Articles tagged with: Unfall

Dem Zufall eine Chance geben

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Fabio Geda: Ein Sonntag mit Elena, hanserblau, € 20,00

Ein neues Buch von Fabio Geda mit einem sympathischen Helden. Er heißt nur Vater und Papa, denn eine seiner Töchter, Giulia, erzählt die Geschichte. Er ist 67 Jahre alt, lebt in Turin und ist noch nicht lange Witwer, als ein Sonntag einen ungeahnten Verlauf nimmt. Da seine Enkelin sich den Arm bricht, fällt der Familienbesuch bei ihm aus. Um der Stille und Enttäuschung zu entfliehen, macht er einen Spaziergang. Dort lernt er Emilia und ihren 13jährigen Sohn kennen, die auch das Erlebnis des ungewollt Verlassenseins in sich tragen. Im Laufe des Tages werden sich noch weitere Verbindungen zwischen ihnen zeigen. Giulia erzählt nicht nur von dieser Begegnung, sie erinnert sich auch an die Kindheit und Jugend, die  Gedanken und Gefühle den Eltern gegenüber sowie der älteren Schwester und dem jüngeren Bruder. Es ist ein feinfühliger, nachdenklicher Roman über viele Facetten des Lebens, dem ich sehr gerne gefolgt bin in seinen Überlegungen, Beschreibungen, Zeitenwechseln und emotionalen Spannungsmomenten!

Eigenwillige Menschen

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Nina Sahm: Die Tage mit Bumerang, hanserblau 2019 € 15,00

Sie sind zwei eigenwillige Menschen, Anne und Lars, die seit Grundschulzeiten miteinander befreundet sind und auch, als Lars Frau und Kind hat, behalten sie freundschaftliches Miteinander bei. Ein tragischer Unfall stürzt Anne in eine inneren Abgrund. Auch Lars ist betroffen, es tritt Stille zwischen beide, die für Anne kaum auszuhalten ist. Und doch schleicht sich eine neue Lebendigkeit in ihr Leben, in Schritten voraus und zurück und doch unaufhaltsam, sodass sich am Ende auf allen Seiten Zufriedenheit findet.

Emotionale Familienspannung

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Tatiana de Rosnay: Fünf Tage in Paris, C. Bertelsmann Verlag 2019 € 20,00

Ein emotionsgeladener Roman über eine Familie in Frankreich, der es bei einem Familientreffen in Paris gelingt, lang gehütete und verdrängte Gefühle und Erlebnisse zuzulassen und Offenheit untereinander zu wagen. Der Fokus liegt auf Linden, dem berühmten in San Francisco lebenden Sohn und Fotografen, aber auch die Vergangenheit seiner Schwester und seiner Eltern birgt viel Unausgesprochenes. Während der fünf beschriebenen Tage wird Paris von einer ungeahnt heftigen und folgenschweren Überflutung heimgesucht. DIe vielen nach und nach an die Oberfläche gelangenden Ereignisse halten auch die Leser in Atem.

21 Kinder

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Jocelyne Saucier: Niemals ohne sie, Insel Verlag 2019 € 20,00

Jocelyne Saucier hat ein weiteres Mal einen beeindruckenden Roman geschrieben, der mich immer mehr in den Bann gezogen hat und bei dessen letzten Kapitel ich nur noch dachte: grandios! Grandios die unaufgeregte und ausdrucksstarke Sprache, der Aufbau, der aus verschiedenen Blickwinkeln Innerem und Äußerem nachspürt, das Einfühlungsvermögen. Jocelyne Saucier erzählt die Geschichte einer kanadischen Familie mit 21 Kindern, die sehr wild und frei aufwachsen. Der Vater ist Erzsucher, der in der Welt seiner Gesteinsanalysen versinkt, die Mutter ist tags nur in der Küche zu finden und hat doch einen Blick tief in die Seelen ihrer Kinder. Ein tragisches Ereignis bringt Schweigen zwischen die Familienmitglieder und die Frage nach dem wahren Hintergrund und ob sie sich der Wahrheit jemals werden stellen können steht zwischen ihnen.

Fliehen, Flucht, Flüchtling

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Gerhard Jäger: Die Nacht über uns, Picus Verlag 2018 € 22,00

Ein österreichischer Soldat auf dem Wachturm an der Grenze, die vor Flüchtlingen geschützt werden soll. Er ist allein mit seinen Erinnerungen im Kopf und denen seiner Großmutter in einem Heft - sie floh Ende des 2. Weltkrieges aus Pommern. Sich selbst kann er nicht schützen vor inneren Bildern, die in ungeheurer Intensität und Emotionalität in ihm auftauchen: die glücklichen, warmen, reichen Momente und die schmerzhaften, erschütternden, verzweifelten. Die Geschichte zieht den Leser mit erstaunlicher Sprachgewalt in den Bann.

Emotional ergreifend

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Cameron Bloom, Bradley Trevor Greive: Penguin Bloom, Knaus Verlag 2017 € 19,99

Dass Buch beschreibt, dass das Leben nicht immer ein Zuckerschlecken ist. Es ist traurig seine Füße nicht mehr durch den Sand bewegen zu können, so wie Sam nach einem Unfall. Querschnittsgelähmt zu sein ist schlimm, die Betroffene bekommt jedoch große Unterstützung und Hilfe von ihrer Familie und einem kleinen Vogel. Penguin. Er hat sich auch verletzt. Die verletzte Sam hilft ihm, sodass der kleine Vogel irgendwann wieder seine Flügel bewegen kann. Aber auch der Vogel kümmert sich um Sam, dass es ihr bald besser geht. Bei manchen Szenen sind mirschon die Tränen hochgekommen. Als Sam am Ende einen Brief schreibt, mit ihren Leiden und ihren Sorgen wollte ich Sam am liebsten in den Arm nehmen und sie trösten. Dieses sehr emotionale Buch würde ich älteren Kindern erzählen, so ab 13 Jahren.

Spannend und einfühlsam

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Georg Elterlein: Sprache der Krähen, Picus Verlag 2016 € 22.-

Die Hauptfigur in diesem Buch, Leonard, führt ein Doppellleben: offiziell ist er Schlosser, bisher unentdeckt ist er ein hochkarätiger Dieb. Was dann passiert, will so gar nicht in sein Leben passen. Sein jüngerer Bruder, den er seit 20 Jahren nicht gesehen hat, ist mit seiner Frau tödlich verunglückt und hat einen 11-jährigen Sohn hinterlassen. Leonard ist der einzige Angehörige. Bei den Begegnungen mit seinem Neffen, der posttraumatisch verstummt ist, zeigen sich ganz unerwartete Facetten Leonards. Er hat großes Geschick im Umgang mit dem Jungen, dessen Gedanken er feinfühlig erspürt. Er übernimmt Verantwortung, als er noch gar nicht weiss, ob er das auch möchte und öffnet sich gleichzeitig der Erinnerung an seine eigene schwierige Vergangenheit. Die "Sprache der Krähen" -  Krähen spielen im Geschehen eine wichtige Rolle - ist ein vielschichtiger Roman mit gutem Spannungsbogen, der psychologisch einfühlsam sehr verschiedene Lebensthemen ausleuchtet.

 

 

 

Wenn alles andes wird

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Andreas Steinhöfel: Anders, Carlsen Tb 2017 € 7,99

Andreas Steinhöfel erzählt in seinem neuen Buch Anders die ungewöhnliche Geschichte eines Jungen, der nach einem tragischen Unfall im Koma liegt und als er wieder aufwacht, völlig verändert, eben anders ist. Felix kann sich jedoch an nichts von der Zeit vor seinem Unfall erinnern. Er hat auf einmal ein sehr feines Gespür dafür, was in den Menschen vorgeht, doch wenn er das offen und direkt anspricht, reagieren die Leute oft verletzt und genervt.  Weil er so stark verändert ist nach seinem Unfall, benennt er sich um und heißt fortan „Anders“. Die plötzliche Veränderung seines Charakters finde ich sehr interessant. Andreas Steinhöfel inszeniert den Unfall sehr geschickt, denn beide Elternteile sind Mitverursacher. Das klingt zwar grausam, aber so vermeidet er das typische Vorwurfskarussell und kann sich ganz auf seine Charaktere und die eigentliche Geschichte konzentrieren. Mal beschreibt Andreas Steinhöfel die Protagonisten von weit weg, dann wirkt das Buch kühl, gefühlsarm und distanziert. Ein anderes Mal „zoomt“ er nah ran und beleuchtet einen Charakter sehr genau, dadurch entsteht eine ganz besondere Dramatik. Alle Charaktere sind gleichberechtigt, mal steht einer im Mittelpunkt, mal mehrere und manchmal auch gar kein bestimmter. Durch diese Fokusverlagerungen wurde das Lesen dieses Buches besonders spannend für mich. Für Anders spielen Farben eine wichtige Rolle, wenn er einen Menschen betrachtet, sieht er eine Farbe, die dessen Charakter und Probleme widerspiegelt. Wenn ich diesem Buch eine Farbe zuordnen sollte, dann wäre es ein strahlendes blau-silber-grau. Bis auf das Ende, denn das ist wieder leuchtend bunt, das spürt man beim Lesen und merkt es auch an der Sprache. „Anders“ ist einfach anders; ein sehr besonderes, ab und zu auch sonderbares, interessantes und auf jeden Fall lesenswertes Buch!