Articles tagged with: Kindheit

Lange Sommertage

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Barbara Schwarcz: Sommerverschwendung, Picus Verlag 2019 € 22,00

Ein Mädchen hat mit sieben Jahren seine ersten Sommerferien. Die Geschwister sind wesentlich älter und haben ihre eigenen Pläne, die Nachbarskinder verreist und es passiert äußerlich wenig. Aber sie macht sich viele Gedanken über die Wörter und Sprachen, sie beobachtet und wartet sehnsüchtig auf den Tag, an dem auch ihre Familie in den Urlaub fahren wird: nach Ungarn zur Familie des Vaters. Das Buch spürt feinfühlig dem Sommer und dem Warten nach, dem Jüngstesein und der Gedankenwelt einer aufgeweckten Erstklässlerin.

Ein Album verschwundener Dinge

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Till Penzek, Julia Neuhaus: Als die Großen klein waren. Ein Album verschwundener Dinge, Nilpferd Verlag 2019 € 16,95

Wisst ihr noch, liebe Eltern, wie unser erstes Spiel an einem Bildschirm aussah? Es nannte sich "Pong" und war so eine Art Tennis mit eckigem Ball, der sich von Seite zu Seite bewegte, wobei man wie gebannt auf den Fernseher starrte und versuchte den weißen Strich am Rande auf und ab zu bewegen. Das war der Tennisschläger, der den Ball zurückleitete. Es war so langweilig, dass man freiwillig nach einer gewissen Zeit lieber wieder "richtiges Fernsehen" schaute. Das Fernsehprogramm hatte schon Farbe und man konnte zwischen drei Sendern wählen. Wollte man eine Sendung schauen, musste man pünklich auf dem Sofa sitzen. Der 24 bändige Brockhaus füllte im ersten Stock des Hauses ein ganzes Regal. Er war die Quelle allen Wissens. Musik bannte man vom Radio auf Kassetten, Filme etwas später auf Videokassetten. Den Bandsalat wickelten wir mit einem Bleistift wieder hinein, in die Kassette. Bei den langen Diaabenden unserer Eltern interessierten uns weniger für die Bilder und mehr für das Knabberzeug, dass es sonst nie gab. Das Buch erzählt sparsam und  auf den Punkt gebracht, mit viel Raum für eigene Bilder, von Mediennutzung, Informationstransfer und Gesprächsaustausch. Nostalgie kommt da sicher nicht auf, doch ein gemächlichen Familienalltag, der doch noch gar nicht so lange her ist, rückt in den Fokus. "Wisst ihr noch, warum das Metall nebem dem Geldeinwurf in einer Telefonzelle immer so stark abgerieben war?" Natürlich!

Emotionale Familienspannung

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Tatiana de Rosnay: Fünf Tage in Paris, C. Bertelsmann Verlag 2019 € 20,00

Ein emotionsgeladener Roman über eine Familie in Frankreich, der es bei einem Familientreffen in Paris gelingt, lang gehütete und verdrängte Gefühle und Erlebnisse zuzulassen und Offenheit untereinander zu wagen. Der Fokus liegt auf Linden, dem berühmten in San Francisco lebenden Sohn und Fotografen, aber auch die Vergangenheit seiner Schwester und seiner Eltern birgt viel Unausgesprochenes. Während der fünf beschriebenen Tage wird Paris von einer ungeahnt heftigen und folgenschweren Überflutung heimgesucht. DIe vielen nach und nach an die Oberfläche gelangenden Ereignisse halten auch die Leser in Atem.

Kindheit auf zwei Seiten der Mauer

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Franziska Gehm & Horst Klein: Hübendrüben. Als eure Eltern klein und Deutschland noch zwei waren. Klett-Kinderbuch 2018 € 14.-

Max und Maja sind Cousin und Cousine und wachsen in der Bundesrepublik Deutschland (BRD) und der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) auf. Wie damals üblich gehen ihre Väter zur Arbeit. Ihre Mütter sind Hausfrauen. Max hat eine kleine Schwester und Maja einen kleinen kleinen Bruder. Sie gehen zur Schule, genießen die Sommerferien und sprechen die gleiche Sprache. Fast. Max will Astronaut werden und Maja Kosmonaut. Max liebt Hähnchen und Maja Broiler. Cola? "Darfst du nicht", sagen die Erwachsenen zu Max. "Knusperflocken?" "Hammer nich", sagen sie zu Maja.

Licht in einer dunklen Zeit

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Niccolò Ammaniti, Anna, Julia Eisele Verlag, € 20,00

Ein 13-jähriges Mädchen, in einer fast untergegangenen Welt: eine Seuche hat alle Erwachsenen dahingerafft, ein Feuer hat fast die gesamte Insel niedergebrannt. Trümmer und Leichen liegen allerorten. Doch Anna hat einen starken Überlebenswillen, sie kämpft für sich und ihren kleinen Bruder und eine Hoffnung gibt ihr Kraft: Auf dem Festland wird es anders sein. So ist Anna wie ein Licht in einer dunklen Zeit, die keiner von uns erleben möchte.

1971er Cuvée mit lebendigem, autobiografischen Bouquet

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Ijoma Mangold: Das deutsche Krokodil, Rowohlt, € 19,95

Identitätssuche

Das erste Buch des Literaturkritikers Ijoma Mangold ist nicht nur eine Autobiografie, sondern gleichzeitig ein interessantes Gesellschaftsportrait des Deutschlands der 70er - 90er Jahre. Ijoma Mangold, Sohn einer schlesischen Mutter und eines nigerianischen Vaters, der kurz nach der Geburt des Sohnes nach Afrika zurückging und den Mangold erst mit 22 Jahren kennenlernen sollte, wuchs in einer geschützten Welt in Heidelberg auf. "Der Junge", wie Ijoma Mangold von sich selbst in der Kindheit erzählt, hat einige Besonderheiten in sein Leben zu integrieren: Die Abwesenheit des Vaters, eine unkonventionelle Mutter und eine andere Hautfarbe. Ihn beseelt die Sehnsucht nach Assimilation, die ihm so gut gelingt, dass er erst in seiner Jugend, nach dem Abitur, eine ganz neue Seite seiner Identität entdeckt: Bei Aufenthalten in den USA und bei seinem ersten Kontakt mit der afrikanischen Familie seines Vaters. Der Leser kann sich über durchaus komische Aspekte erzählter Anekdoten amüsieren, hat aber nie das Gefühl, ein Voyeur zu sein und fühlt sich angeregt, an eigene Erlebnisse zu denken als auch über die Entwicklung des Kindes zum Erwachsenen im Allgemeinen zu reflektieren. Möge "Das deutsche Krokodil" nicht der einzige Roman von Ijoma Mangold bleiben!

Der erlesene Star, well-done mit Wohlfühlaroma

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Jürgen-Thomas Ernst: Schweben, Braumüller Verlag 2017 € 20,00

Leben - Schweben

Dieses Buch hat mich tief berührt: es erzählt von Josefs Leben, in dem ihn Rosa ein gutes Stück begleitet. Sie sind ganz einfache Menschen, die ohne Aufhebens ihr Leben in die Hand nehmen. Sie haben wenig und brauchen nicht viel, sie nehmen Glücksmomente wahr und machen sie sich selbst und einander bewusst. Sie finden und verlieren einander und der Leser begleitet sie bei verschiedenen Episoden zwischen Kindheit und Alter. Es steckt viel Lebensweisheit in diesem schmalen Buch in Gedanken und Sätzen, die den Leser auch nach der Lektüre begleiten werden. Wer das Buch "Ein ganzes Leben" von Robert Seethaler und "Ein Leben mehr" von Joyceline Saucier gerne gelesen hat, wird auch dieses Buch lieben!