Articles tagged with: Pflegekind

Zuhause gesucht

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Alex Wheatle: Home Girl, Kunstmann 2020 € 18,00

Naomi lebt im ständigen Wechsel von Pflegefamilie zu Pflegefamilie, in der Hoffnung einen Platz zum Bleiben zu finden. Der Leser begleitet sie auf dieser Reise, auf der sie anfangs nur ihre Freundinnen Kim und Nats hat. Eigentlich soll Naomi nur zwei Wochen bei den Goldings, einer dunkelhäutigen Familie unterkommen, doch ausgerechnet bei ihnen fühlt sie sich sogar ein bisschen wohl. Das Buch erzählt einfühlsam von den Gedanken, die Naomi umtreiben, allem voran ihrem Vertrauensproblem. Alex Wheatle, selbst als Pflegekind aufgewachsen, bringt viele wichtige Themen auf eine authentische Weise zusammen. Das Ende führt, ohne märchenhaft zu sein oder in klassische Klischees zu verfallen, zu einem realistisch möglichen, neuen Anfang. Die Sprache Naomis, ein scharfzüngiger Slang, ist sehr gut ausbalanciert und glaubwürdig.

Den Weg ins Leben finden

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Lindsay Lackey: Das Mädchen, das den Sturm ruft, Dressler 2020 € 18,00

Red, eigentlich Ruby, ist ein Pflegekind. Sie richtet sich nirgendwo lange ein. In einem Jahr, so hofft sie, wird sie wieder bei ihrer Mutter sein. Die eigentlich durch und durch realistische Geschichte packt von der ersten Seite. Eins sollte Red in ihren zehn Jahren gelernt haben, auf ihre Mutter kann sie nicht zählen. Doch die Hoffnung stirbt zuletzt.  Ihre ersten Jahre sind durch die Fürsorge der Oma bestimmt. Sie hinterließ Red ihren wertvollsten Schatz: Ein Notizbuch mit unmöglichen Dingen, die Red zu lösen versucht. Ihre neuste Pflegefamilie, ein älteres Ehepaar, macht vieles richtig, was anderen nicht gelungen ist. Red Wut mit der sie auf magische Weise die Winde weckt, wird seltener. Und dann ist da noch Tuck, eine Riesenschildkröte, die wiederum Reds Fürsorge braucht und Marvin, ein Klassenkamerad aus hawaiianischer Familie, der ein guter Freund werden wird. Die Konstruktion der Geschichte ist perfekt gelungen. Immer wieder neue Hürden sorgen für Spannung und Begwegung. Red wird sie meistern und damit Stück für Stück an Leben, an Stärke, an Selbstbewusstsein gewinnen. Ein Buch, das weit in mögliche, doch ungewohnte Kinderwelten hinein führt und mitfiebern lässt, selbst wenn man selbst, anders als Red, geliebt und behütet ist und dies ganz selbstverständlich genießt. Lesenswert.

Spannend und einfühlsam

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Georg Elterlein: Sprache der Krähen, Picus Verlag 2016 € 22.-

Die Hauptfigur in diesem Buch, Leonard, führt ein Doppellleben: offiziell ist er Schlosser, bisher unentdeckt ist er ein hochkarätiger Dieb. Was dann passiert, will so gar nicht in sein Leben passen. Sein jüngerer Bruder, den er seit 20 Jahren nicht gesehen hat, ist mit seiner Frau tödlich verunglückt und hat einen 11-jährigen Sohn hinterlassen. Leonard ist der einzige Angehörige. Bei den Begegnungen mit seinem Neffen, der posttraumatisch verstummt ist, zeigen sich ganz unerwartete Facetten Leonards. Er hat großes Geschick im Umgang mit dem Jungen, dessen Gedanken er feinfühlig erspürt. Er übernimmt Verantwortung, als er noch gar nicht weiss, ob er das auch möchte und öffnet sich gleichzeitig der Erinnerung an seine eigene schwierige Vergangenheit. Die "Sprache der Krähen" -  Krähen spielen im Geschehen eine wichtige Rolle - ist ein vielschichtiger Roman mit gutem Spannungsbogen, der psychologisch einfühlsam sehr verschiedene Lebensthemen ausleuchtet.