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Jochen Till, Wiebke Rauers: Memento Monstrum, Coppenrath Verlag 2020 € 18,00

In seiner opulenten Aufmachung kommt Jochen Tills Memento Monstrum wie ein Hausbuch daher, ein Klassiker des Horrorgenres. Frohlockend schaut uns Opa Dracula aus dem Portrait ins Gesicht. Sein blutverschmierter Mund ist zu einem breiten Grinsen verzogen. Die kleinen Fledermauskrallen greifen aus dem Rahmen heraus. Opa Dracula ist 589 Jahre alt und macht den Eindruck eines unerschrockenden Vampires. Die Aussicht auf ein Wochenende allein mit seinen drei Enkelkindern bringt ihn allerdings um den Verstand, so wie die aufgehende Sonne. Bei den Vampiren hat die Emanzipation Einzug gehalten. Vlads Frau und seine Tochter wollen ein Wellnesswochende in Paris genießen und haben die drei Kinder kurzerhand bei ihm abgesetzt.
Rhesus, der Älteste, ist Opa keine große Hilfe. Er daddelt ununterbrochen auf seinem Handy herum und killt Werwölfe, währenddessen Vira und Globinchen in der Bibliothek Bücherhöhlen bauen. Wenigstens weiß Opa, wo sich Omas geheime Süßigkeitenvorräte befinden. Er liebt sie ja selbst, die Geschmacksrichtugen A und B der Blutlollis. Als Globinchen das alte Fotoalbum entdeckt, zerstreuen sich Opas Ängste, denn nun kann er von seinen spannenden Begegnungen und zahlreichen Abenteuern erzählen: der Yeti, der unsichtbaren Mumie, dem Werwolf Archie und natürlich dem gefährlichen Vampirjäger Van Helsing. Mit Opa Dracula reisen wir in die Vergangenheit und um die ganze Welt. Wie schon in Einfach ungeheuerlich ruht Jochen Tills Blick nicht auf dem Horror, sondern auf den Außenseitern, die er mit ihren Handicaps, ihren Stärken und ihrer ungebrochenen Zuversicht, einen Platz im Leben zu finden, liebevoll inszeniert. Der Yeti entpuppt sich als eine Die, mit elegantem, tänzerischen Können. Archie verwandelt sich bei Vollmond zum begnadeten Drummer, der sogar bei einem Notfall den Beatles aushelfen kann. Hier gewinnt Vlad sogar Rhesus' Aufmerksamkeit. Ist das wahre Leben doch differenzierter als seine Spielewelt? Opas Traum von einem Hund als Haustier wird enttäuscht, als er an seinem Geburtstag einen Fisch überreicht bekommt. Unglücklicherweise wächst dieser durch ein Missgeschick aus seiner Schüssel heraus zu einem hässlichen Ding heran und wird Opa Vlads bester Freund und Lebensretter. Jochen Tills Geschichten entspringen bei aller Ernsthaftigkeit einer Mischung aus Slapstick und unbeschwertem Kinovergnügen. Ganz ohne Blutzusatz können alte Familiengeschichten die Ohren zum Glühen bringen. Wenn die Nacht zum Tag wird ist auch Sprachwitz unvermeidlich. Die umfangreichen, lebendigen Illustrationen von Wiebke Rauers fesseln die Aufmerksamkeit junger Zuhörer. Ein rundum gelunger Geschichtenband zum Vorlesen oder Selberlesen, wenn die Tage wieder kürzer werden.
Header ©  Wiebke Rauers, mit freundlicher Genehmigung des Coppenrath Verlages