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Hansjörg Nessensohn: Mut. Machen. Liebe, Ueberreuter Verlag 2021 € 18,00

Deutschland Anfang der 60er Jahre: Helmut und Marlene haben sich verlobt. Marlenes Vater schafft ihr trautes Heim. Das Aussteuergeschirr darf auf der Einweihungsfeier zum ersten Mal benutzt werden. Einer glücklichen Zukunft mit Kindern steht nichts im Wege, wären da nicht die Bilder und Träume, die Helmut verfolgen. Sein Freund Gerdi versucht ihn mit unzüchtigen Handlungen vor der Ehe zu locken, derweil Martin knallhart Jagd auf Männer macht, die sich mit Männer treffen.
Das wäre wider der Natur. Dabei beruft er sich auf den Paragraphen 175,  der unter Bismarck formuliert, von den Nazis verschärft ins Bundesrepublikanische Recht übernommen wurde. Männer, die sich in ihrer Liebe zu Männern erwischen lassen, drohen bestenfalls Gefängnisstrafen, meistens auch Gewalt und Ausschluss aus der Gesellschaft. So setzt Helmut alles daran, selbst fest an sein Bild als Ehemann zu glauben, bis der lebenslustige Enzo auftaucht und Helmut jeden Tag schwerer an seiner Situation tragen lässt. Von Helmuts Geschichte erfahren wir durch Liz, die sich heute, 80jährig, auf den Pilgerweg nach Rom gemacht hat. Gleich am ersten Tag schließt sie Bekanntschaft mit dem jungen Paul. Auch er ist auf dem Pilgerweg unterwegs, seine Gedanken sortieren, sich selbst zu finden. Er steht noch am Anfang seines Lebens, in dem er mit der Liebe zu einem Jungen kämpft. Helmuts Geschichte bannt ihn und die Leser*innen gleichermaßen. Wer ist die forsche alte Dame? Was will mit der übernächsten Generation teilen? Blickt man auf die 50er und 60er Jahre in Deutschland zurück, ist  das Leben queerer Menschen leichter, die Akzeptanz größer geworden. Selbstverständlich ist es noch lange nicht. Mehrere vertrackte und berührende Liebesgeschichten in diesem Buch zeugen davon.