwierig. Atlantas Muter ist krank. Seit Monaten versucht Atlanta eine aktionistische Gegenposition zu leben, die sich für sie wie ein Reißausnehmen anfühlt. Ihre Tour um das gesamte IJsselmeer hat sie genau geplant. 360 km mit dem Fahrrad. Dafür braucht sie einen Tag, eine Nacht und einen weiteren halben Tag. Der Picknickkorb ist voll, die Nachtzahnspange an Bord. Zu dumm, dass sie gleich zu Beginn in das Hinterrad eines Jungen fährt und sich die Haut von den Ellenbogen schürft. Glücklicherweise ist Finley wengistens mit Pflaster ausgerüstet. Dafür hat er keine langen Hosen gegen den Wind und die nächtliche Kälte. Er wollte nur ein wenig weg, da ihm ein blödes Missgeschick passiert ist. Solche Geschichten sind eigentlich bekannt und doch fühlt sich beim Lesen vieles wieder neu an. Die Zielstrebigkeit aber auch Unsicherheit der Kinder. Die zarte Freundschaft, welche sich entwickelt, die offenen Arme, in die sie am Ende ihres Abenteuers laufen werden. Kleine und große Dramen durchleben sie gekonnt auf 89 locker gesetzten Seiten, als hätten sie das schon immer getan. Anna Woltz ist eine wunderbare Erzählerin.

Sprachlosigkeit zwischen Vater und Sohn

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Roberto Camurri: Der Name seiner Mutter, Antje Kunstmann Verlag 2021, € 20,00

Roberto Camurri gelingt es meisterhaft, die Sprachlosigkeit zwischen Vater und Sohn auszuloten. Die Beobachtungen, zunächst des Vaters des kleinen Kindes, dann auch die des heranwachsenden Jungen und des jungen Erwachsenen, sind genau. Die Gefühle sind stark empfunden, aber sie wollen sich nicht in Worte verwandeln. Eine Hilflosigkeit steht zwischen den beiden, die sich in manchen Momenten auch in Wut ausdrückt, obwohl Liebe sie verbindet. Die Ehefrau und Mutter verschwand, als der Sohn noch ganz klein war und ihre Abwesenheit nimmt viel Raum ein im Leben der beiden Zurückgelassenen. All dies vermittelt der Autor auch durch seine Sprache, die so vieles beleuchtet und erfaßt und gleichzeitig eine gewisse Distanz hervorruft. Mich hat diese Geschichte, die in einer kleinen Stadt in der Poebene angesiedelt ist, sehr fasziniert.

Generationengeschichte in Deutschland

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Alena Schröder: Junge Frau am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid, dtv 2021, € 22,00

Vier Frauen auf der Suche nach ihrem Weg im Leben, nach den Menschen, die ihnen gut tun, dem Ort, der zu ihnen passt. Sie sind vier Generationen einer Familie und die Mütter und Töchter haben es nicht immer leicht miteinander. Vom Berlin der 20er Jahre, dem in der Zeit des Nationalsozialismus als auch dem Berlin unserer Zeit  gibt der Roman ein vielgestaltiges Bild. Auch das Leben in den kleinen Orten rund um Rostock in der Vergangenheit wird gut vorstellbar. So liest man sich mit dieser Familiengeschichte in frühere und heutige Zeiten hinein mit ihren jeweiligen Auseinandersetzungen ujnd Emotionen, sie uns in jedem Falle mitnehmen.

Verwoben im Miteinander

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Kristina Hauff: Unter Wasser Nacht, Hanser Verlag 2021 € 20,00

Dieser Roman erzählt von zwei Paaren, die seit vielen Jahren eng befreundet sind und auf einem gemeinsamen Grundstück ihre Familien gegründet haben. Eines der insgesamt drei Kinder hat ein hohes Aggressionspotential. So belasten Vorwürfe und Neid mehr und mehr das Miteinander. Scham und Schweigen nisten sich nach einem tragischen Vorfall ein, nicht nur zwischen den Freunden, sondern auch in den Paarbeziehungen. Eine von auswärts dazugestoßene Frau beobachtet aufmerksam, bringt viele Steine ins Rollen und öffnet neue Blickwinkel. Ein spannungsreicher Roman, der aus wechselnden Perspektiven erzählt wird und dessen Verstrickungen man gebannt folgt.

In der Großfamilie

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Monika Helfer: Vati, Hanser Verlag 2021 €20,00

In ihren knappen Sätzen vermittelt Monika Helfer eine ungeheure Vielfalt an Emotionen, die an das wecheselhafte Leben ihrer Familie geknüpft sind. Im Fokus der Vater, um ihn, mit ihm Mutter, Stiefmutter, Geschwister, Tanten, Onkel und die Autorin selbst. Als Kind, Jugendliche und als Autorin. Die Lebensumstände so nachspürbar, in Haus und Natur, in Armut und Enge. Ein sehr beeindruckender Roman, der Vieles im Innern des Lesers anklingen lässt.

Eine Jugendliche auf der Suche

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Verena Keßler: Die Gespenster von Demmin, Hanser Verlag 2021 €22,00

Das 15jährige Mädchen Larissa, genannt Larry, hat einen sehr eigenwilligen Charakter. Und hat mich nach erstem Erstaunen fasziniert. Sie will nicht gefallen, aber sie will verstehen. Verstehen, warum ihre Eltern sich trennten, warum ihr Bruder sterben musste, als er noch ganz klein war, verstehen, wie Sterben sich anfühlt, und was es mit der dunklen Vergangenheit ihres Heimatortes auf sich hat. Sie stählt ihren Körper  und wird merken, dass sie sich dadurch nicht schützen kann. Eine Mädchenfreundschaft trägt Larry durch die Kinder - und Jugendzeit und sie wird erleben, dass die Liebe ihrer Mutter auch dann bei ihr ist, wenn körperliche Anwesenheit fehlt. Interessant ist als Gegenpol zu Larrys jugendlichem Erleben der Blick auf die allein lebende Nachbarin, die sich an ihre Kinderzeit aus Kriegszeiten erinnert und sich jetzt dem Altsein stellen muss. "Die Gespenster von Denimm" ist ein Romandebüt, das mich in seiner Klarheit und geschickten Komposition beeindruckt und gefesselt hat.

Verliebt in Mathe und noch viel mehr….

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Nikola Huppertz: Schön wie die Acht, Tulipan Verlag 2021 € 14,00

Maltes von Zahlen geordnete Welt gerät ins Wanken,  als seine ältere Halbschwester Josefine vorübergehend in seine kleine Mama-Papa-Kind Familie einzieht. Bald hallen  Streits  durchs Haus und stören Maltes mathematische Kreise, denn Maltes Vater ist auch der von Josefine. Josefine behauptet er hätte sie und ihre Mutter im Stich gelassen. Oder war es vielleicht doch ganz anders?

Das Kunststück, schlafen zu gehen

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Dita Zipfel, Finn-Ole Heinrich, Tine Schulz: Schlafen wie die Rüben, Huckepack im mairisch Verlag 2021 € 15,00

Die quirligen fünf Rüben dieser Bilderbuch-Familie in den Schlafmodus zu bringen, ist ein wahres Kunststück. Dafür hält das mehrfach preisgekrönte Autorenpaar Dita Zipfel und Finn-Ole Heinrich ein größeres Aufgebot bereit: Sonne, Mond, Esel, Garten und See, der letzte Schluck Tee, das Waschen und Putzen, Musik und Bücher, Kitzeln, Kissen, warme Socken, Monster raus und Träume rein.

Die Waisenkinder Osteuropas

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Yaroslava Black, Ulrike Jänichen: Zug der Fische, Carlsen Verlag 2020 € 18,00

Eurowaisen nennt man die Kinder, die bei den Großeltern zurückbleiben, wenn ihre Eltern im europäischen Ausland Geld verdienen. Die Lebenszeichen ihrer Eltern erhalten die Kinder per Post. Sie sammeln die Briefe wie kleine Schätze und Träume. Sie versuchen darin, ihre Sehnsucht zu stillen. Regelmäßig schicken die Eltern Geld nach Hause, fremde Scheine, die wie blaue Fische im Fluss winden, als die Kinder sie ins Wasser werfen. Sie haben die Scheine mit einer wichtigen Botschaft versehen: "Kommt zurück! Wir brauchen euer Geld nicht. Es gibt auch in den Kaparten genug Blaubeeren." Zart und eindringlich zeichnet dieses Bilderbuch die Lebenswelt in einem Dorf am Rande der Karpaten auf. Den Fluss und die Wälder, in denen sich die Kinder sogar nachts gut zurechtfinden, die Dorfgemeinschaft und den Markt, der nur eine kleine, aber zufriedenstellende Konsumwelt bietet. Den wärmenden Lehmofen in der Stube und die Löcher im Dach, durch die der Regen in Metalleimer plätschert. Ja, natürlich gäbe es vieles zu verbessern, doch all das Geld kann den Kindern die fehlenden Eltern nicht ersetzen. Ulrike Jänchens schlichte Buntstiftstriche  variieren in zahllosen Mustern, aus denen sie die gltzerdenen Wogen des Wasser, die zerklüftete Berglandschaft, Wiesen, Felder, die Kleidung der Marktfrauen oder einfach nur Tränen entstehen lässt. Ein poetisches Bilderbuch, in dem alles fließt und das doch innehalten lässt und nachdenklich stimmt.

Sehnsucht nach Ehrlichkeit

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Raffaella Romagnolo: Dieses ganze Leben, Diogenes Verlag 2020 €22,00

Paola ist 16 Jahre alt und sehnt sich danach, hinter Schweigen und Oberflächlichkeit Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit zu finden. Mit dem etwas älteren Antonio kann sie über vieles sprechen bis sie ihn im Verdacht hat, er könnte mit dem Mobbing gegen sie zu tun haben, dem sie in der Schule ausgesetzt ist. Sie ist eine leichte Zielscheibe mit ihrem Übergewicht. Dass ihr Bruder eine körperliche Behinderung hat steht geschwisterlichem Vertrautsein und Füreinanderdasein nicht im Wege. Bis ihre Mutter über Versäumnisse und sogar Vergehen in der Vergangenheit sprechen kann muss in der Gegenwart von Paolas Familie ein gewaltiger Bruch in der schönen Fassade stattfinden. Die Autorin hat sich beindruckend in die Gefühls- und Gedankenwelt dieses jungen, aufmerksam beobachtenden und reflektierenden Mädchens hineinversetzt, das mir im Laufe des Lesens immer mehr ans Herz gewachsen ist.  Friederike Wagner

Bäume – Die letzten ihrer Art

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Michael Christie: Das Flüstern der Bäume, Penguin Verlag 2020 €22,00

Der Titel des kanadischen Autors Micheal Christie, der anlässlich des Schwerpunktthemas Kanada auf der Buchmesse sicher einen großen Auftritt bekommen hätte, nimmt den Leser tief in die Wälder Kanadas mit. Das Buch, das den Jahresringen eines Baumstammes  folgt, mit den Zeiten spielt und der Geschichte einer  der Natur verbundenen Familie über vier Generationen nachspürt, bringt Bäume zum Rauschen, lässt sie zur Weiterverarbeitung umstürzen, und im großen Format sterben.. Eine groß angelegte Familiensaga, die bis ins Jahr 2038 reicht, und unter anderem so gewichtige Themen wie das Baumsterben und den Klimawandel thematisiert.

Kurzgeschichten über Abschiede, die mich ganz und gar nicht traurig zurück gelassen haben

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Bernhard Schlink: Abschiedsfarben, Diogenes Verlag 2020 € 24,00

Neun Leben, in die wir einen Einblick bekommen und die trotz des oft offenen Schlusses ein ganz rundes Lesevergnügen bieten. Ob Jung, ob Alt: die Personen blicken auf Entscheidungen zurück, finden zu einer späten Ehrlichkeit, machen das Unerzählte sichtbar. Unerfüllte Liebe, Wege die das Leben geht, späte Reue… Für mich die große Kunst der Kurzgeschichte, das Buch hat seinen Platz auf meinem Nachtkästchen bekommen! Annette Goossens

Eigenwillige Persönlichkeiten

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Iris Wolff: Unschärfe der Welt, Klett-Cotta Verlag 2020 € 20,00

Ein außergewöhnlicher Roman! Iris Wolff hat eine sehr schön beschreibende Sprache, es entstehen vor dem inneren Auge zarte Bilder und besondere Farben. Dabei ist das Erzählen nie ausufernd, oft sind die Sätze ganz kurz. In sieben Kapiteln erfahren wir viel über vier Generationen einer Familie aus dem Banat. Es sind durchaus eigenwillige Persönlichkeiten, die besondere Wege gehen. Manche Verknüpfungen werden dem Leser erst nach und nach bewusst und so wird er im Verlauf des Buches immer mehr in die Geschichte hieingezogen. Die Familie ist ein zentrales Thema, die Beziehungen der einzelnen miteinander. Freundschaften zwischen Jungen und Älteren, Liebe, und Verlust in unterschiedlichen Zusammenhängen. Das Leben im sozialistischen System Rumäniens, Geheimdienst, Flucht, Emigration. Vielsprachigkeit und Sprachlosigkeit. Es gibt viele Gedanken und Beobachtungen in diesem Buch, die zum eigenen Sinnieren anregen. Als ich auf der letzten Seite war, hätte ich am liebsten gleich noch einmal auf der ersten Seite begonnen, um das Buch mit dem Wissen um den Inhalt nochmals auf mich wirken zu lassen. Friederike Wagner

Bittersüßer Abschied

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Zsuzsa Bánk: Sterben im Sommer, Verlag S. Fischer 2020 € 22,00

Zsuzsa Bánks Buch "Sterben im Sommer" konnte ich nicht in einem Atemzug lesen. Immer wieder legte ich das Buch beiseite und atmete tief durch. Was die Autorin uns Lesern in ihrem Buch zu erzählen hat, ist schonungslos ehrlich und zutiefst emotional. Es geht - wie der Titel verrät - um das Sterben, das Sterben ihres Vaters. Auf der einen Seite lesen wir von schönen Erinnerungen, der gemeinsamen Zeit mit der Familie in Ungarn wie in Deutschland, und insbesondere die Zeit mit dem Vater. Auf der anderen Seite beklagt Bánk, dass sie kurz vor seinem Tod wertvolle acht Tage hat verstreichen lassen, ohne ihren Vater im Krankenhaus besucht zu haben. Auf der einen Seite füllen sich die Seiten mit Hoffnungen im Kampf gegen den Krebs, auf der anderen Seite stehen dem nüchterne Fakten, Entscheidungen, die Verzweiflung, die Frage nach dem 'warum?' und 'warum so?' im Raum. Die Autorin nimmt Abschied von ihrem Vater und lässt den Leser daran teilhaben. Jede Seite, die ich umblätterte, berührte mich aufs Neue. Ich durfte die Autorin auf ihrem schmerzvollen Weg begleiten, mit ihr leiden, von ihr lernen und hoffen. Ein Buch, das ich persönlich als ein Geschenk ansehe. "Irgendwann ist der Tod deutlicher als das Leben, das Leben weicht dem Tod", sagt Zsuzsa Bánk. So wahrhaftig wie dieser Satz ist das ganze Buch.