Articles tagged with: Homosexualität

Kampf für Toleranz

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Lutz van Dijk: Kampala - Hamburg, Quer Verlag 2020 € 12,00

Hamburg. David befindet sich mitten in der Abiturvorbereitung und die Probleme häufen sich. Er wohnt bei seiner alleinerziehenden Schwester Michelle und ihrem Sohn und arbeitet neben seiner Schulzeit auch noch in einem Lebensmittelladen. Gemeinsam mit Freunden aus der LGBTQ* Community beginnt er, sich für die Situation anderer homosexueller Personen z. B. in Afrika zu interessieren. Kampala. David lebt gemeinsam mit seiner Mutter in der Hauptstadt Ugandas. Schon mit 14 wusste er, dass er nicht wie die meisten anderen Jungs auf Frauen steht. Deshalb trifft er sich regelmäßig mit anderen Mitgliedern der Community, die seine Freunde geworden sind. Doch Homosexuelle leben in Uganda gefährlich, bereits mehrere seiner Freunde wurden angegriffen. Davids Mutter drängt ihn zur Flucht, doch auch eine Reise quer durch Afrika ist alles andere als ungefährlich. Lutz van Dijk, der einen Großteil des Jahres selbst in Kapstadt (Südafrika) lebt, nimmt den Leser in diesem Buch mit nach Hamburg und Kampala, zwei auf den ersten Blick sehr unterschiedliche Städte. Die eindrucksvolle Sprache schafft es, dass man den Nieselregen in Hamburg förmlich spüren und den Lärm von Kampala hören kann. Auch die Verknüpfung der beiden Erzählstränge erfolgt auf ungewöhnliche Art und Weise ab. Sie sind nicht zeitlich voneinander getrennt, sondern örtlich. Dabei erlebt man zwei parallele Geschichten, ohne dass Gefühle der einen oder der anderen Handlung verloren gehen. Viele Details von Kampala-Hamburg beruhen auf wahren Geschichten oder Fakten, deren Hintergründe im Anhang gesammelt sind. Sie können beinahe genauso sehr zum Weinen bringen, wie die die Geschichte selbst: aus Trauer oder Rührung. 

Samstag, 26. September 2020, 16:30 Uhr: You don’t look gay – LGBTIQ* im Gespräch

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Julius Thesing: You don't look gay. Bohem Verlag 2020 € 14,95

Die Veranstaltung fällt wetterbedingt leider aus.

Mitunter ist es nicht lustig, einer Minderheit anzugehören. Wie Julius Thesing Homophobie und Diskriminierung erlebt, hat er in seiner beeindruckenden Bachelorarbeit eindringlich festgehalten. Viele Sätze und Haltungen sind nicht fremd. Man hört sie leider immer wieder. Der Cellist Michael Weiss, die junge Bücherfresserin Anna Grabe (auch an der Klarinette)und der Autor und Illustrator Julius Thesing werden über das Buch ins Gespräch kommen und laden alle zum Mitdiskutieren ein.  Eine Veranstaltung für einfach alle Menschen, für ein achtsames  Miteinander und ein buntes Haidhausen.  Jugendliche seien hier besonders herzlich eingeladen. Die Gespräche werden von Musikeinlagen begleitet.

Freundschaft per Email

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Holly Goldberg Sloan, Meg Wolitzer: An Nachteule von Sternhai, Hanser Verlag 2019 € 17.-

Avery Blom ist ein ganz normales, schlaues Mädchen mit einem alleinerziehenden, schwulen Vater. Eines Tages erhält sie eine Email der ihr unbekannten Bett Devlin, die behauptet ihre beiden Väter wären ein Paar. Nun wollen die Väter ihre Mädchen zusammen in ein Feriencamp schicken, damit sie Freundinnen würden. Und das wollen Avery und Bett um alles in der Welt NICHT. Für Avery ist das zuerst ein Schock, aber vielleicht wäre es doch möglich, eine neue Freundin zu finden.
Ich finde dieses Buch fantastisch, da die beiden in ihren Persönlichkeiten so verschieden sind, sich in ihren Problemen und Hindernissen aber auch ähneln. Außerdem ist es faszinierend, wie die beiden Autorinnen es geschafft haben, zusammen eine so spannende Geschichte zu schreiben. Unbedingt lesen! (das macht auch "Nicht"-Lesern Spaß)

Mutter und Sohn

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Nell Leyshon: Der Wald, Eisele Verlag Tb 2020 € 12,00

Die zart gezeichneten Vögel, Zweige und Früchte auf dem Buchumschlag deuten auf das sensitive Seelenleben von Zofia und Pawel hin. Mutter und Sohn sind durch die Kriegswirren des Zweiten Weltkrieges in Warschau sehr aufeinander bezogen. Zofia, eine musikalische Frau aus großbürgerlichen Verhältnissen muss lernen, in zunehmender Beschränkung zu leben, bis hin zum Leben in einem Versteck im Wald. Pawel ist ein kleiner, ängstlicher genau beobachtender Junge. Die Beiden werden die Kriegszeiten überstehen und als Sofia und Paul in England leben. Die emotionale Nähe wird auf eine große Probe gestellt als Sofia begreift, dass ihr Sohn homosexuell ist und sie ihr Bild vom Leben neu sortieren muss. Die Autorin Nell Leyshon lässt ihre Figuren in einer Weise agieren und denken, die dem Leser viele Impulse gibt. Sie schreibt in einer schönen, nachdenklichen Sprache, die den Leser gerne manche gedanklichen Umwege mitgehen lässt in einer durchaus spannenden und in vielerlei Hinsicht bereichernden Geschichte. Ein grandioser Roman!

Ein Unfall mit dramatischen Folgen

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Dolores Redondo, Alles was ich dir geben will, Btb 2019 €22,00

Ein unerwarteter Tod. Ein dunkles Familiengeheimnis. So der Klappentext ... für mich ist das Buch eine unerwartete Entdeckung. Die Autorin führt den Leser in eine Welt voller Geheimnisse inmitten der Weinberge, kleiner Dörfer und Gärten,  hinein in die Intrigen, Verdächtigungen und Drohungen einer reichen spanischen Familie. Allem voran steht der vermeintliche Unfalltod von Alvaro Muniz de Davila, auf dessen Spur sich sein Mann Manuel machen wird. Der berühmte Schriftsteller muss erkennen, dass sein Ehemann nicht nur ein Doppelleben geführt hat, sondern ihn vor grausamen Wahrheiten schützen wollte. Doch Manuel spürt diesen Wahrheiten anfangs unwilig, dann verzweifelt und am Ende fast schon besessen nach. Ein spannungsgeladener Roman mit der großartigen Kulisse Galiciens.

Grandios!

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Jason Lutes: Berlin. Gesamtausgabe, Carlsen 2019 € 46.-

Heute steht die Weimarer Republik im Fokus und hält für so manchen Vergleich zur heutigen Zeit her. Lutes begann dieses, zwanzig Schaffensjahre umfassende, Werk 1994. In symphonischer, atemraubender Manier hat das Leben in der Großstadt Berlin zwischen 1928-1933 auf 550 opulente Seiten gebannt. Da ist Marthe. Sie flüchtet vor einer arrangierten Heirat in ein Kunststudium nach Berlin. Im Zug lernt sie den Journalisten Kurt Severing kennen, der ihr in der fremden Stadt die ersten Schritte erleichtert. Er arbeitet für Ossietzkys Weltbühne, mit Ringelnatz als Freund an seiner Seite. Marthes Liebe zu Severing wird zum beständigen Auf und Ab und bald durch eine neue Tonart erweitert. In der Kunstschule lernt sie Anna kennen. Ein junge Frau, die sich als Mann kleidet und fühlt. Die ganze Stadt ist in Bewegung. Eine Zeit am Abgrund. Eine Zeit in der sich Hass und Gewalt formieren. Eine Zeit, die atemlos macht. Und sprachlos. Eine Zeit, in der Severking an der Macht seiner Worte zu zweifeln beginnt und doch sind es Worte, die hetzen, verbünden, trennen und aufzuwiegeln verstehen.  Weitere Geschichten kreuzen den Weg.  Da ist Sylvia. Ihre Eltern sind Arbeiter. Mit dem Arbeitsplatzverlust der Mutter trennen sie sich und teilen die Kinder auf.  Gudrun stirbt bei einer Demonstation der KPD auf der Straße. Sylvia wird sich auf der Straße durchschlagen und selbst zur Kommunistin. Eine zeitlang gewährt ihr eine jüdische Familie Unterschlupf. Ihr Vater und ihr Bruder werden Anhänger der Nationalsozialisten. Da ist Margarethe, einst Severkings Geliebte. Sie kommt aus großbürgerlicher, industrieller Welt, die sich am Ende ebenso mit Hitler verbünden wird.  Vor großartig eingefangener Stadtkulisse in scharfem schwarzweiß, zwischen gleißendem Licht und erbarmungslosen Schatten zeichnet Lutes laute und stille Lebensdramen, politische Umbrüche, Untergang und Hoffnungsschimmer und eine sich mit Angst füllende, widersprüchliche, bald berstende Welt. Diese graphic novel bietet viele Ebenen. Man kann sie wieder und wieder lesen und Neues entdecken. Die Gesamtausgabe umfasst die drei Einzelausgaben in größerem Format und wurde um Erklärungen zu Bauwerken und Plätzen der Stadt, sowie Skizzen und einem Interview mit Jason Lutes ergänzt. Sie ist ein Schmöker, ein Gedicht. Sie ist absolut lesenswert.

Reales und Fiktives rund um eine Palladio Villa

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Felix Kucher: Malcontenta, Picus Verlag 2016, € 24.-

Die Villa Malcontenta am Brentakanal, nahe Venedig gelegen und von Palladio erbaut, ist der Dreh- und Angelpunkt für drei männliche Figuren in diesem Roman. Battista Franco, der um 1560 die Fresken in der Villa malt und in einem Tagebuch von seinem Leben berichtet; Bertie Landsberg, Bankierssohn, der nach einem ausschweifendem Leben um 1912 die Villa erwirbt und dort seiner Sehnsucht nach Harmonie und Schönheit nachgeht; Said, Graffitikünstler und Flüchtling aus Lybien, der 2012 bei der Villa eine Chance bekommt.
Das Buch begeistert in seiner Vielseitigkeit durch die drei so unterschiedlichen Lebensläufe und gibt gleichzeitig Einblicke in das Leben bekannter Persönlichkeiten: Tizian, Michelangelo und Georgio Vasari als auch Matisse, Strawinsky, Cole Porter und viele weitere. Beste Unterhaltung für Italien - und Kunstliebhaber! Nach der Lektüre dieses Buches möchte man am liebsten gleich die Villa Malcontenta besuchen...

Eine richtige Familie!

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Ulrich Hub: Ein Känguru wie du, Carlsen Verlag 2015 € 12,99

Eine richtige Familie! Nichts sehnlicher wünschen sich der weiße Tiger Pascha und der schwarze Panther Lucky. So träumen sie vom Sieg beim Zirkuswettbewerb und von der Prinzessin für ihren Dompteur, bis sie erfahren, was wohl auf der Hand liegt: Ihr Dompteur mag nur Männchen. Ob da dann das Känguru aus dem Boxclub der Richtige ist? Eine großartige Nummer in einfach komplizierten Familienangelegenheiten.

Ganz normal

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Kathrin Schrocke, Mein Leben und andere Katastrophen, Fischer Sauerländer 2015 € 12,99

Was ist eigentlich eine Regenbogenfamilie? Das sind homosexuelle Paare. Das sollte niemanden stören, … und für Barnie ist es sogar ganz normal, denn sie hat zwei Väter. Doch das führt sie vor ein Dilemma: Ihr Freund findet ihre Situation eben nicht normal. Ich fand es sehr spannend zu erfahren, wie eine Tochter von Homosexuellen mit den komischen Blicken umgeht und was sie darüber denkt.

Loyalität und Anderssein

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Jennifer Gooch Hummer, Der Sommer, als Chad ging und Daisy kam, Carlen Verlag € 17,90

Apron konnte ja nicht ahnen, dass sie Jesus persönlich bei einer Nachbarin treffen würde. Eigentlich war ihr Leben gerade nicht von Glücksmomenten gekrönt. Nach dem Tod ihrer Mutter möchte ihr Vater wieder heiraten. Ein neues Baby ist unterwegs. Als Apron im Chaos der misslungenen Hochzeit in der Kirche Mike, alias Jesus, erneut trifft, begleitet sie ihn und seinen Freund Chad mit nach Hause. Die beiden sind faszinierend anders. Sie sind ein Liebespaar. Doch Chad ist krank. Er hat Aids. Mitte der 80er Jahre hielt man Abstand von dieser Krankheit. Den Hass auf Homosexuelle erlebt Apron hautnah. Sie ist mit ganzer Intensität bei ihren neuen Freunden, die neue Farbe in ihr Leben bringen und kann letztendlich ihren Vater auf ihre Seite bringen. Der Sommer endet mit zwei einschneidenden Erlebnissen: dem Tod von Chad und der Geburt ihrer Schwester Daisy. Eine sensible Geschichte über Loyalität zum Anderssein.

 

Gesprächsfreudig

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nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis Jugendbuch 2015

Benjamin Alire Sáenz, Aristoteles und Dante entdecken die Geheimnisse des Universums, Thienemann Verlag 2014 € 16,99

Ist das Gespräch heute noch das Mittel der Wahl, dem Verpuppungszustand zu entkommen und sein Coming out zu wagen? 1987 war das noch so und Sáenz baut seine Geschichte fast vollständig mit der zärtlichen Lebendigkeit dieses direkten Austausches. Ari lernt Dante im Schwimmbad kennen. Er ist 16 und in seiner Zurückgezogenheit bebt und knistert es. Sein fürsorgliches Elternhaus schweigt über einen älteren Bruder. Das macht Ari zu schaffen und er fragt sich, ob er genauso wie sein Vater ist, der auch über seine Erlebnisse im Vietnamkrieg sprachlos bleibt, oder eher etwas vom gesprächsfreudigen, aufgeschlossenen Dante hat. Aris langsame Annäherung an den neuen Freund stoppt jäh als Dante bei ihm einen Kuss probiert. Dass Dante sich zu seiner Homosexualität bekennt ist ok, aber er, Ari, niemals.In dieser Geschichte passiert nicht unvorhergesehenes oder unbekanntes. Ein Happy End mit Wohlfühlatmosphäre, die nicht zuletzt in der erwachsenen Akzeptanz beider Elternhäuser zu finden ist. Die Auszeichnung mit dem Stonewall Book Award lässt an den Stonewall Aufstand 1969 in New York denken, bei dem sich Homosexuelle erstmals zur Wehr setzten. Derzeit sprachen sich 70% der Amerikaner gegen Homosexuelle aus. 1987 begann man erstmals öffentlich über Aids zu reden. Heutige Jugendliche können diese Geschichte als die Spielart eines Lebensentwurfs lesen, der gleichberechtigt neben andern steht. Die Geheimnisse des Universums sind wieder mal ein Stückchen selbstverständlicher geworden.