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Deutscher Jugendliteraturpreis der Jugendjury 2018

Angie Thomas: The Hate U Give, cbt 2019 € 9,99

Sie kämpfen, obwohl sie wenig besitzen, für das es sich zu kämpfen lohnt. Sie geben nicht auf. Sie glauben. Sie schweigen nicht. Sie verlieren. Sie vergessen nicht. Das große "U" steht für "uns", erklärt der Vater seiner Tochter. Er hat sie Starr genannt, sein Lichtblick in der Dunkelheit. THUG (The Hate U Give) LIFE ( Little Infants Fuck Everybody) meint: was die Gesellschaft den Kindern antut, kriegt sie zurück, wenn diese raus ins Leben ziehen. Wie es dazu kommt, können die Leser in Angie Thomas Buch bis in jede Faser nachspüren. In amerikanischen Ghettos herrscht die Gewalt, Polizisten erniedrigen die Menschen und lassen Willkür walten.
Arme und Unterdrücke bilden Gangs, um Stärke zu demonstrieren, Drogenmissbrauch und Drogenhandel lebt in schönstem Teufelskreis, Gefängnis und der jähe Tod junger Menschen durch Waffeneinsatz steht auf der Tagesordnung. Den Leser trifft diese pralle Lebenssituation mit voller emotionaler Wucht,erzählerisch wie sprachlich mit vielen, gekonnt ineinander verwobenen Details. Starr, die 16-jährigen Grenzgängerin, besucht ein College außerhalb des Ghettos, lebt aber mittendrin. Sie führt ein Doppelleben. Sie muss miterleben, wie ein Freund von einem Polizisten willkürlich erschossen wird. Als einzige Augenzeugin ringt sie mit Schweigen oder Aussage. Doch diese Geschichte ist nur eine unter vielen Lebensgeschichten, die hier erzählt werden. Rassismus und Hass werden von vielen Seiten differenziert beleuchtet. Liebe, Dankbarkeit und das enge Leben mit und für Menschen spielen auf der anderen Seite eine ebenso große, wichtige Rolle.  Black & White, Unite! Unite! sang schon Wolf Biermann. Leider hat das Thema in seiner Aktualität nichts eingebüßt.
Auf der Buchmesse haben wir mit Henriette Zeltner das tolle Buch und die faszinierende Autorin Angie Thomas, ihre Arbeit beim Übersetzen und den Verlag gesprochen.
Bücherfresser: Sie sind ja Übersetzerin, wie funktioniert das „Bücherzuteilen“ im Verlag? Henriette Zettner: Also da gibt es verschiedene Möglichkeiten. In diesem Fall war es jetzt so, dass ich in einer Zeitschrift gelesen hatte, dass sich in Amerika 13 Verlage um die Rechte an „The Hate You Give“ gestritten haben und das cbj die deutschen Rechte gekauft hat. Da ich schon für cbj gearbeitet hatte, habe ich dann dort angerufen und der Verlag hatte noch keine Übersetzerin: Also habe ich das Buch bekommen und jetzt werde ich auch ihr zweites Buch übersetzen.

Das Buch ist ja sehr anspruchvoll, vor allem auch wegen dem Slang. War es dadurch schwieriger, das Buch zu übersetzen? Ja und Nein. Wenn es eine schwierige Sprache ist, ist das natürlich spannender zu übersetzen. Aber bei so was muss man natürlich aufpassen, dass das nicht zu „steif“ rüberkommt und auch auf Deutsch so moderne Jugendsprache verwendet wird.
Aber in „The Hate You Give“ ist ja noch vieles auf Englischen gelassen. Würden kleinere Kinder das überhaupt verstehen? Ja, das ist immer so eine Entscheidung: Was lasse ich auf Englisch, damit ein wenig von der Stimmung rüberkommt. Oder übersetze ich es, damit es jeder versteht. Zum Beispiel bei den Gerichtsverhandlungen, wo Starr von ihrer Mutter gesagt bekommt, sie soll immer nur mit „Yes, Sir“, „No, Sir“ antworten. Das sollte in meinen Augen Englisch bleiben, weil niemand im Deutschen „Ja, mein Herr“ sagt.
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Eine Frage zu den Charakteren: Haben Sie als Übersetzerin auch eine gesonderte Beziehung zu den Charakteren oder eher nur eine Beziehung wie auch der Leser sie hat? Ja, man hat auf jeden Fall eine besondere Beziehung zu den Charakteren. Am Ende des Buches kann man es vielleicht mit der Situation vergleichen wie wenn ihr eine Serie schaut und dann die letzte Folge der letzen Staffel gesehen habt und euch fragt: Wie - und jetzt?

Wie war Ihr erster Eindruck als sie das fertige Buch bekommen haben? Ich war wahnsinnig begeistert. Mir gefällt das Cover echt total gut und irgendwie habe ich auch so das Gefühl, dass es ein wenig mein eigenes Buch ist, da ich mich so viel mit „ihm“ beschäftigt habe.
Vielen Dank für das tolle Interview! Maja (14), Cosima (12), Paul (14)