Articles tagged with: Osteuropa

Die Waisenkinder Osteuropas

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Yaroslava Black, Ulrike Jänichen: Zug der Fische, Carlsen Verlag 2020 € 18,00

Eurowaisen nennt man die Kinder, die bei den Großeltern zurückbleiben, wenn ihre Eltern im europäischen Ausland Geld verdienen. Die Lebenszeichen ihrer Eltern erhalten die Kinder per Post. Sie sammeln die Briefe wie kleine Schätze und Träume. Sie versuchen darin, ihre Sehnsucht zu stillen. Regelmäßig schicken die Eltern Geld nach Hause, fremde Scheine, die wie blaue Fische im Fluss winden, als die Kinder sie ins Wasser werfen. Sie haben die Scheine mit einer wichtigen Botschaft versehen: "Kommt zurück! Wir brauchen euer Geld nicht. Es gibt auch in den Kaparten genug Blaubeeren." Zart und eindringlich zeichnet dieses Bilderbuch die Lebenswelt in einem Dorf am Rande der Karpaten auf. Den Fluss und die Wälder, in denen sich die Kinder sogar nachts gut zurechtfinden, die Dorfgemeinschaft und den Markt, der nur eine kleine, aber zufriedenstellende Konsumwelt bietet. Den wärmenden Lehmofen in der Stube und die Löcher im Dach, durch die der Regen in Metalleimer plätschert. Ja, natürlich gäbe es vieles zu verbessern, doch all das Geld kann den Kindern die fehlenden Eltern nicht ersetzen. Ulrike Jänchens schlichte Buntstiftstriche  variieren in zahllosen Mustern, aus denen sie die gltzerdenen Wogen des Wasser, die zerklüftete Berglandschaft, Wiesen, Felder, die Kleidung der Marktfrauen oder einfach nur Tränen entstehen lässt. Ein poetisches Bilderbuch, in dem alles fließt und das doch innehalten lässt und nachdenklich stimmt.

Bühnenliterat Jaromir Konecny performt aus dem Migrantenleben

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Jaromir Konecny: Die unglaublichen Abenteuer des Mirgranten Nemec, Ecowin Verlag 2017 € 20.-

"Arm sind die Menschen, die keine Geschichten haben."
Zitat aus Konecny: Die unglaublichen Abenteuer des Migranten Nemec
Selbst in Prag geboren und 1982 nach Deutschland emigriert, erzählt Konecny vom schelmisch, tragischen Flüchtlingsdasein seines Helden Lolek Nemec. Die Übersetzung seines tschechischen Nachnamens "Nemec" lautet "Deutscher", ein Grund, warum Nemec schon immer meinte, nach Deutschland zu gehören. Hochmotiviert hier sein Leben zu meistern, stolpert der Migrant und Geschichtensammler durch ein deutsches Leben in und um München, welches von osteuropäischen Lebensgewohnheiten geprägt bleibt. Die Sache will  ihm nicht ganz gelingen. Auf der Suche nach seinem Glück und immer neugierig auf alle Menschen, denen er begegnet, führt er den Leser in ein amüsantes, sprachwitziges, episondenhaftes Lesevergügen unseres schrecklich herrlichen Miteinander.