Articles tagged with: Schreiben

Spannende Spur des Schreibens

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Holly-Jane Rahlens: Das Rätsel von Ainsley Castle, Rowohlt Verlag 2020 €15,00

Die Geschichte beginnt wie ein perfektes Märchen: eine kleine Insel, Meer, Wind, Strand, Klippen, ein Hotel, dass die Stiefmutter leitet - vermutlich böse -  dann die gerade auf diese Insel Ich-Erzählerin verpflanzte mit ihrem Vater. Ein wenig bockig und frech. Er nennt sie Prinzessin. Ihre Mutter ist früh verstorben. Sie fühlt sich verkehrt in ihrem Leben und wird bald ein Stück erwachsener werden. Ein französisches Halstuch aus feinster Seide lässt sie die Mutter nicht vergessen, macht sie jedoch auch nicht wieder lebendig. Sehr lebendig hingegen ist Mackenzie, ein gleichaltriger Junge, der ihre Gefühle verwirrt. Und plötzlich ist da ein weiteres Mädchen, dass ihr gleicht, als wären sie Zwillinge. Wo kommt es her? Holly-Jane Rahlens hat sich für Jugendliche mittels Zeitreisen schon oft gekonnt durch Parallelwelten gespielt. Hier greift sie für Kinder einen alten Trick auf, der den Protagonisten die Selbstbestimmung raubt. Lizzy, Betty und Mack setzen alles daran, das fiese Spiel gegen sie zu enträtseln. Wer einen spannenden Plot lesen und etwas über das Handwerk des Schreibens und Geschichtenerfindens erfahren möchte, ist hier genau richtig. Darüber hinaus erzählt die Autorin von der Suche eines Kindes nach dem Platz im Leben und der Aktzeptanz einer neuen Lebenssituation sowie der unverhofften Stärke, die Lissy durch die Zuneigung der Menschen in ihrem neuen Zuhause gewinnt.

Die Welt in mir

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Doris Dörrie: Leben, Schreiben, Atmen. Eine Einladung zum Schreiben, Diogenes Verlag € 18,00

Ein Stift, ein Blatt Papier, 10 Minuten und die "Zauberformel": Ich erinnere mich an...Schreiben ohne Ehrgeiz, ohne Ziel, um sich an sich selbst zu erinnern. In seiner eigenen Vergangenheit spazieren zu gehen, sich erinnern an Spiele, Gerüche, Verlorenes, Dunkelheit, Freunde, Kleidung, Schokolade, Alleinsein - oder durch die jetzige Wohnung/Stadt flanieren, schauen, wahrnehmen, mit den Augen an Dingen hängen bleiben, hinsetzen, schreiben, sich in der Welt zu Hause fühlen. Eigentlich lädt jeder Gegenstand dazu ein, über ihn und damit verbundene Gefühle zu schreiben. Doris Dörrie macht Lust und Mut, es einfach zu tun und gibt vielerlei Anregungen aus ihrem eigenen Leben. "Erinnerungen aufschreiben ist wie Perlen auf eine Kette aufziehen, eine Kette von Momenten."

Drei Frauen

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Dacia Maraini, Drei Frauen, Folio Verlagsgesellschaft, € 20,00

Drei Frauen, drei Genarationen unter einem Dach: die untypisch quirlige Großmutter, ihre in Briefen und Romanen schwelgende Tochter und die Enkelin, die das Leben ausprobieren will. In sehr unterschiedlicher Art sind sie alle drei an Männern interessiert; bei einem Mann kommen sie sich jedoch in die Quere. Das löst einen Ernstfall aus, der ihrer aller Leben auf den Kopf stellt. Ein schönes, schmales Frauenbuch!

Die Macht des geschriebenen Wortes

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Charles Lewinsky: Der Stotterer, Diogenes, € 24,00

Johannes Hosea, ein Junge, der stottert. Seine Eltern gehören einer christlichen Sekte an und sind deren Vorsteher hörig. So lassen sie es zu, dass ihr Sohn Johannes geschlagen wird, um ihm das Stottern auszutreiben - ohne Erfolg. Doch er wird ein effektives Mittel finden, um DInge zu seinen Gunsten zu beeinflussen: das geschriebene Wort. Und er wird es nicht so genau nehmen mit der "Wahrheit". Nun sitzt er als Erwachsener im Gefängnis eine Strafe ab. Der Gefängnispfarrer findet Gefallen an den  Antworten auf seine Fragen, die Johannes aufschreibt, um das Stottern zu umgehen. Der Bitte des Pfarrers um mehr Geschichten aus seinem ungewöhlichen Leben wird Johannes nachgehen, als dieser ihm im Gegenzug die Stelle als Leiter der Gefängnisbibliothek vermittelt. Und so haben wir Leser eine so packende wie vielseitig erzählte Geschichte vor uns. Der Stotterer schreibt nicht nur aus seinem aktuellen Leben im Gefängnis. Er schreibt für den Pfarrer von früher, er schreibt Tagebuch für sich, er schreibt Briefe und noch etwas, das hier nicht verraten werden soll. Und er schreibt mit einer gewissen Distanz und Ironie, die uns Leser allen Widrigkeiten zum Trotz immer wieder schmunzeln lässt.

Der Abschiedsbrief: Ein Monster zum Verlieben

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Dita Zipfel, Mateo Dineen: Monsta, Tulipan 2018 € 15,00

Dieses Monster schließt man sofort ins Herz: auf spillerigen Beinchen steht es da wie ein Vogel, mit fluffigem Körper wie ein Wattebausch. Der breite Mund reicht ihm von einem Ohr bis zum anderen (wenn es Ohren hätte). Auch Zähne hat es nicht grad viel. Dafür schaut es mit riesigen Glubschaugen keck in die Welt. Es scheint voller Tatendrang. "Hi" hat es ungelenk mit seinem Stift an die Wand geschrieben. Die Worte geraten ihm lautmalerisch. Monsta und Kint. Hat es gerade erst schreiben gelernt? So wie monstern? Dieses Monster, es heißt übrigens Harald, schreibt seinem Kind einen wichtigen Brief. Einen Abschiedsbrief, denn aus Monstersicht ist mit dem Kind bei dem Harald wohnt und arbeitet etwas ganz und gar nicht in Ordnung. Das Buch ist eigentlich ein Klassiker. Der große Grusel wird bei genauer Betrachtung ganz klein. Das Monster müht sich, groß und gefährlich zu werden und dabei schließen wir es ins Herz. Tausendmal gelesen und immer wieder von Neuem gruselwitzig und herzerwärmend. Vor allem die Monsterillustrationen und Gruselkabriolen sind wunderbar.