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Rose Lagercrantz, Rebecka Lagercrantz: Zwei von jedem, Moritz Verlag 2021 € 14,00

Wie wenige Worte tief in die Kinderseele blicken lassen können, stellt die schwedische Autorin Rose Lagercrantz in ihrer siebenbändigen „Dunne Reihe“ meisterhaft unter Beweis. Nun legt sie erneut ein Glanzlicht der Kinderliteratur für Kurzstreckenleser vor, eine behutsam, aber auch ungeschminkt erzählte Geschichte, mit der sie auf ihre eigene Familiengeschichte zurückblickt. In „Zwei von jedem“ lernen wir Elias und Lulinke kennen. Zwei Kinder, die Freunde werden, später Liebende und ein Paar, Eltern einer nächsten Generation Kinder, einem Mädchen und einem Jungen. Lagercrantz spielt ihr Motto „Nimm zwei“ mit umfassender Präsenz durch das Buch. Die zwei Kinder werden in Rumänien groß, einem Ort, tief in den Wäldern Siebenbürgens. Hier werden mit rumänisch und ungarisch zwei Sprachen gesprochen. Durch den Ort fließen zwei Flüsse, die zum Baden einladen und er hat zwei Friedhöfe, da eine christliche und eine jüdische Glaubensgemeinschaft nebeneinander leben. Eli und Luli werden in der jüdischen Gemeinschaft groß, die Rebecka Lagercrantz in zarten Aquarellen in Szene gesetzt hat. Wenn der alte Isaak keine Tuchwaren verkauft, hält er beiden Kindern das kostbare Bonbonglas hin, aus dem sich jedes Kind zwei Bonbons nehmen darf. Einen bewahren die Kinder für sich selbst auf, den anderen gibt Luli ihrer Schwester und Eli seinem Bruder.
Mit Lulis liebevoller Präsens überwindet Eli im Alter von neun Jahren eine schwere Krankheit, die ihn in Todesnähe bringt. Ihre ärmliche, aber auch glückliche Zweisamkeit endet jäh, als Luli und ihre Schwester Post aus Amerika erhalten. Die lang ersehnten Fahrkarten nach New York von ihrem ausgewanderten Vater sind eingetroffen. Eli bleibt zurück bis der Krieg im Ort Einzug hält und mit ihm der Antisemitismus der Nationalsozialisten. Auch er muss den Ort verlassen. Er wird mit seiner Familie nach Auschwitz deportiert. Ein zweites Mal entkommt er nur knapp dem Tod. Seinen Kindern wird er später von seinen zwei Leben erzählen. Eins vor und eins nach dem Holocaust. Für den Holocaust selbst findet er keine Worte. Er bezweifelt, das Kinder davon hören wollen, selbst als seine Tochter vehement nachfragt. Geschickt präsentiert Lagercrantz über den Generationensprung die Zeitspanne eines ganzen Lebens ohne die kindliche Perspektive zu verlieren. So vereint sie ihre eigene Perspektive auf die Zeitgeschichte mit der ihrer Elterngeneration. Selbst zwei Jahre nach Kriegsende geboren, stellte sie die Fragen an ihre Eltern und stieß auf Sprachlosigkeit der Überlebenden des Holocaustes. Darunter ihre eigene Mutter, die wie Eli mit ihrer Familie aus Rumänien deportiert und in Bergen-Belsen von den Engländern befreit wurde. Lagercrantz wollte verstehen, was es für ihre Mutter bedeutete, wenn sie sagte: „Wenn es einen noch gibt“. Dieser hölzerne Satz wurde zum Titel eines vorangegangenen Buches, in dem sie ein Familienportrait für Erwachsene schrieb. Er ringt um Worte, das Erlebte zu beschreiben. Rose Lagercrantz nimmt diese Hürde mit der für ihr Schreiben bekannten, künstlerisch brillianten Reduktion. „Ich bin so glücklich, dass es mich noch gibt. Wenn ich nur nicht von dem sprechen, was ich erlebt habe, ist alles gut“, lässt sie Eli sagen und flicht dabei spielerisch noch eine weitere Ebene in ihre Geschichte ein: die Erinnerung.
Eli und Luli, die am Ende als glückliche Familie in New York leben, erinnern ihre gemeinsame Kindheit vollkommen unterschiedlich. Wie also sollte man heute, gestützt auf Erinnerung, Kindern vom Holocaust erzählen? Zur besseren Verdaulichkeit in Märchenform, wie Jean-Claude Grumberg es in „Das kostbarste aller Güter“ versucht hat? Sicher nicht, denn „der Antisemitismus ist kein Märchen“, sagt Lagercrantz im Nachwort. Sie nutzt den Bann, den Märchenelemente ausüben andersweitig, denn die Karparten sind die Heimat der Vampire. Sie haben Elis kindliche Fantasie beflügelt und begeistern auch seinen Sohn. Hier kann Eli ausgelassen erzählen und dazu erfinden. In diesen märchenhaften Passagen liegen auch Bruchstücke von Elis Lebensgeschichte. Lagercrantz animiert schon die Jüngsten, sie zu entdecken, zu bergen und zu durchleuchten. Ihr gelingt ein Kurzstreckenleser, der auf weit mehr als zwei Ebenen dem Wissensdrang der Kinder ehrlich begegnet, ihn stillt und sie auf eine große Entdeckungsreise ins das Leben mitnimmt.