Articles tagged with: Sohn

Feinfühlend-frech

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David Wagner: Der vergessliche Riese, Rowohlt € 12,00

In dieser sehr gelungenen Autofiktion erzählt David Wagner von den Besuchen bei seinem dementen Vater. Diese entbehren nicht einer gewissen Komik, wenn immer gleiche Fragen gestellt werden, Zusammenhänge nicht mehr bewusst sind. eben Geschehenes gleich wieder vergessen ist. Der Charakter des Vaters ist erspürbar, manchmal ist interessantes Spezialwissen da, bei Vater und Sohn tauchen Erinnerungen an vergangene Zeiten auf.  Der Sohn ist geduldig, liebevoll und manchmal auch feinfühlend-frech, was der eigentlich traurigen Situation Leichtigkeit gibt. Manches Mal ist dem Vater das Vergessen bewusst, aber es scheint ihn nicht wirklich zu betrüben - das Leben ganz in der Gegenwart hat auch etwas Befreiendes. Ein Buch, das berührt aber nicht belastet, das Mut macht und Hoffnung gibt, selbst in vergleichbaren Begegnungen zu einem guten Umgang zu finden.

Sprachlosigkeit zwischen Vater und Sohn

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Roberto Camurri: Der Name seiner Mutter, Antje Kunstmann Verlag 2021, € 20,00

Roberto Camurri gelingt es meisterhaft, die Sprachlosigkeit zwischen Vater und Sohn auszuloten. Die Beobachtungen, zunächst des Vaters des kleinen Kindes, dann auch die des heranwachsenden Jungen und des jungen Erwachsenen, sind genau. Die Gefühle sind stark empfunden, aber sie wollen sich nicht in Worte verwandeln. Eine Hilflosigkeit steht zwischen den beiden, die sich in manchen Momenten auch in Wut ausdrückt, obwohl Liebe sie verbindet. Die Ehefrau und Mutter verschwand, als der Sohn noch ganz klein war und ihre Abwesenheit nimmt viel Raum ein im Leben der beiden Zurückgelassenen. All dies vermittelt der Autor auch durch seine Sprache, die so vieles beleuchtet und erfaßt und gleichzeitig eine gewisse Distanz hervorruft. Mich hat diese Geschichte, die in einer kleinen Stadt in der Poebene angesiedelt ist, sehr fasziniert.

In der kanadischen Prärie

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Margaret Laurence: Der steinerne Engel, Verlag Julia Eisele, € 22,00

Hagar Shipley ist alt geworden. Sie beschreibt es so gut in diesem Satz: "Heute, wo die Zeit sich zusammengefaltet hat wie ein Papierfächer". In diesem Heute, in dem sie bei ihrem Sohn und dessen Frau lebt und manches durcheinander bringt, erinnert sie sich an entscheidende Momente ihrer eigenen Geschichte. Hiermit erzählt sie von einem Leben in der kanadischen Prärie: In einem Städtchen als Kaufmannstochter aufgewachsern heiratet sie einen Farmer, mit dem sie zwei sehr unterschiedliche Söhne hat, von denen sie einen verlieren wird. Sie hat einerseits immer versucht, nicht unangenehm aufzufallen aber sie hat auch immer eine eigene Meinung gehabt und diese vertreten. Ihre Lebensentscheidungen waren durchaus unüblich und oft auch unbequem. So wird sie  auch jetzt im Alter noch einmal versuchen einen unabhängigen Weg zu gehen, aber ihre körperlich Schwäche lässt sie letzlich ihr Schicksal annehmen. Ein sehr gelungenes Portrait einer eigenwilligen Frau!

Starke moderne Frau

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Franziska zu Reventlow: Die Kehrseite des deutschen Wunders, Volk Verlag 2020 € 16,00

1897 gebar Franziska zu Reventlow in München einen Sohn, den sie sehr modern, eigentlich antiautoritär und alleine aufzog. Bald lebten die beiden auf Mallorca, bald in Locarno im Tessin. 1914 kamen sie zurück nach München. Hier beginnt der außergewöhnliche Text von Reventlow, in dem sie ihre Eindrücke von dem nun  preußisch millitarisch geprägten Leben und Denken in der Stadt festhält. Die unpolitische Bohèmien treiben Patriotismus und Kriegsbegeisterung auf die Seite der Pazifisten. 1916 folgt ihr Sohn, jetzt 17-jährig, der Einberufung in den Krieg. Auf seinem ersten Heimaturlaub kennt die mutige und unkonventionelle Frau und Mutter nur ein Ziel: Sie will ihrem Sohn bei seiner Desertation helfen. Einer Desertation von der Junge bis zu seiner Ankunft in Konstanz freilich noch gar nichts weiß. Reventlows Text, ein Zufallsfund, beeindruckt von der ersten Zeile an. Modern und unabhängig im Denken, unkonventionell, wagemutig und immer ganz auf sich selbst focussiert gibt er doch ein lebendiges Bild vom Leben in München und darüber hinaus, in Zeiten des ersten Weltkrieges. Er macht die Beschränktheit des Reisens bewusst, wie die Bestechlichkeit von Menschen, die umso größer zu werden scheint, je restriktiver ein System ist. Eine Fotobildstrecke und ein Kommentar der Herausgeber runden Reventlows Text ab, der hier jedem zur Entedeckung ans Herz gelegt sei.

Drama mit Happy End

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James Gould-Bourn: Pandatage, Kiepenheuer & Witsch 2020 € 20,00

Dank eines Pandakostüms finden Vater Danny und Sohn Will (11 Jahre alt) zueinander. Liz, Frau und Mutter, verstarb bei einem Unfall und die Unfassbarkeit, der Schmerz,, die Leere stehen zwischen Danny und Will, der in Sprachlosigkeit abtaucht. Man könnte meinen, solch eine Geschichte könne sich nur traurig lesen. Aber Dank einer Tragikomik mit einem großen Einfallsreichtum an ungewöhnlichen Situationen hat der Roman eine Leichtigkeit, die erstaunt. Und dann verhilft das Pandakostüm, einige Rückschläge inbegriffen, zu einem Happy End, das man sich unbedingt für die liebgewordenen Akteure wünscht.

Hoffnung auf eine zweite Chance

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Patrick Ness, Siobhan Dowd: Sieben Minuten nach Mitternacht, cbj € 9,99

Du hast dir nur gewünscht, dass der Schmerz aufhört“, sagte das Monster. „Dein eigener Schmerz. Der dich so einsam gemacht hat. Das ist der allermenschlichste Wunsch, den es gibt.“ Kurz vor der Preisverleihung zum Deutschen Jugendliteraturpreises 2007 starb die Autorin Siobhan Dowd viel zu jung an Krebs. Die Regeln des Preises bestimmten, dass sie für diesen Preis, der nur an lebende Autoren vergeben werden darf, nicht mehr in Frage kam. „When does a writer really die?“ fragt Frank Cottrace Boyce, welcher gemeinsam mit Siobhan Dowd auf der Nominierungsliste stand, zurecht. Nach ihrem Tod kamen noch vier ihrer Bücher auf den deutschen Markt. Bei „Sieben Minuten nach Mitternacht“ blieb ihr nur noch die Zeit für ein Exposé.

Seelische Gratwanderung

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Gianrico Carofiglio: Drei Uhr morgens, Folio Verlag 2019 € 20,00

Der 18-jährige Antonio ist zu einer neurologischen Konsultation mit seinem Vater in Marseille und soll sich spontan einem Provakationstest unterziehen: 2 Tage und 2 Nächte ohne Schlaf, um die Reaktion des Körpers auf diesem Stress auszuloten. Der Vater verließ Antonio und seine Mutter, als der Junge 9 Jahre alt war und seitdem haben Vater und Sohn ein eher distanziertes Verhältnis zueinander. Die ungeplante, ungewöhnliche Situation des gemeinsamen 48stündigen Wachseins in einer fremden Umgebung lässt die beiden sich neu wahrnehmen und erlaubt bisher nie gestellte Fragen und Antworten. SIe befinden sich auf einem Scheitelpunkt zwischen gestern und morgen. Antonio und sein Vater erleben etwas, das im Buch von einer weiteren Person so umschrieben wird: "unverhofft in eine neue Situation springen, den Blickwinkel ändern, die Dinge, die wir zu kennen glauben in einem anderen Licht sehen" - und das Buch macht Mut und Lust, dies im eigenen Miteinander umzusetzten, nicht nur zwischen Vater und Sohn.

Mutter und Sohn

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Nell Leyshon: Der Wald, Eisele Verlag Tb 2020 € 12,00

Die zart gezeichneten Vögel, Zweige und Früchte auf dem Buchumschlag deuten auf das sensitive Seelenleben von Zofia und Pawel hin. Mutter und Sohn sind durch die Kriegswirren des Zweiten Weltkrieges in Warschau sehr aufeinander bezogen. Zofia, eine musikalische Frau aus großbürgerlichen Verhältnissen muss lernen, in zunehmender Beschränkung zu leben, bis hin zum Leben in einem Versteck im Wald. Pawel ist ein kleiner, ängstlicher genau beobachtender Junge. Die Beiden werden die Kriegszeiten überstehen und als Sofia und Paul in England leben. Die emotionale Nähe wird auf eine große Probe gestellt als Sofia begreift, dass ihr Sohn homosexuell ist und sie ihr Bild vom Leben neu sortieren muss. Die Autorin Nell Leyshon lässt ihre Figuren in einer Weise agieren und denken, die dem Leser viele Impulse gibt. Sie schreibt in einer schönen, nachdenklichen Sprache, die den Leser gerne manche gedanklichen Umwege mitgehen lässt in einer durchaus spannenden und in vielerlei Hinsicht bereichernden Geschichte. Ein grandioser Roman!

Geistreich filetierter Bildungsauflauf

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Klaus Cäsar Zehrer: Das Genie, Diogenes Verlag € 25,00

Glückliches Genie - geht das?

Klaus Cäsar Zehrer hat eine fesselnde Romanbiografie über zwei außerordentliche Persönlichkeiten geschrieben: Boris Sidis, der 1886 völlig mittellos von Osteuropa nach New York kommt und seinen Sohn William James Sidis, 1898 in den USA geboren. Für Boris ist Bildung als Erkenntnisgewinn das höchste Gut und so verwundert es nicht, dass er an seinem Sohn von Geburt an seine psychologischen Methoden zur Bildungsvermittlung anwendet. Boris ist überzeugt, dass jeder Mensch viel mehr wissen kann, als allgemein üblich. Das Experiment an William trägt Früchte: er schreibt mit 18 Monaten, spricht mit 6 Jahren 10 Sprachen und referiert mit 10 Jahren in Harvard über die vierte Dimension. Das dabei die Sozialisierung zu kurz kommt, dass William keine Gleichgesinnten findet und vereinsamt erstaunt nicht. Der Roman lässt den Leser nicht los und fordert auf zum Nachdenken. Bezüge zur aktuellen Bildungsdebatte liegen nah und sind sehr spannend.

 

Krimi? Roman?

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Tanguy Viel: Selbstjustiz, Wagenbach Verlag, € 20,00

"Selbstjustiz" ist eindeutig ein Roman, ein Roman mit Mord: Dass Martial Kermeur einen Mann vom Boot ins Meer gestossen hat und weggefahren ist, weiß der Leser schon auf Seite 2. Dass dieser ertrank, erklärt sich von selbst. Nun sitzt Kermeur dem Richter gegenüber, einem guten Zuhörer. Was geschah, wie kam es zu der Tat? Kermeur kann erzählen, Tanguy Viel kann erzählen. Der Leser profitiert davon: eine gute Sprache, interessante Beschreibungen und Vergleiche. Und ein beglückendes Ende!

Ruhig und kraftvoll

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Colm Toibin: Nora Webster, Hanser 2016, € 26,00

Nach dem viel zu frühen Tod ihres Mannes muss Nora sich neu finden. Sie lebt in einer irischen Kleinstadt in den 60er Jahren, jeder kennt jeden und es gibt Regeln über Regeln, wie "man" sich zu verhalten habe. Nora ist eine unauffällige Rebellin und wird sich Stück für Stück aus der inneren und äußeren Enge befreien.Colm Toibin beschreibt ruhig und glaubwürdig Noras Leben, mit ihren zwei Söhnen zuhause, zwei fast erwachsenen Töchtern, der neu aufgenommenen Arbeit, den vielen Gedanken und Fragen, die sie umtreiben. Die Musik wird ihr helfen, eine eigene Welt zu entdecken, die sie den Alltag selbstbewusster und freier erleben lässt. Ein schön zu lesender Roman über eine Frau, die gleich meine Sympathie hatte und mir ans Herz gewachsen ist.