Articles tagged with: USA

Eigenwillige Lebensläufe

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J.Ryan Stradal: Die Bierkönigin von Minnesota, Diogenes 2021, € 18,00

Eine Mehrgenerationen - Familiengeschichte in den USA, in der erstaunlicher Weise gleich zwei Frauen mit Bierbrauerei zu tun haben. Helen begeistert sich schon als junges Mädchen für Bier und arbeitet zielstrebig darauf hin, sich als Frau in dieser Männerdomäne einen Platz zu schaffen. Diana, ihre Nichte, gerät eher zufällig in eine kleine Brauerei, nicht ahnend, was für eine Rolle das noch in ihrem Leben spielen wird. Aber ganz besonders ans Herz gewachsen ist mir Edith, Helens Schwester, die tatkräftig zupackend und warmherzig ihr Leben lebt. Ein schön zu lesender Roman, der vor allem den Blick auf die Frauen in ganz unterschiedlichem Lebensalter lenkt.  Die Frauen sind natürlich mit Männern verbandelt, die auch eine Rolle spielen...

Schauspieler unter sich

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Cynthia D`Aprix Sweeney: Unter Freunden, Klett-Cotta 2021, € 22,00

Mit Sweeneys Roman "Unter Freunden" taucht der Leser ein in die Szene der Schauspieler in New York und Los Angeles, auf der Bühne, im Film und als Sprecher. Er lernt zwei Freundespaare kennen, eines davon mit Tochter, die sich seit vielen Jahren einander anvertrauen und unterstützen. Ganz unerwartet entsteht ein Riß, der die Vergangenheit in Frage stellt, Unsicherheit im Miteinander auslöst und vielleicht sogar neue Lebenskonzepte fordert. Beeindruckend beobachtet!

Das pure Leben

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Callan Wink: Big Sky Country, Suhrkamp Verlag 2021 €23,00

Wer gerne Romane liest, die in der Weite der USA spielen, der darf mit "Big Sky Country" von Callan Wink in die Weiten Montanas abtauchen. August wächst auf der Farm seiner Eltern auf und muss nach deren Trennung als Jugendlicher  mit der Mutter nach Montana ziehen, wo diese sich ein neues Leben aufbauen möchte. August versucht, sich von den Erwartungen der Eltern an seine Berufswahl oder was es im Leben zu erreichen gilt, zu lösen. Die Natur und Freiheit, die er findet, erfüllen und formen ihn. Ob bei der Arbeit auf dem Feld oder auf einer Farm, auf der er mithilft - die Zufriedenheit, die diese Tätigkeit bei ihm auslöst, wird beeindruckend beschrieben. Mit klarer Sprache lässt uns der Autor am stillen Glück seiner Hauptfigur teilhaben. Die ursprüngliche Sprachlosigkeit zwischen Vater und Sohn weicht langsam einem gegenseitigen Verständnis. Seine Versuche, neue Freundschaften zu schließen und erste Erfahrungen mit der Liebe zu erleben, verfolgt man mit Spannung. Wie es gelingen kann, den eigenen Weg zu finden und dabei seine Wurzeln zu behalten, liest sich fesselnd. Ein ruhiger Roman, dem man anmerkt, dass der Autor selbst ein naturverbundener Einzelgänger ist. Dennoch packend bis zur letzten Seite. Annette Goossens

Nebeneinander und Miteinander

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Astrid Rosenfeld: Die einzige Strasse, Kampa Verlag 2021, € 18,00

Sechs Bungalows in Virginia - es hätte eine Hotelanlage werden sollen, nun leben hier Menschen, denen das Leben bisher nicht gut mitgespielt hat. Ein Kriegsveteran, zwei alte Schwestern, eine Familie mit zwei Kindern, eine Mutter mit Sohn und eine alleinlebende Frau. Es ist ein Nebeneinander aber doch auch ein Miteinander, Enttäuschung und Hoffnung liegen in der Luft. Sehnsüchte verführen zu Wagemut. Es sind kleine Begebenheiten, die uns diese Menschen nahebringen und uns hoffen lassen, sie mögen gute Wege finden.

Unerschrockener Lebensmut

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Felix Kucher: Sie haben mich nicht gekriegt, Picus Verlag 2021, € 26,00

Felix Kucher gelingt es in seinem neuen Roman wieder einmal,  wahre Lebensgeschichten in einen spannend zu lesenden Roman zu verwandeln. Tina Modotti, als Arbeiterkind in Italien aufgewachsen und schon als junges Mädchen in einer Weberei arbeitend wird an vielen Orten der Welt für revolutionäre Gedanken kämpfen und sich einen Namen als Fotografin machen. Unerschrockenheit, Eigensinn und Lebensmut zeichnen auch Marie Rosenberg aus, die in Fürth die Buchhandlung ihres Vaters übernimmt und als Jüdin rechtzeitig nach New York emigriert, wo sie eine weit bekannte Buchhandlung und einen Verlag gründet. Beide Frauen begegnen vielen uns heute noch bekannten Persönlichkeiten ihrer Zeit und so entsteht ein facettenreiches Bild der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Sehr lesenswert!

KIndheit im Internierungslager

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nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2021, Jugendjury

Jurybegründung: Eine großartig erzählte und einfühlsam gezeichnete Erzählung über ein dunkles und wenig bekanntes Kapitel der amerikanischen Geschichte. Der Schauspieler George Takei, bekannt durch die Serie Raumschiff Enterprise, berichtet rückblickend über seine Kindheit in den 1940er Jahren in den USA: Nach dem Angriff auf Pearl Harbor werden über Nacht amerikanische Bürger mit japanischer Abstammung zu Feinden des amerikanischen Volkes erklärt und stehen unter Terrorismusverdacht. Sie werden in Internierungslager verschleppt – vier Jahre lang unter unwürdigen Bedingungen, 120.000 Menschen! Takei erzählt mit kindlicher Emphase vom Alltag im Lager, von Konflikten, riskanten Spielen und Abenteuern. Als Kind war er sich der Gefahr der Situation nicht bewusst. Gerade dieser unschuldig naive Blick lässt erkennen: Es handelte sich um rassistisch motivierte Internierung, Unterdrückung und Freiheitsberaubung. Die behutsamen schwarz-weiß Zeichnungen von Harmony Becker sorgen für emotionalen Abstand, gewähren aber durch die sehr genauen und plastischen Gesichtsausdrücke gleichzeitig einen tiefen Einblick in das Gefühlsleben der Figuren. Das verstärkt die Spannung zwischen der Erzählhaltung und dem Dargestellten. Ein Lehrstück gegen Rassismus.

George Takei: They called us Enemy, Cross Cult 2020 € 25,00

Kindheit im Internierungslager

Diese Graphic Novel erzählt von der Kindheit George Takeis, die er in einem amerikanischen Internierungslager verbrachte. Nach dem Angriff Japans auf Pearl Habour wurden alle Menschen japanischer Herkunft in Amerika rassistisch verfolgt, in Lager verfrachtet und eingesperrt. Die Geschichte erzählt aus verschiedenen Perspektiven, dem kindlichen wie dem erwachsenen Verständnis, und spielt mit Zeitsprüngen, die aber immer verständlich und passend sind. Ein in der Jugendliteratur bisher kaum in Erscheinung getretendes Themas, das heute erneut an Aktualität gewinnt. Am Ende nimmt Takei Bezug auf die Gegenwart, indem er zeigt, wie wichtig es ist, sich für Randgruppen in der Gesellschaft einzusetzen und für den Erhalt von Demokratie zu kämpfen.

Die gläserne Nation

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Linda Frisch: Falling Skye 01. Kannst du deinem Verstand trauen. Coppenrath Verlag 2020 € 20,00

In naher Zukunft: Nach einer großen Katastrophe wird die USA zur gläsernen Nation. Die Menschen werden in zwei Gruppen eingeteilt, rationale und emotionale. Zu ihrem eigenen Schutz wird die Gruppe der emotionalen Menschen mit strengen Auflagen belegt. Skye ist überzeugt, dass diese gläserne Nation das Beste ist, was den USA jemals passieren konnte. Doch als sie in das Athene-Zentrum eingeliefert wird und die Test beginnen, merkt sie, dass vieleicht doch nicht alles ganz so wunderbar ist: Wieso gibt es ein Ranking? Wieso werden ihre Checks abgehört? Wieso sind die Prüfungen so schmerzhaft? Wieso sterben Menschen?

Krimi, Freundschaft und Handicap

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Deutscher Jugendliteraturpreis im Kinderbuch 2019

Erin Entrada Kelly: Vier Wünsche ans Universum, dtv 2018 € 14,95

Virgils Großmutter Lola stammt von den Philippinen. In Virgils Familie sind alle laut und übersprudelnd, doch Virgil, das Nesthäkchen, ist still und sehr schüchtern. Nur seine Großmutter weiß ihn mit ihren alten Geschichten zu verzaubern. Sie ist seine engste Vertraute. Selten sagt er sonst ein Wort, zu niemanden. In seiner Förderklasse beschäftigt ihn die selbstbewusste Valencia. Auch sie ist eine Außenseiterin. Ohne ihre Hörhilfen liest sie von den Lippen und keiner würde ihr, so wie es Santos mit Virgil tut, nachstellen und drohen. Auch wenn Virgil Umwege in Kauf nimmt, es gelingt ihm nicht immer Santos zu entkommen und so schafft er es, Virgils Rucksack im Wald in einen Brunnen zu versenken. Da Virgil an diesem Tag ausgerechnet sein kleines Meerschwein Gulliver im Rucksack transportierte, klettert er todesmutig zu seiner Rettung in den Schacht und fällt dabei selbst hinein.

„Schönheit ist der Glanz der Wahrheit.“ Mies van der Rohe

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Augustín Ferrer Casas: MIES. Mies van der Rohe - ein visionärer Architekt, Carlsen Verlag 2019 € 20.-

Die Graphic Novel präsentiert das Leben Mies van der Rohes aus einem Gespräch heraus, welches der alte Ludwig Mies mit seinem Enkel führt. Sie befinden sich auf dem Weg von Amerika nach Berlin, zur Grundsteinlegung der Neuen Nationalgalerie. Die Schaffensgeschichte Mies van der Rohes beginnt mit seinem anstoßerregenden Deutschlandpavillon zur Weltausstellung 1929. Nur eine Statue und eine freistehende Wand aus kostbarem Marmor fängt den Blick in seinem Inneren. Schön. Weniger ist mehr. Die Nazis ließen den Pavillon, er stellte "die Macht des modernen Deutschlands dar, das mit viel Mühen die Folgen eines ruinösen Krieges überwand", abreißen, ebenso wie sein Liebknecht-Luxemburg Denkmal. Und schon gerät der Betrachter zwischen die Fronten von Kunst und Politik. Zwischen Zeppelinen und Hakenkreuzen versuchte der Architekt und Leiter des Bauhauses in Dessau seine jungen Studenten an seine moderne, transparente Bauweise heranzuführen. Die Moderinät wird weniger und weniger gewollt. Im nationalsozialistischen Deutschland bleibt kein Mittelweg. Anpassung und Hingabe, Verrat der eigenen Ideen oder Fortgang. Mies van der Rohe emigrierte. Ein ganzes Leben, viele Frauengeschichten, Privatbungalows und Designklassiker später wird die Neue Nationalgalerie in Berlin das einzige Bauwerk sein, welches der große Architekt der Moderne in Deutschland nach dem Krieg errichtet hat. Der spanische Comickünstler Casas präsentiert in seinen Bildern ein pralles, an manchen Stellen fiktionalisiertes Leben, welches durch seine Widersprüche, die es zur ästhetischen Schönheit der Kunst erzeugt, in besonderer Intensität und Lebendigkeit aufflammt.

Sympatisch exzentrisch

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Sarah Ladipo Manyika: Wie ein Maultier, das der Sonne Eis bringt, Hanser Berlin, € 17,00

Morayo da Silva ist in Nigeria geboren, hat als Diplomatengattin geglänzt und sich nach der Trennung als Englischprofessorin begeistert und behauptet. Nun ist sie auf den ersten Blick nicht mehr jung, auf den zweiten Blick ist sie neugierig, kontaktfreudig, wagemutig, lebenshungrig und bunt. Das schmale Buch macht einfach Spaß, es unterhält mit Ungewöhnlichem und der Leser, egal welchen Alters, folgt dieser schillernden Dame auch dann gerne, wenn sie mit der Realität des Älterwerdens konfrontiert wird.

Im Marschland

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Delia Owens: Der Gesang der Flusskrebse, Verlag hanserblau € 22,00

Kya wird das Mädchen genannt, das fast ganz auf sich gestellt in dem Marschland North Carolinas aufwächst. Sie ist zunächst noch ein Kind, das sich selbst beibringen muss, Mahlzeiten zu bereiten, das sich in der Natur mehr zuhause fühlt als in der Hütte, die mal eine große Familie beherbergte. Sie wird einige wenige Menschen finden, die ihr zugewandt sind während sie den Bewohnern des nahegelegenen Küstenstädtchens fremd und sogar gefährlich erscheint. Als junges Mädchen wird sie die Nähe eines jungen Mannes lieben lernen, doch auch hier lauert die Gefahr des Verlustes. DIe Schilderung ihres Lebens und ihrer Entwicklung ist verknüpft mit literarisch beglückenden Naturbeobachtungen von Flora und Fauna. Zunehmend an Spannung gewinnend zieht ein Todesfall mit Mordverdacht den Leser in Bann. Ein besonders geglücktes Debüt, das in all seinen Facetten absolut überzeugt und begeistert!

Deutschland, Texas, Utah

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Hannes Köhler: Ein mögliches Leben, Ullstein Verlag € 22,00

1944 in der Normandie: Franz, ein junger deutscher Soldat, wird Kriegsgefangener der USA. Auf der Schiffspassage lernt er Paul kennen: Amerikaner mit deutschen Wurzeln, der gegen den Willen seiner Eltern freiwillig als Wehrmachtssoldat nach Deutschland gegangen war. Sie werden nicht nur Freunde sondern auch "Prisoners of war". Sie merken sehr bald, dass es auch innerhalb des Gefangenenlagers Fronten gibt: die weiterhin Nazitreuen und die, die sich vom Hitlerregime und dessen Kriegshandlungen distanzieren. Es bleibt nicht bei Worten und Drohungen sondern kommt zu brutalen Angriffen bis hin zu Mord. Umrahmt wird dieser zeitgeschichtlich spannende Teil des Romans von der Familiengeschichte der Hauptfigur Franz. Aus was für einer Familie kommt er, wie wirkt sich das Erlebte auf seine Beziehung zu Frau und Tochter aus und was geschieht zwischen ihm und seinem Enkel, als dieser mit dem inzwischen fast 90-jährigen an die Orte seiner Vergangenheit in Texas und Utah reist? Ein sehr gut geschriebener, fesselnder Roman über ein ganz besonderes Kapitel des 2. Weltkrieges in Verknüpfung mit einer Familiengeschichte, die zum Nachdenken anregt.

 

Unwegsame Zukunft

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Jeff Zentner: Zusammen sind wir Helden, Carlsen Verlag 2017 €17,99

"Wer die Welt verändern will, muss bei sich selbst anfangen", postet Lydia in ihrem Secondhand-Modeblock. Lydia ist stark und voller Ideen. Ihre Eltern unterstützen sie. Ein plus, auf das Travis und Dill, Lydias Freunde, nicht zählen können. Dills Vater sitzt im Gefängnis. In dritter Generation ist er Prediger einer Erweckungsgemeinde, die mit Schlangen und Gift im Gottesdienst agiert. Für die Gemeinde schreibt Dill christliche Lieder. Die Gitarre ist seine Welt. Travis Vater betreibt einen Holzhandel im Ort, trinkt und prügelt seinen Sohn, der sich am liebsten in Fantasywelten liest. Keine Vorzeigefreunde, die Lydia in ihren zahlreichen Blogeinträgen erwähnen würde und doch steht sie ihnen zur Seite, wie sonst niemand. In  brisanter Mischung versteht Zentner es, jugendliche Lebenswelten zwischen Glaube, Schuld, Pflicht und Freiheit zu inszenieren und packt seine Leser von der ersten Seite weg. Ein Roman des  Miteinanders in unwegsamem Gelände, der jeden der Drei nur dann eine Zukunft führt wird, wenn sie es verstehen werden, sich ihren Weg tatkräftig selber zu pflastern. Davon ist Lydia fest überzeugt und hofft, die beiden Jungs von ihrer Ansicht überzeugen zu können.
 

Deutsch mit afrikanischen Wurzeln

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Ijoma Mangold: Das deutsche Krokodil, Rowohlt Tb € 12,00

Identitätssuche

Das erste Buch des Literaturkritikers Ijoma Mangold ist nicht nur eine Autobiografie, sondern gleichzeitig ein interessantes Gesellschaftsportrait des Deutschlands der 70er - 90er Jahre. Ijoma Mangold, Sohn einer schlesischen Mutter und eines nigerianischen Vaters, der kurz nach der Geburt des Sohnes nach Afrika zurückging und den Mangold erst mit 22 Jahren kennenlernen sollte, wuchs in einer geschützten Welt in Heidelberg auf. "Der Junge", wie Ijoma Mangold von sich selbst in der Kindheit erzählt, hat einige Besonderheiten in sein Leben zu integrieren: Die Abwesenheit des Vaters, eine unkonventionelle Mutter und eine andere Hautfarbe. Ihn beseelt die Sehnsucht nach Assimilation, die ihm so gut gelingt, dass er erst in seiner Jugend, nach dem Abitur, eine ganz neue Seite seiner Identität entdeckt: Bei Aufenthalten in den USA und bei seinem ersten Kontakt mit der afrikanischen Familie seines Vaters. Der Leser kann sich über durchaus komische Aspekte erzählter Anekdoten amüsieren, hat aber nie das Gefühl, ein Voyeur zu sein und fühlt sich angeregt, an eigene Erlebnisse zu denken als auch über die Entwicklung des Kindes zum Erwachsenen im Allgemeinen zu reflektieren. Möge "Das deutsche Krokodil" nicht der einzige Roman von Ijoma Mangold bleiben!

Geistreich filetierter Bildungsauflauf

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Klaus Cäsar Zehrer: Das Genie, Diogenes Verlag € 25,00

Glückliches Genie - geht das?

Klaus Cäsar Zehrer hat eine fesselnde Romanbiografie über zwei außerordentliche Persönlichkeiten geschrieben: Boris Sidis, der 1886 völlig mittellos von Osteuropa nach New York kommt und seinen Sohn William James Sidis, 1898 in den USA geboren. Für Boris ist Bildung als Erkenntnisgewinn das höchste Gut und so verwundert es nicht, dass er an seinem Sohn von Geburt an seine psychologischen Methoden zur Bildungsvermittlung anwendet. Boris ist überzeugt, dass jeder Mensch viel mehr wissen kann, als allgemein üblich. Das Experiment an William trägt Früchte: er schreibt mit 18 Monaten, spricht mit 6 Jahren 10 Sprachen und referiert mit 10 Jahren in Harvard über die vierte Dimension. Das dabei die Sozialisierung zu kurz kommt, dass William keine Gleichgesinnten findet und vereinsamt erstaunt nicht. Der Roman lässt den Leser nicht los und fordert auf zum Nachdenken. Bezüge zur aktuellen Bildungsdebatte liegen nah und sind sehr spannend.

 

In der Fremde

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Theodora Bauer: Chikago, Picus Verlag, € 22,00

Es ist Anfang der 20er Jahre, als sie auswandern: Feri und Katica, ein junges Paar und Katicas Schwester Ana. Mit großen Hoffnungen auf ein glücklicheres, freieres, reicheres Leben ziehen sie aus dem östereichisch/ungarischen Grenzgebiet nach Chikago. Doch einfach ist es nicht in der Fremde, die nur der stillen Ana und ihrem Neffen Josip vorübergehend Heimat werden wird. In all ihrer Schlichthiet ist Ana ist die zentrale Figur, sie ist groß im Erspüren und Beobachten und zögert nicht, zu Handeln. Der Roman zieht den Leser immer mehr in den Bann, lässt Spannung wachsen und vermittelt eindrücklich ein Stück Gesellschafts- und Zeitgeschichte.

Brisantes Thema im Roman

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Imbolo Mbue: Das geträumte Land, Kiepenheuer&Witsch 2017 € 22.-

Der Roman von Imbolo Mbue ist sehr aktuell, behandelt er doch die Einwanderungspolitik in den USA. Die Autorin urteilt nicht, aber sie erlaubt eine fantastische Auseinandersetzung mit dem Thema. Der Roman erzählt von einer kleinen Familie aus Kamerun, deren großer Traum sich erfüllt hat: sie leben in New York. Er, Jende Jonga, hat eine Arbeitserlaubnis, siene Frau Neni bereitet sich auf das langersehnte Pharmaziestudium vor. EIne dauerhafte Aufenthaltserlaubnis haben sie noch nicht. Als Jende den Job als Chauffeur eines Bankers von Lehman Brothers bekommt und Neni einige Monate später in dessen Familie das Hausmädchen vertritt, verzahnen sich die Schicksale der beiden Familien mehr, als man sich vorstellen konnte. Ich fand es spannend zu merken, dass manche Hoffnungen und Probleme beider Familien sehr ähnlich sind, den gesellschaftlichen Unterschieden zum Trotz. Imbolo Mbue erzählt leicht und lebendig mit präzisen Beobachtungen und viel Empathie, gleich auf der ersten Seite ist der Leser den Protagonisten sehr nah. Und gerade die letzten Worte des Romans haben mich sehr berührt - von der ersten bis zur letzten Seite ein intensives Leseerlebnis!

Spätes Glück

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Kent Haruf: Unsere Seelen bei Nacht, Diogenes Tb  2018 € 12,00

Ein hoffnungsvoller, ein berührender Roman über das Glück, einen Menschen zu finden, mit dem man Zeit, Gedanken, Gefühle, Erinnerungen teilen kann. Dass das auch geschehen kann, wenn der langjährige Partner gestorben ist, dass dieses Glück manchmal greifbar nah ist und auch auf 70jährige wartet, ist in diesem Roman glaubhaft nachfühlbar. Dass die Umgebenug kritisch und argwöhnisch reagiert, ist aber auch spürbar. Ein ruhiger, sensibler, gut unterhaltender Roman mit dem Schauplatz eines kleinen Städtchens in Colorado, das nahezu überall in der Welt angesiedelt sein könnte.

Sheriff contra Oligarch

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Castle Freeman: Auf die sanfte Tour, Nagel & Kimche 2017 € 19,00

Ein kleines amerikanisches Städtchen mit einem Sheriff, der mehr abwartet, als handelt - ganz zum Unverständnis seines Deputys, der meint, mit Eifer,den kniffligen Fall lösen zu können und die nächste Wahl zum Sheriff zu gewinnen. Es geht um nichts Geringeres als einen Tresordiebstahl in der Villa eines russischen Oligarchen, der diesen Raub gar nicht lustig findet und entsprechend reagiert. Mit viel Humor, einem guten Gespür für die sehr verschiedenen Charaktere und gut gesetzten Dialogen erzählt Castle Freeman eine haarsträubende Geschichte so anschaulich, dass der Leser meint, sie mitzuerleben.