Vawter_Woerter

Vince Vawter, Wörter auf Papier, Königskinder 2014, € 16,90

In Wörter auf Papier erzählt Vince Vawter die außergewöhnliche Geschichte eines Jungen, der allmählich lernt mit seinem Stottern umzugehen. Da Victor einen Monat lang die Zeitungsrunde seines Freundes übernimmt, lernt er neue Leute kennen und muss beim Kassieren gezwungenermaßen plötzlich mit fremden Menschen reden und seine Angst vorm Sprechen überwinden. Die Geschichte spielt 1959 in Memphis, wobei die Apartheid  nur am Rande erwähnt wird, was sehr gut passt. Schließlich wird die Geschichte aus Victors Sicht erzählt und für Kinder sind politische Themen auch nur dann von Bedeutung, wenn sie ihr persönliches Leben plötzlich direkt betreffen. Die Atmosphäre des Buches wirkt fast märchenhaft, einerseits wegen der zauberhaften Geschichte die hier erzählt wird, andererseits wegen des besonderen Bezugs zur Sprache. Da Victor stottert, denkt er genau über die Wörter nach, ordnet und bewertet sie. Das überträgt sich natürlich auch auf den Leser.
Victor hat es wahrlich nicht einfach. Zwar ist der Baseball spielende Zwölfjährige der beste Werfer in seiner Heimatstadt Memphis, doch das Sprechen fällt ihm äußerst schwer. Sein Stottern ist so stark, dass er sich oft zurückzieht und nur wenig spricht, um nicht aufzufallen. Als sein bester Freund Arthur im Sommer 1959 für vier Wochen zu Verwandten aufs Land fährt, übernimmt Victor für ihn das Zeitung austragen in der Nachbarschaft. Die Zeitungen perfekt zu werfen macht im Spaß und fällt ihm nicht schwer, doch jeden Freitag muss er von Haus zu Haus gehen, mit den Menschen sprechen und das Zeitungsgeld einsammeln, weshalb er ein ungutes Gefühl im Bauch hat. Wie werden die Menschen auf ihn und sein Stottern reagieren? Victor lernt bei seiner Arbeit die unterschiedlichsten Leute kennen. Zum Beispiel Mrs Worthworth, die dem Whiskey nicht abgeneigt ist und ihn “Süßer” nennt. Einen Jungen, der das Haus nie verlässt und den Tag vor dem Fernseher verbringt. Den belesenen Mr Spiro, der Victor einen “stotternden Dichter” nennt und sich Zeit für seine Fragen nimmt. Und den obdachlosen Ara T, der die Mülltonnen nach Brauchbarem durchwühlt und es mit dem Besitz anderer Leute nicht so genau nimmt. Ich finde das Buch sehr gut, weil der Autor hervorragend mit der Sprache und der Umwelt umgeht. Außerdem beschreibt er sehr gut Geschehnisse und Orte aus der der Sicht des Jungen ohne Vorurteilen und mit viel Raffinesse. Es ist zwar ein Jugendbuch, aber es ist auch für Erwachsene geeignet.Ferdinand, 14 Jahre

Wörter in der Luft verwehen, kaum dass man sie gesagt hat, aber Wörter auf Papier bleiben für immer.“

Um sich mitzuteilen, sind im Jahr 1959 Wörter auf Papier die klare Alternative zu den Worten der gesprochenen Sprache. Der Geschichte des stotternden Zeitungsjungen Victor im damaligen Memphis wohnt von der ersten Seite an eine faszinierende Seele inne.Wann wird ein Kind erwachsen?“  fragt der Junge, der zaghaft beginnt sich naheliegende Welten zu erschließen, oderSind Erwachsene gut darin, mit Kindern zu kommunizieren?“ Der politische Lebenshintergrund, die Apartheid, vor dem sich Victors Persönlichkeit entwickelt, wird über wenige Bezugspersonen lebendig inszeniert. Baseball bestimmt das Leben des Jungen, der vier Wochen lang für seinen Kumpel Rat die Zeitungstour übernimmt. Der Job verlangt am Freitag an den Türen der Abonnenten zu klingeln. Es ist Zahltag. Als Stotterer bereitet sich Victor genau auf den Moment des Redens vor. Seine sparsamen Gesprächsbeiträge gelangen nur mit einem Schwall sanfter Luft aus seinem Mund. Will er etwas sagen, muss dies in sorgfältiger Überlegung und mit Präzision geschehen. Bei besonders wichtigen Wörtern verkrampft er sich. Einmal fällt er beim Sprechen sogar in Ohnmacht. Victors genaue Betrachtungen von Wörtern, ihre Zusammensetzung aus Buchstaben und Lauten, die Variabilität in Wahl und Nutzung und seine unablässigen Versuche die Sprache als Werkzeug benutzen zu können, sind beeindruckend. Als sorgsamer Beobachter von Sprache stolpert er auch darüber, wie fahrlässig im normalen Gespräch mit Worten umgegangen wird. Victor lernt, dass die Klarheit der Sprache von der er träumt nicht existiert. 2014 könnte man meinen, Wörter auf Papier gehören bald der Vergangenheit an. Und ein Buch im digitalen Zeitalter wäre genauso Retro wie dieses Cover. Doch weit gefehlt. Wörter im digitalen Raum gelesen verwehen im Gehirn fast so schnell wie jene der Luft. Für einen Dialog braucht es zwei, bekommt Victor zu hören. Und Lesen ist ein Gedankendialog. Ein Buch liegt gut in der Hand und seine Inszenierung ist für die Erschließung des Textes wichtig, wie die sanfte Luft zum Sprechen. Wir lesen mit allen Sinnen und wir brauchen den schön gestalteten körperlichen Raum, vom Vorsatz bis zum Lesebändchen, damit unsere Gedanken einzutauchen können in unser Gegenüber, das Buch. Wir brauchen Wörter auf Papier, damit die wohl gewählten Worte darauf bis ins Herz vordringen können und unsere Gedanken zu bewegen vermögen. Nicht nur der beeindruckende Text, auch das gelungene rundum macht dieses Buch zu einem Königskind, zum Lesegenuss vom Feinsten. Katrin Rüger