Articles tagged with: Trauer

Kurzweilige Spurensuche eines Lebens

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Peter Zantingh: Nach Mattias, Diogenes Verlag 2020 € 22.-

„Trauer ist wie ein Schatten. Der richtet sich nach dem Stand der Sonne, fällt morgen anders als abends.“ Zitat: Zantingh, Nach Mattias
Matthias Tod hinterlässt eine Lücke im Leben seiner Liebsten. Seine Freundin Amber lässt die letzten Wochen Revue passieren, sein bester Freund Quentin entdeckt das Laufen und seine Mutter findet langsam wieder zu sich, indem sie beginnt ehrenamtlich zu arbeiten. Wie ein Puzzle setzt sich ein Bild von Matthias zusammen, der lebensfroh, zugewandt, voller Projekte und verrückten Ideen war, die er nicht immer zu Ende brachte. Warum er starb? Das macht einen Teil der Spannung beim Lesen aus. Doch die Stärke des Buches liegt in den Geschichten der Personen im weiteren Umfeld, die den Blick auf ganz eigene Schicksale eröffnen. Ein erstaunlich kurzweiliges und keineswegs trauriges Buch mit sehr pointierten Schilderungen, das den Blick schärft für das Hier und Jetzt. Anne Brieger

Auf den Hund gekommen

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Sigrid Nunez: Der Freund, Aufbau Verlag 2020 € 20,00

Der Roman ist an den verstorbenen Freund adressiert, so als ob er nur kurz verschwunden wäre. Die Ich-Erzählerin, die (wie die Autorin) in N.Y. Creative Writing lehrt, kann den überraschenden Selbstmord des älteren Freundes und Mentors zunächst nicht akzeptieren. Als seine letzte Ehefrau sie bittet sich um seinen Hund zu kümmern, willigt sie nach einigem Zögern ein und „Apollo“, eine in die Jahre gekommene riesige Dogge, zieht in ihr kleines Apartment ein. Entgegen jeglicher Vorsätze nimmt er sofort ihr Bett in Beschlag. Doch in ihrer Trauer nähern sich Hund und Frau langsam an, während die Ich-Erzählerin unprätentiös und zuweilen sehr witzig von ihrem Alltag erzählt. Immer wieder reflektiert sie über Themen wie Freundschaft, Treue, Tod und Trauer und greift dabei auf einen fulminanten Fundus literarischer Kenntnisse zurück. Sie zitiert u.a. Virginia Woolf, W.G. Sebald, Rilke, G. Simenon in ihren Überlegungen zur Funktion der Literatur und des Schreibens und verpasst gelegentlich dem Literaturbetrieb einen Seitenhieb. Aber auch die Beziehung von Hund und Mensch wird immer wieder erörtert. Sigrid Nunez hat in einer unvergleichlichen Mischung aus Roman, Tagebuch und Essay ein Buch über die Zeit nach dem Tod eines geliebten Menschen geschaffen. 2018 bekam sie dafür den National Book Award. Anne Brieger

Wenn sich plötzlich alles ändert

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doppelnominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2019, Jugendbuch & Jugendjury

Stephanie Höfler: Der große schwarze Vogel, Beltz & Gelberg Tb 2019 € 7,95

Ben ist erst 14 als seine Mutter an plötzlichem Herzstillstand verstirbt. Seine Mutter, die eine so lebendige und lebensfrohe Frau gewesen war, welche es liebte lauten Jazz mitzugrölen, durch den Wald zu spazieren und Bäume zu umarmen.Ihr Tod lässt die Familie auseinanderfallen: Bens Vater verkriecht sich in der Wohnung und wird zu einer leblosen Hülle, gefangen in Trauer und Verzweiflung, der sechsjährige Karl reißt immer wieder von Zuhause aus und Ben selbst findet keinen Weg seine Trauer zu spüren, geschweige denn heraus zu lassen. Während das Leben weiter geht, schwankt er zwischen Erinnerungen und Akzeptanz und lernt dabei die wunderschöne Lina kennen, welche auch einige traurige Erfahrungen mit dem Tod gemacht hat.

Ein Dorf im Apennin

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Maria Rosaria Valentini: Magnifica, Dumont Verlag € 22,00

Das Leben in einem kleinen abgelegenen Ort im Apennin - es sind zunächst die Jahre nach dem 2. Weltkrieg, der Roman erzählt über vier Generationen. Die landwirtschaftlichen und kirchlichen Regeln bestimmen die Tage der ganz einfachen und doch so unterschiedlichen Menschen mit ihren Hoffnungen und Enttäuschungen, ihren Ängsten und deren Bewältigung, den sich entfremdenden Beziehungen und den wachsenden Freundschaften. Zentrale Figur ist Ada Maria, die ihre Mutter früh verliert, ihren Bruder großzieht und sich als junge Frau Schritt für Schritt dem deutschen ehemaligen Soldaten Benedikt nähert, der seit Endes des Krieges in einer Berghöhle lebt. Was es mit dem Namen Magnifica auf sich hat, welche Höhen und Tiefen Ada Maria und die Menschen um sie herum erleben, wird in diesem Roman überzeugend und einfühlsam erzählt.

 

Abschied nehmen

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Saskia Hula, Eva Muszynski: Bikos letzter Tag, Klett-Kinderbuch 2017 € 14.-

Lange war Biko für alle da. Er ist der Familienhund. Er passt auf alle auf. Doch nun ist er alt und müde. Ein gutmütiger Kerl. Mit Falten und Runzeln, hängenden Ohren und Lefzen und trockener Nase. Zeit Abschied zu nehmen. Dem Hund fällt das leicht. Ein wenig sehnt er sich nach dem Ende. Er fühlt sich geborgen. Vater, Mutter und die beiden Kinder sind da. Selbst die eigenwillige Katze. Die Menschen sind traurig. Das ist normal. Man sieht und fühlt es in den Bildern, in Haltung und Ausdruck der Figuren. Ihre lichten Farbtöne aus  zartem Gelb, Ocker und hellem Grün sprechen aber auch vom Leben, das weitergehen wird. Die Worte erzählen sachlich. In ihnen schwingt auch das Glück. Das Buch lässt viel Raum und Zeit, bereitet den Abschied vor, den Wechsel, die Veränderung, der uns den Schmerz bereitet. Ein gelungenes, sanftes und stilles Buch, in dem der Tod wichtig, traurig und schön zugleich sein darf.

 

Äußeres und inneres Beben

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Donata Pietrantonio: Bella mia, Kunstmann 2016 € 18,95

Durch ein Erdbeben hat Caterina, die Erzählerin in dem Roman "Bella mia", ihre Zwillingsschwester Olivia verloren. Sich an die Vergangenheit erinnernd, den Emotionen damals und jetzt nachspürend, erzählt sie von ihrem Leben in der kleinen italienischen Stadt L´Aquila. War ihr Leben früher sehr von dem "Zwillingsein" bestimmt, lebt sie nun mit der Leere neben sich. Aller Trauer und Wut zum Trotz gewinnt sie, wie auch ihre Mutter und der Sohn ihrer Schwester, wieder an innerer Stabilität. Das Buch hat mich sehr berührt und die literarische Verarbeitung des realen Geschehens in den Abruzzen am 6.4. 2009 ist sehr gut gelungen.