reinhardt-berge

Dirk Reinhardt: Über die Berge und über das Meer, Gerstenberg Verlag 2019 € 14,95

Nach Trainkids erzählt dieses Buch eine Geschichte von zwei Jugendlichen, die ungewollt auf den Weg in eine andere Welt und ein neues Leben geschickt werden. Tarek und seine Familie leben in den afghanischen Bergen. Als Nomaden wandern sie mit ihrer Schafherde umher. Im Sommerlager, nahe der pakistanischen Grenze, hat Tarek Samir kennengelernt, der mit seiner Familie in einem Dorf am Fuße der Berge lebt. Dieser Junge ist eigentlich ein Mädchen, das als siebentes Mädchen, so ist es erlaubt, von der Familie als Junge aufgezogen wurde.

Nachdem die Taliban sie auf der Straße  erwischt und mit der Peitsche geschlagen haben, da sie jetzt, mit beginnender Pubertät, das Mädchen in Samir erkannt haben, muss Samir, die eigentlich Soraya heißt, wieder die Seiten wechseln. Als Mädchen darf sie ab sofort das Haus nicht mehr verlassen und auch keine Schule mehr besuchen. Bald beschießen beide Familien ihre Kinder mindestens in die Türkei oder weiter nach Norden, nach Deutschland, zu schicken. Eine Reise ins Ungwisse beginnt. Auch wenn man es schon vielfach gelesen hat, die Schilderung des kargen, traditionellen, naturverbundenen Lebens in Afghanistan, ein Land in dem über ein Menschenleben lang Krieg herrscht, das Leben zwischen den Fronten immer bedroht ist, ergreift und macht nachdenklich. Dieser Schilderung widmet Reinhardt ein intensives erstes Drittel des Buches. Sie ist auch sprachlich gelungen und packt von Anbeginn. Die Geschichte der Flucht, über zahlose Grenzen hinweg, von vielen Schleppern begleitet, mit endlosen neuen Kontakten zwischen Hilfe und finanzieller Ausbeute und oft am Rande der totalen Erschöpfung oder gar des Todes, berührt den Leser weniger. Der ständige Wechsel zwischen Tareks und Sorayas zeitgleich auf verschiedenen Routen verlaufenden Fluchtstrecken, auf denen es natürlich Berührungpunkte geben wird, machen die Sache nicht einfacher. Am Ende treffen sich beide, Reinhardt sei Dank, glücklich in Deutschland. Insgesamt lesenswert aber nichts neues oder überraschendes auf dem  Jugendbuchmarkt.

Zum Interview mit Dirk Reinhardt