Articles tagged with: Freundschaft

Kinder wollen alles wissen

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Rose Lagercrantz, Rebecka Lagercrantz: Zwei von jedem, Moritz Verlag 2021 € 14,00

Wie wenige Worte tief in die Kinderseele blicken lassen können, stellt die schwedische Autorin Rose Lagercrantz in ihrer siebenbändigen „Dunne Reihe“ meisterhaft unter Beweis. Nun legt sie erneut ein Glanzlicht der Kinderliteratur für Kurzstreckenleser vor, eine behutsam, aber auch ungeschminkt erzählte Geschichte, mit der sie auf ihre eigene Familiengeschichte zurückblickt. In „Zwei von jedem“ lernen wir Elias und Lulinke kennen. Zwei Kinder, die Freunde werden, später Liebende und ein Paar, Eltern einer nächsten Generation Kinder, einem Mädchen und einem Jungen.

Die Schule: Der Ort, Lernen & Fantasie und das Miteinander

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Anna Fiske: Alle gehen in die Schule, Hanser Verlag 2021 € 14,00

In die Schule zu kommen ist ein großer Schritt im Leben. Kinder freuen sich darauf. Sie sind neugierig und haben viele Fragen. Anna Fiske erzählt vom Tag der Einschulung, vom Ablauf eines Schultages, vom Lernen und Spielen, aber vor allem von der Schulgemeinschaft. Vom Freunde finden, von Streit und Versöhnung, dem Rücksicht nehmen, dem sich Kümmern und Mitgefühl zeigen. Hinschauen und Zuhören sind gefragt, etwas alleine oder in der Gruppe machen und das Warten, bis man an der Reihe ist. Ein Schulkind werden heißt Neues probieren, die Fantasie zu benutzen und ein Selbstwertgefühl aufzubauen. All das kann man mit diesem Buch schon ein wenig üben. Hierin ist es grandios anders und nutbringender als alle anderen Sachbücher über die Schule. Sehr empfehlenswert!

Überraschungen vorprogrammiert

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Fabian Neidhardt: Immer noch wach, Haymon Verlag 2021 €22,90

Der Roman von Fabian Neidhardt klingt so unglaublich und dennoch liegt der Geschichte ein wahrer Sachverhalt zugrunde.  Der Zeitungsartikel über eine medizinische Fehldiagnose, die einen Mann ins Hospiz zum vermeintlichen Sterben brachte , um anschließend wieder ins Leben zurückzukehren, hat den Autor angeblich dazu inspiriert, die emotionale Achterbahnfahrt des 30jährigen Alex zu erzählen. Alex ist zu jung, um an Magenkrebs zu sterben, zumal sein Vater daran elendig krepierte, als er selbst ein kleiner Junge war. Darum berschließt Alex, sich keiner Therapie zu unterziehen, sondern sich für die letzten Monate in ein Hospiz  zurückzuziehen. Das alte Leben ist abgeschlossen, dann muss Alex von heute auf morgen sein Zimmer räumen. Zurück kann und will er nicht sofort,  aber wie soll er sich neu definieren? Dem Autor ist eine charmante Lösung eingefallen: Alex wird sich darum kümmern, letzte Wünsche der Menschen zu erfüllen, die er im Hospiz  kennengelernt hat. In Rückblenden spürt Alex seiner eigenen Geschichte nach, während er sich darum bemüht, im Hier und Jetzt Lindi Hopp zu lernen, ein Schachturnier zu gewinnen oder sich ein Tattoo stechen zu lassen. Es gehört schon eine Portion Humor dazu, um diese Geschichte so zu schreiben, dass man nicht aufhören kann zu lesen. Einfühlsam, mitunter daramtisch, und immer wieder lebensfroh führt Neidhardt den Leser im Hospiz herum und füllt diesen Ort mit Leben, Freundschaften und sogar manch kleiner Freude.

Wendepunkte im Leben

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Birgit Müller-Wieland: Vom Lügen und vom Träumen. Roman in sechs Geschichten, Otto Müller Verlag 2021, € 22,00

Birgit Müller-Wieland, Autorin von Flugschnee, hat wieder einen unglaublich dichten und intensiven Roman geschrieben. Sie erzählt in sechs Geschichten, die untereinander fein verwoben sind, von Frauen und Männern, die Wendepunkte in ihrem Leben ereilen. Diese stellen eine große Herausforderung für sie dar. Sie durchleben Trennung nach vielen Ehejahren, unerfüllte Sehnsucht nach Vaterschaft, Alltag in der DDR und exotischer Ferne, Suche nach dem Vater, Mißbrauch, Mutterschaft ohne Partner - aber auch tiefes Vertrauen und Auffangen, Seelenverwandschaft, Mutterglück, Freundschaft und Loyalität. Birgit Müller-Wieland gelingt es, diesen tiefen Gefühlen in einer faszinierenden Sprache ausdruck zu verleihen. Das Buch hat mich sehr beeindruckt und ich hätte einige der Personen gerne noch über weitere Erlebenszeit begleitet.

Sommerfreundschaft

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Elisabeth Steinkellner: Esther und Salomom, Tyrolia Verlag 2021, 19,95

In dem Buch geht es wie der Titel schon verrät um Esther und Salomon. Esther ist ein Mädchen, das mit ihrer Familie eigentlich einen entspannten Urlaub am Meer machen will. Doch ihre Eltern streiten sich praktisch durchgehend. Zum Glück lernt sie durch ihre kleine Schwester Salomon kennen. Ein geheimnisvoller Junge, der es schafft den Urlaub doch noch erträglich zu machen. Viel zu schnell ist dieser allerdings vorbei und auch Salomon muss sich wieder den Alltagssorgen stellen. Das Buch erzählt einfühlsam die Geschichte von Esther und Salomon. Die lyrisch rhytmisierte Sprache gibt dem Buch eine passende Atmosphäre. Zusätzliche Bilder und Zeichnungen ergänzen die Geschichte und geben dem Buch eine individuelle Note. Die Fluchtgeschichte von Salomon wird in knapper Sprache eindrucksvoll geschildert und unerwartete Wendungen lassen das Buch spannend bleiben. Insgesamt ist es ein besonderes Buch, das durch seine interessante Sprache und Geschichte heraussticht.

Sizilien pur

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Tea Ranno: Agata und ihr fabelhaftes Dorf, Nagel & Kimche 2021, € 23,00

Ein kleiner Ort mit dem Bürgermeister und seinen Gefolgsleuten aus dem mafiösen Milieu und dem Tabacchere, der sich dem widersetzt und als Kommunist gilt. Zudem gehört diesem ein Haus außerhalb mit einem Stück Land, das er mit Blumen und Obstbäumen in ein wahres Paradies verwandelt hat. Dieses möchte sich der Bürgermeister unter den Nagel reißen, dort eine Mülldeponie errichten um sich zu bereichern. Als der Tabacchere plötzlich verstirbt scheint es ein Leichtes, seine Witwe zu überrumpeln. Weit gefehlt: Sie hat eine unkonventionelle und menschliche Art, sich mit anderen Dorfbewohnern zu verbinden. Sie eröffnet anderen Chancen und erfährt deren Unterstützung. Eine turbulente Dorfkomödie, bei der sich die unterschiedlichsten Emotionen Bahn brechen und ungeahnte Wege aufzeigen.

Insel des Miteinanders im Stadtviertel

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Jutta Wilke, Das Karlgeheimnis, Coppenrath Verlag 2021 € 15,00

An Karls Kiosk treffen sich die Menschen aus Emils Viertel. Emil verbringt seine Nachmittage gern rund um das "Büdchen". Er ist ein aufmerksamer Beobachter und möchte einmal Schriftsteller werden. So erfahren wir aus seine Notizen von Karl und Frau Wischnewski, Lotto-Werner, Frau Janssen, der Friseuse Silke und dem Alten aus der Dreizehn. Ein bunter Kiez mit einfachen Menschen, auf die man gespannt sein darf. Bald mischen sich die schwarzen Männer darunter und Darth Vader. Emil freundet sich mit Finja und ihrem Hund Watson an und dem kleinen Krimi direkt vor der Haustür steht nichts mehr im Wege.

Leben durch die Fotolinse und das echte Leben

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Neda Alaei: Zwischen uns sind tausend Bilder, Thienemann Verlag 2021 € 14,00

Durch die Fotolinse scheint das Leben immer so unbeschwert, so einfach. So ohne jegliche Sorgen. Leider läuft das echte Leben so nicht. Die vierzehnjährige Sanna muss spüren das das Leben keine Momentaufnahme einer Kamera ist. Seit einem Jahr macht ihr das Leben einen richtigen Strich durch die Rechnung. Nach dem Tod ihrer Mama fällt ihr Vater in eine starke Depression. Nur das Schreiben hält ihn am Leben.

Geliebtes, gelebtes Miteinander

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Kerstin Campbell: Ruthchen schläft, Kampa Verlag 2021 € 20,00

So wünschen es sich viele von uns: Dass sich im Alter eine Lösung findet, im vertrauten Zuhause bleiben zu können, mit Nähe zur nächsten und übernächsten Generation. In diesem Roman, der hauptsächlich von den Bewohnern eines Altbaus in Berlin erzählt, gelingt es. Was nicht ausschließt, dass auch hier nicht alles glatt läuft: Verlassensein, Verpflichtungsgefühl, Unfälle und emotionale Zerrissenheit spielen auch hier mit. Und Ruthchen, die Katze auf dem Cover, hat eine entscheidende, teilweise skurrile  Rolle. Ein unterhaltsam zu lesender Roman, der den Leser mit einem hoffnungsvollen Gefühl zurücklässt.

Selbstliebe oder die Beziehung zu sich selbst

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Wesley King: Sara auf der Suche nach normal, Magellan Verlag 2021

Fehlalarm, Bleikugel, Risikospiel. So bezeichnet Sara ihre häufig auftretetenden Zustände. In Wirklichkeit hat sie Panikattacken, Paranoia und ein konstanstes Angstgefühl. In der Schule genießt sie seit Jahren Einzelunterricht und besucht einen Therapeuten.  Ihr innigster Wunsch ist es, dass all das aufhört.  Sie möchte nichts lieber, als normal sein. Doch was ist normal? Wo fängt es an? Wo hört es auf? In ihrer Therapie lernt sie Erin kennen, und James.  Ihnen gegenüber bricht sie mit ihrem Mutismus. Sie fasst Vertrauen. Sie beginnt erste Regeln, die sie sich selbst gegeben hat,  über Bord zu werfen. Und dann kommt Erin mit ihrer märchenhaften Vorstellung von den Sternenkindern, die etwas ganz besonderes sind und immer zusammenhalten. Sara glaubt nicht daran. Bald werden Saras Regeln von Erins Prinzipien überlagert und die Vorstellung einer besondern Freundschaft macht Sara Bauchkribbeln. Sie beobachtet Erin aufmerksam und entdeckt dabei die blauen Flecken an ihrem Körper.

Intensives jugendliches Erleben

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Ewald Arenz: Der große Sommer, DuMont Verlag Jahr 2021 €20,00

Jungenfreundschaft, Geschwisternähe, erste Liebe und ein intensives Wahrnehmen von Farbspielen, Duftnoten und Stimmungen in der Natur tragen dieses Buch. Ich habe mich sehr gern in die Erlebnisse, Gedanken und Empfindungen des 16jährigen Friedrich hineinversetzen lassen, mich diesem jungen Menschen nahe gefühlt. Die Freundschaft hat ihre Rituale, birgt Abenteuer und wird erschüttert. Die Nähe zwischen Bruder und Schwester innerhalb der großen turbulenten Familie ist verlässlich. Die erste Liebe ist plötzlich da, von Friedrich sofort erkannt und zugelassen, wirft Fragen, Sehnen, Unsicherheit, Erstaunen, großes Glück und Verzweiflung auf. Da Friedrich viel Zeit bei seinen Großeltern verbringt, entdeckt er bei ihnen ihm unbekannte Seiten, was auch daran liegt, dass er sich selbst neu entdeckt und sein Interesse an ihrer Vergangenheit geweckt ist. Der Autor Ewald Arenz hat mich mit seinem neuen Buch ebenso mitgenommen wie im vorherigen Romans "Alte Sorten".

Seelenreinigung rund ums IJsselmeer

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nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2021, Kinderbuch

Anna Woltz: Haifischzähne, Carlsen Verlag 2020 € 10,00

Die kleine, perfekt komponierte Novelle erzählt vom Weggehen und Dasein, von Brauchen und Gebrauchtwerden. Innerhalb engster Familienbindungen ist das Aushalten von Schmerz und das Finden der eigenen Postition besonders schwierig. Atlantas Muter ist krank. Seit Monaten versucht Atlanta eine aktionistische Gegenposition zu leben, die sich für sie wie ein Reißausnehmen anfühlt. Ihre Tour um das gesamte IJsselmeer hat sie genau geplant. 360 km mit dem Fahrrad. Dafür braucht sie einen Tag, eine Nacht und einen weiteren halben Tag. Der Picknickkorb ist voll, die Nachtzahnspange an Bord. Zu dumm, dass sie gleich zu Beginn in das Hinterrad eines Jungen fährt und sich die Haut von den Ellenbogen schürft. Glücklicherweise ist Finley wengistens mit Pflaster ausgerüstet. Dafür hat er keine langen Hosen gegen den Wind und die nächtliche Kälte. Er wollte nur ein wenig weg, da ihm ein blödes Missgeschick passiert ist. Solche Geschichten sind eigentlich bekannt und doch fühlt sich beim Lesen vieles wieder neu an. Die Zielstrebigkeit aber auch Unsicherheit der Kinder. Die zarte Freundschaft, welche sich entwickelt, die offenen Arme, in die sie am Ende ihres Abenteuers laufen werden. Kleine und große Dramen durchleben sie gekonnt auf 89 locker gesetzten Seiten, als hätten sie das schon immer getan. Anna Woltz ist eine wunderbare Erzählerin.

Heimliche homosexuelle Liebe

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Tomasz Jedrowski: Im Wasser sind wir schwerelos, Hoffmann und Campe, € 23,00

Ludwik wächst in den 1960er Jahren in Breslau auf und es ist interessant, wie er zunächst als Kind und dann als junger Erwachsener in Warschau das Leben im Kommunismus wahrnimmt. Als er zum Ende des Studiums in den 80er Jahren eine beglückende Liebe zu Janusz erlebt muss diese geheim bleiben, was seine kritische Sicht auf die politischen Verhältnisse untermauert. Rückblickend erzählt aus den USA, wohin er emigrierte, sich liebevoll erinnernd an die aus Lemberg umgesiedelte Großmutter, lässt der Protagonist uns ein Stück Zeitgeschichte intensiv und lebendig miterleben.

Mit Benedict Wells zurück in die 80er!

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Benedict Wells: Hard Land, Diogenes Verlag 2021, € 24,00

Zurück in die 80er mit Benedict Wells! Gleichzeitig tröstlich, witzig und traurig - der neue Roman hat mich zum Lachen und Weinen gebracht - Benedict Wells eben! Der 15 Jahre alte Sam erlebt in einer Kleinstadt in Missouri den Sommer seines Lebens im Jahr 1985: erste Liebe, große Verluste - wer sich hier nicht an die eigene Jugend erinnert...Zu den Coolen gehören wollen, Freunde finden, endlich etwas erleben, sich seinen Ängsten stellen- ich war sehr gerne mit Sam unterwegs und er hat dabei so manche meiner eigenen Erinnerungen geweckt. Filmfans kommen auch auf ihre Kosten, denn die Kinoklassiker der Zeit spielen eine wichtige Rolle in diesem lange erwarteten, wunderbaren Buch über das Erwachsenwerden. Bei seinem Aushilfsjob im örtlichen Kino findet Sam einen Ausgleich zur schwierigen Zeit zuhause. Doch auch mit den Freunden muss er über sich hinauswachsen und herausfinden, was er vom Leben will. Benedikt Wells nimmt uns wieder unvergleichlich mit in die Nöte und Träume eines jungen Menschen - den wir in uns vielleicht noch erkennen unter der Fassade des eigenen Erwachsenenlebens. Leichtigkeit und Schwere halten sich im Buch wunderbar die Waage - ein Buch, das für mich gerne noch viel mehr Seiten haben dürfte. Unbedingte Empfehlung für junge Menschen und Junggebliebene - und natürlich alle Benedict Wells Fans! Annette Goossens

Generationengeschichte in Deutschland

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Alena Schröder: Junge Frau am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid, dtv 2021, € 22,00

Vier Frauen auf der Suche nach ihrem Weg im Leben, nach den Menschen, die ihnen gut tun, dem Ort, der zu ihnen passt. Sie sind vier Generationen einer Familie und die Mütter und Töchter haben es nicht immer leicht miteinander. Vom Berlin der 20er Jahre, dem in der Zeit des Nationalsozialismus als auch dem Berlin unserer Zeit  gibt der Roman ein vielgestaltiges Bild. Auch das Leben in den kleinen Orten rund um Rostock in der Vergangenheit wird gut vorstellbar. So liest man sich mit dieser Familiengeschichte in frühere und heutige Zeiten hinein mit ihren jeweiligen Auseinandersetzungen ujnd Emotionen, sie uns in jedem Falle mitnehmen.

Eine Jugendliche auf der Suche

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Verena Keßler: Die Gespenster von Demmin, Hanser Verlag 2021 €22,00

Das 15jährige Mädchen Larissa, genannt Larry, hat einen sehr eigenwilligen Charakter. Und hat mich nach erstem Erstaunen fasziniert. Sie will nicht gefallen, aber sie will verstehen. Verstehen, warum ihre Eltern sich trennten, warum ihr Bruder sterben musste, als er noch ganz klein war, verstehen, wie Sterben sich anfühlt, und was es mit der dunklen Vergangenheit ihres Heimatortes auf sich hat. Sie stählt ihren Körper  und wird merken, dass sie sich dadurch nicht schützen kann. Eine Mädchenfreundschaft trägt Larry durch die Kinder - und Jugendzeit und sie wird erleben, dass die Liebe ihrer Mutter auch dann bei ihr ist, wenn körperliche Anwesenheit fehlt. Interessant ist als Gegenpol zu Larrys jugendlichem Erleben der Blick auf die allein lebende Nachbarin, die sich an ihre Kinderzeit aus Kriegszeiten erinnert und sich jetzt dem Altsein stellen muss. "Die Gespenster von Denimm" ist ein Romandebüt, das mich in seiner Klarheit und geschickten Komposition beeindruckt und gefesselt hat.

Magisches Abenteuer um Süßigkeiten

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Tanja Voosen: Die Zuckermeister 01: Der magische Pakt, Arena Verlag 2020 €14,00

Elina lebt in Belony, einem kleinen Städtchen, in dem es nur eine Sage gibt: die von Madame Picots magischem Süßigkeitsladen. Elina glaubt nicht an Magie, auch wenn sie manchmal ganz praktisch wäre. Das "Bittersüß", wie der Laden einst hieß, ist nur noch eine Touristenattraktion. Stadttdessen gibt es jetzt die Zuckerhuts, eine Familie von der ganz Belony behauptet, sie waären verrückte Hexer und mit dem Teufel im Bunde. Das aber, interessiert Elina nicht. Sie hat ihre eigenen Probleme.

Sehnsucht nach Ehrlichkeit

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Raffaella Romagnolo: Dieses ganze Leben, Diogenes Verlag 2020 €22,00

Paola ist 16 Jahre alt und sehnt sich danach, hinter Schweigen und Oberflächlichkeit Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit zu finden. Mit dem etwas älteren Antonio kann sie über vieles sprechen bis sie ihn im Verdacht hat, er könnte mit dem Mobbing gegen sie zu tun haben, dem sie in der Schule ausgesetzt ist. Sie ist eine leichte Zielscheibe mit ihrem Übergewicht. Dass ihr Bruder eine körperliche Behinderung hat steht geschwisterlichem Vertrautsein und Füreinanderdasein nicht im Wege. Bis ihre Mutter über Versäumnisse und sogar Vergehen in der Vergangenheit sprechen kann muss in der Gegenwart von Paolas Familie ein gewaltiger Bruch in der schönen Fassade stattfinden. Die Autorin hat sich beindruckend in die Gefühls- und Gedankenwelt dieses jungen, aufmerksam beobachtenden und reflektierenden Mädchens hineinversetzt, das mir im Laufe des Lesens immer mehr ans Herz gewachsen ist.  Friederike Wagner

Winterweihnachtswaldluft

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Kristina Andres: Mäuseweihnacht - Bärenzauber, Edition Nilpferd 2020 € 14,95

 "Weihnachten stand vor beiden Türen. Der großen Bärentür und der kleinen Mäusetür", denn Bär und Maus wohnten im gleichen Haus. Bei ihnen war vieles anders, als bei Anderen. Während die Maus drinnen ihr Bäumchen schmückte, nahm der Bär seinen Bärenschlitten und zauberte in der Winterweihnachtswaldluft. Natürlich dürfen Frau Kuh, die Bettelmaus, ein großes Blech Kekse und ein Himmel voll blinkender Sterne nicht fehlen. Ein wunderbar winterlich, waldiges, weihnachtliches Bilderbuch- Vorlesevergnügen. Ab 4

Eintauchen in das England nach der Jahrhundertwende

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Jane Gardam: Robinsons Tochter, Hanser Berlin Verlag 2020 €24,00

Im besten englisch-traditionellen Stil begleiten wir die sechsjährige Polly durch ihr Leben. Liebe, Enttäuschung, Freundschaft und Einsamkeit – die Bücher der Hausbibliothek, allen voran „Robinson Crusoe“ werden Pollys Rettungsanker im großen gelben Haus, bei ihren zwei alten Tanten und den wenigen Hausangestellten. Charles Dickens, die Bronté-Schwestern – in diese Stimmung hat es mich schon nach den ersten Seiten versetzt. Ein Buch für gemütliche Stunden. Annette Goossens

Per Anhalter durch Frankreich

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Autor: Sylvain Prudhomme, Allerorten, Unionsverlag, € 22,00

Ein zarte und feinsinniger Roman, in dem zwei Freunde in ein ganz besonderes Beziehnungsgeflecht geraten. Der 40jährige Schriftsteller Sacha trifft nach vielen Jahren seinen Freund aus Studienzeiten wieder. Damals waren die Freunde zusammen per Anhalter unterwegs. Der wiedergefundene Freund lebt inzwischen mit Frau und Sohn, verschwindet aber auch jetzt noch aus dem Alltag, um sich dem Zufall des Reisens hinzugeben. Ihn interessieren vor allem die Menschen, die ihm die Autotür öffnen und die Gespräche mit ihnen. Sacha lässt sich zu seiner eigenen Überraschnung mehr und mehr auf Menschen ein, übernimmt Verantwortung und wagt tiefe Gefühle. Die Frage, was ein erfülltes Leben ausmacht, kann sehr unterschiedlich beantwortet werden. Der französische Autor Sylvain Prudhomme fängt den Augenblick ein, die Gelegenheit, die sich zum Möglichen öffnet. Dieser Roman bringt eine Fülle von Gefühlen zum Schwingen und begeistert in seiner schönen und klaren Sprache.

Das Leben leben

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Roland Buti: Das Leben ist ein wilder Garten, Zsolnay, € 20,00

Ein Roman, in dessen Sprache ich mich sofort wohlgefühlt habe, der mich sehr angenehm unterhalten hat und sympatisch Zwischenmenschliches wiedergibt. Carlo hat eine Gartenbaufirma und ist der Erzähler. Es gibt drei Menschen, die ihm nahe stehen: Agon, der aus dem Kosovo in die Schweiz kam und bei ihm angestellt ist. Er ist von großer, kräftiger Statur und gleichzeitig mit großen Zartgefühl für Menschen und Pflanzen. Dann ist da Ana, seine Frau, von der er getrennt lebt, seit die gemeinsame Tochter das Haus verliess. Er liebt sie immer noch und er spürt weiterhin die Vertrautheit ihrer Gesten und Körperlichkeit, wenn sie sich begegnen. Des weiteren erzählt er von seiner alten Mutter, die heimlich aus dem Altersheim verschwindet und sich in dem Grand Hotel ihres Heimatortes einnistet. Sie hat dorthin nicht nur als Bäckerstochter die Brötchen geliefert, wie ihr Sohn es wusste, sondern er wird von einer weiteren, viel bedeutsameren Episode in der Vergangenheit seiner Mutter erfahren.

Schülerprotokoll einer Klassenfahrt

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nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2021, Jugendlbuch

Tamara Bach: Sankt Irgendwas, Carlsen Verlag 2020  € 13,00

Das Buch erzählt hauptsächlich in Form eines Schülerprotokolls von einer Klassenfahrt ohne Handys und einem ungerechten Lehrer. Das Protokoll ist aber keineswegs langweilig und sachlich, sondern fasst die Gedanken und Gefühle der Schüler sehr gut zusammen. Außerdem wurde die Sprache sehr jugendlich und witzig gehalten. Kurz und knapp. Es wird sehr eindrücklich und realitätsnah von den Geschehnissen der Klassenfahrt erzählt, die mich stark an eigene, ähnliche Erfahrungen erinnerten. Das Buch ist eine Geschichte über Freundschaft, Zusammenhalt, Klassengemeinschaft und alltägliche Schulprobleme wie nervige Lehrer. Es bringt einen dazu, sich an seine eigenen Klassenfahrten zurückzusehnen. Juliana, 16 Jahre

Ein Jahr Pause

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Nora Hoch: Das Salzwasserjahr, dtv 2020 13,95€

Ein Austauschjahr in Australien. Für ein Jahr weg von der Familie, weg von dem normalen Leben, weg von den Problemen. Ein Jahr Pause. Das ist Janniks Plan als er ans andere Ende der Welt reist. Irgendwie scheint das auch zu funktionieren. Jannik genießt das Meer, das er schon immer gemocht hat und triff auf eine geheimnisvolles Mädchen, die das Wasser genauso liebt wie er. Doch gleichzeitig scheint seine Gastfamilie tief gehende Probleme zu haben und sein Gastbruder ignoriert ihn fast vollständig.

Von inneren und äußeren Kämpfen

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Andreaas Izquierdo: Schatten der Welt, DuMont Verlag 2020 €16,00

Thorn, eine Kleinstadt in Westpreußen nahe der russischen Grenze Anfang des 20. Jahrhunderts, und drei Freunde, deren Leben der Leser bis nach Ende des 1. Weltkriegs verfolgen darf. Arthur, Carl und Isi stammen aus einfachen Familien, sie sind jung, wollen sich ausprobieren, Grenzen erfahren, ja, sogar Hierarchien herausfordern und das Wort des Vaters missachten. Sie suchen ihren Platz in Thorn, einen möglichen Lebensentwurf, doch der Ort macht es ihnen nicht leicht. Als der Krieg ausbricht, brechen Welten und Träume zusammen. Isi und Arthur, die irgendwie schon ein Paar waren, werden jäh auseinandergerissen. Carl und Arthur erleben den Krieg auf völlig unterschiedliche, durchaus auch brutale Weise, während Isi zuhause in Thorn ihren ganz eigenen Krieg führt. Gegen den Vater, gegen den Gutsherrn Boysen samt Sohn, die ihr und den Freunden mit ihrer Überheblichkeit schon immer ein Dorn im Auge waren. Ein Coming-of-Age Roman mit historischer Kulisse, bisweilen herrlich amüsant aber auch herzzerreißend dramatisch. Ein Buch zum Eintauchen in eine Zeit, die ihre ganz eigenen Geschichten geschrieben hat.

Nachhaltigkeit gelassen selbst erprobt

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Didier Lévy, Katrin Stangl: Als die wilden Tiere bei uns einzogen, Peter Hammer Verlag 2020 € 15,00

"Bei Max zu Hause gab es tonnenweise Sachen, die meine Eltern niemals kaufen würden." Der kleiner Erzähler ist erstaunt und begeistert. Max und er sind die besten Freunde der Welt, ganz egal, wie unterschiedlich ihre Eltern das Lebensumfeld ihrer Kinder durch ihre Konsumgewohnheiten gestalten. Nun ja, ein wenig neidisch ist der Erzähler schon. Bei Max scheint das "Schlaraffenland" zu herrschen, bei ihm ist immer alles "bio". Doch dann passierte etwas. Aus Angst vor den Jägern suchen die wilden Tiere Schutz auf dem Grundstück des Erzählers. Und seine Mutter läd auch noch die Jäger zu selbstgemachter Limonade und Kuchen ein. Die gelebte Nachhaltigkeit bringt Menschen und Tiere zusammen. Das macht den Erzähler richtig stolz. Das achtsame Leben entwickelt einen magischen Sog, der selbst Max' Familie bald ein wenig durchdringen wird, obwohl es bei ihm nach wie vor "Schlaraffenlandsachen" gibt. Selten erzählt ein Bilderbuch mit so großer Offenheit, ehrlich und gelassen von den verschiedenen Lebensentwürfen.  So finden kleine Leser hier kostbaren Raum für gedankliche Selbsterprobung. Mit einfachen Sätzen beschreibt  der Text die Situation. Er hält die uns überall hin mit begleitende Begeisterung, die Träume und die Stärken des Erzählers in der verdeckten Hinterhand und macht sie dadurch umso spürbarer. Die Bilder sind von kunstfertiger Dynamik und aufredendem Spiel  mit Licht und Schatten gestaltet. Sie bieten Ecken, Kanten und starke Fluchten, aber auch schwungvolle Rundungen, zum Beispiel in jenem Moment, wo Max seinen Vater, den Jäger, zum Kaffetisch führt und der Bär ihm von hinten die Tatze auf die Schulter legt. Immer wieder schicken sie den Betrachter auf die Suche nach komischen Momenten. Schon auf der Titelinnenseite sieht man hinter einem Busch den Wolf wie ein Hund auf dem Rücken liegen und genüßlich an einem Lolli schlecken. Alles an diesem ganz starken Buch ist einfach magisch, zutiefst realistisch und ein großes, spannendes Abenteuer. Hier können nach Herzenslust Gespräche angeknüpft werden, vom Vorschulalter bis weit ins Grundschulalter hinein.

Freundschaft mit großen Gefühlen

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Rose Lagercrantz, Eva Eriksson: Dunne 01. Mein glückliches Leben. Moritz Verlag € 11,95

Für Dunne mischen sich am ersten Schultag die Glücksgefühle mit denen der Aufregung und Unsicherheit. Wird sie eine Freundin finden? Gar nicht so einfach. Als es endlich klappt bricht für Dunne eine sehr glückliche Zeit an. Dunne beginnt ein Tagebuch, indem sie uns alles über sich und Ella Frieda erzählt. Ella Frieda schenkt Dunne dann sogar die Kette mit dem halben Herz, damit Dunne Ella Frieda niemals vergisst, selbst wenn Ella Frieda am Ende des ersten Bandes umziehen muss. Schlicht, schön und emotional dicht erzählt Rose Lagercrantz vom Kinderalltag. Der Text ist besonders locker gesetzt und durch viele stimmige schwarzweiß Illustrationen von Eva Eriksson ergänzt.

Kinder der 90er Jahre

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Joris Bas Backer: Küsse für Jet. Eine Coming of Gender Geschichte, Jaja Verlag 2020 € 20.-

1999: Jet ist 16 und gerade ins Internat umgezogen worden. Auf Distanz und mit dem Fernglas, beobachtet sie ihre Welt. Um sie herum wallen die Hormone. Mit knappem, unruhigem und gleichzeitig kindlich weichem Strich, monochrom begleitet, zeichnet Backer Jet in ihrer Welt.  Wo wird sie ihren Platz finden?  Ihre beste Freundin Sasha experimentiert mit Haarfarbe, kämpft gegen den Juckreiz ihrer Haut und gerät in eine Phase des Ritzens. Der neue im Internat, ein zurückhaltender Junge, leidet an Migräne. Überall werden Begehrlichkeiten geweckt, hier und dort Küsse getauscht. Sie sind noch nichts Wahres. Enttäuschungen lauern an jeder Ecke. Nichts und niemand ist perfekt. Unsicherheit, Ratlosigkeit, mitunter Verzweiflung bestimmen Jets Tage. Sie verfolgt die Jungs mit ihren Blicken, fühlt sich fremd mit sich selbst, klaut Accessoires für einen Rollentausch, igelt sich ein, träumt im Geheimen. Aktionistisch, nicht gerade sensibel und doch aufmerksam, reißt Sasha sie aus ihrer Lethargie. Sie schafft für Jet einen Kontakt mit einer Anlaufstelle für Transsexuelle. Die Idee haben die beiden aus dem Fernsehen. Backer bevorzugt eine knappe, ausschnitthafte Erzählweise und verwirrt gern den Kopf seiner LeserInnen. So kommt man Jet nahe. Mal inszeniert er mit Wortfetzen, mal mit Texten die überbordend oder gar übergriffig erscheinen. Unwohlsein breitet sich aus. Szenen fließen in schnellem Takt ineinander. Momentaufnahmen aus der Außenwelt provozieren Richtungen, doch Jets Gefühle nehmen immer wieder ihren eigenen Lauf. Kurs auf nirgendwo. Doch dann steuert Backer auf das Millenium zu, dem prophezeihten Weltuntergang. Dieses Silvester verbringen Sasha, Jet und Ken in einem leerstehenden Bungalow am Strand. Am Morgen des neuen Jahres steht die Welt noch genau so wie am Abend zuvor. Zeit eine neue Zukunft ins Auge zu fassen. Für Jet hat sie schon begonnen. Backer fokussiert in seiner Geschichte die innere Auseinandersetzung. Zeit und Raum bilden für ihn nur Haltepunkte an den Rändern und geraten etwas plakativ. Das macht die Geschichte insgesamt ein wenig zweidimensional. Sie eignet sich aber gut für einen ersten Kontakt mit dem Transgender-Thema. Heute, 20 Jahre nach Jets Coming-of-Gender, ist ihre Geschichte ein weiterer Baustein für das Wissen um queere Lebensläufe. Möge sie aus Neugier zu Rate gezogen werden und Akzeptanz fördern.

Spannende Spur des Schreibens

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Holly-Jane Rahlens: Das Rätsel von Ainsley Castle, Rowohlt Verlag 2020 €15,00

Die Geschichte beginnt wie ein perfektes Märchen: eine kleine Insel, Meer, Wind, Strand, Klippen, ein Hotel, dass die Stiefmutter leitet - vermutlich böse -  dann die gerade auf diese Insel Ich-Erzählerin verpflanzte mit ihrem Vater. Ein wenig bockig und frech. Er nennt sie Prinzessin. Ihre Mutter ist früh verstorben. Sie fühlt sich verkehrt in ihrem Leben und wird bald ein Stück erwachsener werden. Ein französisches Halstuch aus feinster Seide lässt sie die Mutter nicht vergessen, macht sie jedoch auch nicht wieder lebendig. Sehr lebendig hingegen ist Mackenzie, ein gleichaltriger Junge, der ihre Gefühle verwirrt. Und plötzlich ist da ein weiteres Mädchen, dass ihr gleicht, als wären sie Zwillinge. Wo kommt es her? Holly-Jane Rahlens hat sich für Jugendliche mittels Zeitreisen schon oft gekonnt durch Parallelwelten gespielt. Hier greift sie für Kinder einen alten Trick auf, der den Protagonisten die Selbstbestimmung raubt. Lizzy, Betty und Mack setzen alles daran, das fiese Spiel gegen sie zu enträtseln. Wer einen spannenden Plot lesen und etwas über das Handwerk des Schreibens und Geschichtenerfindens erfahren möchte, ist hier genau richtig. Darüber hinaus erzählt die Autorin von der Suche eines Kindes nach dem Platz im Leben und der Aktzeptanz einer neuen Lebenssituation sowie der unverhofften Stärke, die Lissy durch die Zuneigung der Menschen in ihrem neuen Zuhause gewinnt.