Articles tagged with: Politik

Politik im Kinderzimmer

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Sophie Siers: Hallo Donald Trump, Esslinger Verlag 2019 € 13,00

Seit Sam im Fernsehen mitbekommen hat, wie Donald Trump eine Mauer gegen unerwünschte Personen baut, schreibt er ihm Briefe. Er trägt sich mit der Idee, im Kinderzimmer eine Mauer zu errichten, denn sein Bruder nervt. Sein Plan kommt aber gar nicht gut an und Sam diskutiert das Mauerthema ausführlich, ist ein guter Beobachter und Nachdenker. Eine Geschichte über Reibungspunkte und die richtige Wahl der Mittel. Besonnene und kluge Familienpolitik im Alltag.

Unter Engländern – ein Gesellschaftsroman

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Jonathan Coe: Middle England, Folio Verlagsgesellschaft 2020 € 25,00

Wer sich in das Lebensgefühl der 2010 - 2018er Jahre in England einfühlen möchte, sollte den neuen Roman von Jonathan Coe lesen. Dieser zeigt über seine Protagonisten die verschiedenen Sichten auf die Veränderungen in der Gesellschaft und die Reaktionen darauf. Wo dem einen die alte Tradition, wie zum Beispiel die nun verbotene Fuchsjagd fehlt, ist dem anderen die Rechtmäßigkeit der Ehe unter Homosexuellen noch lange nicht fortschrittlich genug. Die Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele 2012 weckt ungeahnten Nationalstolz, 2018 erschrecken Angriffe auf Ausländer, die sich vorher gut integriert und akzeptiert fühlten. Das Referendum entscheidet für den Brexit und eigentlich heimatliebende Briten verlassen ihr Land. Dies sind nur einige Aspekte des vielfältigen Gesellschaftsporträts, das in diesem Roman gezeichnet wird. Es wird geliebt, getrennt, gearbeitet und geschrieben in der Middle Class in Middle England und Jonathan Coe verknüpft eine Vielzahl von Lebenswegen zu einem unterhaltsamen und eindrucksvollen Werk.

Allein auf weiter See

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Speeches of Note, Shaun Usher (Hrsg.), Heyne Verlag 2019 €35,00

Allein beim Durchblättern dieses Buches bekommt man Gänsehaut. Wie ein Paukenschlag eröffnet das BIld einer Schlinge am Galgen die Sammlung von Reden, die laut Herausgeber die Welt veränderten. Das Bild, zusammen mit der Rede eines irischen Mörders, der unter dem Galgen die von Herrschern in unzähligen Kriegen in Kauf genommenen Opfer seiner Einzeltat aus Hunger und Not gegenüberstellt, ergeben ein Ganzes und lesen sich wie ein Appell an die Mächtigen dieser Welt. Etliche Seiten weiter steht die fünfzehnjährige Malala, Überlebende des Anschlags eines Taliban auf ihr Leben, als einsame Kämpferin gegen Armut und für mehr Bildung vor den Vereinten Nationen. Die Kompositionen von Bild und Text sind gut gewählt, lassen den Leser innehalten, nachdenklich werden und Weltbewegendes entdecken. In den Reden geht es um unterdrückte Minderheiten und Vorurteile, um umweltbewusstes Denken, um Künstler, die ihr Inneres nach außen kehren, um antikes Gedankengut genau wie um politisch aktuelle Themen. Shan Usher hat gut daran getan, die Archive dieser Welt für dieses Buch zu durchforsten.

Auf des Messers Schneide

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Hans Hermann Hertle, Kathrin Elsner (Hg.): Der Tag, an dem die Mauer fiel, Nicolai Verlag € 14,95

Internationale Pressekonferenzen schienen die Pressebeauftragten der DDR gern zu verstolpern. Beim Mauerbau ebenso wie beim Mauerfall 28 Jahre später. Doch während die Worte Ulbrichts "Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten" im Juni 1961 kaum einen Berliner erreichten hörten die Mitteilung Günter Schabowskis alle und setzten sich in Bewegung in Richtung Mauer. Was sich in den darauffolgenden Stunden an den Berliner Grenzübergängen ereignete, haben Hans Herrmann Hertle und Kathrin Elsner in diesem Buch in Zeitzeugenberichten dokumentiert. War dies der verrückteste Irrtum in der deutschen Geschichte? Glücklicherweise war es der Besonnenste und Friedlichste. Noch heute läuft es beim Lesen kalt den Rücken hinab, wenn einem bewusst wird, wie die DDR höchste millitärische Einsatzbereitschaft anordnete und ein Stein oder ein Schuss ein ganz anderes Ende hätte entstehen lassen können. Kaum vorstellbar ist dreißig Jahre später auch die unzureichende Vernetzung zwischen den Kontrollpunkten, in der die fehlenden Anweisungen einen handlungsfreien Raum für Befehlsempfänger erschufen, den irgendjemand beherzt füllen musste. Derweil die West-Berliner im Freudentaumel steckten, stand die politische Situation in ihrer Stadt auf des Messers Schneide. Hertle und Elsner arbeiten sorgsam heraus, wie die Bürger der DDR auf allen Seiten friedlich und beherzt mit der Lösung des Problems Tatsachen schufen. Noch heute darf man vor ihnen dafür tief seinen Hut ziehen.

Ein klarer Blick zurück ermöglicht erhellende Gedanken für die Gegenwart.

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Norbert Frei, Christina Morina, Franka Maubach, Maik Tändler: Zur rechten Zeit, Ullstein Verlag 2019 € 20,00

Selbstbewusst spielt der Titel dieses Buches mit einer Doppelbedeutung. Der politische Rechtsruck in Europa ist auch in Deutschland unübersehbar. Es wird höchtste Zeit, sich mit diesem Phänomen auseinanderzsetzen. Die vier Historiker und Historikerinnen der Universitäen in Jena und Amsterdam bieten einen gelungenen, lesenswerten Einstieg. Der Umgang mit dem nationalsozialistischen Erbe in Ost und West wurde politisch konträr angepackt, Erinnerung und Mahung nahm im Laufe der Jahrzehnte unterschiedlich Gestalt an. Eine gewissenhafte Aufarbeitung, die die Handlungen von Tätern wie Mitläufern ins Licht der Öffentlichkeit und in Diskurs brachte, stieß je nach Jahrzeht in beiden Ländern mehr oder weniger an seine Grenzen.

Anekdoten gespickte Pastete, regionale Spezialität

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Volker Weidermann: Träumer. Als die Dichter die Macht übernahmen, Kiepenheuer& Witsch, € 22,00

Revolution in München

Mitreißend und lebendig erzählt Volker Weidermann über die Revolution 1918 in München. Der Leser ist dabei, wenn Kurt Eisner seine feurigen Reden hält, er schaut Thomas Mann über die Schulter, wenn er in sein Tagebuch schreibt und trommelt mit Oskar Maria Graf die Münchner Bürger zur großen Versammlung zusammen. Auch anderen literarischen Größen kommt der Leser ganz nah: Ernst Toller, Rainer Maria Rilke Erich Mühsam, Viktor Klemperer. Er fiebert mit ihnen und ihren Visionen, wie Kunst und Politik zusammen etwas Neues schaffen können. Das subjektive Einfühlen in historische Begebenheiten ist Volker Weidermann glänzend gelungen. und bevor die Schüsse fallen, die Kurt Eisner das Leben kosten, darf auch herzhaft gelacht werden!

 

Nascherei zum Verlieben und Nervennahrung

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Peer Martin: Was kann einer schon tun? Oetinger 2017 € 8,99

Überaus lesenswert

Wenn Peer Martin der Frage nachgeht, wie die Welt zu retten sei, überstrahlen die Begegnungen zwischen Menschen, ihre sensiblen Gespräche voller Mimik und Gestik, die Spaziergänge entlang des Sankt Lorenz Stroms in Quebec, die düstere Faktenlage. Selbst seinem Hund Lola ringt der besorgte Familienvater Antworten ab, die er aus ihren Augen lesen kann. Schon das macht dieses schmale Büchlein überaus lesenswert.

Wir alle zusammen

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Giancarlo Macrì, Carolina Zanotti: Punkte, Gabriel Verlag 2047 € 14,99

Wenn wir Kindern die Welt erklären wollen, müssen wir irgendwo anfangen. Einfach anfangen. Mit Punkten vielleicht? Schwarz und Weiß.  Ein schwarzer Punkt und seine Freunde rechts. Ein weißer Punkt und seine Freunde links. Punkt ist nicht gleich Punkt. Seite ist nicht gleich Seite. Die Unausgeglichenheit wird augenscheinlich, wenn sie sich zu dunklen Haufen ballen. Punkte bauen sich die Welt. Häuser, Nahrung, Spaß, ein Parlament. Eine Welt der zwei Seiten mit Unterschieden. Ihre gemeinsame Welt, wenn sie sich zusammentun. Es ist immer wieder erstaunlich, wie wenig es braucht. Einfach nur Punkte. Und schon kann das schönste phiosophische, politische Gespräch über unser Leben in der Welt beginnen.

Anderes wäre möglich

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Carolin Emcke: Gegen den Hass, s. Fischer 2016 € 20.-

"Hass und Gewalt nicht allein zu verurteilen, sondern in ihrer Funktionsweise zu betrachten, heißt immer auch zu zeigen, wo etwas anderes möglich gewesen wäre..." Zitat aus: Emcke, Gegen den Hass
Mauern und Zäune, Ausgrenzung und Hass, ein "Wir, die Gleichen" getrennt vom "Anderen, dem Fremden" ist bis in die Mitte unserer Gesellschaft, wieder salonfähig geworden. Wie kommt es, dass populistische und rechtsextreme Sichtweisen erneut so Fuß fassen können? Wie schaffen es Menschen, das angsteinflößende Monströse und gleichermaßen die Unsichtbarkeit von Individuen, zwei gegenläufige Pole, die der Hass bedarf, für sich aufzubauen. Carolin Emcke, diesjährige Friedenspreisträgerin des Deutschen Buchhandels, analysiert mit Präzision gesellschaftliche Zustände. Ihre journalistisch knappen Gedankengänge bieten eine Fülle von Argumenten für Pluralität und Offenheit in unserer Gesellschaft. Ein starkes Plädoyer gegen die Angst und für eine lebendig Demokratie, die nur am Leben bleiben kann, wenn wir alle mutig und unbeirrt dazu beitragen, sie zu verteidigen.

Eine eigenwillige Ermittlerin

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Eine eigenwillige Ermittlerin

Schünemann & Volic: Pfingstrosenrot, Diogenes 2016 € 22.-

Milena Luhn, Serbin und engagierte Kriminologin, arbeitet in Belgrad in Kooperation mit der EU. Zum Leidwesen vieler steckt sie auch in diesem zweiten Fall ihre Nase allzu gern in Dinge, die sie nichts angehen. Zufällig wird sie auf den Tod eines serbischen Ehepaars aufmerksam. Ein Fall, der mit der von der EU geförderten Rückführung in den Kosovo zusammenhängt. Milena stellt unbequeme Fragen, wagt sich auf ein Terrain vor, das der Polizeiarbeit vorbehalten wäre, und versucht, die politischen Zusammenhänge im Fall der beiden Toten zu begreifen. Auch in diesem Buch hängt sich die Kriminologin derart in die Ermittlungen, als wäre es eine persönliche Angelegenheit von ihr. Dass sie nicht locker lässt, gibt der Story erst seine richtige  Würze.

Tu was!

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Christian Nürnberger, Die verkaufte Demokratie, Ludwig Verlag 2015

„Man muss nicht fragen, ob das, was man tut, Erfolg haben wird, sondern man muss fragen, ob es sinnvoll ist, und dann muss man es tun.“

Eigentlich weiß man das alles ja schon, was Nürnberger von Deutschland und der Welt berichtet. Doch in der Zusammenschau, in seiner Stringenz der Entwicklung von den 80ern bis heute, sind die Tatsachen, die unser Leben heute beherrschen, erschütternd.  Doch Nürnberger hätte dieses Buch nicht geschrieben, sähe er nicht Möglichkeiten Dinge zu ändern. Auf den großen politischen Coup zu warten ist aussichtslos. Im Kleinen, Schritt für Schritt, jeder an seiner persönlichen, demokratischen Front hingegen, kann handeln. Wenn wir es alle täten, hätten wir auch die Macht. Es ist noch nicht so lange her, da haben wir nicht verstehen können, warum unsere Großeltern stumm zugesehen oder mitgemacht haben, statt zu handeln. Jetzt sind wir es, die mitmachen: bei Google, bei Amazon, bei Apple und Facebook. Dieses Buch macht Mut klar zu denken und es liefert das Handwerkszeug Demokratie zu leben, damit auch unsere Kinder in Frieden, Freiheit und Wohlstand leben können.