Articles tagged with: Mode

Anekdotenreich

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Elke Heidenreich: Männer in Kamelhaarmänteln, Hanser 2020, € 22,00

Das perfekte Buch für den Nachttisch, oder wo sonst ein Buch mit kurzen, amüsanten, unterhaltsamen Texten seinen Platz finden mag.  Elke Heidenreich erzählt aus ihrem Erinnerungsfundus und wie von selbst tauchen eigene Erinnerungen auf, denen der Leser vielleicht folgen mag. Die Gedanken kreisen um ersehnte, geliebte, verlorene, bewunderte, verwandelte und nie getragene Kleidungsstücke und die Situationen, die mir ihnen verknüpft sind. Hier sind es ganz persönliche Anekdoten. Es ranken sich aber auch Geschichten um bekannte Persönlichkeiten wie Frida Kahlo, Coco Chanel, Maurice Ravel oder Susan Sontag - und Elke Heidenreich schreibt so, dass dem Leser ein Schmuzeln entlockt wird, weil die Situation lustig, peinlich oder unerwartet ist - und weil sie einfach gut pointiert erzählt ist.

Unwegsame Zukunft

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Jeff Zentner: Zusammen sind wir Helden, Carlsen Verlag 2017 €17,99

"Wer die Welt verändern will, muss bei sich selbst anfangen", postet Lydia in ihrem Secondhand-Modeblock. Lydia ist stark und voller Ideen. Ihre Eltern unterstützen sie. Ein plus, auf das Travis und Dill, Lydias Freunde, nicht zählen können. Dills Vater sitzt im Gefängnis. In dritter Generation ist er Prediger einer Erweckungsgemeinde, die mit Schlangen und Gift im Gottesdienst agiert. Für die Gemeinde schreibt Dill christliche Lieder. Die Gitarre ist seine Welt. Travis Vater betreibt einen Holzhandel im Ort, trinkt und prügelt seinen Sohn, der sich am liebsten in Fantasywelten liest. Keine Vorzeigefreunde, die Lydia in ihren zahlreichen Blogeinträgen erwähnen würde und doch steht sie ihnen zur Seite, wie sonst niemand. In  brisanter Mischung versteht Zentner es, jugendliche Lebenswelten zwischen Glaube, Schuld, Pflicht und Freiheit zu inszenieren und packt seine Leser von der ersten Seite weg. Ein Roman des  Miteinanders in unwegsamem Gelände, der jeden der Drei nur dann eine Zukunft führt wird, wenn sie es verstehen werden, sich ihren Weg tatkräftig selber zu pflastern. Davon ist Lydia fest überzeugt und hofft, die beiden Jungs von ihrer Ansicht überzeugen zu können.
 

Kunstbereichernde Beziehung

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Margret Greiner, Auf Freiheit zugeschnitten: Emilie Flöge, btb Tb 2016 € 10,99

Sie war einfach nur da“, sagt die Autorin in Gedanken über Emilie Flöge. Margret Greiner entwirft das Bild einer stolzen, disziplinierten Frau, die keinesfalls als Muse Gustav Klimts in die Geschichte eingehen wollte. Vielmehr wäre er ihre Muse gewesen, behauptet Flöge selbstbewusst, aber für die männliche Variante gibt es bis heute noch kein Wort. Greiners Ton ist keineswegs feministisch. Warum reichte Emilie Flöge eine platonische Partnerschaft zu ihrem Lebensmenschen Gustav Klimt? Und wie konnte sie es überhaupt neben diesem Weiberheld aushalten? Biographen möchten sich in der Regel einer Seele nähern, Unverständliches verständlich machen oder ihre Figur dem Image, welches sich die Gesellschaft von ihr gemacht hat, entreißen. Im Wien des fin de siècle war die Welt in Bewegung und die aufmerksame, kunstaffine, kreative Emilie nutzte zielstrebig die Möglichkeiten, die ihr das Umfeld bot zur Selbstverwirklichung, wobei sie den „kleinen“ Rollenunterschied, welcher zwischen Männern und Frauen in allen Lebensbereichen existierte, durch ihr Schaffen aufhob. Sie war eine zurückhaltende Akteurin, deren Leben von der Vernetzung mit den Wiener Werkstätten geprägt wurde. In Greiners Buch nehmen Klimt und Flöge fast gleichermaßen Raum ein. Eine Tatsache, die Emilie Flöge vermutlich nicht gestört hätte, denn der Focus liegt auf Ebenbürtigkeit. Über die Interna dieser Beziehung darf sich der Leser selbst sein Bild formen. Nur eins scheint unmissverständlich gewiss: Emilie schaffte es, sich ihr Leben lang treu zu bleiben, und lebte damit insgeheim eine Freiheit, die weit über ihre experimentellen Kreationen bequemer Frauenmode hinaus noch heute fasziniert.