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Englischer Eheroman

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Kathy Page: All unsere Jahre, Wagenbach 2019 € 24,00

Ein Eheroman über 70 Jahre: Harry und Evelyn lernen sich in einer Londoner Bibliothek kennen. Er verliebt sich in ihre Schönheit und Direktheit, sie sieht in ihm den Mann, der ein besserer für sie sein wird, als ihr Vater es für ihre Mutter war. Sie heiraten zur Zeit des 2. Weltkriegs, der Harry in weite Ferne führt und bei dessen Ende er Evelyn mit der kleinen Lilian umarmen kann. Er wird viele von Evelyns Wünschen erfüllen können und immer derjenige sein, der um der Harmonie willen nachgibt. Die dritte Tochter fordert beide sehr heraus und das Alter macht es ihnen nicht leicht, obwohl die Vier- Generationen-Familie zusammenhält und immer wieder schöne Erlebnisse aufblitzen.  Eine Lebensgeschichte über das Geben und Nehmen, das Verbindende und Trennende, das Träumen und die Realität. Die Autorin liess sich durch die Briefe ihres Vaters an ihre Mutter während des 2. Weltkrieges inspirieren und bindet einige davon in den sprachlich schönen Roman  geschickt  ein.

Dem Vergessen entrissen

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Ruta Sepetys: Salz für die See, Königskinder 2016 €19,99

"Es muß etwas ungewöhnlich Heiliges im Salz sein: man findet es in unseren Tränen und im Meer", befand schon Khali Gibran und regte vielleicht damit Ruta Sepetys zum Titel für ihre Spurensuche in einem fast vergessenen kriegerischen Drama an. Ende Januar 1945 versank das Schiff Wilhelm Gustloff, von sowjetischen Torpedos tödlich getroffen, binnen einer Stunde in der eisigen See. Hoffnungslos überbordet mit Flüchtlingen, die von Ostpreussen über die Ostsee nach Deutschland unterwegs waren. 9343 Menschen fanden den Tod. Die Hälfte von ihnen waren Kinder. Die wenigen Überlebenden schwiegen über das Erlebte. Ruta Sepetys, selbst Tochter eines litauischen Flüchtlings erzählt von jenen Menschen, die damals, im grimmigsten Winter, verzweifelt die Flucht nach Westen antraten. In vier Erzählperspektiven präsentiert sie die mitwirkenden Nationalitäten: die litauische Joanna und das polnische Mädchen Emilia; Florian, der Ostpreusse und Alfred, ein deutscher Junge. Ein jeder leidet unter der Jagd, welche der Krieg mit sich bringt. Emilia, mit 15 Jahren im neunten Monat schwanger fühlt sich von Scham und Schuld verfolgt und versucht ihr Herz gegen sie zu stählen. Alfred träumt als 17-jähriger Matrose spät und bis zum bitteren Untergang vom weisgesagten Heldentum. Angst und Überforderung trägt sein Körper als hässlichen Ausschlag zur Schau. Florian, künstlerisch begabt und ehrgeizig, missbraucht zum Restaurieren von Beutekunst, sinnt, zwischen allen Stühlen sitzend, auf Rache. Und Joana, eine junge Krankenschwester, versucht im Elend beherzt zu helfen wo sie kann. Auf der Flucht mit vier weiteren, ebenso akzentuiert ausgeführten Figuren zu einer skurilen Einheit verschmolzen, treibt der kleine Treck in stiller Hoffnung auf ein friedliches Danach dem Hafen entgegen. Entlang des Weges, zerrt ihre körperliche Erschöpfung und seelische Versehrtheit am Leser. Die Tragödie steckt in vielen Details. Drei Jahre intensiver Recherche gingen diesem Roman voraus. Septetys ist eine Meisterin darin. Sie versteht es, die so gewonnene Vielschichtigkeit zu inszenieren und Geschichte in Einzelschicksalen punktgenau lebendig werden zu lassen. Ein besonderes Augenmerk lenkt sie auf die Kinder. Auf sich gestellt, hilflos und unschuldig an der Gesamtsituation, bezahlen sie in Kampf und Krieg, Flucht, Vertreibung und Untergang so früh mit ihrem Leben. Als Überlebende werden sie zu Zeitzeugen, die wir am längsten befragen können. In „Salz für die See“ scheinen die einzelnen Tränen, welche den Befragten noch heute beim Erzählen ihrer Geschichte in den Augen stehen, aus dem dunklen Meer heraus zu glitzern. Diese Erinnerungen gilt es zu bewahren und weiter zu erzählen. Septeys tut das hier brillant und braucht dafür kein Wort zuviel.