Articles tagged with: Künstler

Märchen für Erwachsene

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Thomas Hettche: Herzfaden, Kiepenheuer & Witsch 2020 € 24,00

Mir ist es beim Lesen dieses Buches so ergangen, wie die Marionettenspieler es sich von ihren erwachsenen Zuschauern wünschen. Bei den ersten Seiten überlegte ich noch, ob es nicht ein Kinderbuch sei. Doch unmerklich hatte der Text mich in den Bann gezogen und ich folgte fasziniert der Erzählung über das heranwachsende Mädchen Hatü in ihrer Heimatstadt Augsburg. Ihr Vater Walter Oehmichen, einst Oberspielleiter am Augsburger Theater, begann in den Zeiten des 2. Weltkrieges Marionetten zu schnitzen und mit seinen Töchtern zu bespielen. Hatüs Begeisterung für die beim Spiel zum Leben erweckten Figuren wird sie nie mehr verlassen. In der Nachkriegszeit gründet ihr Vater mit ihr die Augsburger Puppenkiste. Mit weiteren, ihre unterschiedlichen künstlerischen Begabungen einbringenden Menschen verschmelzen sie zu einer familienähnlichen Gemeinschaft. Neben der märchenhaften Welt des Marionettentheaters steht das reale Erleben des 2. Weltkrieges und der Nachkriegszeit, das aus Sicht des jungen Mädchens Hatü sehr anschaulich und glaubhaft beschrieben wird. Wie wir es aus der unendlichen Geschichte kennen gibt es einen im Druck farblich differierenden Erzählstrang, der ein Mädchen aus heutiger Zeit in die Welt der Marionetten eintauchen lässt, wo es, so wie wir Leser, Hatüs Geschichte erfährt. Dieser Roman ist ein Glück für alle Erwachsenen, die das Kind in sich spüren oder wieder aufwecken möchten!

Auf nach Venedig!

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Jana Revedin: Margherita, Aufbau, € 22,00

Margherita wächst mit ihrer Mutter und ihren Schwestern in sehr einfachen Verhältnissen auf. Sie trägt nicht nur die Zeitungen in ihrer Heimatstadt Treviso aus, sondern liest darin täglich über das Weltgeschehen und macht sich ihre Gedanken dazu, so daß sie dem Grafen Revedin eine geschätzte Gesprächspartnerin ist. Als er um ihre Hand anhält wähnt Margherita sich in einer mozartschen Oper. Doch diese ungewöhnliche Verbindung wird Wirklichkeit. Die junge Frau wird in Paris in die intelektuellen und künstlerischen Kreise eingeführt, wo sie neue Seelenverwandte und lebenslange Freunde findet, von Coco Chanel eingekleidet und lernt Sprachen. In Venedig, wo sie 1920 mit ihrem Mann den Revedinschen Palazzo am Canal Grande bezieht, widmet sie sich ihrer neuen Aufgabe: den Agrartourismus am Lido zu etablieren und ihn mit den ersten Filmfestspielen zu internationalem Ruhm zu bringen. Es wird Margherita nicht gelingen, vom venezianischen Adel anerkannt zu werden aber sie findet Freunde unter den Einheimischen als auch unter venedigvernarrten Ausländern wie Peggy Guggenheim. Ihre persönliche Befindlichkeit, kleinere und größere Dramen werden in Beschreibungen und Dialogen gut ausgelotet und als Leser verfolgt man gespannt ihren Werdegang. Venedigkenner überqueren Brücken mit ihr, bleiben vor bekannten Fassaden stehen, besuchen Harrys Bar und fahren durch die Kanäle. Da die Autorin Jana Revedin die Frau von Margheritas Enkel ist, muss es auch einen Sohn gegeben haben...Beste Unterhaltung für Venedig - und Geschichtsliebhaber!

Von lauten und leisen Tönen einer Freundschaft

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Tessa Hadley: Zwei und zwei, Kampa Verlag 2020, € 22,00

Zwei Freundinnen, die durch dick und dünn gehen und nicht unterschiedlicher sein könnten. Als sie im Studium dem Literaturprofessor Alex begegnen, versteift sich Lydia darauf, ohne ihn nicht leben zu können. Obwohl Alex verheiratet ist, drängt sie sich in dessen Leben. Christine unterstützt die Freundin trotz gewisser Vorbehalte. Sie, die Stillere und Nachdenkliche, wird von Lydia kurzerhand mit Alex Freund Zachary verkuppelt, damit die Welt wieder in Ordnung ist. Zwei und Zwei ... und doch beginnt das Buch mit dem Tod von Zachary und der Frage, was es mit den anderen Dreien macht. Als Leser hält man nicht mit seiner Empörung zurück: Wie kann Lydia nur die Ehe von Alex auseinander bringen, um dann Zachary zu heiraten! Aber auch hier fügt sich alles wieder, denn Christine wird Alex heiraten. Zwei und zwei, beide Paare haben eine inzwischen erwachsene Töchter, als Zachary stirbt. Während der Verlust von den Zurückgebliebenen verarbeitet wird - und das auf ganz unterscheidliche Weise - rücken Lydia und Alex zusammen, während Christine am Ende allein zurück bleibt. Zwei und eins, das kann nicht gut gehen, wer hätte das geahnt.  Eine moderne, vielschichtige Ehe- und Freundschaftsgeschichte, deren Faszination darin liegt, dass man immer wieder auf das stößt, was hätte sein können und nie laut ausgesprochen wurde. Zwei und zwei hat sich beim Lesen darum oft ganz anders angefühlt.

Viva Italia! Deutsch-italienscher Abend mit Massimo Marano

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An diesem Abend konnten sich Zuhörer auf unterhaltsame Weise an der italienischen Sprache probieren. Der gebürtige Römer Massimo Marano lebt in München und tischte mit italienischer Leidenschaft auf. Er schreibt für die zweisprachige Reihe bei dtv kurze Geschichten mit italienischem Kontext. Für Sprachanfänger und Fortgeschrittene präsentierte er Persönlichkeiten, Kulinaria und Krimis. Feurig, locker, verlockend und mit italienischem Esprit. Im Wechsel mit Annette Goosens, die für die deutschen Passagen sorgte, konnte das Publikum zwischen den Sprachen hin und her wandern.

In der Stadt der Lichter

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Whitney Scharer: Die Zeit des Lichts, Klett-Cotta 2019 € 22,00

Ein mitreissender Künstler- und Liebesroman im Paris der 1930er Jahre. Die schillernden zentralen Figuren sind Lee Miller und Man Ray: Ihr langsames Annähern über die Kunst der Fotografie zu einer leidenschaftlichen obsessiven Beziehung. Sie sind umgeben von der Größen der Pariser Bohème aus Malerei, Bildhauerei, Fotografie, Film, Ballett. Die Euphorie und Verzweiflung im Künstlerdasein werden in all ihren Höhen und Tiefen ausgelotet, allem voran die Sehnsucht der außergewöhnlichen Lee Miller nach Anerkennung ihrer Kunst.  Wir Leser fühlen uns wunderbar hineinversetzt in diese Zeit, sitzen mit den Künstlern im Deux Magots, trinken Gin Fizz auf Partys und genießen beim Lesen den Strudel aus Bildern und Emotionen in der Stadt der Lichter.

Mutter und Sohn

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Nell Leyshon: Der Wald, Eisele Verlag Tb 2020 € 12,00

Die zart gezeichneten Vögel, Zweige und Früchte auf dem Buchumschlag deuten auf das sensitive Seelenleben von Zofia und Pawel hin. Mutter und Sohn sind durch die Kriegswirren des Zweiten Weltkrieges in Warschau sehr aufeinander bezogen. Zofia, eine musikalische Frau aus großbürgerlichen Verhältnissen muss lernen, in zunehmender Beschränkung zu leben, bis hin zum Leben in einem Versteck im Wald. Pawel ist ein kleiner, ängstlicher genau beobachtender Junge. Die Beiden werden die Kriegszeiten überstehen und als Sofia und Paul in England leben. Die emotionale Nähe wird auf eine große Probe gestellt als Sofia begreift, dass ihr Sohn homosexuell ist und sie ihr Bild vom Leben neu sortieren muss. Die Autorin Nell Leyshon lässt ihre Figuren in einer Weise agieren und denken, die dem Leser viele Impulse gibt. Sie schreibt in einer schönen, nachdenklichen Sprache, die den Leser gerne manche gedanklichen Umwege mitgehen lässt in einer durchaus spannenden und in vielerlei Hinsicht bereichernden Geschichte. Ein grandioser Roman!

Blitzlichter in der Welt

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Florian Illies, 1913 - Was ich unbedingt noch erzählen wollte. Fischer Verlag 2018 € 20,00

Ein Kaleidoskop anekdotenhafter Momentaufnahmen im Jahr 1913 aus dem Leben bekannter Persönlichkeiten in aller Welt. Von Florian Illies aufgespürt und erzählt, mit knappen, oft amüsanten Anmerkungen sollte dieses Buch in keinem Zuhause fehlen: ob auf dem Küchentisch, der Wohnzimmerkommode, neben dem Bett oder auf der Waschmaschine; ein paar Minuten um eine Episode zu lesen, finden sich immer. Und wer das Buch wie im Rausch in einer Nacht verschlungen hat, wird es trotzdem immer wieder Aufschlagen. Denn wie war das nochmal ???

Münchner Bohème und Baltikum um 1900

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Klaus Modick: Keyserlings Geheimnis, Kiwi 2019 € 10,00

Es ist die Zeit von 1875 in den Beginn des 20.Jahrhunderts. Eduard von Keyserling, Sohn aus baltischem Gutsadel, studiert in Dorpat Jurisprudenz, um dann in Wien zu entdecken, dass er sich im Literaturbetrieb heimisch fühlt. Nach einigen Jahren auf dem elterlichen Gut schließt er sich den Schwabinger Künstlerkreisen an. Es wird philosophiert, geraucht, getrunken und geliebt und jeder gerät mal mehr oder weniger in die Bredouille. Für die Sommerfrische haben die Künstler den Starnberger See entdeckt und so residieren dort Max Halbe, Lovis Corinth, Frank Wedekind und Eduard von Keyserling. Der Leser taucht ein in diese Idylle zwischen See, Schreibtisch, Staffelei und Kartenspiel. Klaus Modick ist es wieder einmal aufs Beste gelungen, sich in die Stimmung und Sprache einzufühlen, in der seine Protagonisten sich bewegen.

Ein literarisches Fest

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Alain Claude Sulzer, Postskriptum, Galiani Verlag 2015, € 17,99

Sulzer erzählt in Momentaufnahmen, in perfekt arrangierten Zeitsprüngen und mit literarischer Raffinesse. Die Geburt des Künstler beginnt, als er den Tod seines Bruders zum Grauen der Mutter auf dem Wohnzimmerteppich nachspielt. Der sensible Junge wird später als Filmschauspieler den Erlkönig auf Vinyl einsprechen. Wir begegnen ihm in der mondänen Welt der Kurhotels des Engadins und in der Einsamkeit seines New Yorker Exils. Der damals unbekannte Visconti läd ihn noch einmal ein, in Rom die Rolle seines Lebens zu spielen. Bei der Premiere wird er gewahr, dass seine Szene am Ende komplett herausgeschnitten wurde. Zu jeder Szene und jeder Figur dieses Buches findet Sulzer sein schwingende Gegenstück. Ein literarisches Fest.