Articles tagged with: Verlust

Ein geheimnisvoller Dichter

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Ruth Saberton: Der Liebesbrief, Aufbau Taschenbuch Verlag 2021 €12,99

Die junge Künstlerin und frische Witwe Chloé mietet das alte Pfarrhaus eines kleinen Ortes an der Küste von Cornwall. Es soll ihr Rückzugsort werden, nachdem sie den Tod ihres Mannes nach über drei glücklichen Ehejahren noch nicht verwunden hat und einen Neuanfang sucht. Der ortsansässige Historiker des Ortes Matt wird ihr erster Ansprechpartner, um mehr über ein altes Herrenhaus und dessen Bewohner zu erfahren. Besonders die Geschichte des unverkannten jungen Dichter Rivers interessiert Chloé, da sie im Pfarrhaus auf Spuren aus seiner Vergangenheit gestoßen ist. Geschickt fügt die Autorin die Verlustbewältigung der Protagonistin, die geheimnisvolle Geschichte von Daisy und Rivers aus den Anfängen des 20. Jahrhunderts, und die zarte Annäherung von Chloé und Matt mit ihren ganz eigenen Geschichten zusammen. Dazu entführt sie den Leser an die reizvolle Küste Cornwalls, und hält so manchen Blick auf das dörfliche Ambiente, die Küste und das Meer mit den Augen einer Künstlerin fest.

Mit Benedict Wells zurück in die 80er!

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Benedict Wells: Hard Land, Diogenes Verlag 2021, € 24,00

Zurück in die 80er mit Benedict Wells! Gleichzeitig tröstlich, witzig und traurig - der neue Roman hat mich zum Lachen und Weinen gebracht - Benedict Wells eben! Der 15 Jahre alte Sam erlebt in einer Kleinstadt in Missouri den Sommer seines Lebens im Jahr 1985: erste Liebe, große Verluste - wer sich hier nicht an die eigene Jugend erinnert...Zu den Coolen gehören wollen, Freunde finden, endlich etwas erleben, sich seinen Ängsten stellen- ich war sehr gerne mit Sam unterwegs und er hat dabei so manche meiner eigenen Erinnerungen geweckt. Filmfans kommen auch auf ihre Kosten, denn die Kinoklassiker der Zeit spielen eine wichtige Rolle in diesem lange erwarteten, wunderbaren Buch über das Erwachsenwerden. Bei seinem Aushilfsjob im örtlichen Kino findet Sam einen Ausgleich zur schwierigen Zeit zuhause. Doch auch mit den Freunden muss er über sich hinauswachsen und herausfinden, was er vom Leben will. Benedikt Wells nimmt uns wieder unvergleichlich mit in die Nöte und Träume eines jungen Menschen - den wir in uns vielleicht noch erkennen unter der Fassade des eigenen Erwachsenenlebens. Leichtigkeit und Schwere halten sich im Buch wunderbar die Waage - ein Buch, das für mich gerne noch viel mehr Seiten haben dürfte. Unbedingte Empfehlung für junge Menschen und Junggebliebene - und natürlich alle Benedict Wells Fans! Annette Goossens

In der kanadischen Prärie

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Margaret Laurence: Der steinerne Engel, Verlag Julia Eisele, € 22,00

Hagar Shipley ist alt geworden. Sie beschreibt es so gut in diesem Satz: "Heute, wo die Zeit sich zusammengefaltet hat wie ein Papierfächer". In diesem Heute, in dem sie bei ihrem Sohn und dessen Frau lebt und manches durcheinander bringt, erinnert sie sich an entscheidende Momente ihrer eigenen Geschichte. Hiermit erzählt sie von einem Leben in der kanadischen Prärie: In einem Städtchen als Kaufmannstochter aufgewachsern heiratet sie einen Farmer, mit dem sie zwei sehr unterschiedliche Söhne hat, von denen sie einen verlieren wird. Sie hat einerseits immer versucht, nicht unangenehm aufzufallen aber sie hat auch immer eine eigene Meinung gehabt und diese vertreten. Ihre Lebensentscheidungen waren durchaus unüblich und oft auch unbequem. So wird sie  auch jetzt im Alter noch einmal versuchen einen unabhängigen Weg zu gehen, aber ihre körperlich Schwäche lässt sie letzlich ihr Schicksal annehmen. Ein sehr gelungenes Portrait einer eigenwilligen Frau!

Von Vergangenem und Zukünftigem

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Charlotte McConaghy, Zugvögel, S. Fischer Verlag 2020 € 22,00

Das Debüt von Charlotte McConaghy überrascht mit einer aufwühlenden Geschichte zu möglichen Auswirkungen des Klimawandels auf das Artensterben. Die Autorin nimmt den Leser auf eine Reise über die Meere mit, eine mögliche letzte Reise der Küstenseeschwalben in die Antarktis. Getrieben von der Hoffnung, den Flug der tapferen Vögel zu begleiten, heuert Franny, eine junge Australierin mit irischen Wurzeln und einer obzessiven Leidenschaft für Vögel, auf einem Fischkutter an. Franny wird in einem Team von Fischern ihren Platz finden müssen, die Naturgewalt des Meeres aushalten lernen, und dabei die eigene traumabehaftete Lebensgeschichte aufarbeiten.  Worte, so poetisch wie der Flug der Zugvögel, Kapitel, so gewaltig wie das Aufbäumen von sturmgepeitschten Wellen, Passagen voller Zärtlichkeit und Liebe für die letzte überlebende Vogelart - wer sich auf dieses Buch einlässt, wird sich dem Sog der Geschichte nur schwer entziehen können. Am Ende schenkt die Autorin dem Leser ein Stück Hoffnung, dass noch nicht alles verloren ist.

Dem Zufall eine Chance geben

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Fabio Geda: Ein Sonntag mit Elena, hanserblau, € 20,00

Ein neues Buch von Fabio Geda mit einem sympathischen Helden. Er heißt nur Vater und Papa, denn eine seiner Töchter, Giulia, erzählt die Geschichte. Er ist 67 Jahre alt, lebt in Turin und ist noch nicht lange Witwer, als ein Sonntag einen ungeahnten Verlauf nimmt. Da seine Enkelin sich den Arm bricht, fällt der Familienbesuch bei ihm aus. Um der Stille und Enttäuschung zu entfliehen, macht er einen Spaziergang. Dort lernt er Emilia und ihren 13jährigen Sohn kennen, die auch das Erlebnis des ungewollt Verlassenseins in sich tragen. Im Laufe des Tages werden sich noch weitere Verbindungen zwischen ihnen zeigen. Giulia erzählt nicht nur von dieser Begegnung, sie erinnert sich auch an die Kindheit und Jugend, die  Gedanken und Gefühle den Eltern gegenüber sowie der älteren Schwester und dem jüngeren Bruder. Es ist ein feinfühliger, nachdenklicher Roman über viele Facetten des Lebens, dem ich sehr gerne gefolgt bin in seinen Überlegungen, Beschreibungen, Zeitenwechseln und emotionalen Spannungsmomenten!

Der Turm im See

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Marco Balzano: Ich bleibe hier, Diogenes Verlag € 22,00

Die Geschichte Südtirols über die Zeit vor und während des Faschismus, der Jahre, als Hitler Südtirol als "Operationszone Alpenvorland" erklärte. Die Einberufung der jungen Männer, der Wechsel der Amtssprache - über all dies erzählt Balzano in dieser Familiengeschichte aus Sicht Trinas. Sie wuchs hier auf, wurde Lehrerin, hatte Mann und zwei Kinder. Nachdem ihr Mann für die von ihm gehassten Faschisten kämpfen musste, versteckt er sich mit ihr in den Bergen, um nicht nochmals eingezogen zu werden. Wieder zurück in ihrem Dorf müssen Trina und ihr Mann zusehen, wie ein großes Staudammprojekt droht, ihr Zuhause im Wasser zu versenken. Der Kampf dagegen eint und trennt die Dorfbewohner. Balzano lässt die Leser diese die Existenz bedrohende Situation aus vielen Blickwinkeln nachempfinden und setzt damit dem versunkenen Dorf am Reschenpass ein Denkmal.

Der kleine Mensch im großen Staat

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Sasha Filipenko: Rote Kreuze, Diogenes Verlag 2020 € 22,00

Ein junger Mann und eine alte Dame werden neue Nachbarn in Minsk. Stück für Stück erzählen sie sich von den Dramen in ihren Leben. Auf der einen Seite Krankheit, schmerzlicher Verlust eines geliebten Menschen und Neuanfang, auf der anderen die Auswirkungen des russischen Systems unter Stalin und danach: Trennung, Gefangenschaft, Schuldgefühl, Ungewißheit und bittere Erkenntnis. Neben den persönlichen Lebensgeschichten erzählt der Roman über die Ignoranz der russischen Regierung gegenüber ihren gefangenen Soldaten im 2.Weltkrieg, Originalschriftstücke fließen in die Romanhandlung ein. Eine erschütternde historische Geschichte, die das fühlende Individuum dem kalten Staatsapparat gegenüberstellt, während gleichzeitig das heutzeitige, generationsübergreifende Verständnis Hoffnung weckt.

Von kleinen und großen Abschieden

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Nina LaCour, Alles okay, Hanser Verlag 2019 € 16,00

Marins Verlust ist einer von denen, die den Leser mit in eine Tiefe ziehen, aus der er gemeinsam mit der Protagonistin im Verlauf der Geschichte nach und nach wieder auftaucht. Als Kind hat Marin ihre Mutter verloren, einen Vater gab es nie. Gerade erwachsen,verliert sie den Großvater, ihren Mittelpunkt ihres Lebens, und damit auch sich selbst.  Seither ist nichts mehr okay, Marin verkriecht sich vor der Welt und ihren Freunden. Das erste Wiedersehen der besten Freundinnen nimmt die Autorin zum Anlass, um Marin und Mabel zaghaft zurückblicken zu lassen: Auf die letzten Sommertage. Auf die Zeit des Schulabschlusses, angefüllt mit Plänen, Hoffnungen und vielen letzten Malen. Marin und Mabel ist klar, dass sich ihre Wege wegen des Studiums trennen werden. Ungeplant war jedoch, wie sich in dem ganzen Taumel ihre Herzen und Körper finden. Hatte die zarte, heimlich gelebte Liebe je eine Chance? Ein intensives und emotional starkes Jugendbuch über Liebe, Freundschaft, Verlust und den Weg aus dem Dunkeln ans Licht.

Zeitenwandel

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Alain Claude Sulzer: Unhaltbare Zustände, Galiani Verlag 2019 € 22,00

Das Gefühl, dass die Zeiten sich so verändern, dass er nicht mehr dazugehört und ihm somit seine sicher geglaubte Stellung in der Gesellschaft verloren geht, treibt den Schaufensterdekorateur Stettler um. Er bekommt bei seiner Arbeit einen jungen Konkurrenten, der neue, interessante Wege geht und Stettlers Gedanken drehen sich nur noch um sein eigenes Gefühl des Versagens, dem Wunsch nach Verunglimpfung und Rache. Wozu ihn diese explosive Gedanken- und Gefühlsmixtur verleitet, überrascht uns Leser tatsächlich. Das in einem weiteren Erzählstrang dem Leben einer Pianistin nachgespürt wird bereichert diese eigenwillige Geschichte, die Ende der 60er Jahre in der Schweiz spielt.

Im Marschland

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Delia Owens: Der Gesang der Flusskrebse, Verlag hanserblau € 22,00

Kya wird das Mädchen genannt, das fast ganz auf sich gestellt in dem Marschland North Carolinas aufwächst. Sie ist zunächst noch ein Kind, das sich selbst beibringen muss, Mahlzeiten zu bereiten, das sich in der Natur mehr zuhause fühlt als in der Hütte, die mal eine große Familie beherbergte. Sie wird einige wenige Menschen finden, die ihr zugewandt sind während sie den Bewohnern des nahegelegenen Küstenstädtchens fremd und sogar gefährlich erscheint. Als junges Mädchen wird sie die Nähe eines jungen Mannes lieben lernen, doch auch hier lauert die Gefahr des Verlustes. DIe Schilderung ihres Lebens und ihrer Entwicklung ist verknüpft mit literarisch beglückenden Naturbeobachtungen von Flora und Fauna. Zunehmend an Spannung gewinnend zieht ein Todesfall mit Mordverdacht den Leser in Bann. Ein besonders geglücktes Debüt, das in all seinen Facetten absolut überzeugt und begeistert!

Rettungsanker

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Mona Hovring: Was helfen könnte, edition fünf 2019 € 19,00

Das nun ins Deutsche übersetzte Debüt einer inzwischen bekannten norwegischen Autorin ist ein schmales Buch, das intensiv über die Rettungsanker eines Mädchens erzählt, das sehr früh seine Mutter verlor. Es ist nicht immer einfach zu wissen, wo sich Halt finden lässt, das Erlebnis des Verlustes wiegt schwer und droht immer wieder. Und doch stimmt das Buch hoffnungsvoll, denn es gibt sie, die Menschen, die wohltun und Stabilität geben. Und  das Mädchen Laura wird ihren Weg ins Erwachsenensein finden.

Woher – wohin?

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Peggy Mädler: Wohin wir gehen, Galiani Berlin 2019 € 20,00

Episodenhaft erzählt Peggy Mädler in ihrem Roman über drei Generationen, mit besonderem Blick auf die Frauen. Aus der ehemals Tschechoslowakischen Republik nach dem 2. Weltkrieg in den kleinen Ort Kirchmöser im russisch besetzten Deutschland umgesiedelt, engagiert sich die schon vorher kommunistisch gesinnte Ida beim Aufbau der entstehenden Deutschen Demokratischen Republik. Ihre Tochter Rosa und auch Almut tun es ihr nach. Diese beiden verbindet eine tiefe Freundschaft, die ihnen in Zeiten von Verlust und Neuanfang Halt gibt. Auch, als Rosa sich 1960, inzwischen in Ostberlin lebend,  in den Westen absetzt verrät Almut diese Freunschaft nicht und trägt die Konsequenzen. Schön ist es für sie, Jahre später zu erleben, wie auch ihre Tochter im bereits vereinten Berlin eine nahe Mädchen- und dann Frauenfreundschaft trägt. Mit gutem Gespür für alle Generationen, ihre inneren Sehnsüchte, Gedanken, Freuden und Nöte lässt Peggy Mädler deutsch-deutsche Zeitgeschichte wachwerden.

Vom Piemont nach New York

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Raffaella Romagnolo: Bella Ciao, Diogenes Verlag 2019 € 24,00

Ein kleiner Ort im Piemont, Anfang des 20.Jahrhunderts. Giulia, Anita und Pietro sind seit der Kindheit beste Freunde. Sie teilen Freud und Leid eines arbeitsreichen und kargen Lebens. Als sie 20 Jahre alt sind, sieht Giulia sich veranlasst, von einem Moment zum anderen zu Verschwinden, ohne sich zu Verabschieden, ohne ein Zeichen zu lassen. Sie schifft sich nach New York ein und lässt ihre Vergangenheit hinter sich, bis sie 1946 zusammen mit ihrem Sohm zum 1.Mal wieder in ihrem Heimatort ist. Über die Jahre in Italien erfährt der Leser, indem er in Anitas Familie die Menschen von vier Generationen begleitet: in der Landwirtschaft, bei der Hausarbeit, in der Fabrik, in den zwei Kriegen, im politischen Agieren, unter Partisanen, in ihren Beziehungen, ihren Sehnsüchten, Lieben, und in ihrem Verzweifeln. In New York lebt Giulia mit Mann, Sohn und Enkeln, hat erst einen, dann weitere Lebensmittelläden in Little Italy unter den Einwanderern und in anderen Stadtvierteln. Sie erlebt Vorurteile und wirtschaftlichen Aufstieg und vermisst die Freundin Anita, die immer die richtigen Fragen stellte. Ob sie sie nun, nach fast 50 Jahren, wiederfinden wird? Und mit ihr den inneren Frieden, nach dem sie sich sehnt? Raffaella Romagnola beschreibt das Fühlen und Handeln der Menschen so anschaulich, dass ich mich ihnen sehr nah fühlte und in ihr Erleben in diesen düsteren Jahrzehnten hineinversetzt wurde. EIn Roman, wie ich ihn mir sprachlich und inhaltlich besser nicht erträumen könnte!

Lebensrettendes und lebenszerstörendes Schmuggeln

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Mechtild Borrmann: Grenzgänger, Droemer Knaur 2018 € 20,00

Kaum hat der Leser die Zusammenhänge von Henriette Schönings Kindheit und Jugend in der 50er Jahren und der 1970 erhobenen Anklage wegen doppelten Mordes verstanden, lässt ihn der Fall nicht mehr los. Die Nachkriegszeit in dem kleinen Ort in der Eifel bringt Henriette große Verluste und viel Verantwortung. Ihrem lebensvertrauendem und tatkräftigen Charakter ist es zu verdanken, dass sie und ihre drei Geschwister gut über die Runden kommen. Bis zu dem Moment, als ihre jüngere Schwester stirbt und ihr Vater folgenschwere Entscheidungen trifft, die das Leben der verbleibenden Geschwister zur Hölle werden lassen. Der Roman enthüllt erschütternde Verhältnisse in einem Kinderheim, beschreibt den Missbrauch von Autoritäten, die unverantwortliche Verbreitung von Verdächtigungen und die faszinierende Entwicklung zweier gerichtlicher Prozesse. Ein sehr gelungengenes romanhaftes Zeitzeugnis!

 

Ein Dorf im Apennin

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Maria Rosaria Valentini: Magnifica, Dumont Verlag € 22,00

Das Leben in einem kleinen abgelegenen Ort im Apennin - es sind zunächst die Jahre nach dem 2. Weltkrieg, der Roman erzählt über vier Generationen. Die landwirtschaftlichen und kirchlichen Regeln bestimmen die Tage der ganz einfachen und doch so unterschiedlichen Menschen mit ihren Hoffnungen und Enttäuschungen, ihren Ängsten und deren Bewältigung, den sich entfremdenden Beziehungen und den wachsenden Freundschaften. Zentrale Figur ist Ada Maria, die ihre Mutter früh verliert, ihren Bruder großzieht und sich als junge Frau Schritt für Schritt dem deutschen ehemaligen Soldaten Benedikt nähert, der seit Endes des Krieges in einer Berghöhle lebt. Was es mit dem Namen Magnifica auf sich hat, welche Höhen und Tiefen Ada Maria und die Menschen um sie herum erleben, wird in diesem Roman überzeugend und einfühlsam erzählt.

 

Der erlesene Star, well-done mit Wohlfühlaroma

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Jürgen-Thomas Ernst: Schweben, Braumüller Verlag 2017 € 20,00

Leben - Schweben

Dieses Buch hat mich tief berührt: es erzählt von Josefs Leben, in dem ihn Rosa ein gutes Stück begleitet. Sie sind ganz einfache Menschen, die ohne Aufhebens ihr Leben in die Hand nehmen. Sie haben wenig und brauchen nicht viel, sie nehmen Glücksmomente wahr und machen sie sich selbst und einander bewusst. Sie finden und verlieren einander und der Leser begleitet sie bei verschiedenen Episoden zwischen Kindheit und Alter. Es steckt viel Lebensweisheit in diesem schmalen Buch in Gedanken und Sätzen, die den Leser auch nach der Lektüre begleiten werden. Wer das Buch "Ein ganzes Leben" von Robert Seethaler und "Ein Leben mehr" von Joyceline Saucier gerne gelesen hat, wird auch dieses Buch lieben!

 

Ist Zeit messbar?

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Christoph Ransmayr: Cox oder der Lauf der Zeit, Fischer Verlag € 12,00

Der Roman " Cox oder der Lauf der Zeit" von Christoph Ransmayr ist ein literarisches Meisterwerk, das den Leser in die Mitte des 18. Jahrhunderts führt. Der Londoner Uhrmacher und Automatenbauer Cox folgt mit drei seiner Gehilfen dem Ruf des chinesischen Kaisers Quiánlóng nach Beijing. Die Aufträge des Kaisers verlangen die künstlerische und mechanische Umsetzung philosophischer Gedanken: So entsteht die Winduhr, um das Zeitempfinden eines Kindes zu zeigen oder sie Glutuhr, die die endende Lebenszeit eines Menschen veranschaulicht. Der Wunsch nach einer zeitlosen Uhr, die auch das Zufällige in sich birgt und die Ewigkeit messen soll, stellt die größte Herausforderung dar. Geradezu märchenhaft entsteht ein Bild des alten Chinas, in dem Prunk und Schönheit neben Willkür und Grausamkeit zu finden sind, beherrscht von einem als allmächtig anerkannten Kaiser. Ein besonderes, reiches, bildgewaltiges und nachdenkliches Buch, dem der Fischer Verlag ein edles Äußeres gegeben hat.

Äußeres und inneres Beben

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Donata Pietrantonio: Bella mia, Kunstmann 2016 € 18,95

Durch ein Erdbeben hat Caterina, die Erzählerin in dem Roman "Bella mia", ihre Zwillingsschwester Olivia verloren. Sich an die Vergangenheit erinnernd, den Emotionen damals und jetzt nachspürend, erzählt sie von ihrem Leben in der kleinen italienischen Stadt L´Aquila. War ihr Leben früher sehr von dem "Zwillingsein" bestimmt, lebt sie nun mit der Leere neben sich. Aller Trauer und Wut zum Trotz gewinnt sie, wie auch ihre Mutter und der Sohn ihrer Schwester, wieder an innerer Stabilität. Das Buch hat mich sehr berührt und die literarische Verarbeitung des realen Geschehens in den Abruzzen am 6.4. 2009 ist sehr gut gelungen.