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Michael Frank: Schmalensee, Picus Verlag 2020 € 22.-

Die Holzbaracken von Schmalensee lagen verstreut am Fuße des Karwendels, im Voralpenland um Mittenwald. Sie waren die ehemaligen Unterkünfte des Reichsarbeitsdienstes. Als Jüngster und achtes Kind wurde Michael Frank dort in eine Großfamilie hineingeboren. Ein Nachkriegskind. Die Lebensverhältnisse seiner Familie waren sehr bescheiden, streng katholisch und von wilder Natur umgeben. Der Vater, ein angesehener Instrumentenbauer, die Mutter, eine von der Arbeit für die Familie vollkommen besetzte, zurückhaltende Frau. Auf seiner literarischen Suche nach den Spuren kindlicher Erinnerung folgt Frank einem Pfad, auf dem alles und jedes seine Eigenart hatte. Das eine wurde in seiner unerklärlichen Existenz wahrgenommen und gelebt, das andere erklärte das Kind sich selbst. Die Kinder waren in der Regel sich selbst überlassen. Und manches erschien später, aus der Distanz in einem völlig anderen Licht. Auf diesen drei Ebenen überrascht Frank immer wieder. Meisterhaft jongliert er seine Eindrücke in Vor- und Rückblenden über die Buckelwiesen mit ihrer duftenden Heumad. Er schickt sein kindliches Ich an steilen, steinigen Schrofen auf den Weg über den Abgrund zwischen Leben und Tod: sommers barfuss mit seinen im weichen Teer festklebenden Füßen, winters auf den langen Schulweg im dramatischen Kampf mit dem Schnee, in gefrorenen Strümpfen und lausigem Schuhwerk. Wie musikalische Improvisationen über das Eingangsthema wirken die physikalischen Märchenhaftigkeiten. Sie verdichten und vervollkommen die inszenierte Atmosphäre. Anrührend wirkt das Familienleben, wenn der Vater mit Hilfe aller die schweren Holzkisten mit den Noten, Fiedeln und Gamben auf Gepäckträger und Lenker des einzigen Fahrrades der Familie stapelte, um mit der kostbaren Fracht bergab dem Bahnhof entgegenzuschlingern. Auf seinem Rückweg schob er die Kisten hinter dem Haus aus dem Zug, sodass sie den Bahndamm hinab fast zur Haustür wieder hinein rollen konnten. Als sich für Frank der geschlossene Kosmos seiner Kindheit endlich mit dem Leben im Internat und Familienbesuchen zu öffnen begann, bildet der Bau der Mauer ein neues Hinderniss und den Schlusspunkt dieser Geschichte. Frank zeichnet die Lebenswelt des Werdenfelser Landes der Nachkriegszeit mit beeindruckender Intesität. Die tänzerische Leichtigkeit der Renaissancemusik, die Mutter und Vater zu spielen verstanden, blieb für das letzte Kind ein einmaliges Erlebnis. Seine Bilder erfüllen den Raum, fesseln und berühren. Sie lassen mitfiebern bis die physikalische Overtüre auf den letzten Seiten ihre grandiose Auflösung findet. Für mich wird seine Geschichte nun immer mitschwingen, beim Anblick der Karwendelspitzen, einer Schneeschuhtour über die Buckel zwischen Mittenwald und Krün, oder einer Bergwanderung auf die Dammkarhütte. Auch Seethaler Lesern sei dieses Buch ans Herz gelegt.