Articles tagged with: Social Media

Unser Leben ein Spiel?

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Alessandro Baricco: The Game. eine Reise durch die digitale Welt, Midas Verlag 2020 € 18,00

Spielerisch führt Baricco vom ersten Computer in die heutige "Ultra Welt". Er inszeniertdie bisherige Geschichte unserer Digitalisierung als Reise in drei Etappen, die von einer Erfindungsinsel zur nächsten führt. Als "Reiseleiter" leitet und lenkt er, setzt Gegebenes ins Bild ohne Reisezeit für Fragen zu verschwenden. Wir streifen Hardware und Software, Videospiele, das World Wide Web, das Suchen und Finden, Kaufen und Verkaufen. In der zweiten Etappe geht es über das Smartphone und das Einbringen der eigenen Identität zu Apps und Messangerdiensten.  Ein Klick und everything goes. Konsum  und Kommunitkaton total.

Kriegserklärung an die Trägheit

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Lukas Jüliger: Unfollow, Verlag Reprodukt 2020 € 18,00

Seine Erinnerung ist die Reinkarnation des Lebensbeginn. Seine Gedanken reichen weit zurück, in eine Zeit, da die Erde eine Transformation durch den Menschen noch nicht kannte. In Unfollow  wandelt Eathboi, der Junge der Natur, auf der heutigen Welt. Er folgt nicht mehr als seiner eigenen inneren Stimme, die er bald auf social media Kanälen öffentlich macht. Der faszinierende Bruch, ein stiller Kampf der Welten, aus der nur die Welt mit dem längeren Atem siegreich hervorgehen kann, spiegelt sich auf dem Deckblatt jeden Kapitels wieder, das ein Smartphone auf erdigem Boden zeigt. Die manipulativen Gesetze moderner Kommunikation, ebenso wie den Einklang mit der Natur, scheint Eathboi im Schlaf zu beherrschen. Traumwandlerisch benutzt er sie im richtigen Augenblick für sich und entdeckt Yu. Hat das Internet sie sich verlieben lassen?  Schwebend, spirituell und entschleunigend vollzieht sich der Wandel des Jungen, der bewegende ständige Wechsel seiner Biotope. Jüliger inszeniert die Sparsamkeit des Erzählens gegen die genussvolle Lebendigkeit seiner Bilder. Neben aller Ruhe, die seine Leser*Innen an manchen Orten verweilen lassen möchte, ist seine Geschichte vom Irrsinn unserer Zeit durchdrungen. Seine graphic Novel folgt einem grafisch klaren Konzept, bei dem er vier bis sechs Bilder auf kleinen Doppelseiten mit seperaten Texten darüber und darunter anordnet. MIt Terracotta und Türkisblau trennt er mal Zeit, mal Raum. "Eathboi war gekommen, um sich für die Natur zu wehren." Doch eine Geschichte der klaren Botschaften ist dies nicht. Vielmehr eine Kriegserklärung an die eigene Trägheit, ein Versuch das "Wir" zu finden, die Komplexität dieses Unterfangens und die Sprunghaftigkeit unseres Seins mit einkalkulierend. Licht & weit aber ebenso kompakt & fordernd, religiös wie bodenständig, Terracotta und Türkisblau, fast komplementär. Eathboi und Yu, Bild für Bild, wieder und wieder durchmessen wir Jüligers Welt, ihre Schönheit und unser Sein. Viel Raum sich zu entkoppeln, so wie es der Titel ja schon empfiehlt, nicht blind zu folgen, sondern sich über all das seine eigenen Bilder zu gestalten.

Verschiedene Seiten der Wahrheit

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Erin Jade Lange: Firewall, Magellan Verlag 2020 € 16,00

Vor einem Jahr hat sich ein Junge in Elis Schule angezündet, weil er gemobbt wurde. Seitdem gibt es an der Schule strenge Regeln, was auch die fast vollständige Überwachung der Social Media Kanäle der Schüler mit einschließt. Um einen Hackerwettbewerb zu gewinnen, erstellt Eli mit zwei weiteren Jungen eine Website, die von den Regeln ausgeschlossen ist und wo niemand überwacht wird. Darin sollen alle Mobber von dem Jungen, der sich angezündet hatte, durch peinliche Videos und ähnliches gerächt werden. Anfangs zieht sich die Geschichte und auch wenn sie nicht direkt langweilig ist, glichen sich manche Gespräche fast vollständig in ihrem Inhalt. Dafür ist das Ende sehr überraschend und gut geschrieben. Die Personen wirken am Anfang noch sehr klischeehaft, aber mit der Zeit ändert sich das. Das Buch ist in Jugendsprache geschrieben und wird aus der Sicht von Eli erzählt. Juliana, 14 Jahre

Im Auge des Tornados

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Anna Woltz: Hundert Stunden Nacht, Carlsen Verlag 2017 € 15,99

Emilia hat Holland – New York gebucht, eine Flucht vor Ängsten und Zwängen, weit weg vom Fehltritt ihres Vaters und den alles vernichtenden sensationsgeilen Social Media Posts, die darauf folgten. Statt in einem Appartement landet sie in der Wohnung von Seth und Abby und lernt Jim kennen, während sich das Unwetter über New York zum Orkan auswächst, rücken die vier zusammen. Ihr Orkanasyl dauert fünf Tage. Anna Woltz erzählt, wie aus dem Auge des Tornados, beeindruckend still. Eindringlich transportiert sie dabei Verletzungen und Familienverständnis, erzählt von Träumen und Hoffnungen der Jugendlichen, deren Unabhängigkeit, ja Freiheit, sich erst im Schutz der Dunkelheit und ohne Netz, im körpernahen Miteinander und mit geschärftem Blick auf das Wesentliche, entfalten kann.

Alles muss ins Netz

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von der Jugendjury nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2015

Dave Eggers, Der Circle, Kiwi TB 2015, € 10,99

Von den Bücherfressern 2015 für den Deutschen Jugendliteraturpreis nomiert
Jurybegründung: Wollen wir in Zukunft in einer technisierten und vernetzten Welt leben, in der wir mit unseren Daten eine digitale Diktatur stützen? Dave Eggersʼ Roman ist erschreckend nah an der Realität. Der Circle ist sozusagen ein Zusammenschluss von Google, Facebook, WhatsApp und Amazon. Durch die fortschreitende Kommunikationstechnik entsteht eine Gesellschaft, die jedes Lebensdetail der gesamten Welt zugänglich macht. Persönliche Geheimnisse und Privatsphäre werden nicht gewahrt, alles wird mitgeteilt, kommentiert, bewertet.Der Text überzeugt mit einem fesselnden Plot, sodass man nicht mehr aufhören kann, zu lesen. Erschütternd konsequent zieht Eggers seine Dystopie in dieser digitalen Scheinwelt bis zum drastischen Ende durch. Die Oberflächlichkeit der Circle-Mitarbeiter spiegelt sich in der reduzierten Schlichtheit ihrer Sprache und der Eindimensionalität ihrer Charaktere wider. Ihre Haltung und die scheinbar schlüssigen Argumente, die sie zu ihrer Überzeugung führen, schmerzen beim Lesen. Dadurch setzt der Leser sich intensiv mit den Folgen einer gläsernen Gesellschaft auseinander und wird dazu animiert, den heutigen Medienkonsum kritisch zu hinterfragen.