Articles tagged with: Graphic Novel

Computerkunst

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Zachary Tallent, Marc-Uwe Kling: Quality Land. Band 1.1, Voland & Quist 202 €18.-

Wie eine hochwertige Werbebroschüre kommt die Umsetzung von Marc-Uwe Klings Roman Qualityland als Graphic Novel daher. Sie ist ein erster Teil des Gesamtwerkes. Die ferngesteuerte zukünftige Welt, wie Kling sie entwirft spiegelt sich in vielen unbewegten Sequenzen nieder.  Die Illustrationen spielen mit stark klischeehafter Vereinfachung, vom zahnpastaweißen Lächeln über Lichtreflexe mit Sternchenglimmer und dem Erröten wie eine Tomate.  Die Graphic Novel bleibt sehr textlastig, kann aber den Witz, den der Autor durch die von seinem Text erzeugte Fantasie gewinnt,  dabei nicht umsetzen. So wirkt das Gesamtwerk steif, bemüht und mühsam zu lesen. Ein Werk der E-Poetin Kalliope vermutlich. Ganz und gar am Computer erzeugt. Wer Computerkunst mag, ist hier richtig.

Kindheit im Internierungslager

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George Takei: They called us Enemy, Cross Cult 2020 € 25,00

Diese Graphic Novel erzählt von der Kindheit George Takeis, die er in einem amerikanischen Internierungslager verbrachte. Nach dem Angriff Japans auf Pearl Habour wurden alle Menschen japanischer Herkunft in Amerika rassistisch verfolgt, in Lager verfrachtet und eingesperrt. Die Geschichte erzählt aus verschiedenen Perspektiven, dem kindlichen wie dem erwachsenen Verständnis, und spielt mit Zeitsprüngen, die aber immer verständlich und passend sind. Ein in der Jugendliteratur bisher kaum in Erscheinung getretendes Themas, das heute erneut an Aktualität gewinnt. Am Ende nimmt Takei Bezug auf die Gegenwart, indem er zeigt, wie wichtig es ist, sich für Randgruppen in der Gesellschaft einzusetzen und für den Erhalt von Demokratie zu kämpfen.

Kinder der 90er Jahre

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Joris Bas Backer: Küsse für Jet. Eine Coming of Gender Geschichte, Jaja Verlag 2020 € 20.-

1999: Jet ist 16 und gerade ins Internat umgezogen worden. Auf Distanz und mit dem Fernglas, beobachtet sie ihre Welt. Um sie herum wallen die Hormone. Mit knappem, unruhigem und gleichzeitig kindlich weichem Strich, monochrom begleitet, zeichnet Backer Jet in ihrer Welt.  Wo wird sie ihren Platz finden?  Ihre beste Freundin Sasha experimentiert mit Haarfarbe, kämpft gegen den Juckreiz ihrer Haut und gerät in eine Phase des Ritzens. Der neue im Internat, ein zurückhaltender Junge, leidet an Migräne. Überall werden Begehrlichkeiten geweckt, hier und dort Küsse getauscht. Sie sind noch nichts Wahres. Enttäuschungen lauern an jeder Ecke. Nichts und niemand ist perfekt. Unsicherheit, Ratlosigkeit, mitunter Verzweiflung bestimmen Jets Tage. Sie verfolgt die Jungs mit ihren Blicken, fühlt sich fremd mit sich selbst, klaut Accessoires für einen Rollentausch, igelt sich ein, träumt im Geheimen. Aktionistisch, nicht gerade sensibel und doch aufmerksam, reißt Sasha sie aus ihrer Lethargie. Sie schafft für Jet einen Kontakt mit einer Anlaufstelle für Transsexuelle. Die Idee haben die beiden aus dem Fernsehen. Backer bevorzugt eine knappe, ausschnitthafte Erzählweise und verwirrt gern den Kopf seiner LeserInnen. So kommt man Jet nahe. Mal inszeniert er mit Wortfetzen, mal mit Texten die überbordend oder gar übergriffig erscheinen. Unwohlsein breitet sich aus. Szenen fließen in schnellem Takt ineinander. Momentaufnahmen aus der Außenwelt provozieren Richtungen, doch Jets Gefühle nehmen immer wieder ihren eigenen Lauf. Kurs auf nirgendwo. Doch dann steuert Backer auf das Millenium zu, dem prophezeihten Weltuntergang. Dieses Silvester verbringen Sasha, Jet und Ken in einem leerstehenden Bungalow am Strand. Am Morgen des neuen Jahres steht die Welt noch genau so wie am Abend zuvor. Zeit eine neue Zukunft ins Auge zu fassen. Für Jet hat sie schon begonnen. Backer fokussiert in seiner Geschichte die innere Auseinandersetzung. Zeit und Raum bilden für ihn nur Haltepunkte an den Rändern und geraten etwas plakativ. Das macht die Geschichte insgesamt ein wenig zweidimensional. Sie eignet sich aber gut für einen ersten Kontakt mit dem Transgender-Thema. Heute, 20 Jahre nach Jets Coming-of-Gender, ist ihre Geschichte ein weiterer Baustein für das Wissen um queere Lebensläufe. Möge sie aus Neugier zu Rate gezogen werden und Akzeptanz fördern.

Inseldrift

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Nick Drnaso: Sabrina, Blumenbar 2019 € 26.-

Calvin, Leutnant der Air Force, beherbergt seinen Schulkammeraden Teddy, dessen Freundin Sabrina seit Wochen vermisst wird. Drnasos Szenen kennzeichnen Sprachlosigkeit und stummen Schmerz, Hilfsbereitschaft in Hilflosigkeit. Illusionslos und unsentimental. Das Leben in gebrochener, matter Farbigkeit leerer Räume. Calvin ist Vater einer vierjährigen Tochter. Frau und Tochter haben ihn verlassenn. Noch hofft er, nach Ablauf der Vertragsfrist die Arbeitsstelle wechseln und wieder in die Nähe seiner Tochter ziehen zu können. Gleichförmig arbeitet er sich durch die Tage, nachts spielt er mit den Arbeitskollegen Egoshooter Spiele. Die gesichtslosen Welten gleiten ineinander. Der gewaltsame Tod Sabrinas kommt per Post als Video in die Redaktionen, lässt die böse Vorahnung real werden, und verbreitet sich als Livestreamact samt vieler Verschwörungstheorien unaufhaltsam im Netz. Calvins mechanische Hingabe zu Teddy, die ignorante Züge trägt, hilft ihm, Shitstorm und Morddrohungen stand zu halten. Teddy s Leere füllt ein zwielichtigem Radiosender, dessen Moderator den Untergang der Welt beschwört und sein Heil verkündet. Ist dies die schöne, neue Welt oder ihr gesellschaftlicher Zerfall, der Wirklichkeit entrückt? Drasno inszeniert Menschen in einer verstörenden Welt, lässt sie an der Oberfläche zu treiben, einem nicht fassbaren, passiven Strom ausgesetzt, auf sich selbst zurückgeworfen, umherwandlend in unterkühlter Starre. Kontaktarm und isoliert ertragen sie eine Welt voller Härte auf der verzweifelten Suche nach Leben, nach Menschlichkeit. Die kleinen Lichtblicke, die Suche Teddys nach der Hauskatze oder Calvins Wohnungsübergabe an einem Kollegen am Ende, seinen Abschied und Aufbruch in einen neuen Lebensabschnitt, wirken wie ganz großes Kino. Die herausragendste Graphic Novel des Jahres, die man gelesen haben muss. Sprachlose Bilder eines befremdlichen und nur allzurealen Miteinanders.

„Schönheit ist der Glanz der Wahrheit.“ Mies van der Rohe

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Augustín Ferrer Casas: MIES. Mies van der Rohe - ein visionärer Architekt, Carlsen Verlag 2019 € 20.-

Die Graphic Novel präsentiert das Leben Mies van der Rohes aus einem Gespräch heraus, welches der alte Ludwig Mies mit seinem Enkel führt. Sie befinden sich auf dem Weg von Amerika nach Berlin, zur Grundsteinlegung der Neuen Nationalgalerie. Die Schaffensgeschichte Mies van der Rohes beginnt mit seinem anstoßerregenden Deutschlandpavillon zur Weltausstellung 1929. Nur eine Statue und eine freistehende Wand aus kostbarem Marmor fängt den Blick in seinem Inneren. Schön. Weniger ist mehr. Die Nazis ließen den Pavillon, er stellte "die Macht des modernen Deutschlands dar, das mit viel Mühen die Folgen eines ruinösen Krieges überwand", abreißen, ebenso wie sein Liebknecht-Luxemburg Denkmal. Und schon gerät der Betrachter zwischen die Fronten von Kunst und Politik. Zwischen Zeppelinen und Hakenkreuzen versuchte der Architekt und Leiter des Bauhauses in Dessau seine jungen Studenten an seine moderne, transparente Bauweise heranzuführen. Die Moderinät wird weniger und weniger gewollt. Im nationalsozialistischen Deutschland bleibt kein Mittelweg. Anpassung und Hingabe, Verrat der eigenen Ideen oder Fortgang. Mies van der Rohe emigrierte. Ein ganzes Leben, viele Frauengeschichten, Privatbungalows und Designklassiker später wird die Neue Nationalgalerie in Berlin das einzige Bauwerk sein, welches der große Architekt der Moderne in Deutschland nach dem Krieg errichtet hat. Der spanische Comickünstler Casas präsentiert in seinen Bildern ein pralles, an manchen Stellen fiktionalisiertes Leben, welches durch seine Widersprüche, die es zur ästhetischen Schönheit der Kunst erzeugt, in besonderer Intensität und Lebendigkeit aufflammt.

Eine starke Frau, eine starke Stimme, ein engagiertes Leben

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Kate Evans: Rosa. Grahic Novel über Rosa Luxemburg, Dietz Verlag 2018 € 20.-

Gelungen erzählt diese graphic novel von der Geburtsstunde sozialistischen Denkens und Strebens im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert und erzählt von Menschen, die den gesellschaftlichen Um- und Aufbruch dieser Zeit gestalteten:  Clara Zetkin, Karl Kautksy, Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg. Eine körperlich kleine Frau, die sich kurzerhand und fest entschlossen die Weltbühne neben den Männern eroberte, mit Doktortitel, sprachversiert, kampfbereit und trotz körperlicher Beeinträchtigung und zahlreicher Gefängnisaufenthalte von sonnigem, das Leben genießenden Gemüt war. Mit vielen Originalzitaten und -textpassagen taucht der Leser in die Gedankenwelt Rosa Luxemburgs ein. Die Umsetzung dieser mitunter trockenen ökonomischen Schriften in Bildgeschichten lässt staunen. Auch wird dem Leser bewusst, wie genau Luxemburg mit ihren Zukunftsvisionen den Zustand unserer heutigen Welt trifft. Ein sorgfältiger Anhang führt zu Luxemburgs Schriften, denen die Textpassagen in dieser graphic novel entnommen wurden und zu weiteren Buchempfehlungen. Ein schöner Einstieg, der Lust auf mehr macht.

Was wollen die denn mit meinen Daten?

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Michael Keller, Josh Neufeld: Big Data, Jacoby & Sturart 2017 € 15,-

Ist die schöne neue Welt noch aufzuhalten? Das könnte schon eine Frage von Gestern sein. Wenn wir Glück haben, ist es eine Frage von heute. Eine Frage von morgen ist es ganz sicher nicht. Der große Vorteil, denn man erhält, wenn man über Facebook oder Whatsapp kommuniziert oder sich mit Google orientiert ist unmittelbar spürbar. Dem entgegen steht ein Verlust, der nicht direkt spürbar ist und für den es keinen Maßstab gibt: Der Verlust der Privatheit. Schutzlosigkeit. Für das Sammeln, Verarbeiten und Weitergeben privater Daten gibt es in den meisten Staaten klare Gesetze und Regeln. In der digitalen Welt und freien Wirtschaft gibt es sie nicht. Man kommt gar nicht aus: Will man einen Dienst, eine App nutzen, muss man den AGBs zustimmen, die eine Datennutzung vorsehen. Big Data ist in vollem Gange. Aber was ist so schlimm daran? Ich habe doch nichts zu verbergen. Oder doch? Je mehr Menschen bei dieser "Selbstentschleierung" willfähig mitmachen, desto mehr entsteht der Verdacht des Verbergens bei denjenigen, die einfach nur nicht dabei sein wollen. Dieser Comic macht in aller Knappheit deutlich, wie schnell wir die Kontrolle über das eigene Abbild im Datenpool  verlieren und jetzt schon verloren haben und wie wir uns in der Gesellschaft verhalten werden, wenn unser Leben, unser Arbeitsplatz und unser Glück von den Bewertungen anderer abhängen wird. Wollen wir das wirklich?

2017er Spätlese von sonnengereifter Strahlkraft, unwiderstehlich poetisch im Abgang

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Thomas Steinaecker, Barbara Yelin: Der Sommer meines Lebens, Reprodukt 2017 € 20.-

Schwerelos und gehaltvoll zugleich präsentiert diese Graphic Novel die letzten Tage der Gerda Wendt. Ihren Gedankenstrom zurück in ihr gelebtes Leben verweben die Autoren auf allen Ebenen in Bild und Text absolut beeindruckend mit der Gegenwart, sodass eine kunstvolle Einheit entsteht. Wen wundert es, dass zwischen Ruheräumen und Träumen die Welt in den wichtigsten Momenten auch mal Kopf steht. Eine Lektüre zum Staunen und Innehalten.

Märchenhafter Wagemut

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Deutscher Jugendliteraturpreis im Bilderbuch, 2018

Oyvind Torseter: Der siebente Bruder oder das Herz im Marmeladenglas, Gerstenberg 2017 € 26.-

Wie fühlt man sich, wenn man als Jüngster mit seinem Vater allein gelassen wird? Das frage ich mich auch! So geht es dem Jungen, der von seinen sechs Brüdern allein gelassen wird. Sie ziehen in die Welt, versprechen dem Jüngsten aber, ihm auch eine Prinzessin mitzubringen. Als seine Brüder jedoch nicht kommen, macht er sich auf den Weg, sie zu suchen. Mit seinem Pferd erlebt er eine aufregende Reise zu dem verzauberten Schloss, wo seine Brüder von einem Troll gefangen gehalten werden. Gefahren nimmt er gechillt entgegen. Zum Glück gibt es noch eine Prinzessin, die dem Jüngsten im Schloss mit vielen Tricks hilft, sie zu befreien.

Kindsein in der DDR

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Nadja Budde, Such dir was aus, aber beeil dich! Kindsein in zehn Kapiteln, Fischer Schatzinsel Tb 12,95

Das Buch ist eine Mischung zwischen Comic und Graphic Novel. Es wird eine Kindheit in der DDR beschrieben, auf die Nadia Budde zurückblickt. Ich fand es witzig und auch nachdenklich. Im ersten Kapitel habe ich mich an meine Großeltern erinnert, die auch auf dem Land leben. Das Buch wird ab 14 empfohlen, aber ich glaube, dass man es als Erwachsener, der auf seine Kindheit zurückschaut, noch besser versteht. Man muss auch ein bisschen über die DDR wissen, weil es viele Anspielungen darauf gibt. Meine Mutter hat das Buch gelesen, es hat ihr sehr gut gefallen und ihr sind einige Sachen aufgefallen, die ich gar nicht bemerkt hätte. Trotzdem ein sehr unterhaltsames Buch!!

drüben!

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Simon Schwartz, drüben! Avant Verlag € 14,95

Drüben ist eine Graphic Novel, die vor allem in schwarz, weiß und grau gehalten ist und so gut zu der Stimmung in der DDR passt. Der Autor erzählt die Geschichte von sich und seinen Eltern, die aus der DDR fliehen wollen. Doch deren Eltern, die überzeugte Bürger der DDR sind, fassen die Flucht nicht gegen das unterdrückende System, sondern gegen sich selbst gerichtet auf. Ich fand das Buch gut, es liest sich schnell  und ist sehr interessant, aber "Such dir was aus, aber beeil dich" zum Thema DDR ist noch origineller.