Articles tagged with: Krankheit

Schlagfertig, krank, verliebt

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Kyra Groh: Sicherheit ist eine verdammt fiese Illusion, Arctis Verlag 2020 € 18,00

Mia hat eine seltene Krankheit, die dafür sorgt, dass sie physisch keine Schmerzen empfinden kann. Dadurch entstehen ihr viele Missgeschicke, unter anderem weil sie nicht einschätzen kann, wie schwerwiegend ihre Verletzungen sind. Auch an dem Abend als ihre Mutter starb, spielte ihre Krankheit eine wichtige Rolle, die sie jedoch allen verschweigt. Zumindest bis sie Jake trifft, mit dem sie über alle möglichen dunkle Geheimnisse reden kann und der ebenfalls private Probleme hat. Ihre Krankheit steht in dem Buch eher im Hintergrund und spielt für Mia keine allzu große Rolle. Viel mehr geht es um die psychischen Schmerzen normaler Teenager und wie sie damit umgehen. Das Buch ist aus den Sichten von Mia und Jake geschrieben. Die Handlung war sehr interessant, spannend und die Liebesgeschichte war weder kitschig noch klischeemäßig. Mias und Jakes Verhalten konnte man gut nachvollziehen und sie waren gut ausgestaltet. Vor allem Mia war schlagfertig und nicht das typische weinerliche Mädchen, wie es so oft in Liebesgeschichten vorkommt. Einige der Nebencharaktere waren ein bisschen klischeehaft, hatten aber trotzdem Tiefe. Das Buch hat eine angenehme Sprache, die sich leicht lesen lässt. Das Ende war teilweise vorhersehbar, aber trotzdem lustig. Außerdem werden zusätzlich zu Mias Krankheit auch noch andere wichtige Themen wie häusliche Gewalt thematisiert. Insgesamt ist es ein sehr gutes Jugendbuch mit einer etwas anderen Liebesgeschichte.

Der kleine Mensch im großen Staat

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Sasha Filipenko: Rote Kreuze, Diogenes Verlag 2020 € 22,00

Ein junger Mann und eine alte Dame werden neue Nachbarn in Minsk. Stück für Stück erzählen sie sich von den Dramen in ihren Leben. Auf der einen Seite Krankheit, schmerzlicher Verlust eines geliebten Menschen und Neuanfang, auf der anderen die Auswirkungen des russischen Systems unter Stalin und danach: Trennung, Gefangenschaft, Schuldgefühl, Ungewißheit und bittere Erkenntnis. Neben den persönlichen Lebensgeschichten erzählt der Roman über die Ignoranz der russischen Regierung gegenüber ihren gefangenen Soldaten im 2.Weltkrieg, Originalschriftstücke fließen in die Romanhandlung ein. Eine erschütternde historische Geschichte, die das fühlende Individuum dem kalten Staatsapparat gegenüberstellt, während gleichzeitig das heutzeitige, generationsübergreifende Verständnis Hoffnung weckt.

Erwachsenwerden

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Matthias Brandt: Blackbird, Kiepenheuer & Witsch 2019 € 22,00

Matthias Brandt versetzt sich in den 16-jährigen Morton, der aus einem eigentlich behüteten Alltag heraus mit gravierenden Veränderungen konfrontiert wird: der Trennung der Eltern und einem neuen Zuhause zu zweit mit der Mutter. Dem ersten körperlich gespürten Verliebtsein und dem Erleben, dass manchmal Menschen mit den Gefühlen anderer spielen. Und der Trennung von seinem langjährigen, besten Freund durch eine heimtückische Krankheit. Die inneren Unseicherheiten und ihren Ausdruck im Verhalten schildert der Autor anschaulich nschvollziehbar - jugendliche Leser können sich verstanden fühlen, ältere können sich erinnern und verstehen.

Rückblick und Entscheidung

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Jostein Gaarder: Genau richtig. Die kurze Geschichte einer langen Nacht, Hanser Verlag 2019 € 16,00

Albert hat das Glück, auf fast 40, weitgehend harmonische Ehejahre zurückzublicken. Er denkt gerne an seinen Sohn mit Frau und Enkelin, die ihm sehr verbunden sind. Und dann gibt es auch einen geradezu magischen Ort: eine kleine Hütte an einem Waldsee, die für die ganze Familie ein Ruhepol ist und Ausgangspunkt für Gedankenspiele und Erspüren der Natur. Hier befindet sich Albert, zum 1.Mal allein, mit einer verstörenden, erschütternden Nachricht, der er sich stellt. Er leidet an einer Krankheit, die ihn in zunehmende Abhängigkeiten bringen wird bis zum absehbaren Lebensende. Das schmale Buch von Jostein Gaarder sind Alberts niedergeschriebenen Gadanken über sein Leben, die Frage nach dem Leben überhaupt auf dieser unserer Welt und der nach dem Lebensende. Berührend, begeisternd, erschütternd - dieses Buch ist eine intensive Begegnung und Bereicherung!

Ein Sturz mit Folgen

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Nicole Boyle Rodtnes: Wie das Licht von einem erloschenen Stern, Beltz und Gelberg € 14,95

Das Buch handelt von dem Mädchen Vega. Nach einem Sturz auf einer Party leidet sie an Aphasie. Das bedeutet, dass sie weder sprechen noch lesen oder schreiben kann. Sie hat den Verdacht, dass sie von jemandem geschubst wurde. Keiner will ihr das glauben. Bei einem Workshop trifft sie auf Theo, der ebenfalls unter Aphasie leidet. Sie verlieben sich. Aber wird sie herausfinden, ob ihr Verdacht richtig ist? Und wenn ja, wer hat sie geschubst?

Für Furchtlose

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Kenneth Oppel: Das Nest, Dressler 2016 € 12,99

Oppels thematisches Spektrum ist groß und er vermag jedes Mal von Neuem zu überraschen. Nach einem Wespenstich träumt Steve regelmäßig von der Wespenkönigin, die ihn in ihr Nest lockt und ihm erzählt, seinen kranken Babybruder gegen einen neuen, gesunden Bruder zu ersetzen. Noch hängt er verpuppt in den Waben des Nestes und sieht zum Fürchten aus. Im Traum verspricht Steve der Königin zu helfen, denn er seht sich nach Normalität, in der Realtät versucht er, diese Träume loszuwerden und mit der schwierigen Familiensituation klar zu kommen. Das gruselige Szenario von kindlicher Verarbeitung eines Traumas packt von der ersten Seite und läuft um großen Showdown auf, bei dem am Ende alles gut wird. Nichts für schwache Nerven!

Liebe mit Hindernissen

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von der Jugendjury nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2016

Nicola Yoon, Du neben mir und zwischen uns die ganze Welt, Dressler 2015 € 16,99

Madeline hat schon ihr ganzes Leben in einem keimfreien Haus verbracht und hat dieses auch noch nie verlassen. Der Grund dafür ist eine seltener Immundefekt, der sie in ihrem sterilen Gefängnis gefangen hält. Doch Madeline hat sich mit ihrem Schicksal abgefunden und verbringt ihr einsames Leben mit ihrer Mutter und ihrer Krankenschwester Carla tagein tagaus ohne besondere Ereignisse, bis etwas passiert, was alles verändern sollte: In das Haus gegenüber ziehen neue Nachbarn ein und mit ihnen, Olly. Madeline ist schon vom ersten Moment an von diesem geheimnisvollen Jungen, der sich ganz in schwarz kleidet, seltsame Stunts abzieht und jede Nacht auf dem Dach verschwindet, begeistert. Doch durch Olly verändert sich alles und Madelines scheinbar heile Welt bricht langsam auseinander, denn sie will Olly unbedingt kennenlernen und wie soll das gehen, wenn man 24 Stunden am Tag eingesperrt ist? Du neben mir- und zwischen uns die ganze Welt ist eine unglaublich fesselnde und mitreißende Liebesgeschichte zwischen zwei Jugendlichen, die den Leser von Anfang an im ihren Bann zieht. Nicht nur, das die Autorin Nicola Yoon einen ganz außergewöhnlichen Charakter -nämlich Madeline- zum Leben erweckt, nein, sondern auch weil sie auf lustige Weise den Ernst der Handlung schildert. Auch gestalten die Illustrationen das Lesen des Buchs abwechslungsreiche und bringen einen das eine und das andere Mal zum Schmunzeln. Man sollte dieses Buch auf jeden Fall mindestens einmal gelesen haben, denn es ist mit Sicherheit ein guter Kandidat für ein potentielles Lieblingsbuch! Gianna, 14 Jahre

Coole Nummer

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Jason Reynolds, Coole Nummer, dtv 2015 € 14,95

Als ich den Klappentext gelesen habe, dachte ich mir, um ehrlich zu sein, „Hä? Welcher verrückte Autor nennt seine Protagonisten denn bitte Noodles und Needles???“. Die Antwort lautet: Jason Reynolds. Er lebt in Brooklyn, New York und weiß genau, wovon er schreibt. Dadurch wird sein Debüt authentisch und überzeugend. Der 15-Jährige Ali ist am Anfang der Geschichte als Charakter unfertig und hat eine sehr kindliche Wahrnehmung. Er nimmt die Kriminalität innerhalb der Wohnblöcke Brooklyns und Konflikte zwischen seinen beiden Freunden als gegeben hin. Durch seine Augen begegnet man der Geschichte unvoreingenommen. Alis kleine Schwester hat seinen besten Freunden Spitznamen verpasst, Noodles, der immer genau dann rüberkommt, wenn das Essen fertig ist und Needles, der Tourette-Syndrom hat und deswegen zur Beruhigung strickt. Die drei haben plötzlich die Gelegenheit zu einer von Momos Partys zu gehen, bei denen normalerweise – drogen- und frauenbedingt - nur Erwachsene eingeladen sind. Noodles kommt nicht damit klar, dass sein Bruder „ein Syndrom“ hat und auf Momos Party eskaliert die Situation. Ali sieht sich mit organisierter Gewalt, Verfolgung und einer Freundschaftskrise konfrontiert. Er wird jenseits von Highschool-Hackordnungen und dem typischen Amerika anderer Jugendbücher groß, was eine spannende Abwechslung darstellt. Jason Reynolds beweist literarisches Können, indem er eine ungewöhnliche Geschichte erzählt, die dem Leser total natürlich vorkommt und in der er sich sofort zu Hause fühlt. Dabei spielt er auch mit Vorurteilen und schafft Überraschungsmomente, die einen sowohl nachdenklich stimmen als auch zum Lachen bringen können. Ein Buch und ein Autor, die beide viel Potenzial haben: ich will eine Fortsetzung!

Poetisch gestottert

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Vince Vawter, Wörter auf Papier, Königskinder 2014, € 16,90

In Wörter auf Papier erzählt Vince Vawter die außergewöhnliche Geschichte eines Jungen, der allmählich lernt mit seinem Stottern umzugehen. Da Victor einen Monat lang die Zeitungsrunde seines Freundes übernimmt, lernt er neue Leute kennen und muss beim Kassieren gezwungenermaßen plötzlich mit fremden Menschen reden und seine Angst vorm Sprechen überwinden. Die Geschichte spielt 1959 in Memphis, wobei die Apartheid  nur am Rande erwähnt wird, was sehr gut passt. Schließlich wird die Geschichte aus Victors Sicht erzählt und für Kinder sind politische Themen auch nur dann von Bedeutung, wenn sie ihr persönliches Leben plötzlich direkt betreffen. Die Atmosphäre des Buches wirkt fast märchenhaft, einerseits wegen der zauberhaften Geschichte die hier erzählt wird, andererseits wegen des besonderen Bezugs zur Sprache. Da Victor stottert, denkt er genau über die Wörter nach, ordnet und bewertet sie. Das überträgt sich natürlich auch auf den Leser.
Victor hat es wahrlich nicht einfach. Zwar ist der Baseball spielende Zwölfjährige der beste Werfer in seiner Heimatstadt Memphis, doch das Sprechen fällt ihm äußerst schwer. Sein Stottern ist so stark, dass er sich oft zurückzieht und nur wenig spricht, um nicht aufzufallen. Als sein bester Freund Arthur im Sommer 1959 für vier Wochen zu Verwandten aufs Land fährt, übernimmt Victor für ihn das Zeitung austragen in der Nachbarschaft. Die Zeitungen perfekt zu werfen macht im Spaß und fällt ihm nicht schwer, doch jeden Freitag muss er von Haus zu Haus gehen, mit den Menschen sprechen und das Zeitungsgeld einsammeln, weshalb er ein ungutes Gefühl im Bauch hat. Wie werden die Menschen auf ihn und sein Stottern reagieren? Victor lernt bei seiner Arbeit die unterschiedlichsten Leute kennen. Zum Beispiel Mrs Worthworth, die dem Whiskey nicht abgeneigt ist und ihn “Süßer” nennt. Einen Jungen, der das Haus nie verlässt und den Tag vor dem Fernseher verbringt. Den belesenen Mr Spiro, der Victor einen “stotternden Dichter” nennt und sich Zeit für seine Fragen nimmt. Und den obdachlosen Ara T, der die Mülltonnen nach Brauchbarem durchwühlt und es mit dem Besitz anderer Leute nicht so genau nimmt. Ich finde das Buch sehr gut, weil der Autor hervorragend mit der Sprache und der Umwelt umgeht. Außerdem beschreibt er sehr gut Geschehnisse und Orte aus der der Sicht des Jungen ohne Vorurteilen und mit viel Raffinesse. Es ist zwar ein Jugendbuch, aber es ist auch für Erwachsene geeignet.Ferdinand, 14 Jahre

Wörter in der Luft verwehen, kaum dass man sie gesagt hat, aber Wörter auf Papier bleiben für immer.“

Um sich mitzuteilen, sind im Jahr 1959 Wörter auf Papier die klare Alternative zu den Worten der gesprochenen Sprache. Der Geschichte des stotternden Zeitungsjungen Victor im damaligen Memphis wohnt von der ersten Seite an eine faszinierende Seele inne.Wann wird ein Kind erwachsen?“  fragt der Junge, der zaghaft beginnt sich naheliegende Welten zu erschließen, oderSind Erwachsene gut darin, mit Kindern zu kommunizieren?“ Der politische Lebenshintergrund, die Apartheid, vor dem sich Victors Persönlichkeit entwickelt, wird über wenige Bezugspersonen lebendig inszeniert. Baseball bestimmt das Leben des Jungen, der vier Wochen lang für seinen Kumpel Rat die Zeitungstour übernimmt. Der Job verlangt am Freitag an den Türen der Abonnenten zu klingeln. Es ist Zahltag. Als Stotterer bereitet sich Victor genau auf den Moment des Redens vor. Seine sparsamen Gesprächsbeiträge gelangen nur mit einem Schwall sanfter Luft aus seinem Mund. Will er etwas sagen, muss dies in sorgfältiger Überlegung und mit Präzision geschehen. Bei besonders wichtigen Wörtern verkrampft er sich. Einmal fällt er beim Sprechen sogar in Ohnmacht. Victors genaue Betrachtungen von Wörtern, ihre Zusammensetzung aus Buchstaben und Lauten, die Variabilität in Wahl und Nutzung und seine unablässigen Versuche die Sprache als Werkzeug benutzen zu können, sind beeindruckend. Als sorgsamer Beobachter von Sprache stolpert er auch darüber, wie fahrlässig im normalen Gespräch mit Worten umgegangen wird. Victor lernt, dass die Klarheit der Sprache von der er träumt nicht existiert. 2014 könnte man meinen, Wörter auf Papier gehören bald der Vergangenheit an. Und ein Buch im digitalen Zeitalter wäre genauso Retro wie dieses Cover. Doch weit gefehlt. Wörter im digitalen Raum gelesen verwehen im Gehirn fast so schnell wie jene der Luft. Für einen Dialog braucht es zwei, bekommt Victor zu hören. Und Lesen ist ein Gedankendialog. Ein Buch liegt gut in der Hand und seine Inszenierung ist für die Erschließung des Textes wichtig, wie die sanfte Luft zum Sprechen. Wir lesen mit allen Sinnen und wir brauchen den schön gestalteten körperlichen Raum, vom Vorsatz bis zum Lesebändchen, damit unsere Gedanken einzutauchen können in unser Gegenüber, das Buch. Wir brauchen Wörter auf Papier, damit die wohl gewählten Worte darauf bis ins Herz vordringen können und unsere Gedanken zu bewegen vermögen. Nicht nur der beeindruckende Text, auch das gelungene rundum macht dieses Buch zu einem Königskind, zum Lesegenuss vom Feinsten. Katrin Rüger