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Thomas Harding, Florian Toperngpong: Future History 2050, Jacoby & Stuart 2020 € 18.-

Das Buch war sehr gut. Darin erzählt eine Großmutter ihrer Enkeltochter 2050, was in den Jahren von 2020 bis 2050 passiert. Dabei spielt der Klimawandel natürlich eine große Rolle, aber es wurden auch andere zukünftig mögliche Änderungen angesprochen, die ich so überhaupt nicht im Kopf hatte, zum Beispiel dass Gefängnisse fast vollständig geschlossen werden. Zusätzlich zählt der Autor nicht nur die Folgen des Klimawandels auf, wie das Schmelzen der Gletscher und der Anstieg des Meeresspiegels, sondern konzentriert sich hauptsächlich darauf, was danach passiert, wenn große Hafenstädte schon überschwemmt sind und die Durchschnittstemperatur auf der Erde schon zu weit angestiegen ist, wenn die Klimakatastrophe schon ein Stück weit Normalität geworden ist. Auch gut war, dass der Autor gezeigt hat, dass die Menschen so Angst hatten vor dem Klimawandel, dass sie andere Einschränkungen der Freiheit gerne in Kauf nahmen. Anschaulich unterstützt wurden die Erzählungen der Großmutter durch Dokumente und Fotos. Insgesamt war es ein sehr interessantes Buch, dass gut überlegt war. Juliana, 14 Jahre

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Mit Future History 2050 blicken der Autor Thomas Harding und der Grafker Florian Toperngpong aus dem Jahr 2050 30 Jahre zurück auf unsere Gegenwart. Die 15-jährige Billy versucht aus den persönlichen Erinnerungen ihrer Großmutter Fakten zusammenzutragen, die zur Entwicklung der Welt von 2020 bis 2050 beigetragen haben. Billys Welt des Jahres 2050 hat dramatische klimatische Veränderungen erfahren und wird von einer Konzernelite autokratisch regiert. Wohntürme bilden autarke Lebensinseln mit polizeistaatlicher Überwachung, die man im Falle von Pandemien, hermetisch abriegeln kann. Mit dem Klimaschock der 20er Jahre haben die Menschen Freiheit und Demokratie geopfert, um zu überleben, sagt ihre Großmutter. Sie findet nicht alles ist schlecht. Die Menschen leben länger. Billys Oma lebt seit 102 Jahren. Billys Notizbücher der Interviews mit ihr sind aus der Zukunft in unsere Gegenwart zurück gelangt. Wir halten sie hier in den Händen. Die nicht ganz vollständige Sammlung von Heften wird von handschriftlichen Notizzetteln, Zeitungsartikeln, Wahlscheinen und Plakaten umrahmt. Eine grafische Dokumentation von Florian Toperngpong, der schon mit seinen Briefen Aus dem Papierkorb der Weltgeschichte seine Leser großartig zu amüsieren verstand. So schenkt die Oma Billy ihr altes zweibändiges Oxford-Wörterbuch, in dessen Schuber oben eine kleine Schublade mit Leselupe eingebaut ist. Gab es das wirklich? Es wirkt verzaubernd Old School und ist natürlich mit einem Foto dokumentiert.
Das Gesamtkunstwerk von Harding und Toperngpong bietet zahlreiche Spielmöglichkeiten und Lesarten. Zunächst lesen wir einen Roman, ein Gespräch zwischen Enkeltochter und Großmutter, das Spuren einer Familiengeschichte aufdeckt. Harding lässt hierbei recht sachlich eine Reihe von Aspekten einfließen, über die sich Wissenschaftler aktuell Gedanken machen, wenn sie Einblicke in die Zukunft geben wollen: Die Transformation unserer Arbeitswelt in Folge von Automatisierung, ein bedingungsloses Grundeinkommen, die Rechenleistung und Nutzungsmöglichkeiten von Quantencomputern, Datenschutzfragen und -lösungen in virtuellen Lebenswelten, Körperoptimierung und Leihmutterschaft, politische und religöse Bewegungen in der Gesellschaft, Weltwirtschaft, Energiefragen und Klimakrise. Billys Onkel, ein radikaler Klimaschützer wird im Gefängnis ums Leben kommen. Seinen Freund Benji, ein Mensch mit nichtbinärer Geschlechtsidentität, wird Billy bei ihrer Recherche kennenlernen. Großmutters und Billys Urteil zur aktuellen Lebenssituation werden auseinander driften. Die Polizei ist Benji und bald auch Billy auf den Fersen. Ist das die Welt, die wir uns in Zukunft wünschen?
Ein romanhafter Hilferuf aus der Zukunft ist nicht neu. Schon Jostein Gaarder schrieb mit 2084- Noras Welt ein Jugendbuch in dem die Enkeltochter der Großmutter 2016, in ihrem Jugendalter erscheint und sie zum Handeln drängt. Die Jugendlichen nomierten diesen klimakritischen, appellarischen Titel 2014 für den Deutschen Jugendliteraturpreis. Harding und Toperngpong legen nun nach und schreiben mehr, als nur einen Aufruf zum Klimaschutz. Sie jonglieren dabei wohltuend nüchtern und gekonnt eine Reihe von Fragen zum Umgang und der Gewichtung von Erkenntnissen, die man bei der Betrachtung von Vergangenheit gewinnen kann, beleben die Gegenwart und öffnen die Augen für die Auswirkungen gegenwärtigen Handelns auf unsere Zukunft. Unterhaltsam, spannend, diskussionswürdig und absolut lesenswert!