Articles tagged with: Deutschland

Emotional und gut recherchiert

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Claire Winter: Die geliehene Schuld, Diana Verlag € 22,00

Dieser Roman lässt die Zeit nach dem 2.Weltkrieg in Deutschland nacherleben: Die kaputten Städte, der Verlust geliebter Menschen, die Sehnsucht nach einem Leben in Frieden. Vier junge Menschen werden sich in ihrem Wunsch, Wahrheiten über fatale Taten herauszufinden, in Lebensgefahr begeben. Denn Fragen nach Schuld und Vertuschung sind unerwünscht. Im Gegenteil: in der neuen Bundesrepublik werden zentrale Posten von ehemaligen Nationalsozialisten besetzt. Der Roman liest sich leicht und spannend, ist emotional packend und gut recherchiert.

Deutschland, Texas, Utah

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Hannes Köhler: Ein mögliches Leben, Ullstein Verlag € 22,00

1944 in der Normandie: Franz, ein junger deutscher Soldat, wird Kriegsgefangener der USA. Auf der Schiffspassage lernt er Paul kennen: Amerikaner mit deutschen Wurzeln, der gegen den Willen seiner Eltern freiwillig als Wehrmachtssoldat nach Deutschland gegangen war. Sie werden nicht nur Freunde sondern auch "Prisoners of war". Sie merken sehr bald, dass es auch innerhalb des Gefangenenlagers Fronten gibt: die weiterhin Nazitreuen und die, die sich vom Hitlerregime und dessen Kriegshandlungen distanzieren. Es bleibt nicht bei Worten und Drohungen sondern kommt zu brutalen Angriffen bis hin zu Mord. Umrahmt wird dieser zeitgeschichtlich spannende Teil des Romans von der Familiengeschichte der Hauptfigur Franz. Aus was für einer Familie kommt er, wie wirkt sich das Erlebte auf seine Beziehung zu Frau und Tochter aus und was geschieht zwischen ihm und seinem Enkel, als dieser mit dem inzwischen fast 90-jährigen an die Orte seiner Vergangenheit in Texas und Utah reist? Ein sehr gut geschriebener, fesselnder Roman über ein ganz besonderes Kapitel des 2. Weltkrieges in Verknüpfung mit einer Familiengeschichte, die zum Nachdenken anregt.

Schöne nationale Zukunft?

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Martin Schäuble: Endland, Hanser 2017 € 15.-

Wie sähe es in Deutschland aus, wenn eine nationale, völkisch gesinnte Partei wieder an die Macht käme? Martin Schäuble hat vor allem das Kleingedruckte des  Wahlprogrammes der AfD genau studiert und die Vorschläge und Maßnahmen, welche diese Partei in Zukunft ergreifen möchte, Wirklichkeit werden lassen. Soldaten und Wachschutz braucht ein zukünftiges Deutschland, die Mauern und Zäune, die wieder errichtet wurden, zu bewachen. Mit dem jungen Soldaten Anton und seinem Freund Noah begibt sich der Leser auf nächtliche Grenzinspektion. Als die Wärmebildkamera anschlägt, weil Flüchtlinge versuchen nach Deutschland zu kommen, sollen die Jungs schießen. Während Anton Systemkonform lebt, beginnt Noah über viele Dinge zu stolpern, die ihn, rege denkend, in den Widerstand treiben. Nichts ist eigentlich neu an diesem Roman und einiges bleibt stereotyp. Und doch, ist dieser Roman gerade für junge Leser eine sehr empfehlenswerte wie packende Letüre. Zum Einstieg in politisches Denken und Handeln sowie zur Bewusstwerdung von Gesellschaftsprozessen geeignet. Aktueller und Wichtiger denn je! Katrin Rüger

Das Salz in der Suppe

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Marc-Uwe Kling: QualityLand, Ullstein Verlag 2017 € 18.-

In kurzen bühnentauglichen Episoden erzählt Kling in seiner Gesellschaftssatire QualityLand vom smarten Leben in einem zukünftigen Deutschland, das  zu 100 Prozent von Algorithmen bestimmt wird. Widerstand zwecklos. Das ist doch nicht die Zukunft, das ist fast die Gegenwart, denkt die Leserin, die ihr herzhaftes Lachen bei dieser Lektüre auch nachdenklich macht. 159x schauen wir schon heute im Durchschnitt täglich auf unser Smartphone und teilen unser Leben mit Maschinen. Peter Arbeitsloser, die Hauptfigur dieses Romans, trägt sein Smartphone als persönlichen Assistenten im Ohr: den Ohrwurm. Er diskutiert mit seinem selbstfahrenden Auto über das Wetter, Musikfragen und bezahlt die Fahrt per "Toch Kiss" auf seinem Pad. Die Welt ist an exponentiellem Wachstum erkrankt. Geradlinig, wohlstandssatt und zufrieden leben die Menschen das Mantra der 2er Potenz und stellen einen Androiden, John of Us, als Kanditaten zur kommenden Wahl auf. Dieser Wahlkampf, ein Kopf an Kopf Rennen zwischen der Fortschrittspartei und einer Rechts-Rechts Koalition, bildet die Gegenwelt zu Peter Arbeitsloser, der mit einer Warenlieferung von "The Shop" kämpft, die er weder bestellt hat noch behalten möchte. Diese klassisch duale Inszenierung garantiert schnelle Eingewöhnung, auch wenn das Werk mit Zwischeninformationen, Werbeeinblendungen und Posts gestört wird, die sich im Übrigen in der hellen (optimistischen) und dunklen (apokalyptischen) Ausgabe unterscheiden, denn Personalisierung macht auch vor der Literatur nicht halt. Maschinen wirken menschlichlicher als die Menschen. So hat Peter Arbeitsloser, von Beruf Maschinen Verschrotter, in seinem Keller eine illustre Sammlung ausgedienter Wesen angehäuft: Ein Kampfroboter mit Persönlichkeitsstörung, einen lustlosen Sexroboter, ein pinkfarbenes Pad aus dem das Känguru spricht und eine E-Poetin, Kalliope 7.3, mit Schreibblockade, der wir am Ende diesen Roman verdanken werden. Schöne neue Welt? Wenn wir nicht bald den "German Code" knacken, werden wir von Maschinen regiert. Was für ein Glück, dass das seltsam bekannt rebellische, kommunistische, pinkfarbene QualityPad schon ganz dicht dran ist....Wir wünschen ihm viele, viele Anhänger und Mitstreiter!

Subtile erzählerische Köstlichkeit

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Birgit Müller-Wieland: Flugschnee, Otto Müller Verlagsgesellschaft, € 20,00

Spurensuche

Die Vergangenheit schlummert in uns, wacht auf, irritiert uns und lässt uns plötzlich Begreifen - Lucy, eine junge Frau in Berlin, ist auf innerer Spurensuche, die ihr das Verschwinden des Bruders erklären kann. Was geschah im WInter vor 20 Jahren? Was erlebten damals sie und ihr Bruder als Kinder, was ging in ihren Eltern und Großeltern vor? Es ist faszinierend, wie Birgit Müller-Wieland Gedanken, Gefühle, Seelenzustände und Atmosphären beschreiben kann. Ihr Roman ist eine vielschichtige Komposition und während der Leser mit der Protagonistin nach Antworten sucht, stehen diese ganz unvermutet im Raum. Ein Familienroman ganz besonderer Art!

Wie lebt man Demokratie?

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Herbert Günther: Der Widerspruch, Gerstenberg 2017 € 16,95

Vier Generationen, sagt man, braucht es, ein ditatorisches System aus den Köpfen der Menschen zu bekommen und ein neues, demokratisches, Selbstverständlichkeit werden zu lassen. Für die Jugendlichen der ersten Generation nach dem Krieg war es nicht leicht, dem Alten zu widersprechen und das Neue zu leben. Herbert Günther entwirft und begleitet, für die Schullektüre bestens geeignet, vier jugendliche Charaktere in die Zeit der 60er Jahre der noch jungen Bundesrepublik. Reni, Jonas, Britta und Robert sind kurz nach dem Krieg geboren und gehen 1963 in die 9. Realschulklasse. Robert, der Verantwortungsbewusste, bringt sich als Chefredakteuer der Schülerzeitung und als Klassensprecher in die Gemeinschaft ein. Britta, die Außenseiterin, als Ossi aus Stralsund geflüchtet, vertritt unbeirrt offensiv  ihre demokratische Meinung. Reni, die Aussteigerin, fühlt sich zu erwachsen für schulischen Auseinandersetzungen. Ihr Ziel ist die Stadt. Raus aus der bedrückenden Enge des Landes. Und Jonas macht einen vorsichtigen Vorstoß, der Wahrheit um seiner Person näher zu kommen, indem er seinem Wunsch nach männlicher Nähe nachgibt. Homosexualität? Das Wort ist noch kaum in Gebrauch. Für fast alles, was im zweiten Weltkrieg geschah, an dem alle Eltern Mitbeteiligung hatten, wird beherrschend und machtvoll geschwiegen. Jeder ist vorrangig mit sich selbst verstrickt. Der Raum für das Gemeinsame wird von dem Kampf ums Eigene stark eingeschränkt. Wie kann man sich gegen Ungerechtigkeiten benennen oder Licht ins Dunkel bringen? Fritz Kolbe, der Student mit dem Reni sich einlässt, lebt aktiven Widerstand in Selbstjustiz gegen Ex-Nazis. Es kommt zu einem Anschlag und zur Anklage, bei der sich bald auch die Jugendlichen im Polizeipräsidium einfinden müssen. Herbert Günther lässt Kriminalkommissar Johannes Lembeck das letzte Kapitel und das letzte Wort, lässt ihn sogar fünf Jahre später, 1968, rückblicken. Er, der Idealist, ist Kommissar geblieben, und hat versucht, allen Widerständen zum Trotz, sich für das Land einzusetzten. Und heute, fast 50 Jahre und drei Generationen weiter, möchte man sagen: Es hat sich doch was bewegt. Aber vermutlich ist dies nicht das Ende sondern wieder ein neuer Anfang und wir müssen uns weiter einsetzen, Widerspruch statt blinder Populismus, um die Demokratie am Leben zu erhalten.

Gewissenhaft & Geistreich

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Lyndal Roper: Der Mensch Martin Luther, S. Fischer 2016 € 28.-

Zwei Reiseführer in die Reformation: Was hat Luther so standhaft gemacht? Woher nahm er seine Überzeugung? Wie stellte er sich seinen Zweifeln und Ängsten? Zehn Jahre umfassender Recherche gingen diesem Buch voraus, dass sich, in Nachwendezeiten, nicht nur dem süddeutschen Raum, sondern mit frischem Blick Luthers Leben und Wirken im ostdeutschen Raum zuwendet. Lyndall Roper, Spezialistin des ausgehenden Mittelalters in Deutschland, schaut Luther fast psychoanalytisch in die Seele und lässt ihre Leser tief in diese bewegten Zeiten zwischen Gottesfürchtigkeit, geistreicher Rebellion und Reflexion eintauchen. Eine fesselnde Biografie, ein großer Kulturführer für alle, die es ganz genau wissen wollen.
In spielerischer Leichtigkeit präsentieren Christian Nürnberger und Petra Gerster das große Ganze für Jung und Alt: den Marco Polo Reiseführer zur Schwelle der Neuzeit. Augenzwinkernd betrachten sie legendäre Ereignisse und verweisen auf die Synergien zwischen Luthers Schaffen und Gutenberg, Kolumbus und Kopernikus. Ergänzt um ein Kapitel über Katharina von Bora bietet der kurzweilige Text ein schnelles Update und experimentiert mit Parallelen und Fragen nach Lösungsansätzen zu unserer aktuellen gesellschaftlichen Lage. Katrin Rüger

Historisch und literarisch sensationell

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Francoise Frenkel: Nichts, um sein Haupt zu betten, Hanser Verlag 2016 € 22,00

1943 geschrieben und veröffentlicht, auf einem Flohmarkt in Nizza wiederentdeckt, 2015 in Frankreich neu aufgelegt und in diesem Jahr erstmals ins Deutsche übersetzt: Francoise Frenkel, eine junge polnische Jüdin, die in ihrer Begeisterung für die französische Literatur 1921 die erste französische Buchhandlung in Berlin eröffnete, erzählt von ihrem Leben. Ihrem erfolgreichen Engagement für die Literatur wird 1939 mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten ein Ende gesetzt. Sie flieht nach Paris und von dort aus quer durch Frankreich bis nach Nizza. Hier erlebt sie sowohl die Nöte des Überlebens im besetzten Frankreich als auch die couragierte Hilfsbereitschaft in der französischen Bevölkerung. Der Leser folgt gebannt ihren Beobachtungen in Freiheit, im Versteck, auf der Flucht, im Gefängnis. Beim 3. Versuch wird ihr die illegale Überquerung der Grenze in die Schweiz gelingen, gleich danach hat Francoise Frenkel das vorliegende Buch verfasst. Ein außergewöhnliches Zeugnis, ein historisch und literarisch sensationeller Fund.

 

Brandaktuell

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Deutschen Jugendliteraturpreis der Jugendjury 2016

Peer Martin, Sommer unter schwarzen Flügeln, Oetinger 2015, € 19,95

Die Zahl der Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte in Deutschland hat sich in den letzten fünf Jahren geschätzt verfünfzigfacht. Im syrischen Bürgerkrieg starben in den letzten zwei Jahren über 470.000 Menschen (Die Zeit, 11.02.2016). In Sommer unter schwarzen Flügeln bringt die Syrerin Nuri dem Neonazi Calvin ihre Erfahrungen während der Anfänge des Arabischen Frühlings, die verschiedenen politischen Gruppierungen, das Leid der syrischen Bevölkerung und die Geschichte ihrer Flucht nach Deutschland näher, während Calvin mit seiner Gang einen Anschlag auf das Flüchtlingsheim plant. Nuri erzählt märchenhaft und poetisch, Calvin drastisch und ungeschliffen. Verbindend sind Erfahrungen mit Gruppenzugehörigkeit, Ausgrenzung und Gewalt, die sowohl Nuri als auch Calvin zu vielschichtigen Charakteren reifen lassen. Mit den Protagonisten gewinnt der Leser Verständnis für beide Perspektiven. So wird er mehr und mehr von der Geschichte in den Bann gezogen und von ihrer Tragik berührt. Dieses beeindruckend ehrliche und mit viel Herzblut geschriebene Buch basiert auf gut recherchierten Fakten. Jedes Kapitel wird mit einem provokanten Zitat eröffnet und mit Anregungen zur weiterführenden Internetsuche abgeschlossen, wodurch das Buch über sich selbst hinausweist und zur Reflexion über die aktuelle politische Lage anregt. (Jurybegründung)

Aufbruch zu neuen Ufern

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Mehrnousch Zaeri-Esfahani, 33 Bogen und ein Teehaus, Peter Hammer Verlag 2016 € 14,90

Vater Rhein bekam seinen Namen vom gemütlichen „rinnen“. Flüsse fließen und strömen allerorten auf der Erde. Wasser verbindet. Wasser ist in ständiger Bewegung. Wasser heißt Leben. Mehrnousch Zaeri-Esfahni formt mit ihren gewässerbezogenen, geografischen Einleitungen aller Kapitel den umfassenden Ton, das allgemeingültige Bild ihrer persönlichen Fluchtgeschichte. Mitte der 80er Jahre kam sie vom Iran mit Zwischenstopp in der Türkei über die DDR in die Bundesrepublik. Der Zayandeh Rud, der „Leben spendende Fluss“ tost im Iran die Berge hinab, um in der Ebene die stolze Stadt Isfahan zu durchqueren. Die Mauer ungeachtet verbindet die Spree Ost- und West-Berlin. Der Neckar ist ein „Wilder Geselle“ in romantisch, gewundenem Bachbett. Heidelberg wird die Endstation einer jahrelangen Flucht. Hier machte die Autorin 1994 ihr Abitur.

Djihad Paradise

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Anna Kuschnarowa: Djihad Paradise, Beltz Tb 2016 € 8,95

In Djihad Paradise von Anna Kuschnarowa geht es um Romea und Julian. Romea kommt aus einer reichen Familie, in der die Eltern rund um die Uhr arbeiten und kaum Zeit für ihre zwei Töchter haben. Alles ist geplant und das nervt Romea ziemlich. Julian kommt neu in ihre Klasse. Er dealt mit Drogen und beteiligt sich (eher unfreiwillig) auch an Diebstählen, um sich und seinen Vater, der arbeitslos ist, über Wasser zu halten. Die beiden verlieben sich ineinander und wollen abhauen, weil sie ihr Leben nicht mehr aushalten. Sie fliehen nach Barcelona, doch dort greift die Polizei Julian auf und er muss für sechs Monate ins Gefängnis, da die Polizei ihn wegen seinen Drogengeschäften schon länger im Auge hatte.Julian teilt sich seine Zelle mit Murat, einem überzeugten Salafisten. Anfangs ist Julian skeptisch, doch als er das Beten selbst einmal ausprobiert, ist er begeistert. Er möchte immer mehr über den Islam erfahren und irgendwann schafft er es, die zweifelnde Romea anzustecken. Beide sind völlig gefesselt von der neu entdeckten Religion und ziehen bald bei der Salafiyya-Bruderschaft ein. Romea und Julian tauchen immer mehr in die Tiefen dieser fundamentalistischen Untergruppe des Islam ein, doch macht sie das auch glücklich?

Gefährliche Energiekonzerne

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Eva Ladipo, Wende, Picus Verlag 2015, € 22,90

Der Titel des Buches ist Programm. In diesem Roman erfährt man sowohl über die Energiewende als auch über die politische Wende in Deutschland. Beides unter einen Hut zu bekommen, ist ein großes Unterfangen. Und so erfährt der Leser, dass Klimaschutz und Atomausstieg nicht zusammengehen, oder warum die Grünen dank geheimer Stasiunterlagen ihren großen Aufschwung in Hessen hatten. Aber der Leser blickt  auch in das ganz normale Leben einer kleinen ostdeutschen Stadt, der die Hauptfigur des Romans, Rene Hartenstein, entkommen ist. Er zählt zu denen, die ´es geschafft haben`. Ein ehrgeiziger Jurist, der just in dem Energiekonzern in Frankfurt gearbeitet hat, in dem auch ein Selbstmordopfer zu beklagen ist. Nur… daran glaubt Rene nicht. Und der Leser weiß, warum: Denn am Anfang des Buches steht ein brutaler Mord an dem frisch entlassenen Juristen Martin Jäger, der wohl zu viel wusste. 

Diskussionsgrundlage

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Meike Roth-Beck, Klaus Ensikat, Von Martin Luthers Wittenberger Thesen, Kindermann Verlag 2015 € 19,90

Mit großer Präzision eröffnet sich dem Betrachter die spätmittelalterliche Lebenswelt. Vielschichtige und detailgenau inszeniert das Bild den herausragenden Text. Beides möge als Anstoß für Entdeckungen und Gespräche dienen, so wie Lutzer, damals, seine Thesen als Diskussionsgrundlage sah. Ein simmiges Moasaik, dessen Entdeckung keinesfalls bis 2017 warten sollte.

Sommerleicht für junge Erwachsene

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Christiane Neudecker, Sommernovelle Luchterhand 2015, € 16,99

Die beiden fünfzehnjährigen Mädchen Panda und Lotte, die nach Tschernobyl die Umwelt retten wollen, leisten im Sommer 1989 zwei Wochen ökologischen Dienst in einer Vogelstation auf Sylt. Dort werden den so idealistischen Mädchen merkwürdige Aufgaben zugeteilt, sie treffen auf einen desillusionierten Professor, einige Studenten und Rentner. Einer von ihnen wird zum väterlichen Freund von Panda, die mit ihm ihre Liebe zu Büchern und Geschichten teilt. Lotte begegnet dagegen dem Studenten Julian. Aber was auch passiert, die Mädchen bleiben beste Freundinnen. Später kehrt Panda, erwachsen geworden, noch einmal nach Sylt zurück, und denkt über diesen besonderen Sommer nach.Die Sprache schafft eine schöne, greifbare Atmosphäre, die Landschaften entstehen leicht vor dem inneren Auge, trotzdem wird nicht zu dick aufgetragen. Es wird nicht alles explizit ausgesprochen, die Sprache ist leicht, ruhig.Das Thema Umweltschutz und die Frage "Wie kann man als Einzelner die Welt verändern? Scheitert der Idealismus irgendwann an der Realität?" ist ja immer noch hochaktuell, das macht das Buch zusätzlich spannend. Viele Szenen sind mir im Gedächtnis geblieben: wie die beiden Mädchen, die sonst nur mit dem Fahrrad fahren, bei ihrer Ankunft mit dem Auto abgeholt werden; wie eine Party auf der Station gefeiert wird oder wie Panda das Meer auf der Suche nach der versunkenen Stadt Rungholt beobachtet. Von außen unscheinbar, ist Sommernovelle ein wunderschönes Buch, eine Mischung aus neuen und alten Freundschaften, weiten Landschaften, skurrilen Orten und Menschen, Umweltschutz, nüchternen Zahlen und literarischen Fantasiewelten. Claire, 19 Jahre

Tu was!

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Christian Nürnberger, Die verkaufte Demokratie, Ludwig Verlag 2015

„Man muss nicht fragen, ob das, was man tut, Erfolg haben wird, sondern man muss fragen, ob es sinnvoll ist, und dann muss man es tun.“

Eigentlich weiß man das alles ja schon, was Nürnberger von Deutschland und der Welt berichtet. Doch in der Zusammenschau, in seiner Stringenz der Entwicklung von den 80ern bis heute, sind die Tatsachen, die unser Leben heute beherrschen, erschütternd.  Doch Nürnberger hätte dieses Buch nicht geschrieben, sähe er nicht Möglichkeiten Dinge zu ändern. Auf den großen politischen Coup zu warten ist aussichtslos. Im Kleinen, Schritt für Schritt, jeder an seiner persönlichen, demokratischen Front hingegen, kann handeln. Wenn wir es alle täten, hätten wir auch die Macht. Es ist noch nicht so lange her, da haben wir nicht verstehen können, warum unsere Großeltern stumm zugesehen oder mitgemacht haben, statt zu handeln. Jetzt sind wir es, die mitmachen: bei Google, bei Amazon, bei Apple und Facebook. Dieses Buch macht Mut klar zu denken und es liefert das Handwerkszeug Demokratie zu leben, damit auch unsere Kinder in Frieden, Freiheit und Wohlstand leben können. 

Jugendlicher Fundamentalismus in Deutschland

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Martin Schäuble: Black Box Dschihad, dtv € 9,95

Der Dschihad erscheint vielen als Black Box, bei der wir zwar sehen, was herauskommt -der Anschlag-, bei der wir aber keinen Einblick ins Innere des Geschehens haben.“ sagt der Autor in seinem Vorwort und wünscht sich dabei dem Leser Einblicke gewähren zu können.
Mit Daniel aus Deutschland, der für einen Bombenanschlag ausgebildet wurde und heute im Gefängnis sitzt und Sa´ed aus dem Westjordanland, welcher sich mit 17 Jahren als lebende Bombe in die Luft sprengte versucht Martin Schäuble zwei Biographien nachzuzeichnen und Motive zu ergründen. Seine Recherchearbeit war imens, seine äußerlich beschreibenden Details minutiös. Allein einen Annäherung an die Gedanken und Gefühle dieser Menschen aber, will einfach nicht gelingen. Die sprunghaften Veränderungen Daniels bleiben widersprüchlich, die Entwicklung Sa´ed dagegen scheint logisch und fast unabdingbar, obwohl der Autor nach Entwicklung aller zueinander passenden Fakten immer wieder betont, dass sich auf dieser Basis auch ganz viele Jugendliche in Nablus nicht für den Krieg entscheiden. Die Suche nach dem „Klassischen Millieu“, welches aus Menschen Terroristen oder „Mutige Menschen“ macht, kann nicht gelingen, dass wissen wir doch seit Christian Nürnberger. Gern hätte die Leserin an manchen Stellen mehr Hintergrundinformation und Zusammenhänge über die Sache an sich bekommen, anstelle mancher gebetsmühlenartigen Wiederholungen. Auch ist sie in keinster Weise einem Glauben verhaftet, doch trotzdem vermutet sie, das in der Sache der Gotteskrieger der Glaube und die Rolle des Gläubigen und die sich daraus ergebende Sicht auf die Welt eine sehr zentrale Rolle spielt. Dieser stark emotionsgeladene Teil menschlichen Seins findet in dem sehr nüchternen gehaltenen Buch keinen Weg ins gedankliche Verständnis des Lesers.

 

Luft & Sonne

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Sabine Ludwig, Schwarze Häuser, Dressler Verlag € 14,99

Deutschland vor vierzig Jahren: Vier Mädchen werden zusammen mit vielen anderen Kindern zur Erholung für 6 Wochen in ein Kinderkurheim geschickt. Uli, Fritze, Freya und Anneliese. Zuerst nur Zimmerkameraden doch dann wurden sie gute Freundinnen. Doch das Kurheim ist alles andere als Urlaub. Das Essen ist grausam, die Kinder dürfen nur einmal in der Woche duschen und die Strafen sind grausam. Doch die Strafen stehen sie gemeinsam durch. Kurz vor dem Ende der 6 Wochen, an dem ersten Advent verschwindet Freya. Wo ist sie hin verschwunden? Uli, Fritze und Anneliese machen sich während des Weihnachtsvorspiel auf den Weg, um Freya zu finden und entdeckten sie im Watt. Dieses Buch ist spannend und witzig. Man kann sich in die Charaktere gut hineinversetzen. Man merkt, das Sabine Ludwig aus ähnlicher Erfahrung schreibt. Man schmeckt das Essen und man fühlt mit den leidenden Mädchen mit, zB die vielen Ohrfeigen. Von mir bekommt das Buch die Schulnote 1. Anna, 12 Jahre

Russlanddeutsch

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nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis Jugendbuch 2009

Arlina Bronsky, Scherbenpark, Kiepenheuer & Witsch Tb € 9,99

Manchmal denke ich, ich bin die Einzige in unserem Viertel, die noch vernünftige Träume hat. Ich habe zwei, und für keinen brauche ich mich zu schämen. Ich will Vadim töten. Und ich will ein Buch über meine Mutter schreiben.“ [Zitat aus: Scherbenpark, Bronsky, Alina]

Mit diesen Worten beginnt die 17-jährige Sacha, ihre Geschichte zu erzählen. In ihrer Kindheit aus Russland nach Deutschland emigriert, lebt sie hier zusammen mit ihren zwei kleinen Geschwistern und ihrer Großtante im Solitär, einem heruntergekommenen, hauptsächlich von Russlanddeutschen besiedelten Viertel. Wo ihre Mutter ist, wird schon auf den ersten paar Seiten erläutert. Ermordet, vom eigenen Ehemann, Saschas Stiefvater Vadim. Sacha schwebt seit dem in vielfältigen Tötungsfantasien von Vadim. Die Geschichte von Sacha, die sich in der von Deutschen geprägten Schule, aber auch im hoffnungslosen, dreckigen Solitär behaupten und gleichzeitig mit den Folgen des Todes ihrer Mutter fertig werden muss, wird im Laufe der Handlung noch um eine weitere Facette erweitert: Der deutlich ältere Zeitungsredakteur Volker und dessen Sohn Felix, zu denen beiden sich Sacha sehr angezogen fühlt, was auf beide Personen ebenfalls zutrifft. Ganz schön viele Handlungsstränge...

Im Jugendwerkhof

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Foto: Grit Poppe im Gespräch mit den Bücherfressern auf der Frankfurter Buchmesse. Zum Interview hier...

Grit Poppe,Weggesperrt, Oetinger Tb € 6,95

DDR 1988/89: Als Anjas Mutter beim Verteilen von Flugblättern erwischt wird, wird Anja ihrer Mutter weggenommen und kommt zur „besseren Erziehung“ in einen Jugendwerkhof. Dort ist es wie in einem Gefängnis: Stahltore, Gitter, Willkür, Einzelhaft. Anja versucht zu fliehen und hätte wohl keine Chance, wenn nicht die politische Welt in Leipzig gerade mit montäglichen Demonstrationen oder deren Verhinderung beschäftigt wäre. Eines der wenigen Jugendbücher, die auf erschreckende Weise Jugendalltag im diktatorischen Regime der DDR schildern.

drüben!

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nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis Sachbuch 2010

Simon Schwartz, drüben! Avant Verlag € 14,95

Drüben ist eine Graphic Novel, die vor allem in schwarz, weiß und grau gehalten ist und so gut zu der Stimmung in der DDR passt. Der Autor erzählt die Geschichte von sich und seinen Eltern, die aus der DDR fliehen wollen. Doch deren Eltern, die überzeugte Bürger der DDR sind, fassen die Flucht nicht gegen das unterdrückende System, sondern gegen sich selbst gerichtet auf. Ich fand das Buch gut, es liest sich schnell  und ist sehr interessant, aber "Such dir was aus, aber beeil dich" zum Thema DDR ist noch origineller.