Articles tagged with: Klavier

Klavierlehrer in mafiösem Milieu

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Roberto Andò: Ciros Versteck, Folio Verlagsgesellschaft 2021, € 22,00

Gänzlich unvorhersehbar ändert sich das Leben des Klavierlehrers und Einzelgängers Gabriele Santoro in Neapel, als ein zehnjähriger Junge unbemerkt durch die offenstehende Wohnungstür zu ihm in die Wohnung schlüpft. Die verängstigten Augen des Jungen veranlassen Santoro ihn ohne weitere Erklärungen bei sich Unterschlupf zu gewähren. Wie sehr er sich damit selbst in Gefahr bringt, ahnt er nicht. Als es ihm bewusst wird und das Haus unter Beobachtung der Mafia steht erstaunt es ihn selbst, dass sich statt Panik eine unerklärliche Ruhe in ihm ausbreitet. Die Camorra hat ihn im Auge, doch die in Santoro erwachenden väterlichen Gefühle zu dem Jungen Ciro bestärken ihn in seinem riskanten Handeln. Besonders ist an diesem Roman, dass er eine gewisse Ruhe ausstrahlt, die genährt wird durch die Gedanken des Maestros, die sich im Reich der Musik und Poesie bewegen. Nichtsdestotrotz geht es um mafiöse Strukturen, Mord und Lebensgefahr. Mit Santoro und Ciro prallen zwei grundverschiedene Lebenswege aufeinander, die doch Gemeinsamkeit finden.

Über die Schönheit des Klaviers

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Natsu Miyashita: Der Klang der Wäder, Insel Verlag 2021 € 20,00

Tomura, ein Schuljunge aus einem kleinen Bergdorf, erlebt durch Zufall die Arbeit eines Klavierstimmers. Ohne jemals Klavier gespielt zu haben, fasziniert den Jugen sofort, wie die Klänge sich verändern können und die Geräusche eines ganzen Waldes in ihm wecken. Darum will er fortan nichts anderes werden als Klavierstimmer. Der Autor lässt den Leser durch Tomura-kan erleben, wie ein junger Mensch den Weg zu seiner Verwirklichung beschreitet.  Auf seine bescheidene Art setzt Tomura-kan nach Abschluss seiner Ausbildung zum Klavierstimmer alles daran, zu lernen, zu lauschen, und mit jedem Klavier, das er stimmen darf, über sich hinauszuwachsen. Eine poetische Geschichte, in Japan längst ein Bestseller, die auf jeder Buchseite Klaviersaiten zum Schwingen bringt.

Hochsensibler Rausch des Lebens

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Mikael Ross: Goldjunge. Beethovens Jugendjahre. avant Verlag 2020 € 25,00

Ross beginnt seine Graphic Novel im 8. Lebensjahr Beethovens und begleitet ihn bis um sein 30. Lebensjahr, bis zur  Veröffenlichung seiner ersten Kompositionen, die ihn als Klaviervirtuose in die fürstlichen Konzertsäle führte. Die kugelrunden Kinderaugen von Erkenntis oft weit aufgerissen, oder fest zusammengekniffen in Schmerz und Fieberwahn, jagt Ross einen hochsensiblen Jungen mit seinen Fantasmen durch die Pannels. Von den Kindern verspottet, vom Vater nachts aus dem Bett gezerrt und ans Klavier gesetzt, von Pocken gequält. In Beethovens Kopf herrscht ständiges Feuerwerk. Später kämpft er mit weiteren körperliche Leiden, Magenkrämpfe und Durchfall und qualvollen Geräusche in den Ohren. Die Welt um ihn herum bleibt dreckig und wenig glanzvoll. Hinzu kommt der Rausch der Musik, welcher Beethoven an den Instrumenten entströmt und zur Auflösung alles Materiellen und Widerwärtigen führt, aber auch zur restlosen  körperlichen Erschöpfung. Faszinierend und temporeich taumeln die Bilder am Rand des existentiellen Abgrundes, an dem nichts golden strahlt, nicht einmal die Liebe. Und aus dieser energetisch überbordenden Qual steigt Beethovens Musik auf. Man scheint sie mit den Augen hören zu können. Ross hat sie in seine Bilder gebannt, dass man beim Lesen nicht nur an der Dramatik des Lebens klebt sondern selbst in einen Rausch gerät, dem man sich nur schwer entziehen kann.

Liebe und Klavier

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William Boyd: Blinde Liebe, Heyne TB 2020 € 10,99

Mit Brodie Moncur reisen die Leser quer durch Europa: von Edinburgh über Paris nach St. Petersburg, nach Biarritz, Nizza, Genf, Wien, Graz, Triest - und dann sogar nach Indien. Es ist die Zeit um die Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert. Brodie Mancur ist ein sehr versierter Klavierstimmer und seine Begabung öffnet ihm viele Türen. Dass er sich mit Mitte zwanzig in eine bereits liierte Frau verliebt, für die er alles zu tun bereit ist, führt zu einem zusehends an Spannung aufnehmenden Aspekt einer ohnehin fesselnden Geschichte. Ein Roman zum Eintauchen mit interessanten, gut gezeichneten Figuren und faszinierenden Schauplätzen!

Musik im Herzen

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Claudia Schreiber: Solo für Clara, Hanser 2016 € 16,90

Es ist nicht nur ein schwarz lackierter Kasten der im Wohnzimmer steht, für mich ist das mein Leben" Zitat: Claudia  Schreiber, Solo für Clara

In Solo für Clara erzählt Claudia Schreiber das harte Leben von einem Mädchen, dass nicht aufgibt und ihrem Traum folgt.  Man merkt das Claudia Schreiber mit vielen Musikern und begabten Kindern gesprochen hat und so das Leben in diesen Kreisen gut schildert. Auch der Druck und der Konkurrenzkampf unter dem die Kinder stehen, wird sehr gut vermittelt. Clara wird im Laufe des Buches immer älter. Sie ist ehrgeizig, besessen vom Klavier und eigenwillig. Ihren Egoismus gesteht sie sich oft selbst ein. Ich mag es jedoch, dass sie nicht unfehlbar ist – im Gegenteil, sie wirkt sehr authentisch und echt. Auch Claras Eltern, die sie so unglaublich unterstützen, sind mir sehr sympathisch und ich respektiere sie für so manches, dass sie durch machen mussten. Die Geschichte ist zunächst bedingt spannend, doch irgendwann nimmt Clara einen mit und man fühlt sich wohl. Mir kam es vor als würde sie mir alles selbst erzählen. In den kursiven Gedankengänge hätte ich lieber im normalen Text eingewoben gelesen. So fand ich sie eher unnötig. Obwohl ich mit dem Thema klassische Musik nicht viel zu tun habe und mich es auch nicht interessiert, schaffte Claudia Schreiber mich zu begeistern. Vor allem die Klavierstücke konnte die Autorin lebendig und so schön beschreiben, dass sie mich faszinierten, obwohl ich sie nicht gehört hatte. Die erwähnten Stücke kann man natürlich im Internet anhören, was ich jetzt eher nicht getan habe, da ich das Buch an einem Stück gelesen habe. Jedoch empfehle ich die Musik aus dem Buch im Hintergrund beim Lesen zu hören, was ich in der letzten Lesestunde getan habe. Es war wunderschön, angenehm und vor allem das Glöckenspiel “La Campanella” konnte mich begeistern. Obwohl das Ende schön war, hätte ich mir noch einen kleinen Epilog gewünscht, in dem Clara erwachsen ist.