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Takis Wuerger: Stella, Hanser Verlag 2019 €22.-

Es gibt Geschichten, die immer wieder von Neuem erzählt, dem Vergessen entrissen und aus anderen Blickwinkeln erforscht werden müssen. Die Geschichte von Stella Goldschlag, einer jüdischen Gestapo Kollaborateurin, wurde 2016 für das Musical „Das blonde Gespenst vom Kurfürstendamm“ wieder entdeckt. 2017 erzählte der Kinofilm „Die Unsichtbaren – Wir wollen leben“ vom Schicksal untergetauchter Berliner Juden und Stella Goldschlags Verrat an ihnen. Auch Takis Würger hat sich in seinem neuen Roman dieses Stoffes angenommen. Er fokussiert das für Stellas Zukunft entscheidene Jahr 1942 und stellt ihr zwei Männer an die Seite.

Zu Neujahr reist der junge Friedrich nach Berlin. In der brodelnden Großstadt macht er sich mit reichlich Geld in den Taschen auf die Suche nach dem bunten und wahren Leben. Den Krieg, glaubt der Schweizer dabei ignorieren zu können.
In einer Zeichenschule begegnet er dem blonden Model Kristin. Mit ihrem tatkräftigen Wesen vereinahmt sie Fritz. Sein Geld katapultiert beide – ihre Treffen finden in einem mondänen Grand Hotel statt – über die Versorgungslücken des Krieges hinweg. Bei amerikanischem Jazz in einem illegalen Nachtclub lernen sie Tristan von Appen kennen, einen SS-Offizier. Auf Wochen der Treffen folgt eine unerklärliche Abwesenheit Kristins.
Misshandelt, gefoltert und mit anderer Identität taucht sie aus der Dunkelheit bei Friedrich wieder auf. Hinter dem arischen Schutzschild wird die Jüdin Stella sichtbar. Die Lüge war ihre Überlebenschance. Für den Verrat anderer Juden könnte sie ihr eigenes und das Überleben ihrer Eltern sichern. Friedrich kann ihre einfache und alles entscheidende Frage: „Was machen wir jetzt?“ nicht beantworten.
Eine Rettung durch Tristan, der seine antisemitischen Ansichten schmerzhaft klar formuliert, aber gleichzeitig beide zu schwelgerischen Essensgelagen einläd, bleibt aus. Gebannt folgt man Würger in die schwankende Dissonanz des Lebens. Das in Stellas Frage enthaltende „wir“ bleibt Illusion. Und da, wo Friedrich eben noch glaubt, die Wahrheit vor Augen zu haben, verwelkt sie unbemerkt. Würgers wohl gesetzte kleine Bilder, die Hibiskusblüten und Tanzbären, ziehen beim Lesen unermüdlich Kreise, derweil die Einsamkeit seiner Figuren tief ins Herz dringt. Die entscheidende Frage beantwortet Stella für sich allein. Im Gegensatz zu Friedrich, den Würger passend mit Farbenblindheit ausgestattet hat, und Tristan von Appen, der bewegungslos in seiner Halbherzigkeit badet, ist Stella zum Handeln gezwungen.
Ein Urteil über die Handlungen von Menschen aus sicherer, historischer Distanz ist schnell gefällt. Würger führt seine Leser mit „Stella“ in das Auge des Sturms. In der Stille des Augenblicks reiht er seine einfachen Schilderungen und verdichteten Sätze sparsam und ohne Pathos aneinander und entfaltet mit ihnen den gesamten Lebenskosmos mit enormer, mitreißender Wucht, die jedes vorschnelle Urteil in Trümmer legt und zum Wiederlesen des Buches zwingt.
Die Frage nach der menschlichen Identiät gerät dabei zum Katz und Maus Spiel. Würger schaut vom Ausweis auf, fragt sie bei Uniform und Mutterliebe an und stellt Fragen zur Eigeninatiative, schafft klaren Durchblick für den Moment und Ratlosigkeit zugleich.
Und so wandelt man erneut durch Würgers Räume, die er bewusst vage und doch wahrhaftig hält. Das berühmte Grand Hotel hinter dem Brandenburger Tor, das Adlon; den Melodie Klub, in dem das Café Melodie schwingt, ein bekannter Treffpunkt illegaler Juden zum Erwerb von Lebensmittelmarken und man begleitet Friedrich und Stella auf die Feste der Nationalsozialisten nach Schwanenwerder, wo Goebbels auf der Inselstraße 8-10 zwei zum Schleuderpreis erworbene Anwesen besaß. Man versucht erneut, zwischen lauten Geräuschen und intensiven Gerüchen, das, vom Lärm überlagerte und der Gewaltherrschaft gezollte, Schweigen zu ergründen und die menschliche Seele der Dunkelheit zu entreißen. Bravourös! Katrin Rüger