Articles tagged with: Japan

Inspirierender Briefwechsel

higashimo-wunder

Keigo Higashino: Kleine Wunder um Mitternacht, Limes Verlag 2021 €20,00

Ein Gemischtwarenladen, dessen Briefkasten zu einer Art Kummerkasten wird, da sich sein Besitzer die Fragen und Sorgen der Betreffenden sehr genau zu Herzen nimmt. Bis ins hohe Alter wird Herr Namiya die Briefe der Ratsuchenden so gut er kann beantworten. Seinem Sohn fällt es schwer zu glauben, dass noch immer Breife in dem Briefkasten landen, obgleich der Laden des Vaters längst geschlossen ist. Wie es dazu kommt, dass sogar Briefe aus der Zukunft einttreffen, oder drei Kleinkriminelle, die eigentlich nur ein Versteck für die Nacht brauchen, zu Briefeschreibern werden ... das und vieles mehr erfähren Leser und Leserinnen der wunderbar feinsinnigen Geschichten und der Schicksale, die dahinter stecken, lassen sie mitunter schmunzeln, aufhorchen und auch berührern. Mit einfachen Worten kann durchaus viel bewegt werden.

Über die Schönheit des Klaviers

miyashita

Natsu Miyashita: Der Klang der Wäder, Insel Verlag 2021 € 20,00

Tomura, ein Schuljunge aus einem kleinen Bergdorf, erlebt durch Zufall die Arbeit eines Klavierstimmers. Ohne jemals Klavier gespielt zu haben, fasziniert den Jugen sofort, wie die Klänge sich verändern können und die Geräusche eines ganzen Waldes in ihm wecken. Darum will er fortan nichts anderes werden als Klavierstimmer. Der Autor lässt den Leser durch Tomura-kan erleben, wie ein junger Mensch den Weg zu seiner Verwirklichung beschreitet.  Auf seine bescheidene Art setzt Tomura-kan nach Abschluss seiner Ausbildung zum Klavierstimmer alles daran, zu lernen, zu lauschen, und mit jedem Klavier, das er stimmen darf, über sich hinauszuwachsen. Eine poetische Geschichte, in Japan längst ein Bestseller, die auf jeder Buchseite Klaviersaiten zum Schwingen bringt.

Fein austariert lässt dieser Roman in Story, Sprache, Bild und Rhythmik Geschichte lebendig werden

drewery-papierkranich

Kerry Drewery: Der letzte Papierkranich. Eine Geschichte aus Hiroshima, Arctis Verlag 2020 € 19,00

Mit „Der letzte Papierkranich“ hat Kerry Drewery ein Buch über ein Thema geschrieben über welches vermutlich jeder früher oder später im Geschichtsunterricht lernt und welches trotzdem oft schwer zu begreifen ist: Die Atombombenexplosion am 6. August 1945 über der japanischen Stadt Hiroshima. Das Buch beginnt aus der Sicht von Mizuki, einer jungen Frau, die sich, nachdem ihre Großmutter gestorben ist, um ihren Großvater Ichiro sorgt. Die Teile des Buches aus Mizukis Perspektive sind in künstlerischer Sprache geschrieben und unterscheiden sich so stilistisch vom Mittelteil. Dort schildert die Autorin realistisch und einfühlsam die Geschichte von Ichiro, seinem besten Freund Hiro und dessen kleiner Schwester Keiko, beginnend an dem Tag als die amerikanische Atombombe über ihrer Region explodiert und alles verwüstet. Als das kleine Mädchen im Chaos verloren geht, sucht Ichiro überall nach ihr und hinterlässt Nachrichten in Form von Papierkranichen. Im Laufe des Buches begegnen dem Leser, neben den zwei Erzählperspektiven, kunstvolle Zeichnungen und Haikus, eine Art des japanischen Gedichts und bieten weitere Anhaltspunkte. Die Charaktere wachsen einem ans Herz, wobei die zurückgenommene, sachliche Sprache nichts überdramatisiert oder verloren gehen lässt. Deshalb und weil es bisher kaum Jugendbücher über die Situation der Menschen nach dem Einschlag der Atombombe in Hiroshima gibt, würde ich das Buch „Der letzte Papierkranich“ jedem weiterempfehlen. Salka, 16 Jahre

Pferdeglück

ichikawa-mahabat

Satomi Ichikawa: Kleines Pferdchen Mahabat, Moritz Verlag 2020 € 14,00

Die zarten Wildblumen im Vorsatzpapier blühen in der Steppe der Mongolei. Dort verbringt Djamilia ihren Sommer bei ihren Großeltern. Sie schläft in einer Jurte. Das ist ein großes Zelt. Gleich am nächsten Morgen hüpft sie auf die Weide zur Pferdeherde. Opa verbindet ein Fohlen. Das Kleine hat sich am Bein verletzt. Den Sommer über wird Djamlia es gesund pflegen und ihm den Namem Mahabat geben. Das ist Kirgisisch und heißt Liebe. Wer Pferde liebt wird in Ichikawas stillen, zarten, lebendigen, großartig bewegten Zeichungen das ganze Glück finden, die Harmonie und Achtung zwischen Mensch und Tier. Das Bilderbuch fängt einen unvergesslichen Sommer in einem fernen Land ein. Nicht nur für Djamilia. Eine der schönsten Tiergeschichten seit Jahren.

KIndheit im Internierungslager

takei-called-enemy

nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2021, Jugendjury

Jurybegründung: Eine großartig erzählte und einfühlsam gezeichnete Erzählung über ein dunkles und wenig bekanntes Kapitel der amerikanischen Geschichte. Der Schauspieler George Takei, bekannt durch die Serie Raumschiff Enterprise, berichtet rückblickend über seine Kindheit in den 1940er Jahren in den USA: Nach dem Angriff auf Pearl Harbor werden über Nacht amerikanische Bürger mit japanischer Abstammung zu Feinden des amerikanischen Volkes erklärt und stehen unter Terrorismusverdacht. Sie werden in Internierungslager verschleppt – vier Jahre lang unter unwürdigen Bedingungen, 120.000 Menschen! Takei erzählt mit kindlicher Emphase vom Alltag im Lager, von Konflikten, riskanten Spielen und Abenteuern. Als Kind war er sich der Gefahr der Situation nicht bewusst. Gerade dieser unschuldig naive Blick lässt erkennen: Es handelte sich um rassistisch motivierte Internierung, Unterdrückung und Freiheitsberaubung. Die behutsamen schwarz-weiß Zeichnungen von Harmony Becker sorgen für emotionalen Abstand, gewähren aber durch die sehr genauen und plastischen Gesichtsausdrücke gleichzeitig einen tiefen Einblick in das Gefühlsleben der Figuren. Das verstärkt die Spannung zwischen der Erzählhaltung und dem Dargestellten. Ein Lehrstück gegen Rassismus.

George Takei: They called us Enemy, Cross Cult 2020 € 25,00

Kindheit im Internierungslager

Diese Graphic Novel erzählt von der Kindheit George Takeis, die er in einem amerikanischen Internierungslager verbrachte. Nach dem Angriff Japans auf Pearl Habour wurden alle Menschen japanischer Herkunft in Amerika rassistisch verfolgt, in Lager verfrachtet und eingesperrt. Die Geschichte erzählt aus verschiedenen Perspektiven, dem kindlichen wie dem erwachsenen Verständnis, und spielt mit Zeitsprüngen, die aber immer verständlich und passend sind. Ein in der Jugendliteratur bisher kaum in Erscheinung getretendes Themas, das heute erneut an Aktualität gewinnt. Am Ende nimmt Takei Bezug auf die Gegenwart, indem er zeigt, wie wichtig es ist, sich für Randgruppen in der Gesellschaft einzusetzen und für den Erhalt von Demokratie zu kämpfen.

Woche der unabhängigen Buchhandlungen: Kamishibai-Theater mit der Edition Bracklo

saykm_kindergruppenbild-kopie
Ob japanisches Kamishibai oder arabischer Wunderkasten – überall auf der Welt lieben es Kinder und Erwachsene seit jeher, wenn der Geschichtenerzähler um die Straßenecke biegt und seinen Stand aufbaut. Die Vorfreude auf die bekannten und immer wieder neuen Geschichten lockt das Publikum magisch an. Kleine Münzen in der Faust der Zuseher werden hervorgezaubert, um einen guten Platz vor der Bühne zu ergattern. So war es, wenn der japanische Kamishibai-Mann mit seinem Fahrrad erschien, auf dem die aufklappbare Bühne die altvertrauten Bildkarten in Szene setzte, und so war es beim arabischen Wunderkasten-Mann, der seine Rollbild-Bühne mit Gucklöchern ebenso herbeitrug wie das Bänkchen für die Kinder.
Mit den preisgekrönten, edel in Leinen gebundenen Bilderbüchern wie „Der Wunderkasten“ von Rafik  Schami und „Der Kamishibai-Mann“ von Allen Say stellt die Edition Bracklo zwei der wundervollsten internationalen Erzähltraditionen vor, die den universellen Wunsch aller Kinder nach Fantasie und Unbeschwertheit auf den Straßen einer komplizierten und doch oft einfachen Erwachsenenwelt dokumentieren.
Zum Start der Woche der unabhängigen Buchhandlungen, an diesem Samstagvormittag wird uns die Verlegerin Gabriela Bracklo im Buchpalast in die japanische Erzähltradition entführen, uns ihre Bücher vorstellen und zu jeder vollen Stunde eine Kostprobe des Kamishibai Theaters geben. Die Vorführungen dauern circa 30 Minuten.

Familienalbum und Heimatsuche

say-grossvaters-reise

Allan Say: Großvaters Reise, Edition Bracklo 2018 € 29,80

Kulissenhaft farbilluminiert laden zackige Felsen den Fremden, Says Großvater, auf seiner Reise von Japan nach Amerika zum Verweilen ein. Doch kaum lebt er hier, denkt er an dort und reist zurück. Ein Empfinden, das er noch mit seinem Enkel teilen wird, der diese Sehnsuchtsorte einer doppelten Heimat, einem Familienalbum gleich, in staunenswerter Zartheit und Leichtigkeit bereits 1993 in Szene gesetzt hat. Handwerklich hochkarätig gestaltet wird dieses Buch zum Rundum-Genuss für jedes Alter.

Audrucksvolles Käse Arrangement

sukegawa-insel

Dirian Sukegawa: Die Insel der Freundschaft, DuMont Verlag,  € 20,00

Sinnsuche in Japan

Die japanische Insel Aburi im Pazifischen Ozean ist ein aus der Zeit gefallenes Fleckchen Erde. Drei junge Menschen, auf der Suche nach innerem Frieden und äußerem Lebensinhalt und -ziel finden den Weg hierhin. Aus einer Zufallsbekanntschaft wird Freundschaft. Sie erleben die Schwierigkeit, von einer eingeschworenen Inselgemeinschaft akzeptiert zu werden und die Forderung nach EInhalten alter Traditionen. Die Inselwelt birgt Archaisches und ungezähmte Natur. Durian Sukegawa schreibt in dieser typisch japanischen interessanten Kombination von Distanz und Förmlichkeit mit Feinfühligkeit und emotionaler Intensität. Warum dieses Buch nicht nur für Freunde philosophischen und psychologischen Nachsinnens, sondern auch für Käseliebhaber die ideale Lektüre ist, wird hier nicht verraten!

 

Japanische Ermittlungen

higashino-boese-absichten

Keigo Higashino, Böse Absichten, Piper Tb 2017, € 9,99

Böse Absichten hat der mäßig erfolgreiche Schriftsteller Osamu Nonoguchi, der anfangs als guter Freund des Mordopfers eingeführt wird. In seinen eigenen Aufzeichnungen stellt sich der Mord so dar, dass er nur zufällig und in besten Absichten am Tatort gewesen war. Doch der Ton des Buches ändert sich schlagartig, als die Überlegungen des Kommissar Kaga im nächsten Abschnitt folgen. Der hält Nonoguchi sehr schnell für seinen Hauptverdächtigen. Im Folgenden wechseln sich die beiden Erzählperspektiven immer wider ab, und der Kommissar und sein Verdächtiger liefern sich bis zuletzt ein psychologisch raffiniertes Duell. Beide Figuren sind absolut geniale Köpfe, die den Leser mit ihren Gedanken geradezu einfangen und nicht mehr loslassen.