Articles tagged with: London

Unter Engländern – ein Gesellschaftsroman

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Jonathan Coe: Middle England, Folio Verlagsgesellschaft 2020 € 25,00

Wer sich in das Lebensgefühl der 2010 - 2018er Jahre in England einfühlen möchte, sollte den neuen Roman von Jonathan Coe lesen. Dieser zeigt über seine Protagonisten die verschiedenen Sichten auf die Veränderungen in der Gesellschaft und die Reaktionen darauf. Wo dem einen die alte Tradition, wie zum Beispiel die nun verbotene Fuchsjagd fehlt, ist dem anderen die Rechtmäßigkeit der Ehe unter Homosexuellen noch lange nicht fortschrittlich genug. Die Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele 2012 weckt ungeahnten Nationalstolz, 2018 erschrecken Angriffe auf Ausländer, die sich vorher gut integriert und akzeptiert fühlten. Das Referendum entscheidet für den Brexit und eigentlich heimatliebende Briten verlassen ihr Land. Dies sind nur einige Aspekte des vielfältigen Gesellschaftsporträts, das in diesem Roman gezeichnet wird. Es wird geliebt, getrennt, gearbeitet und geschrieben in der Middle Class in Middle England und Jonathan Coe verknüpft eine Vielzahl von Lebenswegen zu einem unterhaltsamen und eindrucksvollen Werk.

Krimi aus dem Londoner Untergrund

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Simon Lelic: The Haven 01. Im Untergrund, Loewe Verlag 2020 € 9,95

Ollie ist Waise. Er wohnt in London bei seiner Pflegemutter, Polizistin Nancy Bedwin. Plötzlich wird er nachts aus seinem Bett gezerrt und bewusstlos geschlagen. Kurz darauf muss er mit einem Jungen namens Dodge vor den Männern die Nancy getötet haben flüchten. Dodge und sein Team bringen ihn zu einem geheimen Ort, den alle nur den "Haven" nennen. Er hilft Dodge bei seiner Mission in der Hoffnung, dass sie ihm helfen können, Nancy zu rächen. Zusammen mit Dodge, Flea, Lily, Eric und Sol macht er sich auf, um den Sohn des berühmt berüchtigten Gangsterchef Danny Hunter zu finden. Dazu bleibt ihm allerdings nicht viel Zeit, denn nach 24 Studen wird einer von ihnen sterben. Während sie ermitteln, stoßen sie allerdings auf einen Faktor, der sie womöglich alle umbringen wird.

Wellenschlag und Palastgeflüster

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Judith Mackrell: Der unvollendete Palazzo, Insel, € 25,00

Ein Buch, drei Biografien: Judith Mackrell verwebt die Lebensgeschichten der drei Frauen, die in der Zeit von 1912 - 1979 die Herrinnen des Palazzo Venier dei Leoni am Canal Grande in Venedig waren: Luisa Casati (1881-1957), Doris Castlerosse (1900-1942), Peggy Guggenheim (1998-1979). Diese drei Frauen hatten einige Gemeinsamkeiten: sie haben ihr Leben sehr bewusst gestaltet, waren sehr auf die Wirkung ihrer Erscheinung fokussiert, es war ihnen wichtig, eine Rolle in der Gesellschaft zu spielen, sie haben vielfältig geliebt und gelitten. Sie waren umgeben von Künstlern, Literaten, Politikern und Aristokraten ihrer Zeit, so dass wir Leser viele weitere biografische Details anderer Persönlichkeiten finden über Venedig hinaus in Italien, Frankreich, England und den USA. Ein Buch für Kulturinteressierte und Venedigliebhaber, das mitnimmt in eine pulsierende, vergangene Zeit.

Alex Wheatle im Gespräch mit Jugendlichen über Gewalt in der Jugendliteratur

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Die Jugendlichen leben zwischen Traum und Trauma, in sozialer Armut und Gewalt. Familie zerfällt. Freundschaften sind das Leben. Beziehungen sind die Welt. Wheatles erzählt in seiner Trilogie vom Spiegel ihrer Seele. Leidenschaftlich und aus eigener Erfahrung schildert er das Gangsterleben, mal aus Sicht der Jungen, mal aus der der Mädchen. Er gibt allen eine eindrucksvolle, unverwechselbare Stimme.

Mit Witz und gutem Spürsinn

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Nancy Springer: Der Fall des verschwundenen Lords. Ein Enola Holmes Krimi. Knesebeck 2019 € 15.-

Die 14-jährige Enola Holmes, Schwester des berühmten Sherlock Holmes, ist an der Seite ihrer Mutter, einer wahren Frauenrechtlerin, auf dem Familienanwesen groß geworden und hat jede Menge Freiheiten genossen. Ihr Leben hätte ewig so weiter gehen können, wäre die Mutter nicht von einem Tag auf den anderen verschwunden und Enolas Brüder aufgetaucht. Sie sind geradezu schockiert über den Zustand des Anwesens, noch mehr über Enolas mangelnde und ihrer Stellung nicht entsprechende Erziehung und beschließen, dass sie in einem Internat bestens aufgehoben sein würde. Enola lässt sich jedoch nicht so einfach verbiegen. Heimlich macht sie sich auf den Weg nach London, um ihre Mutter zu suchen. Einige versteckte Hinweise bringen sie zu der Annahme, dass die Mutter auch nichts anderes gewollt hatte.. Während ihrer Flucht  - verkleidet als Witwe, wie es sich für eine echte Detektivin gehört - wird Enola prompt in den Fall des vermeintlich entführten jungen Lord Tewkesbury verwickelt. Sie hätte wahrlich nicht geahnt, dass sie sich so schnell ihrem ersten großen Abenteuer in London gegenüber sieht. Mit einer Portion Herzklopfen, Ideenreichtum, zudem jeder Menge Mut meistert sie die Situation, und eines ist für Enola fortan klar: sie wird eine Menschenfinderin werden und weitere Detektivfälle übernehmen. Die jungen Leser folgen Enola in das Jahr 1888, eine Zeit, in der Kindern und Frauen noch wenig Mitspracherecht, geschweige denn, die Möglichkeit der Selbstverwirklichung zugestanden wird. Genau darum ist die über sich selbst hinauswachsende Enola Holmes so liebenswert als Figur, und als Detektivin nicht weniger originell wie ihr großer Bruder Sherlock.

Millieustudie aus der Unterschicht

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Alex Wheatle: Liccle Bit. Der Kleine aus Crongton, Kunstmann Verlag 2018 € 18.-

Lemar, genannt Liccle Bit und seine jugendlichen Kumpels, fast noch Kinder, stecken einfach mittendrin, zwischen rivalisieren Banden, Handlangern und Bossen, denen man kleine Dienste kaum abschlagen kann. Zumal Geld winkt, von dem hier jeder träumt. Lemar lebt auf engstem Raum mit seiner Familie, der Mutter, der Oma, der Schwester samt Säugling, dessen Vater ausgerechnet Manjaro ist, einer der führenden Bosse im Viertel. Sein eigener Vater lebt bei seiner neuen Familie. Lemar besucht ihn und seine schwerkranke Halbschwester unter Protest der Mutter alle 14 Tage. Auseinandersetzungen in alle Richtungen sind vorprogrammiert. Lemar sucht seine Richtung durch das Labyrinth der Straße zu finden, zu verstehen, sich mal zu arrangieren, mal aufzubegehren und eigene Wege zu finden.

Eine erfrischend andere Ermittlerin

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Eine erfrischend andere Ermttlerin

Harry Bingham: Fiona - Den Toten verpflichtet, Rowohlt TB 2018, € 9,99

In der jungen Ermittlerin Fiona Griffiths erkennt der Leser schnell, wie sehr ihr das Lebn mitspielt. Im Team darf sie nur langweile Recherche betreiben, dabei wissen alle, dass sie trotz ihrer Eigensinnigkeit eine genialem Polizistin ist. Darauf beruft sie sich auch im aktuellen Fall einer ermordeten Prostituierten und deren Tochter. Fiona ist sich sicher, mehr zu erreichen, wenn sie vor Ort recherchieren dürfte, und setzt sich über die Ansage ihres Chefs hinweg. Eine junge und unbequeme Ermittlerin steht in Harry Binghams Krimiserie im Vordergrund. Und genauso erfrischend ist sein Schreibstil, der Lust auf mehr von Fiona macht.

Rätselhafter Gin Fizz aus London

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Robert C. Marley: Inspekctor Swanson und das schwarze Museeum, Dryas Verlag 2017 € 10,50

Chief Inspector Swanson kommt leider auf dem Weg in den Urlaub eine Leiche dazwischen, und keine gewöhnliche, sondern ein Mitglied der Freimaurer. Der Leser findet sich sofort in einem viktorianischen Setting, hat die Personen gut vor Augen und auch die Sprache spiegelt die Zeit bestens wieder. Der Kriminalfall ist vor allem geprägt von der klassischen Verhörmethode, Scotland Yard als Schauplatz lässt grüßen. Ein historischer Krimi, der allein schon durch seine Gestaltung mit ausgewählten Illustrationen und kleinen Eyecatchern vor jedem Kapitel auffällt, und in jeder Hinsicht überzeugen kann.

Buchmagie im London des 19. Jahrhunderts

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Kai Meyer: Die Spur der Bücher, Fischer Verlag 2017 € 19,99

London im 19. Jahrhundert: Mercy Amberdale ist eine jener, die mit der Kraft der Bücher Magie wirken können, die Bibliomantik. Doch sie hat diesen Fähigkeiten nach traumatischen Ereignissen abgeschworen. Als ein Buchhändler und alter Freund ihres Vaters auf mysteriöse Art mit genau jener Kraft der Bibliomantik ermordet wird, geht Mercy dem Fall mit ihren Freunden Tempest und Philander nach. Ohne es zu wollen, wird sie immer tiefer in die Sache verstrickt und deckt dabei mehr, als nur einen Mord auf.

Ist Zeit messbar?

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Christoph Ransmayr: Cox oder der Lauf der Zeit, Fischer, 22,00 €

Der Roman " Cox oder der Lauf der Zeit" von Christoph Ransmayr ist ein literarisches Meisterwerk, das den Leser in die Mitte des 18. Jahrhunderts führt. Der Londoner Uhrmacher und Automatenbauer Cox folgt mit drei seiner Gehilfen dem Ruf des chinesischen Kaisers Quiánlóng nach Beijing. Die Aufträge des Kaisers verlangen die künstlerische und mechanische Umsetzung philosophischer Gedanken: So entsteht die Winduhr, um das Zeitempfinden eines Kindes zu zeigen oder sie Glutuhr, die die endende Lebenszeit eines Menschen veranschaulicht. Der Wunsch nach einer zeitlosen Uhr, die auch das Zufällige in sich birgt und die Ewigkeit messen soll, stellt die größte Herausforderung dar. Geradezu märchenhaft entsteht ein Bild des alten Chinas, in dem Prunk und Schönheit neben Willkür und Grausamkeit zu finden sind, beherrscht von einem als allmächtig anerkannten Kaiser. Ein besonderes, reiches, bildgewaltiges und nachdenkliches Buch, dem der Fischer Verlag ein edles Äußeres gegeben hat.

London, IRA & der Punk

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Kevin Brooks: Live fast, Play Dirty, Get Naked, dtv 2015 € 9,95

London 1979: Der chaotische Curtis, die anfangs zurückhaltende Lili, der immer schweigende Stan und William, dessen Vater von der IRA ermordet wurde und der nach London gezogen ist, um von der IRA unbemerkt zu bleiben, sind alle komplett verschieden. Trotzdem eint sie die Punkmusik und sie gründen die Band „Naked“ mit der sie auch erste Erfolge erleben. Lili und Curtis sind ein Paar, aber Lili wird immer unzufriedener, weil Curtis Drogen nimmt, noch unzuverlässiger wird und sie betrügt. Curtis selbst hingegen arbeitet fieberhaft an Karriere und Durchbruch, er ist geradezu besessen von Ruhm und Geld. William versucht währenddessen den Tod seines Vaters zu rächen und schleust sich bei der IRA ein.
Kevin Brooks geht auf die einzelnen Charaktere und deren Probleme ein und schildert sehr authentisch, wie die Punkmusik begann. Man kann sich die Geschichte sehr lebhaft und „bunt“ vorstellen, weil viele wichtige Details beschrieben werden und man sich den Personen sehr nahe fühlt, da sie meiner Meinung nach sehr menschliche Schwächen haben.

Spiel oder Wirklichkeit?

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Deutscher Jugendliteraturpreis der Jugendjurys 2011

Foto: Die Bücherfresser trafen Ursula Poznanski in Frankfurt und Leipzig. Zum Interview

Ursula Poznanski, Erebos, Loewe Tb € 9,95

Nick Dunmore ist 16 Jahre alt und ein ganz gewöhnliches Schulkind. Eines Tages fangen ein paar Schulkinder an, sich merkwürdig zu benehmen. Sie verteilen DVD´s und machen mysteriöse Sachen. Jeder der eine DVD hat, spricht nicht darüber und sondert sich ab. Nick wird langsam misstrauisch. Er will unbedingt wissen, worum es sich bei dieser DVD handelt. Dann, in einer Pause, bekommt er eine von diesen DVD´s. Ereobs ist eins der Bücher, die man nicht mehr so leicht aus der Hand legt. Ich fand, dass Erebos eines der weltbesten Bücher sein sollte und empfehle anderen sehr, das Buch zu lesen. Mein Lieblingscharakter in diesem Buch ist Victor Lanski. Er ist eine Figur, die mit Nick, Emily und Speedy versucht, Erbos zu stoppen und herauszufinden, wer am Fahrradunfall von Nicks Freund Jamie Schuld war. Victor ist ein fanatischer Teeliebhaber mit einem schrecklichen Geschmack für Farbmuster. dieses Buch ist mein Lieblingsbuch, weil ich es einfach toll finde, wie Ursula Poznanski die Personen beschreibt und sie so den Szenen hinzufügt, dass die Geschichte einen Hang zur Wirklichkeit bekommt. Kristof, 12 Jahre