Articles tagged with: Krieg

Der Turm im See

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Marco Balzano: Ich bleibe hier, Diogenes Verlag € 22,00

Die Geschichte Südtirols über die Zeit vor und während des Faschismus, der Jahre, als Hitler Südtirol als "Operationszone Alpenvorland" erklärte. Die Einberufung der jungen Männer, der Wechsel der Amtssprache - über all dies erzählt Balzano in dieser Familiengeschichte aus Sicht Trinas. Sie wuchs hier auf, wurde Lehrerin, hatte Mann und zwei Kinder. Nachdem ihr Mann für die von ihm gehassten Faschisten kämpfen musste, versteckt er sich mit ihr in den Bergen, um nicht nochmals eingezogen zu werden. Wieder zurück in ihrem Dorf müssen Trina und ihr Mann zusehen, wie ein großes Staudammprojekt droht, ihr Zuhause im Wasser zu versenken. Der Kampf dagegen eint und trennt die Dorfbewohner. Balzano lässt die Leser diese die Existenz bedrohende Situation aus vielen Blickwinkeln nachempfinden und setzt damit dem versunkenen Dorf am Reschenpass ein Denkmal.

Eine wahre Geschichte

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Abdullah Al-Sayed, Kerstin Kropac: Geflüchtet. Zu Hause in Deutschland, daheim in Syrien, Arena 2018 €9,99

Abdullah ist 16, als er im Sommer 2015 Syrien und den Rest seiner Familie endgültig verlassen muss. Ein Leben in seiner vom Krieg verwüsteten Heimat ist kaum mehr möglich. Sein Vater wurde bei einem der täglichen Bombenangriffe getötet, sein Bruder ist aus dem Bus heraus verschleppt worden. Abdullah wird am Ende seiner Fluchtodyssee in einem Kinderheim in Deutschland landen. Hochmotiviert und in der Hoffnung auf eine Zukunft lernt er die deutsche Sprache, holt seinen Realschulabschluss und das Fachabitur nach. Seine Geschichte hat er mit Hilfe der Journalistin Kerstin Kropac aufgeschrieben. Der Text führt unaufgeregt und kompakt durch die Ereignisse seines Lebens und lässt keinen Zweifel daran: niemand flüchtet freiwillig oder aus Zeitvertreib oder, weil er es in einem fremden Land bequemer haben möchte. Dieser Text ist hervorragend als Schullektüre geeignet. Er gibt Flüchtlingen ein Gesicht und bietet einen guten Überblick über den Syrienkonflikt.

Tiefer Blick am Ladentisch

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Minna Rytisalo: Lempi, das heißt Liebe. dtv Tb € 10,90

Lempi war eine junge Frau im finnischen Lappland Anfang der 1940er Jahre. Sie starb - warum? Drei Menschen, die ihr sehr nahe standen, erzählen von ihr: ihr Mann, ihre Magd, ihre Zwillingsschwester. Die Antwort findet sich fast versteckt in Nebensätzen - diese umrankend erzählt das Buch von der Geschichte Lapplands zwischen Deutschen und Russen, von einer intensiven, kurzen Liebe, dem Leben auf einem kleinen Hof, von Eifersucht, von Aufbruch und Zurückkommen und von Zwiliingsnähe. Ein schöner, intensiver, besonderer Roman!

Am Bauhaus in Weimar

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Tom Saller: Martha tanzt, List Verlag € 20,00

Martha sieht schon als Kind Formen, wenn sie Musik hört. Wolfgang, der wie ein väterlicher Freund in Marthas Familie lebt, versteht sie und weiß vom neu eröffneten Bauhaus in Weimar. Vielleicht findet sie dort heraus, wie sie diese Fähigkeit umsetzen kann? So folgt der Leser Martha ins Weimar der 1920er Jahre und ihrem Weg zu den großen Meistern, zu ihrer ersten Frauenfreundschaft, zum Ausdruckstanz und  beobachtet mit ihr das Erstarken der rechten Kräfte. Nach fünf Jahren kehrt Martha in ihre Heimat Pommern zurück, wo sie ihren sehr eigenen Weg geht. Wie sie die Kriegszeiten überlebt, erschließt sich aus der Rahmenhandlung in der heutigen Zeit, da ihr Tagebuch auftaucht und einen jugendlichen Leser in seinen Bann zieht.

Eine kleine Familie

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Eugène Dabit: Petit-Louis, Schoeffling &Co € 22,00

Der erstmalig ins Deutsche übersetzte, 1930 im französischen Original erschienene Roman führt den Leser ins Paris von 1900 - 1920. Er erzählt von einer Arbeiterfamilie mit einem Sohn, Petit-Louis, die das einfache familiäre Miteinander lebt und liebt. Als der Ehemann und Vater zu Beginn des 1. Weltkrieges als Soldat fortgeht, ist dies für die Zurückbleibenden schwer zu ertragen. Petit-Louis ist als Jüngster an seiner Arbeitsstelle Hänseleien ausgesetzt und meldet sich freiwillig zum Militär, um sich zu beweisen und um die Welt zu sehen. Der Leser begleitet ihn in seiner Entwicklung vom Jugendlichen zum jungen Mann, in der Begegnung mit sehr verschiedenen Männern, die ihm Freunde werden und ihm sehr unterschiedliche Sichtweisen auf das Leben zeigen. Das Leben hinter und an der Front wird dem Leser vorstellbar und er hofft mit Petit-Louis, dass die kleine Familie wieder zusammenfinden möge. Eugéne Dabit hat autobiografische Erlebnisse in diesem Roman verarbeitet und eine sehr lesenswerte Liebeserklärung an seine Eltern und das Leben geschrieben.

Alexandra Senfft und der lange Schatten der Täter

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Seit "Der lange Schatten der Täter" an unserer Kasse steht, entlockt das Buch seinen Betrachtern persönliche Geschichten. Geschichten, die von starken Emotionen geprägt sind. Es schien uns, als riefe das Buch schon vom Cover weg: Lasst uns endlich reden! Über das Schweigen, über Scham und Schuld, und über die Verantwortung, die wir heute noch in Bezug auf unsere Geschichte tragen. Im Gespräch mit Katrin Rüger erzählte Alexandra Senfft, die den dialogischen Ansatz der Konfliktbewältigung beim israelischen Posychologen und Friedensforscher Dan Bar-On studiert hatte und seit vielen Jahren zu den transgenerationellen Folgen des Nationalsozialismus arbeitet, vom Loyalitätskonflikt, von der Angst vor Wahrheiten, und von Fragen nach einer Definition von Täterschaft. Aber nicht nur Täternachkommen, auch Opfer des Holocaust und deren Nachkommen vereint sie in ihrem neuen Buch, welches Brücken baut und Verbindungen schafft. Redet mit euren Eltern und Großeltern, mit euren Kindern und Enkelkindern lautete ihr Appell am Ende. Der von großer persönlicher Präsenz geprägte Abend wird noch Anlass für viele Gespräche geben. Ein Fest wars! Danke.

Torsten Nesch bei Mixtvision

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Wir flitzen durch den strömenden Regen die Leopoldstraße entlang. Hier irgendwo soll sich der kleine aber feine Mixtvision Verlag befinden. Das Haus ist eine große Baustelle. Da zehn Bücherfresser unmöglich in den Fahrstuhl passen, nehmen wir die verwinkelten Treppen bis in den dritten Stock. Regenschirme und Gummistiefel bleiben besser vor der Wohnungstür. Wir hatten nicht erwartet, dass sich dahinter so großzügige, moderne Räumlichkeiten eröffnen würden. Gleich im Eingang bleiben wir an der Präsentationswand für Bücher hängen.  Ein langer Tisch zieht durch die Eingangshalle. Ein interessanant gestalteter Raum für Kunst mit Kaktus. Die Büros wirken trotz der dunklen Abendstunde durch ihre Glaswände lichtdurchflutet.

Krieg per Mausklick

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Foto: Torsten Nesch mit den Bücherfressern in München. Zum Interview

Thorsten Nesch, Der Drohnenpilot, Mixtvision 2015, € 13,90

Nach dem Schulabschluss weiß der 17-jährige Darius nichts mit seinem Leben anzufangen. Am Ende eines Computerspiels wird er aufgefordert, sich für einen Job bei der Spielefirma zu bewerben. Er hatte erwartet Spieletester zu werden, doch es wird ihm angeboten, Drohnenpilot zu werden. Ein gutbezahlter Job mit eigener Wohnung. Dafür muss er nur 12 Stunden vor dem Bildschirm sitzen und die Anweisungen seiner Vorgesetzten ausführen. So sehr er sich es wünscht, ihm bleibt nicht verborgen, dass die ferngesteuerten Drohnen nicht nur überwachen, sondern auch töten. Spannend schildert Torsten Nesch in diesem Buch die menschlichen Probleme computergesteuerter Kriegsführung. 

In Georgien

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Deutscher Jugendliteraturpreis Jugendbuch 2013

Tamta Melaschwili, Abzählen, Unions Tb € 9,95

In diesem Buch werden drei Tage im Leben zweier 13-jähriger Mädchen im georgischen Hinterland beschrieben, die die Auswirkungen des herrschenden Krieges hautnah zu spüren bekommen und erfinderisch sein müssen, um in bitterster Armut an das Lebensnotwendigste zu kommen. Schon auf den ersten Seiten wird der krasse Kontrast deutlich zwischen der Art der beiden Freundinnen, mädchenhaft, gewitzt und frech und nach etwas Leichtigkeit suchend, und ihrer Umgebung, einer gottverlassenen Konfliktzone, in der sie völlig auf sich allein gestellt sind. Obwohl die Sprache reduziert und abgehackt ist, werden dem Leser starke Gefühle und Situationen eindringlich vermittelt. Durch die Erzählweise bleibt die Spannung bis zum Schluss erhalten.

Nullachtfuffzehn? Keine Spur!

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Foto: Nikolaus Nützel mit den Bücherfressern im Buchpalast. Zum Interview

nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis Sachbuch 2014

Nikolaus Nützel, Mein Opa, sein Holzbein und der Große Krieg, ars editon € 14,99

Nullachtfuffzehn? Keine Spur! Doch wer weiß schon, dass wir diese Redewendung von den Soldaten des ersten Weltkrieges geerbt haben. Nützel präsentiert eine persönliche, profunde und griffige Spurensuche zu Berührungspunkten in eine ach so ferne Zeit und hält für Leser jeden Alters erhellende und fesselnde Aspekte bereit.