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Ein berührendes Abschiednehmen

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Friederike Wagner mit Alfred Komarek im Bücherbus am Wiener Platz. Foto © Viktoria Schindler

Delphine de Vigan, Dankbarkeiten, Dumont 2020 €20,00

So schmerzlich der Prozess des Alterns und Vergessens ist, so großartig hat die Autorin dies in ihrem neuen Buch vertextet. Michka, einst Lektorin eines großen Verlages und versiert im Umgang mit der Sprache, spürt, wie ihr zunehmend die Wörter in ihrem Denken  entgleiten. Wortverdreher, scheinbare Versprecher, quälende Suche nach den richtigen Worten gehören zum Alltag der alten Frau. Zwei junge Menschen werden sie während dieses Prozesses begleiten. Mit Marie verbindet sie eine gemeinsame Vergangenheit, denn Michka hat Marie als kleines Kind in schweren Zeiten ein Heim und Nähe angeboten. Jérome hingegen ist Michkas Logopäde, der unermüdlich mit ihr im Altersheim, in das sie notgedrungen umziehen musste, übt, den Prozess des Vergessens zu verlangsamen. Doch auch Jérome weiß, dass er den Kampf dagegen schon bald verlieren wird. Die Dankbarkeiten ziehen sich wie ein roter Faden und auf unterschiedlichen Ebenen durch das schmale Buch: Im Zurückgeben von Nähe und Zeit, im Aufarbeiten einer alten Schuld, im Erkennen der Geduld des gegenüber. Der Leser erfährt zärtliche wie traurige Momente, aufrichtige Sorge genauso wie Hilflosigkeit, und zuletzt auch ein menschlich zu bewältigendes Ende eines ganzen Lebens. Für mich ist dieser Roman von Delphine de Vigan wie jedes ihrer Bücher im wahrsten Sinne ein Geschenk, für das ich als Leserin dankbar bin. Marion Hübinger