Articles tagged with: Frauen

Fantastischer Kampf für Gleichberechtigung

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Namina Forna: Die Göttinnen von Otera 01. Golden wie Blut Loewe Verlag 2020 € 19,95

In Dekas Adern fließt goldenes Blut. Das kennzeichnet sie als Dämonin, die von allen in dem Reich verachtet werden. Aber sie hat Glück, denn der König stellt eine Armee aus ihresgleichen zusammen, was sie vor dem Tod bewahrt und sie noch andere kennenlernen lässt, die so sind wie sie. Zusammen kämpfen sie gegen Monster, aber auch gegen die Unterdrückung der Frauen in diesem Land. Das Buch wird aus Ich-Perspektive von Deka erzählt, wodurch man viel über ihre Gefühle erfährt. Diese wirken aber teilweise etwas gekünstelt. Das Buch hatte eine leicht verständliche Jugendsprache. Auffällig war, dass Deka viele Freunde hatte, die man aber charakterlich gut auseinander halten konnte. Die Handlung dagegen hält nicht viele Überraschungen bereit und ist meistens vorhersehbar. Die angedeutete Diskriminierung der Frauen und Dunkelhäutigen wirkt manchmal etwas übertrieben und ist an anderen Stelle wieder viel zu wenig ausgeprägt. Dadurch wirkte die Welt, in der das Buch spielt, etwas blass und nicht richtig durchdacht. Zusammenfassend ist es ein schönes Jugendbuch, das aber nichts Neues bietet und sich nicht groß von anderen typischen Fantasy-Romanen unterscheidet.

Unterdrückung und Rebellion der Mädchen

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Kim Liggett: The Grace Year, Dressler Verlag 2020 € 22,00

In Tierneys Dorf sagt man, dass Frauen eine Magie besitzen mit der sie Männer in den Wahnsinn treiben können. Um ihnen die Magie auszutreiben, werden alle Sechszehnjährigen für ein Jahr in ein Lager geschickt. Niemand redet darüber, was in dem Lager passiert, aber jedes Jahr sterben ein paar der Mädchen und die Anderen kommen abgemagert und verstört zurück. Als Tierney selbst in das Lager muss, erfährt sie bald wieso und muss sich fragen, ob es diese Magie überhaupt gibt. Das Buch ist sprachlich sehr angenehm zu lesen. Von der Welt und den Gründen, warum Frauen konsequent unterdrückt werden, erfährt man eher wenig.

Portrait einer fortschrittlichen Frau

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Eva Weissweiler: Das Echo deiner Frage. Dora und Walter Benjamin - Biographie einer Beziehung, Hoffmann und Campe 2020 € 24.-

1941 erfährt Dora Benjamin, dass ihr Sohn Stefan in England interniert und nach Australien gebracht wurde und Walter Benjamin auf der Flucht vor den Nazis Selbstmord begangen hat. Seit 11 Jahren war Dora von Walter da schon getrennt. Früh schon hatte Dora sich aus dem traditionell jüdischen Elternhaus gelöst und ein Studium der Chemie später auch Philosophie erst in Wien dann Berlin begonnen. 1913 lernte sie den damals 21-jährigen Benjamin kennen und heiratete ihn vier Jahre später. Deutlich wird, dass Dora Benjamin die Familie selbst noch nach der Scheidung 1930 mit ihren Arbeiten, Presseartikeln, satirischen Kurzgeschichten Literaturrezensionen sowie zwei Romanen über Wasser hält. Eva Weissweiler zeigt das Portrait einer sehr klugen, vielseitigen; fortschrittlichen und lebenspraktischen Frau in bewegter Zeit. Anne Brieger

Ein lang gehütetes Geheimnis

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Ellen Sandberg: Das Erbe, Pinguin TB 2019 €15,00

München, Nähe Odeonsplatz, Altbau, beste Lage - wer würde nicht gern Alleinerbin des Schwanenhauses werden. Mona jedenfalls ist im ersten Moment überwältigt von dem unerwarteten Erbe der entfernten Großcousine Klara. Der Zeitpunkt des Erbens  könnte kein besserer sein, denn Monas langjähriger Freund und zugleich Chef beendet die Beziehung. Klingt nach schmerzvoller Erfahrung mit Happy End? Die Autorin Ellen Sandberg hat anderes mit dem Leser vor. Nach und nach taucht er zusammen mit Mona in die geheimnisumwitterte Geschichte des Hauses ein. Die wechselnden Erzählstimmen und Zeitebenen sind anfangs gewöhnungsbedürftig, doch die gesamte Konstruktion löst sich am Ende in großen Offenbarungen und Schuldzuweisungen auf.  Einst in jüdischem Besitz, musste das Schwanenhaus auch Gewalt und Verrat durchleiden, genau wie Mona, die am Ende eine überraschende Entscheidung trifft.

Aus dem echten Leben

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Anna Hope: Was wir sind, Hanser Verlag 2020 € 22.-

Was sind wir? Und was ist aus dem Menschen geworden, der wir sein wollten? Die Freundinnen Hannah, Cate und Lissa sind Mitte dreißig. Einst bewohnten Sie ein altes Haus mitten in London und erlebten ihre aufregende Collegezeit zusammen. Mittlerweile wohnt nur noch die schöne Lissa dort. Sie, der alles in den Schoß zu fallen schien, hadert nicht nur mit ihrer schleppenden Schauspielkarriere. Ganz anders als die erfolgreiche Hannah, die mit ihrer großen Liebe verheiratet ist, ein Bilderbuchleben zu führen scheint, jedoch nicht schwanger wird. Und Cate, die dritte im Bunde, findet sich mit chronischem Schlafmangel, Mann, Kleinkind und einer Schwiegermutter in einer Kleinstadt wieder und weiß nicht mehr, was sie selbst ausmacht. Ihre Lebenswege haben sie voneinander entfernt und nicht nur in ihrer Freundschaft stellt sich die Frage: Was wollen wir, was können wir sein? Anna Hope gelingt es mit ihrer lakonischen Sprache ganz beiläufig mit Empathie und Humor die Hoffnungen, Stärken und Schwächen jeder Einzelnen und die Widrigkeiten der Lebenswege scharfsinnig zu beobachten. „Was wir sind" ist Unterhaltungs - Literatur im allerbesten Sinne des Wortes, mitreißend, mitfühlend und mit geschärften Blick fürs Leben! Mehr kann man sich nicht wünschen! Anne Brieger

Berührende Frauenschicksale

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Laetitia Colombani, Das Haus der Frauen, Fischer Verlag 2020 € 20,00

Zwei Geschichten, zwei Schicksale, die unähnlicher nicht sein könnten. Dennoch verbindet beide ein Haus in Paris, genannt der "Palast der Frauen". Entgegen aller Widrigkeiten kämpft Blanche Peyron, führende Kommissärin der französischen Heilsarmee, in den Zwanziger Jahren gegen die Armut auf der Straße. Ihrem Engagement ist es letztlich zu verdanken, dass der "Palais de la Femme" - ein Haus für Frauen, die einen geschützten Raum im Leben brauchen, - mithilfe von Spendengeldern und politicher Unterstützung realisiert werden kann. In genau diesem Palais wird die engagierte Anwältin Solene nach einerm traumabehafteten Burn Out wieder ihre ersten Gehversuche machen: sie arbeitet ehrenamtlich für einen Verein als Schreiberin. Jeden Donnerstag besucht Solene die Frauen im Palast, und mit ihr wird der Leser eine Geschichte der Bewohnerinnen nach der anderen erfahren. Kein Schicksal der Frauen verschiedener Herkunft und Nationalität ist leicht zu verdauen, doch am Ende weiß Solene genau wie ihre Mitstreiterin fast 100 Jahre zuvor, wofür es sich wirklich zu kämpfen lohnt. Ein zutiefst berührender Roman, dessen Intensität nach dem erfolgreichen Debüt der Autorin mit  "Der Zopf" laut danach schreit, dass der Leser seine Augen für andere Lebensentwürfe öffnet.

Unangepasst

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Ewald Arenz: Alte Sorten, Dumont Verlag 2019 € 20,00

Liss lebt und wirtschaftet allein auf dem großen Hof als Sally, ein junges Mädchen, zu ihr stößt. Die beiden verstehen einander zunächst fast ohne Worte, die sie dann doch nach und nach finden. Sparsam. mal vorsichtig, mal impulsiv, mit Angst, verletzt zu werden und doch auch selbst verletzend. Es spinnen sich zarte Fäden zwischen zwei Menschen, die das Gefühl miteinander teilen, in einer Familie und einem Umfeld leben zu sollen, das nicht zu ihnen passt. Sie stehen altersentsprechend an verschiedenen Positionen ihres Lebensweges, der Entscheidungen fordert. Mit gutem Gespür für seine Protagonisten und bereicherndem Blick in das Leben auf dem Land erzählt Ewald Arenz seine packende Geschichte, nach der der Leser Birnen mit neuer Aufmerksamkeit genießen wird.

Drei Frauen

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Dacia Maraini, Drei Frauen, Folio Verlagsgesellschaft, € 20,00

Drei Frauen, drei Genarationen unter einem Dach: die untypisch quirlige Großmutter, ihre in Briefen und Romanen schwelgende Tochter und die Enkelin, die das Leben ausprobieren will. In sehr unterschiedlicher Art sind sie alle drei an Männern interessiert; bei einem Mann kommen sie sich jedoch in die Quere. Das löst einen Ernstfall aus, der ihrer aller Leben auf den Kopf stellt. Ein schönes, schmales Frauenbuch!

Nichts rechtfertigt Gewalt

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nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2019, Jugendjury

Kristina Aamand: Wenn Worte meine Waffe wären, Dressler Verlag 2018 € 16,00

Kristina Aamand schreibt aus erster Hand. Als Tochter einer katholischen Dänin und eines muslimischen Palästinensers kennt sie das Spannungsfeld, in dem ihre Hauptfigur Sheharzerade aufwächst. She war sieben Jahre alt, als ihre Eltern nach Dänemark einwanderten. Hier hat sich Sheazerades Mutter zur strengen Muslimin gewandelt während den Vater, der als Journalist und Dichter verfolgt wurde, ein Kriegstrauma beherrscht. She ist 17 und hat sich freiwillig entschlossen das Kopftuch zu tragen. Es bietet ihr Schutz vor anzüglichen Blicken und Sprüchen der Jungs, macht sie aber auch zum Mobbingopfer. Als ihr Thea, ein Mädchen mit charmanter Selbstverständlichkeit und Offenheit, begegnet, verliebt sich She und bekommt ihren ersten Kuss. Ein Glücksgefühl dem die Bestrafung in der Familie auf dem Fuße folgt. In ihrer Community wird Gewalt an Frauen verübt, Gewalt aus Tradition und Ehre, die fern der Heimat gerade unter Mitwirkung der Frauen besonders stark verfochten wird. Obwohl das kunstfrei zusammengewürfelte Layout der eingestreuten Tagebucheintragungen im Buch eher stört als befruchtet, ist Aamand ein eindrücklicher, der neuen Heimat, ihrer Heimat augeschlossener Roman geglückt, welcher seine LeserInnen mitreißt in märchenhaft rauschende arabische Feste, in Frauenleid und den schwierigen Schritten eines gemeinsamen Lebens  zwischen Bewahren und Erkunden.

Familiengeschichte für Italienliebhaber

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 Margheritha Giacobino: Familienbild mit dickem Kind, Kunstmann 2016 € 22,00

Margherita Giacobino spürt ihrer Familiengeschichte nach, mit einem besonderen Augenmerk auf die Frauen. Von vier Generationen ganz einfacher Leute im Piemont erzählt sie: dem arbeits - und entbehrungsreichen Leben, von den zunächst hierarchisch geprägten, wortarmen Beziehungen. Als blätterte sie in einem Fotoalbum, lässt sie die Lebenssituationen in vielen kleinen Details vorüberziehen und fühlt sich in die Figuren ein. Diese italienische Familiengeschichte lässt den Leser eine vergangene Zeit und die Entwicklung zur Gegenwart nachvollziehen.

Tanzen, lieben, leben

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Maggie Shipstead, Dich tanzen zu sehen, dtv 2015 € 16,90

Joan träumt seit ihrer Kindheit davon, Ballerina zu werden. Ihr ganzes Leben ist danach ausgerichtet. Dann wird sie schwanger und alles ändert sich. Dieser Roman lässt den Leser hinter die Kulissen der schillernden Welt des Balletts eintauchen und erzählt gleichzeitig von Frauenfreundschaft, Liebesbeziehungen und Familienleben in spannendem, unterhaltsamem Ton.

Kunstbereichernde Beziehung

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Margret Greiner, Auf Freiheit zugeschnitten: Emilie Flöge, btb Tb 2016 € 10,99

Sie war einfach nur da“, sagt die Autorin in Gedanken über Emilie Flöge. Margret Greiner entwirft das Bild einer stolzen, disziplinierten Frau, die keinesfalls als Muse Gustav Klimts in die Geschichte eingehen wollte. Vielmehr wäre er ihre Muse gewesen, behauptet Flöge selbstbewusst, aber für die männliche Variante gibt es bis heute noch kein Wort. Greiners Ton ist keineswegs feministisch. Warum reichte Emilie Flöge eine platonische Partnerschaft zu ihrem Lebensmenschen Gustav Klimt? Und wie konnte sie es überhaupt neben diesem Weiberheld aushalten? Biographen möchten sich in der Regel einer Seele nähern, Unverständliches verständlich machen oder ihre Figur dem Image, welches sich die Gesellschaft von ihr gemacht hat, entreißen. Im Wien des fin de siècle war die Welt in Bewegung und die aufmerksame, kunstaffine, kreative Emilie nutzte zielstrebig die Möglichkeiten, die ihr das Umfeld bot zur Selbstverwirklichung, wobei sie den „kleinen“ Rollenunterschied, welcher zwischen Männern und Frauen in allen Lebensbereichen existierte, durch ihr Schaffen aufhob. Sie war eine zurückhaltende Akteurin, deren Leben von der Vernetzung mit den Wiener Werkstätten geprägt wurde. In Greiners Buch nehmen Klimt und Flöge fast gleichermaßen Raum ein. Eine Tatsache, die Emilie Flöge vermutlich nicht gestört hätte, denn der Focus liegt auf Ebenbürtigkeit. Über die Interna dieser Beziehung darf sich der Leser selbst sein Bild formen. Nur eins scheint unmissverständlich gewiss: Emilie schaffte es, sich ihr Leben lang treu zu bleiben, und lebte damit insgeheim eine Freiheit, die weit über ihre experimentellen Kreationen bequemer Frauenmode hinaus noch heute fasziniert.