Articles tagged with: Vater-Sohn

Kartographie der Reifung

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Charlotte Roth: Die ganze Welt ist eine große Geschichte und wir spielen darin mit, Eisele Verlag 2019 € 24.-

Die Fotos im Vorsatzpapier sind Vertaute aus Kindertagen: Versonnen hält Michael Ende mit seiner Nase auf den Schildkrötenrücken zu, sanft streichelt er seine Kassiopeia, die so quälend langsam Momo den Weg zeigen wird, derweil man beim Lesen mit vor Aufregung klopfendem Herzen die Zeilen überfliegen muss. Die grauen Herren hängen Momo so dicht an den Fersen. Das Bild zeigt den Autor in sich versunken, ganz die Ruhe selbst. Kaum zu glauben, dass Michael Ende, welchem Charlotte Roth mit großer Sorgfalt auf zahlreichen Schauplätzen nachspürt, zunächst fast am Leben verglüht. Die surrealen Traumwelten der Bilder seines Vaters Edgar Ende entführen den Jungen schon früh zu geheimnisvollen Innenwelten. Vorkriegs-, Kriegs- und Nachkriegswirren konfrontieren den ihn mit Trennung, Armut, Gewalt und Tod. Er hält entgegen und reißt das Leben an sich, wird Schürzenjäger, Nichtsnutz und Schauspieler der Schwabinger Bohème. Langsam und über Umwege, von einer ewig sorgenden Mutter behütet und einem über Kunst beständig diskutierenden Vater gefordert, eröffnet sich ihm sein eigener Weg zur Literatur. Roth hält respektvoll, fast ehrfürchtig Distanz zu ihren Figuren, die sie für sich sprechen lässt. Sie schafft Raum, die Zeit zu spüren, die für den Schaffensprozess in der Kunst vergehen muss und nie nutzlos ist. Michael Endes Kinderbücher brauchen Jahre der Reifung. Dies ist neben vielen Details über Menschen und ihr Leben in Garmisch, München und Italien wohl das Faszinierenste an diesem Buch. Roth zeigt, wie das Credo des wohl wichtigsten deutschen Kinderbuchautors der Nachkriegszeit, dessen Bücher dem unerschöpflichen Reichtum fantastischen Kinderdenkens eine Sprache, Klang und Ton geben, aus dem Leben erwächst und fest mit ihm verankert ist.

Die Herausfordung des eigenen Lebensweges

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Gabriele Clima: Der Sonne nach, Hanser Verlag 2019 € 14.-

Sozialstunden sollen den unüberlegt agierenden Dario lehren auf den richtigen Weg zu gelangen und zu tun, was man von ihm verlangt. So lernt er den vollkommen von Pflege abhängigen Andy kennen. Dieser kann sich weder bewegen noch sprechen und sitzt im Rollstuhl. Damit gehört er für Dario zur Gruppe der Behinderten.  Aber nein, er ist ein Mensch mit besonderen Fähigkeiten. Doch diese sprachliche Gleichstellung wird von seiner Betreuerin nicht gelebt. Sie behandelt Andy wie ein Baby und bemerkt dabei: er sei doch "kein normaler Mensch". Sie hält ihn für einen Idioten, das spürt Dario sofort, denn auch ihn hält man für eine Niete. Unkompliziert, dirket und immer ein wenig rebellisch, wie Dario so ist, nimmt er den Rollstuhl samt Andy unter den Arm und schiebt damit, mal wieder ohne einen Gedanken an die Konsequenzen zu verschwenden, einem Abenteuer entgegen.

Papatag

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Lucy Cousins: Tock Tock Tock, Aladin Verlag 2015 € 12,90

Papatag: Tock, tock, tock, hack, hack, hack - Papa Specht bringt seinem Sohn das Handwerk bei. Ob Baum, Zaun oder Tür: wo gehackt wird bleibt ein Loch auf der Seite und schwupps geht´s hinein ins Haus. Diele, Wohnzimmer, Kleiderschrank, Bad und Vorratskammer, in alle 17 Ostereier kommt ein Loch. Die Seiten sehen bald wie Schweizer Käse aus. Zum Schluss noch ein Kuss und ab ins Nest. Was für ein ereignisreicher Tag. Die farbstarken Seiten und klaren Formen eigenen sich besonders für die Allerkleinsten. Eine wunderschöne Vater-Sohn Geschichte.