Articles tagged with: Mutter

Kindliche Entschleunigung

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Yvonne Hergane: Später, sagt Peter, Peter Hammer Verlag 2020 € 14,00

Kommst du? Peter kann sich nicht losreißen, der kleine Marienkäfer fesselt seine Aufmerksamkeit, die Regentropfen, die Geräusche unter dem Gras. Er hat immer Zeit und will sogar Mama etwas davon schenken, denn immer hat sie keine Zeit mehr. Am Ende sieht man beide glücklich im Gras liegen. Man kann viel von Kindern lernen. Ein herzwärmendes, wunderbares Buch zur Entschleunigung.

Von Müttern und ihren Träumen

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Meg Wolitzer: Die Zehnjahrespause, DuMont TB 2020 €12,00

Alles dreht sich jahrelang nur um die Kinder. Aber spätestens sobald sie 'aus dem Gröbsten raus sind', bricht für viele Frauen die Zeit an, sich über die eigene weitere berufliche Zukunft klar zu werden. In „Die Zehnjahrespause“ zeichnet Meg Wolitzer ein Porträt von vier amerikanischen Vorstadtmüttern auf der Suche nach der richtigen beruflichen Entscheidung nach 10 Jahren 'Kinderpause'. Mit Amy, Jill, Roberta und Karen erleben wir hautnah mit, wie sie abwägen, ringen, sich arrangieren – und doch ihre Träume nicht ganz aus den Augen verlieren. Ich mag den ruhigen, beobachtenden, aber immer mit Wohlwollen und Amüsement auf ihre Protagonistinnen blickenden Stil der Autorin. Sie lässt die Leserin am Dilemma moderner Frauen teilnehmen, ohne zu werten oder eine Lösung anzubieten. Und sie beschreibt sehr genau ein weibliches Generationengefühl im Spagat zwischen Muttersein und der Sehnsucht nach einem erfüllenden Beruf – und das gilt immer noch und weltweit (das amerikanische Original erschien 2008).  Annette Goossens

Emanzipiert im 16. Jahrhundert

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Alexa Hennig Von Lange: Die Wahnsinnige, Dumont Verlag, € 20,00

Ein historischer Roman, der nichts mit den 500- Seiten- Schmökern gemein hat. In der historischen Figur schwingt die Auseinandersetzung der Autorin mit den zentralen Themen mit und so ist es in Inhalt und Sprache trotz des Schauplatzes in lang vergangener Zeit ein durchaus aktueller Roman. Er führt den Leser ins 16. Jahrhundert nach Spanien und Belgien in die Zeit der Regentschaft von Isabella der Katholischen. Zentrale Figur ist ihre Tochter Johanna, genannt die Wahnsinnige, denn sie will nicht so funktionieren, wie es von ihr erwartet wird. Um ihren Gehorsam zu erzwingen, wird sie sogar gefangengehalten und von Mann und Kindern getrennt. Johanna ist eine junge Frau, die versucht, der verlogenen Welt ihrer Eltern zu entkommen. Sie möchte kein fremdgesteuertes Leben, sich nicht den Regeln ihrer Eltern, der Gesellschaft  und der Religion unterwerfen. Sie wurde nach politischen Interessen jung verheiratet mit Philipp I., Erzherzog von Österreich und Herzog von Burgund. Dass sie Phiipp tatsächlich liebt, beglückt sie, aber bereitet ihr auch viel Kummer. Sie sehnt sich nach Verbundenheit, Vertrauen und erwiederter Liebe, gleichzeitig sucht sie in der Ehe nach Eigenständigkeit und möchte als gleichberechtigte Partnerin wahrgenommen werden. Hier ist sie ihrer Zeit weit voraus und rennt gegen vielerlei Mauern. Ein sehr lesenswerter Roman!

Starke moderne Frau

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Franziska zu Reventlow: Die Kehrseite des deutschen Wunders, Volk Verlag 2020 € 16,00

1897 gebar Franziska zu Reventlow in München einen Sohn, den sie sehr modern, eigentlich antiautoritär und alleine aufzog. Bald lebten die beiden auf Mallorca, bald in Locarno im Tessin. 1914 kamen sie zurück nach München. Hier beginnt der außergewöhnliche Text von Reventlow, in dem sie ihre Eindrücke von dem nun  preußisch millitarisch geprägten Leben und Denken in der Stadt festhält. Die unpolitische Bohèmien treiben Patriotismus und Kriegsbegeisterung auf die Seite der Pazifisten. 1916 folgt ihr Sohn, jetzt 17-jährig, der Einberufung in den Krieg. Auf seinem ersten Heimaturlaub kennt die mutige und unkonventionelle Frau und Mutter nur ein Ziel: Sie will ihrem Sohn bei seiner Desertation helfen. Einer Desertation von der Junge bis zu seiner Ankunft in Konstanz freilich noch gar nichts weiß. Reventlows Text, ein Zufallsfund, beeindruckt von der ersten Zeile an. Modern und unabhängig im Denken, unkonventionell, wagemutig und immer ganz auf sich selbst focussiert gibt er doch ein lebendiges Bild vom Leben in München und darüber hinaus, in Zeiten des ersten Weltkrieges. Er macht die Beschränktheit des Reisens bewusst, wie die Bestechlichkeit von Menschen, die umso größer zu werden scheint, je restriktiver ein System ist. Eine Fotobildstrecke und ein Kommentar der Herausgeber runden Reventlows Text ab, der hier jedem zur Entedeckung ans Herz gelegt sei.

Die Kunst des Verschwindens

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Alix Ohlin: Robin und Lark, Beck Verlag 2020 € 23,00

„Ich übte mich in der Kunst des Verschwindens.“ So beschreibt Lark, die Ich- Erzählerin in dem neuen Roman von Alex Ohlin ihre Kindheit. Lark ist eine schüchterne und gute Schülerin, im Gegensatz zu ihrer jüngeren, eigenwilligen und extrovertierten Schwester Robin. Gemeinsam bestreiten sie ihren Alltag und sind füreinander da, denn ihre Mutter führt ein unstetes Leben mit wechselnden Männern und Berufen. Einfühlsam wird die Loslösung Larks von der Familie, ihr erstes Date und das langsame Erwachsenwerden beschrieben. In New York verbringen die Schwestern noch eine gemeinsame intensive Zeit, bevor Robin nach ihrem Studium an der Julliard Shool eine Musikerkarriere beginnt. Bald jedoch verschwindet sie spurlos.  Jahre später besucht Lark ihre schwangere Schwester, die ganz zurückgezogen zusammen mit Wölfen in einer gottverlassenen Gegend lebt. Alex Ohlin schildert die Entwicklung der beiden Schwestern sensibel und eindrucksvoll auf der Suche nach ihren Fähigkeiten und dem Wunsch einen Platz im Leben zu finden - auch als Schwester und als Mutter. Anne Brieger

Hoffnung auf eine zweite Chance

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Patrick Ness, Siobhan Dowd: Sieben Minuten nach Mitternacht, cbj € 9,99

Du hast dir nur gewünscht, dass der Schmerz aufhört“, sagte das Monster. „Dein eigener Schmerz. Der dich so einsam gemacht hat. Das ist der allermenschlichste Wunsch, den es gibt.“ Kurz vor der Preisverleihung zum Deutschen Jugendliteraturpreises 2007 starb die Autorin Siobhan Dowd viel zu jung an Krebs. Die Regeln des Preises bestimmten, dass sie für diesen Preis, der nur an lebende Autoren vergeben werden darf, nicht mehr in Frage kam. „When does a writer really die?“ fragt Frank Cottrace Boyce, welcher gemeinsam mit Siobhan Dowd auf der Nominierungsliste stand, zurecht. Nach ihrem Tod kamen noch vier ihrer Bücher auf den deutschen Markt. Bei „Sieben Minuten nach Mitternacht“ blieb ihr nur noch die Zeit für ein Exposé.

Autobiografische Geschichten aus Sozialismus, Suff und Familienleben

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Jaromir Konecny: Du wächst für den Galgen. Ein Roman in Geschichten, edition Lichtung 2019 €13,90

Kindheitsgeschichten mit Galgenhumor
Mit einer guten Portion Galgenhumor erzählt Jaromir Konecny in kurzen, schwungvollen Episoden  von seiner Kindheit in der sozialistischen Tschecheslowakai. Während der proletarisch wie kommunistische Vater das Leben männlich mit Alkohol und Prügelstrafe am Laufen zu halten versucht, setzt  die Mutter, die aus bürgerlichem Elternhaus stammt, auf Kriminalgeschichten, Kontakte, unvergessliche Sprüche und harte Arbeit. Die Kinder dazwischen entdecken die Mysterien der Welt in kleinen und großen Abenteuern. Niemand macht sich die Mühe, ihnen dabei viel zu erklären. Eine schnelle Ohrfeige ist Erklärung und Lehre genug. Wann immer die Mutter kann, versucht sie die Kinder zu schützen. Auch die Romakinder im Städtchen bedenkt sie mit Zuwendung. Mit entwaffnender Logik deckt der Autor im Laufe der Geschichten auf, wie sich sein kindlicher Berufswunsch von "Rentner sein" zu "Schriftsteller werden" wandelt. Natürlich ist auch dabei die Mutter nicht ganz unschuldig.

Nathalie Weidenfeld – Erziehungstipps aus aller Welt

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Nathalie Weidenfeld: Warum schwedische Eltern gute Laune haben und äthiopische Kinder hilfsbereit sind, Piper Verlag 2019 €

Erziehungsratschläge aus 33 Ländern

Sie waren im Büro, haben eingekauft, die Tochter zum Gitarrenunterricht gefahren, Vokabeln abgefragt und gekocht, aber Ihre Kinder starren aufs Handy, behaupten, dass sie Hühnchen hassen, und weigern sich, mit dem Hund Gassi zu gehen? Sie fragen sich, was Sie falsch machen, wo doch französische Kinder sich sogar im Restaurant benehmen und chinesische Kinder freiwillig Klavier üben? Nathalie Weidenfeld wollte wissen, was deutsche Eltern von anderen lernen können, und hat 99 Erziehungstipps aus 33 Ländern gesammelt, vom japanischen Geheimnis ausgeschlafener Kinder bis zum buddhistischen Umgang mit muffigen Teenagern. Alle für gut befunden von erfahrenen Müttern – und aufgeschrieben, um Ihr Leben besser und ein wenig entspannter zu machen.

Radio und Recht

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Karin Kalisa: Radio Activity, Beck Verlag 2019 € 22,00

Energisch und empfindsam ist die junge Frau namens Nora Tewes. In einer norddeutschen Küstenstadt zieht sie mit Freunden erfolgreich einen neuen Radiosender auf. Ihre Partner ahnen allerdings nicht. dass sie über diesen Kanal Recht schaffen möchte, wo die Justiz kein Recht gewährt: in der Frage nach Verjährung von Kindsmißbrauch. Die Autorin legt ihren Protagonisten leichtfüßigen Charme und spielerischen Witz in den Mund, auch, wenn sie in brisanten Situationen emotionaler und äußerlich bedrohlicher Natur stecken. Ein aufrüttelnder Roman, der Mut macht Fragen zu stellen, über Verschwiegenes zu sprechen und Wege zu suchen, wie mehr Gerechtigkeit in die Welt kommen kann.

Rettungsanker

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Mona Hovring: Was helfen könnte, edition fünf 2019 € 19,00

Das nun ins Deutsche übersetzte Debüt einer inzwischen bekannten norwegischen Autorin ist ein schmales Buch, das intensiv über die Rettungsanker eines Mädchens erzählt, das sehr früh seine Mutter verlor. Es ist nicht immer einfach zu wissen, wo sich Halt finden lässt, das Erlebnis des Verlustes wiegt schwer und droht immer wieder. Und doch stimmt das Buch hoffnungsvoll, denn es gibt sie, die Menschen, die wohltun und Stabilität geben. Und  das Mädchen Laura wird ihren Weg ins Erwachsenensein finden.

Mutter und Sohn

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Nell Leyshon: Der Wald, Eisele Verlag Tb 2020 € 12,00

Die zart gezeichneten Vögel, Zweige und Früchte auf dem Buchumschlag deuten auf das sensitive Seelenleben von Zofia und Pawel hin. Mutter und Sohn sind durch die Kriegswirren des Zweiten Weltkrieges in Warschau sehr aufeinander bezogen. Zofia, eine musikalische Frau aus großbürgerlichen Verhältnissen muss lernen, in zunehmender Beschränkung zu leben, bis hin zum Leben in einem Versteck im Wald. Pawel ist ein kleiner, ängstlicher genau beobachtender Junge. Die Beiden werden die Kriegszeiten überstehen und als Sofia und Paul in England leben. Die emotionale Nähe wird auf eine große Probe gestellt als Sofia begreift, dass ihr Sohn homosexuell ist und sie ihr Bild vom Leben neu sortieren muss. Die Autorin Nell Leyshon lässt ihre Figuren in einer Weise agieren und denken, die dem Leser viele Impulse gibt. Sie schreibt in einer schönen, nachdenklichen Sprache, die den Leser gerne manche gedanklichen Umwege mitgehen lässt in einer durchaus spannenden und in vielerlei Hinsicht bereichernden Geschichte. Ein grandioser Roman!

Zwei eigenwillige Frauen

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Beate Teresa Hanika: Vom Ende eines langen Sommers, Btb € 20,00

Die 40-jährige Bildhauerin Marielle hat nie die ersehnte Nähe zu ihrer Mutter, beziehungsweise  Adoptivmutter, erleben dürfen. Nachdem diese verstorben ist, gelangen Tagebücher ihrer Mutter zu ihr, in denen diese von ihren Erlebnissen 1944 in der Toskana erzählt. Auf dem Landgut in den Hügeln nahe Lucca, in dem Marielle seit Kleinkindzeiten ihre Sommer verbringen wird, erleben beide Frauen ganz Entscheidendes und Lebensbestimmendes. Ein auch zeitgeschichtlich interessanter Roman über zwei eigenwillige Frauen!

Ruhig und kraftvoll

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Colm Toibin: Nora Webster, Hanser 2016, € 26,00

Nach dem viel zu frühen Tod ihres Mannes muss Nora sich neu finden. Sie lebt in einer irischen Kleinstadt in den 60er Jahren, jeder kennt jeden und es gibt Regeln über Regeln, wie "man" sich zu verhalten habe. Nora ist eine unauffällige Rebellin und wird sich Stück für Stück aus der inneren und äußeren Enge befreien.Colm Toibin beschreibt ruhig und glaubwürdig Noras Leben, mit ihren zwei Söhnen zuhause, zwei fast erwachsenen Töchtern, der neu aufgenommenen Arbeit, den vielen Gedanken und Fragen, die sie umtreiben. Die Musik wird ihr helfen, eine eigene Welt zu entdecken, die sie den Alltag selbstbewusster und freier erleben lässt. Ein schön zu lesender Roman über eine Frau, die gleich meine Sympathie hatte und mir ans Herz gewachsen ist.