Articles tagged with: Syrien

Mehr Mitgefühl

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alan Gratz: Vor uns das Meer, Hanser Verlag 2020 € 17.-

1939: Josef ist in Deutschland in eine jüdische Familie hinein geboren, die versucht, nach Kuba zu emmigrieren. Die kubanische Regierung lässt die Menschen nicht an Land. Nach langer Irrfahrt landet das Schiff wieder in Europa. Nur seine kleine Schwester Ruth wird überleben. Ihr werden wir später noch einmal wieder begegnen. 1994: Isabel lebt auf Kuba und flüchtet mit ihrer Familie in einem selbstgebastelten Boot, das der Fahrt kaum standhält, vor dem Castro Regime nach Florida. Ihre Mutter, hochschwanger, wird am Strand ihren Bruder zur Welt bringen. Er hat es als erster geschafft ein Amerikaner zu sein. Der Familie wird die Einbürgerung in die USA gelingen. 2005: Mamouds Haus in Aleppo wird von einer Bombe getroffen. Die Familie versucht ihr Leben zu retten. Sie begibt sich auf die Flucht mit ungewissem Ziel. Vielleicht können Sie es nach Deutschland schaffen? Alan Gratz zeigt: egal woher und wohin oder zu welcher Zeit, die Umstände, Verluste und Hoffnungen Geflüchteter bleiben immer die Gleichen. Seine Heimat verlässt man nur in äußerster Not. Auf der Flucht verliert man alles. Auch geliebte Menschen. Ruth wird Mamoud in Deutschland empfangen und ihm bei seinem Neuanfang helfen. Sie hat die Flucht selbst erlebt. Alan Gratz möchte mit seinem Buch die Leser ergreifen und begreiflich machen. In cineastischer Dramatik schneidet er die drei Schicksale, welche mit historischer Vorlage  romanhaft erzählt werden, gegeneinander. Alan Gratz trägt das Mitgefühl in die Herzen seiner Leser.

Eine wahre Geschichte

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Abdullah Al-Sayed, Kerstin Kropac: Geflüchtet. Zu Hause in Deutschland, daheim in Syrien, Arena 2018 €9,99

Abdullah ist 16, als er im Sommer 2015 Syrien und den Rest seiner Familie endgültig verlassen muss. Ein Leben in seiner vom Krieg verwüsteten Heimat ist kaum mehr möglich. Sein Vater wurde bei einem der täglichen Bombenangriffe getötet, sein Bruder ist aus dem Bus heraus verschleppt worden. Abdullah wird am Ende seiner Fluchtodyssee in einem Kinderheim in Deutschland landen. Hochmotiviert und in der Hoffnung auf eine Zukunft lernt er die deutsche Sprache, holt seinen Realschulabschluss und das Fachabitur nach. Seine Geschichte hat er mit Hilfe der Journalistin Kerstin Kropac aufgeschrieben. Der Text führt unaufgeregt und kompakt durch die Ereignisse seines Lebens und lässt keinen Zweifel daran: niemand flüchtet freiwillig oder aus Zeitvertreib oder, weil er es in einem fremden Land bequemer haben möchte. Dieser Text ist hervorragend als Schullektüre geeignet. Er gibt Flüchtlingen ein Gesicht und bietet einen guten Überblick über den Syrienkonflikt.

Grenzlandtage oder Das Glück der Wanderfalter

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Peer Martin, Antonia Michaelis: Grenzlandtage, Oetinger Tb 2016 € 13,99

Zwei Wochen ungestört für das Abitur lernen, dabei ein wenig Liebes-Abenteuer und Entdeckungsreise, denkt sich Jule, als sie, mit der Fähre von Kreta kommend, den Boden der kleinen griechischen Insel betritt. Kontaktfreudig und neugierig erkundet sie ihre Umgebung, sammelt Kronkorken, Muscheln und Steine, die sie mit Silberdraht zu kunstvollem Schmuck verarbeitet. Bei ihren Erkundungen entdeckt sie Asman, einen 22-jährigen Palästinenser aus Syrien, der sich für eine Gruppe illegaler Flüchtlinge, 32 von 104, verantwortlich fühlt, mit der er nach dem Untergang des Flüchtlingsbootes hier in Griechenland und nicht in Italien, gestrandet ist. Die Klänge seiner Oud verzaubern Jule. Seine Hand braucht dringend medizinische Hilfe. Was ist zu tun? Was kann man tun? Welcher Weg ist der Richtige? So genau denkt Jule darüber gar nicht nach. Sie ist mit ihrem Herzen bei der Sache und will einfach nur helfen. Der fortscheitenden Entzündung von Asmans Wunde kann sie Einhalt gebieten, der fortschreitenden Verliebtheit weniger. In der Gruppe, die im Hintergrund möglichst sparsam inzeniert wird, kommt neues Leben auf dramatische Weise auf die Welt. Nicht weniger dramatisch wohl, wie der Akt der Empfängis, eine Vergewaltigung, die Asmans 16-jährige Schwester erfuhr. Und als am Ende alles und alle ans Licht kommen, der Leser dabei erleichtert denken könnte: Nun muss doch alles gut werden, wird gar nichts gut, sondern alles noch viel schlimmer. Flüchtlingsgeschichten ähneln sich in ihren Zutaten: der Hoffnung auf eine lebendige Zukunft, dem Ertragen unmenschlichster Situationen und großem Leid, das Erleben von Hass und Gewalt und der Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit, der Schönheit auf dieser Welt. Der unerschütterliche Glaube, dass jedem Menschen ein solches Plätzchen zustehen sollte treibt sie voran. Martin und Michaelis inszenieren überschaubar und emotional süffisant. Sie zentrieren den Blick des Lesers auf Jule, die aus europäischer Geborgenheit kommend, zwischen Naivität und Unwissenheit, Neugier und Spontanität aktioniert und dabei das eigene Leben aufs Spiel setzt. Ihr Gegengewicht ist Asman, dessen Leben sich schon lange am Rande des Abgrundes bewegt, der obendrein noch versucht, für Andere zu sorgen und nicht einmal weiß, wie er sich selber helfen kann. Schlüssig und wohlwollend träumerisch, wenn man über die Liebe und das Ende denkt, ist diese Geschichte zwischen Syrien und Europa packend gestaltet und findet nach aller Dramatik um Leben und Tod, vorerst, einen Ausblick in eine gemeinsame Zukunft.

Brandaktuell

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Deutscher Jugendliteraturpreis der Jugendjury 2016

Peer Martin, Sommer unter schwarzen Flügeln, Oetinger 2015, € 19,95

Die Zahl der Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte in Deutschland hat sich in den letzten fünf Jahren geschätzt verfünfzigfacht. Im syrischen Bürgerkrieg starben in den letzten zwei Jahren über 470.000 Menschen (Die Zeit, 11.02.2016). In Sommer unter schwarzen Flügeln bringt die Syrerin Nuri dem Neonazi Calvin ihre Erfahrungen während der Anfänge des Arabischen Frühlings, die verschiedenen politischen Gruppierungen, das Leid der syrischen Bevölkerung und die Geschichte ihrer Flucht nach Deutschland näher, während Calvin mit seiner Gang einen Anschlag auf das Flüchtlingsheim plant. Nuri erzählt märchenhaft und poetisch, Calvin drastisch und ungeschliffen. Verbindend sind Erfahrungen mit Gruppenzugehörigkeit, Ausgrenzung und Gewalt, die sowohl Nuri als auch Calvin zu vielschichtigen Charakteren reifen lassen. Mit den Protagonisten gewinnt der Leser Verständnis für beide Perspektiven. So wird er mehr und mehr von der Geschichte in den Bann gezogen und von ihrer Tragik berührt. Dieses beeindruckend ehrliche und mit viel Herzblut geschriebene Buch basiert auf gut recherchierten Fakten. Jedes Kapitel wird mit einem provokanten Zitat eröffnet und mit Anregungen zur weiterführenden Internetsuche abgeschlossen, wodurch das Buch über sich selbst hinausweist und zur Reflexion über die aktuelle politische Lage anregt. (Jurybegründungder Bücherfresser)

In Syrien

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Peer Martin: Winter so weit (ebook), Oetinger Verlag 2016 € 12,99

Die schwierige Liebesgeschichte zwischen dem syrischem Mädchen Nuri und dem Ex-Neonazi Calvin geht in Winter so weit weiter: Calvin ist für die Zeitung tot, doch in echt lebt er. Er ist Teil des Zeugenschutzprogrammes. Er glaubt auch Nuri wäre gestorben und sie glaubt das Gleiche von ihm. Nuri lebt in Berlin und weiß nichts von Calvin. Calvin versucht, ihren letzten Wunsch zu erfüllen. Der lautet: "Hol Dschian raus". Damit meinte Nuri, er soll ihre beste Freundin Dschian aus Syrien holen und sie nach Deutschland bringen. Da Calvin gerne Nuris (wie er glaubt) letzten Wunsch erfüllen möchte, fährt er mit ihrem Bruder Kamal nach Syrien. Jenseits der Grenze erwartet ihn Zerstörung und Demütigung. Während dessen hilft Nuri in einer Deutschlern-Gruppe und hat mit anderen neuen rechtsextemen Problemen zu kämpfen. Calvin kämpft sich vor, trennt sich unterdessen von Kamal und muss auf eigene Faust durchkommen. Bei Nuri in Berlin spitzt sich die Lage weiter zu: Immer mehr Angriffe auf Asylanten durch Neonazis, viel Arbeit mit der Lerngruppe und ein Theaterstück, dass eingeübt werden muss. Mit dem Buch Winter so weit gelingt Peer Martin eine ausgesprochen gute Fortsetzung von Sommer unter Schwarzen Flügeln. Mir hat das Buch gut gefallen, weil es immer sehr unvorhersehbar ist.