Articles tagged with: Geschwister

Spurensuche

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Birgit Müller-Wieland: Flugschnee, Otto Müller Verlagsgesellschaft, € 20,00
Die Vergangenheit schlummert in uns, wacht auf, irritiert uns und lässt uns plötzlich Begreifen - Lucy, eine junge Frau in Berlin, ist auf innerer Spurensuche, die ihr das Verschwinden des Bruders erklären kann. Was geschah im WInter vor 20 Jahren? Was erlebten damals sie und ihr Bruder als Kinder, was ging in ihren Eltern und Großeltern vor? Es ist faszinierend, wie Birgit Müller-Wieland Gedanken, Gefühle, Seelenzustände und Atmosphären beschreiben kann. Ihr Roman ist eine vielschichtige Komposition und während der Leser mit der Protagonistin nach Antworten sucht, stehen diese ganz unvermutet im Raum. Ein Familienroman ganz besonderer Art!

Ernst genommen werden

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Maria Jönsson: Schnulleralarm, Hanser 2017 € 12.-

Ein wunderbares Plädoyer für die Selbstbestimmung - und ist man noch so klein. Valdemar ist schon groß, aber auch noch klein. Papa findet, der Schnuller kann nun weg und greift zu rigerosen Methoden der Schnullervernichtung. Valdemar findet immer wieder einen Ersatz. Er liebt seine Schnuller. Als seine kleine Schwester ihren Schnuller verlegt wächst Valdemar über sich hinaus und wird ein hilfsbereiter, schnullerteilender, großer Bruder. Ein schönes Ende aus Erwachsenensicht. Aber weit gefehlt. Das Miteinander gestaltet sich schwieriger, denn Miteinander bedeutet, dass beide Seiten bestimmen dürfen. Valdemars erste  Nacht ohne Schnuller ist schrecklich. So schnell geht das Abgewöhnen nicht. Am Ende entscheidet Valdemar selbst, wann es ohne Schnuller geht, und wann er ihn noch braucht. Diese Tatsache, dass "groß werden" nicht nur altersgerechte Mitbestimmung sondern auch Ernst genommen zu werden bedeutet und diese Selbstbestimmung schon sehr früh beginnen kann, ist sicher der schwierigere, aber richtige Weg zu einem guten, verständigen Dialog mit dem Kind.

Zum Lachen, Mitfühlen, Träumen und Hoffen

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Christian Duda: Gar nichts von allem, Beltz & Gelberg 2017 € 12,95

Revolution ist machbar, Herr Nachbar.“ Diese Parole der 68er verirrt sich vorerst nur des schönen Reimes halber in Magdis Heft. Kein Tagebuch, nein, 35 brillante Berichte zum Lachen, Mitfühlen, Träumen und Hoffen fügt Christian Duda, alias Achmed Gad Elkarim in Magdis Namen hier zusammen. Autobiografische Anteile sind unverkennbar, Fettflecke, Saftglasränder, Gedankenkritzelein, und die Fingerabdrücke unzähliger Leser sind, Julia Friese sei Dank, ebenso unübersehbar. In einer Reihe von Mankos fühlt sich Magdi ohnmächtig gefangen. Im Jahr 1975 fehlt es noch beim Kreativspielzeughersteller Lego an flachen Bausteinen. Magdis bemühte Flugzeugkonstruktion zerfällt in den Händen des Bruders. Und hätte er doch nur wie dieser, die blonden Locken der Mutter geerbt. Dann sähe Magdi nicht so fremdländisch aus. Das Land, in dem sein Vater geboren wurde, kennt er nicht. Er vermutet Moslem zu sein, obwohl er zu wenige Moslems kennt, um dies mit Sicherheit sagen zu können. Christ jedenfalls ist er nicht, mangels Wahlmöglichkeit besucht er den üblichen Religionsunterricht. Dummerweise lässt sich sein Name auch nicht zu einem coolen Cowboynamen abkürzen, wie bei seinen Brüdern Joe und Sam. Seine Schwester kann als Mädchen den Schlägen des Vaters entkommen, die er nicht abzuwenden vermag. Magdi ist ein typisches Sandwichkind und stolzer Gymnasiast. Er geht gern zur Schule. Sie ist sein Auge zur Welt und sein Rettungsanker. Auf engstem Raum öffnet Christian Duda literarisch gekonnt die Fenster zu einer erstaunlich großen Palette von Themen. Hinzu kommen die beginnende Pubertät in schönster emotionaler Achterbahnfahrt, Freundschaft und der Halt, den Idole bieten. Nebenbei macht sich Magdi, selbsternannter Chronist aus Langeweile, Gedanken über den Gebrauch von Wörtern und den Sinn und Unsinn, der sich im Schreibprozess entwickeln kann. Hier entfaltet sich seine Sehnsucht nach Anarchie und seine Leidenschaft, auf dem Papier alles festzuhalten, nein „niederzuschreiben“, genau so, wie es passiert ist. An dieser Aufgabe wächst er über sich hinaus. Kindheiten der 60er & 70er Jahre drängen in diesem Frühjahr verstärkt auf den Markt. Solche Texte verlangen heutzutage meist ein Glossar, denn wer kennt noch Dick und Doof, Mohamed Ali, Bonanza oder die Fussballweltmeister von '74? Die Helden allen kindlichen Seins jener Zeit sind auch bei Magdi der Stoff, aus dem die Träume sind. Dudas origineller Anhang mit persönlicher Note ist so überzeugend, dass er glatt als Intro zu empfehlen wäre. Gar nichts von allem ist nach Elke in loser Folge ein beachtenswerter, weiterer Teil einer Trilogie berührender Kindheitsgeschichten. Auf den dritten Teil darf man sich schon jetzt von ganzem Herzen freuen.

“ Ich liebe Bücher die hoffnungsvoll sind“. Interview mit Anna Woltz

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Mit Anna Woltz trafen wir uns auf der Frankfurter Buchmesse am Stand des Carlsen Verlages. Nach den Standardfragen entfachte ein großes Thema unser Gespräch, welches auch Thema ihrer Bücher ist: Wie erleben Kinder die Trennung ihrer Eltern?

Bücherfresser: Was ist ihr Lieblingscharakter aus dem Buch Gips? Anna Woltz: Die Hauptfigur Fitz.
Bf: Wie sind sie auf diese Geschichte gekommen? AW: Meine Schwester ist Ärztin. Sie hat mir immer viele Geschichten übers Krankenhaus erzählt. Ich fand das dann so spannend, dass ich über das Thema ein Buch schreiben wollte.

Jemand Neues kommt dazu

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Lauren Child: Bleibt der jetzt für immer? Hanser Verlag 2016 € 14.-

Nicht neu aber immer wieder betrachtenswert, wie sich der Neid auf das neue Geschwister in das verwandelt, was man um nichts in der Welt mehr tauschen möchte. Aus dem "Jemand", dem "kleinen Wesen", dem "Kleinkind", welches Elmore mehr als nur einmal dorthin zurückwünscht, wo es herkam, wird Albert, sein kleiner Bruder, der den Großen trösten kann, Dinge nicht nur nimmt sondern gibt und mit dem man vor allem lachen kann. "Irgendwie ist es lustiger, wenn ZWEI Leute lachten, also nur EINER" findet Elmore am Schluss und öffnet freiwillig sein großes Jelly-Bean-Glas für Albert. Lauren Childs bekanntes Spiel mit Milimeterpapier, dem Schriftsatz, der Hautfarbe, Größenverhältnissen und Perspektiven macht das Buch zu etwas Besonderem und zu einem rundum gelungenen Bilderbuchgenuss.

Liniers: Der rote Ballon, Kunstmann 2016 € 15.-

Diese Schwesterngeschichte kommt mit wenigen Worten aus. Das Eigentliche zwischen beiden findet hier seinen Ausdruck in Taten, Blicken und Gesten. Die Kleine spricht noch einsilbig. "Nass!" Statt der Gummistiefel bringt sie ihren roten Ballon und eine Gummiente. Ein schöner Tag beginnt. Regen, Sturm und Gewitter stören die Große nicht. Eifrig animiert sie die Kleine draußen herumzutollen. Was für ein Spaß. Das kindliche Glück des Unmittelbaren. Der Regen lässt nach und ein Regenbogen erscheint. Voll Überschwang nimmt die Große den roten Ballon der Kleinen und lässt ihn dem Regenbogen entgegen ziehen. Das "sooo schön!" jedoch fühlt  jede der Schwestern anders. Aber eine Lösung naht. Den Schnupfen holen sich beide in dieser Bildgeschichte am Ende gleichermaßen.

Mehr Gips, bitte!

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nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2017, Kinderbuch

Anna Woltz: Gips oder wie ich an einem einzigen Tag die Welt reparierte, Carlsen Verlag 2016 € 10,99

In dem mitfühlenden Teeniebuch geht es um Fitz, die eigentlich Felicia hieß, sich aber per e-mail umgetauft hat. Ihre Eltern verkünden bei einem Gespräch, dass sie erst mal getrennt leben möchten. Seitdem hat Fitz eine kleine Wunde im Herz. Als ihr Vater und ihre kleine Schwester Bente einen Fahrradunfall haben und Bente statt zehn nur noch neun Fingerkuppen hat, müssen sie ins Krankenhaus. Da entzündet sich auch die Wunde von Fitz im Herz ein bisschen mehr. Doch als dann ihre Mutter wegen der Pässe auch noch ins Krankenhaus kommt, denkt sich Fitz, dass es eigentlich keine schlechte Idee wäre, die beiden zusammen für sechs Wochen einzugipsen. Der Aufenthalt im Krankenhaus dauert lange, deswegen macht sich Fitz auf den Weg, das Krankenhaus zu erkunden.  An dieser Stelle sollte man erwähnen, dass Fitz aus Wut auf ihre Mutter, die sich nichts aus der Trennung macht, den schlimmsten Satz, der jeder Mutter das Herz bricht, ins Gesicht geschrieben hat. Sie trägt eine Maske, sodass es keiner sieht. So findet sie nicht nur zwei Freunde, sondern muss auch noch einen Arzt und eine Schwester zusammen bringen. Nicht zu vergessen, dass zwischen all das auch noch die eigene Verliebtheit gerät. Dieser turbulente Roman erzählt vom Herzenbrechen und wieder zusammennähen. Mir hat das Buch sehr gut gefallen, da es nur an einem einzigen Tag spielt und von einem gebrochenen Herzen, eiem Familienchaos und der eigenen Liebe erzählt. Das Buch empfehle ich Teenies, besonders Mädchen, die gern Krankenhaus-Romane lesen, wo es ab und zu schon mal blutig zugeht. Hannah, 13 Jahre
 

Äußeres und inneres Beben

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Donata Pietrantonio: Bella mia, Kunstmann 2016 € 18,95

Durch ein Erdbeben hat Caterina, die Erzählerin in dem Roman "Bella mia", ihre Zwillingsschwester Olivia verloren. Sich an die Vergangenheit erinnernd, den Emotionen damals und jetzt nachspürend, erzählt sie von ihrem Leben in der kleinen italienischen Stadt L´Aquila. War ihr Leben früher sehr von dem "Zwillingsein" bestimmt, lebt sie nun mit der Leere neben sich. Aller Trauer und Wut zum Trotz gewinnt sie, wie auch ihre Mutter und der Sohn ihrer Schwester, wieder an innerer Stabilität. Das Buch hat mich sehr berührt und die literarische Verarbeitung des realen Geschehens in den Abruzzen am 6.4. 2009 ist sehr gut gelungen.

Bunter Kinderalltag

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Tanja Székessy 3 Kinder und ein Tag, Klett-Kinderbuch 2015 € 14,95

Die Farbe in diesem Buch ist  das wildes Gekrakel auf allen Bildern, der große Schwung, das Toben und Streiten, das Lachen, Weinen und Träumen. Viele Gefühle, die Kinder schon gleich mit dem Aufstehen entwickeln. Geschwisteralltag bei dem immer alles gleichzeitig passiert und doch nie so richtig zusammen. 1 Kind tut dies, 1 Kind tut das und 3 hatten es zuerst. Nach dem Gang durchs Treppenhaus sind alle wach, der Älteste mag es den ganzen Tag am liebsten barfuss. Kindergarten, Schule, Spielplatz, Unfall, Krankhaus und endlich ist es wieder Schlafenszeit. Der ganz normale Wahnsinn, wenn man Kinder etwas Raum gibt, die Welt zu erfahren. Der Text bleibt sparsam und fordert zum Selbstentdecken auf. Vielleicht auch zum Diskutieren, ob alles, was hier passiert wirklich Spaß macht. Die Gesichter der Kinder, ihre Emotionen sind so vielschichtig, wie selten in einem Bilderbuch. Da gibt es viele Gesprächanlässe und man darf gespannt sein, wie Kinder, wenn sie von außen schauen, diese Welt empfinden.

Schwestern eben

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Rieke Patwardhan, Fräulein Schmalzbrot und Billie Ballonfahrer, Knesebeck 2015 € 12,95

Ganz schön spannend, wenn man die ganze Zeit vor dem dicken Babybauch warten musss und die Eltern die Frage "Wann kommt es endlich" nicht mehr hören können. Und wenn es da ist, wünscht man sich, dass es wieder geht, weil man die Eifersucht nicht mehr aushält. Wenn es fast mit dem Luftballon am Himmel weggeflogen wäre, ist man doch sehr glücklich, wenn man es wieder in den Arm nehmen kann. So ist das bei den Schwestern Fräulein Schmalzbrot (die Ältere) und Billie Ballonfahrer (die Jüngere). Zusammen erleben sie viele Abenteuer. Was ich unbedingt noch erzählen muss: Billie Ballonfahrer heißt so, weil ihre Mutter einen kugelrunden Bauch in der Schwangerschaft hatte und Fräulein Schmalzbrot immer sagte, das Baby wird mal Ballonfahrer. Fräulein Schmalzbrot hatte zwar noch einen anderen Namen, aber sie wurde so genannt, weil Mama in der Schwangerschaft immer nur Brote mit Schmalz aß. Mir hat das Buch sehr gut gefallen, weil es mit viel Pep geschrieben ist. Hannah, 13 Jahre und eine ältere Schwester.
Diese kurzweiligen Vorlesegeschichten erzählen von zwei Schwestern, die fünf Jahre Altersunterschied trennt. Natürlich könnten sie unterschiedlicher nicht sein. Ihre besonderen Namen tragen sie seit Mamas Schwangerschaft. Fräulein Schmalzbrot ist ganz das Mädchen und Billie Ballonfahrer die Mechanikerin im Haus, sagt Mama, obwohl Fräulein Schmalzbrot denkt, dass Billie Ballonfahrer alles nur kaputt repariert. Mal hegen sie kühne Pläne, sich loszuwerden, so eifersüchtig sind sie aufeinander, mal möchte Billie genau die gleichen Kleider wie Fräulein Schmalzbrot tragen, was Fräulein Schmalzbrot zu verhindern weiß. Oft aber brauchen sie sich, denn beim Einhornherde spielen sind Eltern einfach nicht zu gebrauchen. Es wird abwechselnd aus der Perspektive der großen und der kleinen Schwester erzählt, sodass hier für jeden geschwisterlichen Zuhörer ein Part dabei ist. Obendrein wird der Familienalltag mit Pfiff und Langmut gelöst. Katrin Rüger

Geschwisterliebe

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Jan Ormerod, Tausche Bruder gegen..., Ravensburger Verlag 2015 € 12,99

Er ist grün wie eine Raupe“, er sabbert und er stinkt.
Karline Kroko versteht nicht, wie ihre Mutter ihren kleinen Bruder so süß finden kann. Sie ist schrecklich eifersüchtig. Als sie nur kurz auf ihn aufpassen soll, beschließt sie sofort, ihn umzutauschen. Natürlich ist dies eine wunderbare Geschichte von Geschwisterliebe, denn Karline entscheidet sich nach vielen Versuchen mit anderen Tierkindern für ein „gebrauchtes, kleines Krokodil in Topzustand“. Es blitzt sogar ein neuer Zahn. Neben viel Turbulenz, großen Gefühlen und Witz hat in diesem Bilderbuch jeder Satz einen stimmigen Bezug und jeder bekommt am Ende das, was er braucht.

 

Weltreise

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Oliver Scherz, Wir sind nachher wieder da, wir müssen kurz nach Afrika, Thienemann 2014 € 12,99

Jeden Abend sieht Marie in den Schatten an den Wänden Tiere oder unheimliche Wesen und jeden Abend muss Joscha seiner kleinen Schwester versichern, dass da doch gar nichts ist. Als sie behauptet am Fenster ein Auge zu sehen, schnappt er sie sich und läuft mit ihr an die Tür. Aber was tut man, wenn das Auge wirklich einem Elefanten gehört und dieser Elefant aus dem Zoo ausgebrochen ist, um seine Großfamilie in Afrika zu besuchen? Und wenn er gar nicht weiß, wo Afrika überhaupt liegt? Man packt Äpfel, Kekse und einen Globus in den Rucksack und begleitet ihn. Genau das tun Joscha und Marie. So weit wird Afrika nicht sein, denken sie und erleben eine Reise, die alles übertrifft, was sie sich vorgestellt haben. Diese schöne Geschichte mit seinen farbenfroh lieben Bildern ist im Buchpalast das Lieblings-Vorlesebuch bei Gross und Klein.