Articles tagged with: Kurzgeschichten

Perfekte Unterwegs-Lektüre

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Luciana Rangel: (fast) alles in Ordnung - está (quase) tuto bem, Hagebutte Verlag 2021 € 15,00

„Mein Leben ist wie ein Flickenteppich aus verschiedenen Stoffresten, und ich mag es so. Der einzige Teil, der nicht zusammengeschustert sein darf, sondern aus einem Stück sein muss, ist der innere Frieden. Es muss groß genug sein, um die ganze Familie einzukleiden und aus dem Rest etwas für Freunde zu schneidern.“ Zitat: Rangel, (fast) alles in Ordnung, Hagebutte Verlag
Dicht am eigenen Herzschlag führt die in Brasilien geborene und in Deutschland lebende Journalistin Luciana Rangel ihre Leser*innen in 19 Crônicas, typisch brasilianischen Kurztexten, in ihre zwei Lebenszentren: Rio de Janeiro und Berlin. Im tropisch warmen, die familiäre Sehnsucht stillenden Rio wohnt ihre Vergangenheit, 10.000 Kilometer weiter, im frostigen, gerade das Leben erfüllende Berlin, ihre Gegenwart. Rangel jongliert mit der unterschiedlichen Lebendigkeit an diesen Orten und spürt dem Gefühl von Freiheit nach. Mehr als einmal werden Koffer gepackt und kostspieliges Übergewicht, Hab und Gut, zurück gelassen. Emotionen reisen überall hin und sie wiegen. Nach zehn Jahren Abwesenheit zurück in der neuen alten Heimatstadt Rio loten Rangels Betrachtungen ihre Vergangenheit aus, das Verhältnis zum Vater, dem sie eine bewegende Hommage schreibt.

Kurzgeschichten über Abschiede, die mich ganz und gar nicht traurig zurück gelassen haben

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Bernhard Schlink: Abschiedsfarben, Diogenes Verlag 2020 € 24,00

Neun Leben, in die wir einen Einblick bekommen und die trotz des oft offenen Schlusses ein ganz rundes Lesevergnügen bieten. Ob Jung, ob Alt: die Personen blicken auf Entscheidungen zurück, finden zu einer späten Ehrlichkeit, machen das Unerzählte sichtbar. Unerfüllte Liebe, Wege die das Leben geht, späte Reue… Für mich die große Kunst der Kurzgeschichte, das Buch hat seinen Platz auf meinem Nachtkästchen bekommen! Annette Goossens

Ein Salon voller Überraschungen

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Benedict Wells: Die Wahrheit über das Lügen, Diogenes Verlag 2018 € 22.-

Wie ein Virtuose auf der Geige lässt Benedict Wells die Töne seiner Erzählungen in ganz unterschiedlichen Farbmelodien schwingen. Geradezu meisterlich werden seine Figuren in Szene gesetzt, menschlich und vor allem authentisch: Da ist die junge Frau, die sich nach langen aufopfernden Ehejahren verwirklichen möchte, der Workaholic, der sich sinnbildlich für das Leben auf einer Wanderung verirrt oder die sich an Weihnachten streitenden Bücher  in einer Bibliothek. Spielerisch klingen die Geschichten, und spielerisch kann sich der Leser auf sie einlassen, mitfiebern, sich überraschen, manchmal sogar überrumpeln lassen.

Unvergessliche Teams

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Lorenz Pauli, Kathrin Schärer: Rigo und Rosa, atlantis 2016 € 16,95

Einzig die vier Buchstaben ihres Names, beginnend mit einem "R" scheint die Maus und den Zooleoparden zu verbinden. Fressen oder Fragen, überlegt sich der Leopard, als er die Maus in seinem Gehege entdeckt. Erst einmal fragen, denn Fragen nach Fressen geht nicht mehr. So kommen die beiden ins Gespräch. Über sich selbst und den anderen, über die Welt und darüber hinaus. Die Freiheit der Maus bleibt dem Leoparden verwährt. Er bietet ihr Schutz und sie ihm Geschichten. Ihr Aktionismus steckt den trägen Leoparden mitunter an. Manchmal,  wenn es ums Wörter erfinden geht zum Beispiel. Mit dem eigenen Schwanz Springseil springen geht jedoch zu weit.  Stück für Stück ändert das Miteinander ihre Welt. Das Glück wohnt in so vielen kleinen Dingen, nicht nur in der Eichel der Maus, mit der Leopard versucht, einen Baum zu pflanzen. Die kurzen Geschichten mit ihren knappen Sätzen aus einfachen Worten schwingen in jeder Zeile mit einem Kosmos aus Gedanken und Gefühlen. Sie lassen Nachdenken, aber auch Schmunzeln und wärmen das Herz.

Zu knapp

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nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis Jugendjury 2014

Jane Teller, Alles, dtv Tb 2015 € 7,95

Mir persönlich waren die acht Kurzgeschichten viel zu knapp. Meiner Meinung nach kann man Komplexe wie Gewalt/ Rache/ Todesstrafe auf zehn bis fünfzehn Seiten nicht ausreichend darstellen. Viele innere Konflikte oder Hintergründe der Figuren werden nur ganz kurz angerissen, aber für den Leser nicht genügend erläutert. Über die meisten Themen wurde auch schon viel geschrieben, und zum Thema Gewalt haben mich zum Beispiel die Bücher von Kevin Brooks, vor allem "Lucas", sehr viel mehr beeindruckt; sie sind mir länger im Gedächtnis geblieben und haben mich wirklich! zum Nachdenken angeregt. Anne-Laure Bondoux` Der Mörder weinte beschäftigt sich auch mit der Todesstrafe, Ungerechtigkeit/ Selbstverständnis der Gesellschaft, (Un-) Menschlichkeit, aber auf eine Art und Weise, die einen wirklich berührt, die zum Nach-/ Überdenken auffordert und außerdem literarisch großartig ist. Nach den meisten Geschichten aus "Alles" habe ich mich gefragt: was fange ich damit jetzt an?Ein Urteil über die Gesellschaft oder die Figuren kann ich mir persönlich nicht bilden, da ich viel zu wenige Informationen habe; (literarisch) beeindruckt haben mich die Geschichten auch nicht; meiner Meinung nach kann das Buch höchstens kleine Anstöße zum Diskutieren geben.

Variantenreiche Wut

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Toon Tellegen, Marc Boutavant: Man wird doch wohl mal wütend werden dürfen, Hanser Verlag € 14,90

Kann man Wut wegpusten? In Stücke brechen oder gar unter einem Felsbrocken vergraben? Was ist Wut überhaupt für ein Gefühl? Kann man sie sehen? Im Klippschliefer, trotz seines lustigen Namens (seine Gestalt ähnelt der eines Murmeltieres) glüht eine stille Wut auf die Sonne, von der er sich wünscht, sie möge ihn erhören und einmal nicht untergehen. Dem Elefanten begegnet die Wut im Scheitern und bringt fette Beulen. Regenwurm und Käfer sprühen sie in freundschaftlichem Streit nach außen, weil jeder der Wütendste sein möchte. Die Ameise erklärt der Kröte, dass man im Gegensatz zur Wut, die dahinschwinden sollte, mit Zufriedenheit gar nichts machen müsse. Tellegens amüsante, präzise gesetzten Kurzgeschichten sind tiefsinnig und federleicht zu gleich. Am Ende wird klar, die Wut ist aus dem Gefühlskanon nicht wegdenkbar. Das zeigt auch die umrahmende Farbenpracht der Illustration. Ein kleines Feuer der Emotionen also, das Vorleser und Zuhörer unbedingt genießen sollten.
 

Witzige Wortgefechte

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Marc-Uwe Kling, Die Känguru Chroniken, Ullstein Tb € 8,99

Ein großartiges Buch über eine außergewöhnliche, amüsante und berührende Freundschaft. Berlin, deutsche Geschichte, die Gesellschaft und ganz alltägliche Situationen sind die Grundlage für witzige Wortgefechte und kleine oder größere Abenteuer. Das Ganze ist humorvoll und feinsinnig in einer unglaublich wortgewaltigen Sprache verpackt. Mein Fazit: Eine wunderbar komische und ab und zu auch völlig verrückte Geschichte, die von allen Altersgruppen gerne gelesen wird! Paula, 16 Jahre

Leben in Swasiland

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Kirsten Boie: Es gibt Dinge, die kann man nicht erzählen, Oetinger Verlag € 12,95

In ihrem neuen Buch „Es gibt Dinge, die kann man nicht erzählen“ schildert Kirsten Boie die Lebensgeschichten von verschiedenen Kindern aus Swasiland, die alle schnell erwachsen werden mussten, weil sie ihre Eltern durch AIDS verloren haben. Durch die Kürze der Geschichten kann nicht ganz so genau auf die Charaktere der einzelnen Kinder eingegangen werden, aber man erkennt trotzdem die wichtigsten Charakterzüge, vor allem dadurch, wie wer mit der jeweiligen Situation umgeht. Alle Kinder haben meist keine Idee davon, dass sie auch ein besseres Leben haben könnten. Sie alle kümmern sich, wie selbstverständlich, um jüngere Geschwister und Großeltern und haben viel Verantwortung. Kirsten Boie ist nach Swasiland gereist und hat verschiedene Familien besucht, die Kinder gibt es alle wirklich, genauso wie die etwaigen Lebensumstände, nur die Geschichten sind manchmal erfunden. Jede einzelne Geschichte hat eine etwas andere Sprache, bei der ersten Geschichte wird zum Beispiel bewusst vermieden, dass das Subjekt am Anfang steht, dadurch wird man gezwungen langsamer und genauer zu lesen. Außerdem werden wichtige Dinge wie eine Formel öfters wiederholt, das ist poetisch und hinterlässt einen noch tieferen Eindruck. An sich sind die Geschichten erschreckend, man weiß einfach nicht so viel über Swasiland, in dem die meisten Menschen mit HIV infiziert sind. Die Landschaften und Orte sind nicht sehr viel beschrieben, aber in jeder Geschichte ein bisschen, sodass man es sich trotzdem vorstellen kann. Die Farben des Covers finde ich zwar nicht sonderlich schön, aber eigentlich passen sie ganz gut zu Afrika. Gut gefällt mir, dass der Titel „Es gibt Dinge, die kann man nicht erzählen“ an der Stelle vom Mund steht. Mich würde interessieren, für welches Alter dieses Buch gedacht ist, da Kirsten Boie zwar sehr feinfühlig schreibt, aber die Geschichten an sich sind traurig und erschütternd.