Articles tagged with: Gegenwart

Feinfühliger Wandel zwischen Gegenwart und Vergangenheit

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Julie Fogliano, Lane Smith: Das Haus, das ein Zuhause war, Fischer Verlag 2019 € 16,00

Vergangens und Gegenwärtiges legt sich in diesem Bilderbuch wie durch Zauberhand und von magischer Faszination getragen übereinander. Zwei Kinder haben das verfallene Haus im Wald entdeckt. Sie klettern durch das kaputte Fenster und gehen auf Entdeckungsreise. Wer lebte hier? Und wie wurde gelebt? Was ist passiert. Fragen über Fragen. Können die Dinge, die zurückgeblieben sind, Antwort darauf geben? Sie regen die Fantasie an und werden ein Teil aktuellen Lebens. Hier und dort. Dort und hier. Zurück im eigenen Zuhause wird der abenteuerliche Ausflug zur Vergangenheit. Der Text spielt mit der Zeit und  schwingt in zarter Poesie. Das hingetupfte Bild der Gegenwart eifert ihm nach oder steht zum Austausch bereit. Ganz unaufgeregt und feinsinnig erzählt dieses Bilderbuch vom Motor unseres Lebens: der Zeit.

Zurück aus der Zukunft

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nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2021, Jugendbuch

Thomas Harding, Florian Toperngpong: Future History 2050, Jacoby & Stuart 2020 € 18.-

Der Autor präsentiert Zukunft im Rückblick in Form einer Dokumentation. Die 15-jährigen Billy hat die Gespräche mit ihrer Großmutter aufgezeichnet. Sie enthalten Fakten und Fiktion zur Weltlage von 2020 bis 2050, flankiert von grafisch gestaltetem, futuristischem „Dokumentationsmaterial“ (von Florian Toperngpong). Klimawandel, der Verlust von Freiheit für Sicherheit, eine Diskussion über den Wertewandel in der Gesellschaft, Positionswandel in zunehmendem Alter bei den Protagonisten und vieles mehr darf hier nach Herzenslust diskutiert und weitergesponnen werden. Ein besonderes Buch, ein Buch der Möglichkeiten, das keinem Genre zugeordnet werden kann.

Indien, Land für Träume und harter Realität

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Deepa Anappara: Die Detektive vom Bhoot-Basar, Rowohlt Verlag 2020 € 24,00

Am Ende schließt der Leser die letzte Seite und weiß nicht, ob er sich beglückt fühlen darf durch diesen ehrlich erzählten  Roman oder doch weinen soll. Deepa Anapparas erster Roman führt uns mitten in das pulsierende Leben Indiens. Die Nase wird verführt von den Gerüchen nach Kardamon, frisch aufgebrühtem Tee, Müll und Schweiß, die Füße laufen quer durch den Basar eines Bastis, zwischen Müllbergen, Ware anpreisenden Händlern und Schulkindern in ihren Uniformen, die dort arbeiten oder unerlaubt herum lungern. Am Ende des Buches glaubt man sogar ein wenig an Dschinns, denn wer sonst ist Schuld daran, dass aus einem Basti Kinder unterschiedlichen Alters verschwinden. Das Bild der indischen Gesellschaft und seiner Strukturen wird mit den Augen des neunjährigen Jai lebendig, der nicht einsehen will, dass die Polizei untätig bleibt. Darum schnappt er sich seine Freundin Pari und versucht sich mit ihr in Detektivarbeit. Die Welt der Kinder ist beschränkt, die Armut überall zu spüren, und dennoch gehen Jai, Pari aber auch Faiz, der Dritte im Bunde, leichtfüßig durch die Geschichte. Die Magie Indiens begegnet Elend, Armut und Ohnmacht, am Ende haben Jai und seine Freunde viel lernen müssen und sind ein Stück reifer geworden.

Stimmiger literarischer Spot auf die Gegenwart

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Leif Randt: Allegro Pastell, Kiepenheuer & Witsch, 2020 € 22.-

Sie passen perfekt zusammen die 26-jährige Berlinerin Tanja Arnheim, die mit ihrem Roman "Panoptikum-Neu", der Shootingstar in der jüngeren Literaturszene ist und der 33-jährige Jerome Daimler, der im Speckgürtel Frankfurts im Bungalow seiner Eltern wohnt. Als erfolgreicher Webdesigner hat er ausgesorgt. Gutaussehend und erfolgreich jetten sie zwischen den angesagten Szenen Frankfurts und Berlins hin und her und sind in ihrem virtuellen Dasein zuhause. Alle Erlebnisse und Begegnungen werden reflektiert und genauestens kommentiert, denn das Leben will gut überlegt sein. Wohldosierte Alkohol- und Drogenerlebnisse, wichtige Freundschaften, Sex, hippe Sportschuhe und Fake-Markenprodukte werden clever social media tauglich inszeniert, nur kein Anecken, alles in Pastell und Allegro bitte!

Die Welt in mir

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Doris Dörrie: Leben, Schreiben, Atmen. Eine Einladung zum Schreiben, Diogenes Verlag € 18,00

Ein Stift, ein Blatt Papier, 10 Minuten und die "Zauberformel": Ich erinnere mich an...Schreiben ohne Ehrgeiz, ohne Ziel, um sich an sich selbst zu erinnern. In seiner eigenen Vergangenheit spazieren zu gehen, sich erinnern an Spiele, Gerüche, Verlorenes, Dunkelheit, Freunde, Kleidung, Schokolade, Alleinsein - oder durch die jetzige Wohnung/Stadt flanieren, schauen, wahrnehmen, mit den Augen an Dingen hängen bleiben, hinsetzen, schreiben, sich in der Welt zu Hause fühlen. Eigentlich lädt jeder Gegenstand dazu ein, über ihn und damit verbundene Gefühle zu schreiben. Doris Dörrie macht Lust und Mut, es einfach zu tun und gibt vielerlei Anregungen aus ihrem eigenen Leben. "Erinnerungen aufschreiben ist wie Perlen auf eine Kette aufziehen, eine Kette von Momenten."

Unterwegs in Rom

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Simon Strauss: Römische Tage, Tropen Verlag, € 18,00

Zwei Monate verbringt Simon Strauss in Rom: "So viele waren schon hier und haben im Grunde alles ausgefühlt, nichts bleibt mehr übrig für mich, alles ist bereits in anderen Herzen bewegt worden: Die Blicke über die Piazza, das Streichen über die Löwenköpfe, das Staunen am Treppenende. Aber die Brunnen sprudeln eben immer noch weiter. Die Sonne scheint immer noch durch die Kirchenfenster. Zum Verzweifeln, dass man nicht der Erste sein kann, der das sieht. Und doch sieht man ja all das längst Gesehene zum ersten Mal. Die geheime Hoffnung bleibt: Hier bin ich einzig und allein gewesen." In diesem Sinne durchstreift der Autor aufmerksam die Stadt, denkt an die bekannten Persönlichkeiten, die hier waren, sucht alte Stätten auf und benennt die Zeichen der Gegenwart. Er beobachtet die Menschen und denkt sich in sie hiein, er lässt die Stadt auf sich wirken und seinen Gedanken freien Lauf. Die Stadt tut ihm gut, das Alte, das Neue, die Begegnungen - für den Leser ist es eine Bereicherung, Rom durch die Augen und Gedankenspiele vin Simon Strauss zu sehen.

Faszinierend, inspirierend, informativ.

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William A. Ewing, Holly Roussell: Civilization. Wie wir heute leben. Knesebeck Verlag 2018 € 55.-

Ein Blick von oben: auf vier Quadratmetern leben vier Menschen. Kochend, lesend, lernend, schlafend. Ein Blick von unten: Bewusstlos liegt die Patientin auf dem OP Tisch. Die Verkabelungen zu Hightech Apparaturen erhalten sie am Leben. Ein Blick auf Augenhöhe: Unterhalb polizeilicher Schutzschilde stehen zwei Kinder. Weinend. Die Polizisten versuchen einen Strom von Flüchtlingen, die über eine Grenze drängen wollen, aufzuhalten. Wieder Vogelperspektive: Stille. Transportwege in der Landschaft bilden bizarre Formen des Fortschritts. Das Wort Zivilisation ist nicht leicht zu fassen.